Science

Fluchen hilft, wenn es weh tut: Erhöhte Schmerztoleranz dank Schimpfwörtern

Verdammt gute Studie belegt: Abgefucktes Fluchen tut scheißegut.

von Dennis Kogel
19 Dezember 2017, 2:19pm

Wer Schimpfwörter spricht, fühlt körperliche Schmerze weniger intensiv | Foto: imago | Westend 

Vor acht Jahren wurde Dr. Richard Stephens zum Gespött seiner Kollegen. Denn der britische Psychologe veröffentlichte 2009 gemeinsam mit zwei weiteren Autoren eine Studie, deren medizinischer Nutzen zunächst ziemlich absurd erschien: "Fluchen als Antwort auf Schmerz". Darin suggerierte der gestandene Forscher, dass wir körperliche Schmerzen besser tolerieren, wenn wir einfach mal laut schimpfen.

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Leider analysiert er damals ausschließlich fluchende Briten, was die allgemeingültige Aussagekraft der Studie noch spezieller erscheinen ließ, als sie es ohnehin schon war. Und so wurde Stephens mitsamt seiner Co-Autoren der Witzpreis der Forschung verliehen, der satirische Ig Nobel Award.

Doch jetzt ist Dr. Stephens zurück und liefert nach acht Jahren den Beweis, dass seine damalige Forschung zum Schmerzempfinden tatsächlich Hand und Fuß hat: Das laute Fluchen zur besseren Schmerztoleranz funktioniert sogar über Sprachgrenzen hinweg.

Was haben die Schmerz-Forscher genau herausgefunden?

"Dies ist die erste Studie, die zeigt, dass sich Schmerztoleranz durch Schimpfen erhöht – auch außerhalb von englischsprachigen Kulturen", schreiben die Forscher über ihren Versuch mit insgesamt 95 Teilnehmern, darunter 39 Japaner und 56 Engländer. Zentral sind drei Erkenntnisse: Fluchen erhöht die Schmerztoleranz; auf welcher Sprache geflucht wird, spielt dabei keine Rolle; und, ja, es liegt tatsächlich an den Flüchen – wer nicht flucht, sondern einfach irgendwelche Worte brüllt, wird nicht mit erhöhter Schmerztoleranz belohnt.

"Unsere Resultate zeigen, dass fluchinduzierte Schmerzlinderung ein Universalphänomen ist"

Vor allem das zweite Ergebnis ist für Stephens eine Überraschung. Er ging davon aus, dass Fluchen zur Schmerzlinderung eine Art antrainiertes "Skript" sei, das aber nur in bestimmten Kulturkreisen, wie zum Beispiel England, verbreitet wäre: "Da Japaner für gewöhnlich nicht fluchen, wenn sie Schmerz empfinden, sollte das Fluchen bei ihnen kein antrainiertes 'Skript' auslösen und darum auch nicht ihre Schmerzerfahrung erleichtern", beschreibt er die Ausgangsthese für seine Versuche.

Eine Hand ins Eiswasser: Wie die Forscher zu diesem Ergebnis kamen

Das Experiment, das Stephens mit den 95 Studienteilnehmern an der Keele University im englischen Staffordshire durchführte, ist simpel: Die Studierenden mussten eine Hand in ein Eisbad tauchen, die Hälfte von ihnen sollte dabei fluchen, die andere Hälfte nicht. Engländer sagten das Wort "fuck!", Japaner dagegen fluchten mit "kuso!", zu Deutsch: "Scheiße". Fluchende Teilnehmer hielten es durchschnittlich 30 Sekunden länger im Eisbad aus, als andere Probanden aus ihrem Kulturkreis. Geschlechtsspezifische Unterschiede gab es nicht.

Um Fehler und Ungenauigkeiten auszuschließen, war schon das Auswahlverfahren der Probanden kompliziert: "Die Aufenthaltsdauer der japanischen Probanden in England durfte zum Zeitpunkt des Versuchs maximal fünf Monate betragen. So war es unwahrscheinlich, dass sie das Fluchen als Reaktion auf körperliche Schmerzen in England bereits gelernt und internalisiert hatten." Auch mussten Probanden mit chronischen Krankheiten wie einer Herz-Arrhythmie oder dem Raynaud-Syndrom ausgeschlossen werden, da diese zu einer geringeren Kälteresistenz führen.

Um auszuschließen, dass alleine die Muskelbewegungen beim Fluchen zu einer höheren Schmerzresistenz führen, ließ Stephens auch die nicht-fluchende Kontrollgruppe spezifische Worte aussprechen: Die fluchfreien Engländer sagten das neutrale Wort "cup", während sie eine Hand ins Eiswasser tauchten, die höflichen Japaner "kappu", Tasse. Diese Worte wählten die Forscher, weil sie im Klang den Flüchen "fuck" und "kuso" so ähneln würden. "Beide Worte haben zwei Silben und ähnliche Phoneme am Wortanfang", so die Studie über die japanischen Versuchs-Begriffe. Doch die Ergebnisse zeigen: Ja, die Schmerzlinderung stellt sich durch das Sprechen von Schimpfwörtern ein, nicht aber durch das Aussprechen ähnlich klingender Worte.

Wie wird das Ergebnis bewertet?

"Unsere Resultate zeigen, dass fluchinduzierte Schmerzlinderung ein Universalphänomen ist", erklären die Forscher in der Studie. Heißt für uns also: Bei starken Schmerzen einfach mal fluchen.

Allerdings gibt es natürlich noch immer einige Unsicherheiten, was die Allgemeingültigkeit der Studie angeht. So ist es unwahrscheinlich, aber theoretisch denkbar, dass Fluchen als Schmerzlinderung nur auf Japanisch und Englisch funktioniert, nicht aber in anderen Sprachen wie Deutsch. Ihr werdet es selbst überprüfen können.


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Auch der Versuchsaufbau war verbesserungsbedürftig, wie die Wissenschaftler selbst zugeben: "Das kalte Wasser wurde nicht zirkuliert. Das könnte den Schmerzstimulus weniger effektiv gemacht haben. Allerdings sollte dieser Umstand alle Teilnehmer gleich beeinflusst haben. Darum darf man davon ausgehen, dass die Studie dadurch nicht beeinträchtigt wurde."

Acht Jahre nachdem ihn die Wissenschafts-Community zur Witzfigur erklärt hat, ist Dr. Stephens also in der Lage zu sagen: Diese gottverdammte Studie hatte Hand (in einem Eiskübel) und Fuß. Fluchen hilft.

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