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Ein Plädoyer gegen die Selbstgefälligkeit von Singles (und anderen Arschlöchern)

Du möchtest Fast Food essen können, wann du willst, und deine Freiheiten nicht aufgeben? Dann suchst du nicht das Leben als Single, sondern einfach nur keine beschissene Beziehung.
16 Januar 2015, 9:00am
Foto von Stefanie Katzinger

Dieser Artikel ist eine Antwort auf das Plädoyer gegen die Selbstgefälligkeit von Paaren, das letztes Jahr bei uns erschienen ist.

Die Frage, ob das Leben eher eine Sache für Einzel- oder doch mehr für Doppelgänger ist, beschäftigt die Menschheit seit Anbeginn.

Schon im antiken Griechenland hat Platon die These aufgestellt, dass jeder von uns auf ideeller Ebene mit einem Seelenpartner verbunden ist, und auch Lana Del Rey lobt in den Lyrics „Videogames" den Multiplayer-Modus des Lebens, wenn sie singt: „They say that the world was made for two/only worth living if somebody/is loving you". Auf der anderern Seite gab es auch schon in der Antike die ersten notorischen Lone Wolves, die freiwillig ein Leben in Alleinsamkeit führten, wie Diogenes von Sinope, und selbst George Clooney hat länger mit seinem Hausschwein als Single gelebt als die meisten von uns auf Facebook zurückscrollen können.

Beides hat seine Vorteile. Allerdings hat Diogenes auch in einem Krug geschlafen, in der Öffentlichkeit onaniert und von seinem hündischen Singleleben leitet sich bezeichnenderweise der heutige Begriff „Zyniker" ab. Umgekehrt glaubte Platon nicht nur an sexlose Beziehungen, sondern vor allem auch daran, dass ihr mit eurem Seelenpartner in einer immateriellen Welt vor der Geburt ein gemeinsames zweiköpfiges, achtgliedriges Wesen gebildet habt, was auch heißt, dass er sich die perfekte Beziehung ein bisschen wie einen Atomunfall in Springfield vorgestellt hat—was wiederum auch ziemlich genau das ist, wovor sich jeder Single an Beziehungen fürchtet.

Was ich damit sagen will, ist: Natürlich haben Beziehungen ihre seltsamen Seiten. Menschen geben sich gegenseitig Tiernamen, entwickeln eigenartige Essens- und Kuschel-Rituale, die frappierende Ähnlichkeit mit den Gefängnisneurosen aus Orange is the New Black haben und setzen ihre gesamte Kreativität dafür ein, so zu tun, als wüssten sie nicht, dass der Partner eine Verdauung hat.

Zu allem Überfluss fühlen sich einige von uns Beziehungsmenschen auch noch irgendwie „angekommener" als ihre Single-Freunde und verhalten sich gegenüber diesen ein bisschen wie Wiedergeborene Christen, die einen fluchenden, masturbierenden Obdachlosen an der Schwelle ihrer Kirche bemitleiden („Ich sage nicht, dass ich besser bin, als dieses arme Schwein, ich bin nur wirklich dankbar, dass ich nicht so dahinvegetieren muss. Halleluja.").

Meine Kollegin Verena hat euch in ihrem Plädoyer gegen die Selbstgefälligkeit von Paaren bereits alles über diese unsympathischen Menschenschlag gesagt, was man wissen muss.

Foto von Stefanie Katzinger

Und sie hat natürlich mit allem recht: Ja, Pärchen, die ihr Lebensmodell als das einzig richtige sehen und alle anderen bemitleiden, sind fast so schlimm wie Hitler (und ich würde fast darauf wetten, dass er und Eva Braun zu genau dieser Art von Pärchen gehört haben). Ja, Menschen, denen Freiheit und Ungebundenheit wichtiger sind als Häuslichkeit und ein Doppelgänger an ihrer Seite, haben genauso eine Existenzberechtigung und sollten sich für ihre Entscheidung, nicht in jedem Facebook-Posting dieselbe Person gemeinsam mit einem „<3" zu verlinken, nicht rechtfertigen müssen.

Aber das ist nur eine Seite der Geschichte. Die Sache ist nämlich die: Genauso, wie es Singles nervt, sich für ihr Singlesein rechtzufertigen, nervt es auch mich als Beziehungsmenschen, wenn ich mein Lebensmodell ständig verteidigen muss. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen wehleidig und man könnte dem entgegnen, dass wir, die wir glücklich mit jemandem zusammen sind und morgen wahrscheinlich nicht alleine sterben würden, auch einfach ein bisschen die Fresse halten und besser im Einstecken sein könnten.

Das stimmt wahrscheinlich. Wenn da nicht immer wieder diese Aussage mancher Singles wäre, dass sie eben „einfach mehr Wert auf Freiheit" legen würden—und damit auch die gar nicht so unterschwellige Unterstellung, dass sie zu den freiheitsliebenden Erleuchteten und Leute wie ich zu den geknechteten Sheeple der sozialen Nahrungskette gehören.

Foto von Stefanie Katzinger

Ich hab's kapiert. Singles wollen sich in ihrer Freiheit nicht einschränken lassen—und wiederholen diesen Satz so oft, dass man sich fragt, ob sie wirklich mich oder doch sich selbst überzeugen wollen. Wenn man dann fragt, was sie damit eigentlich meinen, kommen immer wieder dieselben Alltagsbeispiele: Man will essen, was man will (Code für Fast Food), Party machen, so lange man will (Code für „Solange mich irgendwer an der Hand nimmt und irgendwo hinschleppt, bin ich dabei") und fernschauen, wie man will (Code für Onesie oder Jogginghosen).

Das hört sich theoretisch ziemlich gut an—nur trifft das in der Regel auf Pärchen wie auf Singles gleichermaßen zu. Wenn das euer Argument ist, wollt ihr kein Singleleben, ihr wollt einfach nur keine beschissene Beziehung. Auch ich will mich auf der Couch wie der erste Mensch gehen lassen und am Tag nach der Party mein verletztliches Gemüt mit Seelenbalsam in der Form von Glutamat und Fett beruhigen. Der einzige Unterschied ist, dass ich mich entschieden habe, diese Dinge mit einem anderen Menschen gemeinsam zu tun.

Foto von Stefanie Katzinger

Zugegeben, das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich nicht mehr sehr oft sehr lange Party machen will. Es hat aber nichts damit zu tun, dass mich meine Beziehung einschränkt oder meine Freundin mich kontrolliert, sondern ganz unromantisch gesagt damit, dass mein biologisches Programm im Hintergrund die Partnersuche für beendet erachtet, meinen Energiehaushalt umstrukturiert und ich mit ihm die Übereinkunft getroffen habe, dass ich in Zukunft lieber mit meiner Freundin IMDb-Listen abarbeite.

Dabei ist mir wie gesagt völlig klar, dass nicht alle Singles das Ziel haben, einen Partner zu finden—oder sämtliche Filme mit einem Rating von über 3.0 gesehen zu haben—und natürlich besteht auch das Zusammenleben als Pärchen nicht nur aus gemeinsamem Filmschauen. Aber darum geht es mir gar nicht.

Die Frage, die ich mir stelle, ist, was mich mehr einschränken würde: ab und zu Pizza zu bestellen, weil meine Freundin grade keine Lust auf Chinesisch hat, oder wie ein Getriebener der nächsten potenziellen Geschlechtspartnerin hinterherzuschwänzeln, weil ich das Gefühl habe, ständig das meiste aus meinem Partyleben und meiner Freiheit rausholen zu müssen.

Foto von Stefanie Katzinger

Das soll natürlich kein genereller Angriff auf Singles sein. Dafür gibt es viele gute (und manchmal auch ein paar traurige) Gründe und ich will nicht alle über einen Kamm scheren. Es ist mehr sowas wie ein Aufruf an verbohrte Pärchen und genauso verbohrte Singles, vielleicht ein bisschen weniger in die momentane Lebenssituation hineinzuinterpretieren und sie mit weniger hochtrabenden Rechtfertigungen als „Ich liebe eben meine Freiheit" und „Du tust mir leid, weil du die Wunder der monogamen Symbiose noch nicht erlebt hast" zu verteidigen.

In Wirklichkeit ist es wie mit der Frage „Xbox oder PlayStation?": Welche Konsole man hat, ist meistens Zufall, aber weil andere eine große Sache daraus machen, versucht man im Nachhinein das, was man hat, krampfhaft zu legitimieren.

Vielleicht ist es auch an der Zeit, die Trennlinie nicht länger zwischen Singles und Pärchen zu ziehen, wenn wir doch eigentlich etwas ganz anderes meinen. Was auch immer wir als Beziehungsstatus auf Facebook angegeben habe—das, was uns stört ist die Selbstgefälligkeit mancher Menschen, die so tun, als wäre jede andere Art zu leben minderwertig. Für diesen besonderen Typus gibt es längst einen Fachterminus. Er lautet „prätenziöse Arschlöcher" und die gibt es auf beiden Seiten.

Ihr könnt Markus' Zweisamkeit auch auf Twitter zerlegen: @wurstzombie


Titelbild von Stefanie Katzinger