Ein Sachse baut über Jahre Gras an und wird freigesprochen

Warum ein Gericht zu dem Schluss kam, dass ihm keine andere Wahl blieb.

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Apr. 12 2018, 12:33pm

Foto: Lisa Ziegler

Es gibt sie wirklich, die Gnade vor dem Recht. Und das ausgerechnet in einem Prozess, bei dem es um den illegalen Anbau und Besitz größerer Mengen Gras ging. Wenn Menschen mit einer heimlich angelegten Grasplantage vor Gericht landen, geht das für sie selten gut aus. In einem vor dem Amtsgericht Grimma verhandelten Fall ist aber genau das passiert. Robert Roßmair war wegen des illegalen Besitzes von Cannabis angeklagt. Die Polizei fand auf seinem Grundstück 16 Pflanzen und insgesamt 321 Gramm Gras. Trotz dieser Menge hat eine Richterin ihn im Dezember freigesprochen. In der Urteilsbegründung heißt es, Roßmair habe keine andere Wahl gehabt, als Gras anzubauen. Wie die Sächsische Zeitung nun berichtet, tat er es, um einem kranken Freund zu helfen.

Roßmair ist ein 58-jähriger Softwareentwickler und lebt 50 Kilometer östlich von Leipzig in Wagelwitz. Dort besitzt er ein Haus, in dem er gemeinsam mit seinem alten Studienfreund Frank Dinter wohnt. Das klingt nicht nach dem Leben eines Kriminellen und das 150-Einwohner-Dorf Wagelwitz ist bisher eher für seinen Biohof bekannt und nicht als Drogenumschlagsplatz. Der Sächsischen Zeitung sagt Roßmair, er sei bis dahin nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem er beschloss, Gras anzubauen. Er brauchte es, um die Schmerzen seines Mitbewohners zu lindern, die dessen Leben unerträglich machten. Frank Dinter leidet seit langer Zeit an einer bis heute nicht diagnostizierten Krankheit. Roßmairs Anwalt, Tommy Kujus, sagt gegenüber VICE: "Dinter kann nicht gut essen oder trinken." Während des Prozesses sei Dinter auch in den Zeugenstand getreten. "Jedem im Saal war klar, dass der Mann kein Simulant ist. Ihm geht es ohne Frage dreckig."


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Dinter weiß ebenso wenig wie seine Ärzte, welche Krankheit ihn plagt. Er weiß aber, dass ihm Gras hilft. Das entdeckten er und Roßmair vor ungefähr zehn Jahren. Seitdem behandeln sie damit seine Symptome. Allerdings ist Dinters Lunge zu schwach, um zu kiffen oder zu vapen. Deswegen zerrieben die Freunde das Gras zu Pulver, verrührten es mit Pflanzenöl und buken es im Backofen zu einer Paste. Der Sächsischen Zeitung sagt Roßmair, sein Mitbewohner sei von dem Produkt nie berauscht gewesen. Es habe lediglich seine Schmerzen gemildert.

Dass Cannabis bei vielen Krankheiten Patienten enorm helfen kann, ist seit Langem bekannt. Zwar ist es Ärzten in Deutschland seit gut einem Jahr möglich, Patienten medizinisches Gras auf Kosten der Krankenkassen zu verschreiben. Bisher übernehmen die größten deutschen Kassen aber gerade einmal die Hälfte aller dafür anfallenden Kosten. Das Medikament selbst zu bezahlen, ist den meisten Patienten aber nicht möglich. Teilweise liegt der Apothekenpreis bei über 20 Euro pro Gramm. So wie Roßmair und seinem Freund bleibt vielen immer noch nichts anderes übrig, als sich illegal damit zu versorgen.

Das Gras, aus dem die beiden Männer ihre Medizin herstellten, kam zuerst aus den Niederlanden. Sie bestellten es im Internet und ließen es per Post nach Sachsen schicken. Aber Dinter brauchte von Jahr zu Jahr mehr davon, seine Ärzte fanden keine andere Therapie. Also fing Roßmair an, das Zeug im Garten anzubauen. Er kaufte online ein blickdichtes Zelt für die Pflanzen und installierte Kohlefilter, um den Geruch zu verringern. Später baute er eine Anlage mit Nährfilmtechnik ein. Dass das alles illegal war, sei ihm die ganze Zeit über bewusst gewesen, sagt er: "Es war eine Gewissensentscheidung."

2016 stand dann die Polizei vor seiner Tür. Sein Haus wurde durchsucht, die Plantage gefunden. Der Versender des Grow-Equipments war aufgeflogen und in seiner Kundenkartei hatten die Beamten Roßmairs Namen gefunden. Roßmair musste vor Gericht. Der Vorwurf: illegaler Besitz von Betäubungsmitteln in nicht unerheblicher Menge.

Im vergangenen Dezember endete der Prozess mit einem Freispruch. Die Staatsanwaltschaft hat keine Rechtsmittel eingelegt, das Urteil ist also gültig. Ein Sprecher des Amtsgerichts Grimma bestätigt VICE, man habe eingesehen, dass Roßmair, weil er seinem Freund helfen wollte, keine andere Wahl gehabt hätte, als Gras anzubauen. Zu dieser Einsicht sei die vorsitzende Richterin wegen der Einschätzung eines medizinischen Sachverständigen gekommen. Der habe die Tragödie der beiden Freunde klar geschildert, sagt Roßmairs Verteidiger Kujus. Dass er dieses Mal davongekommen ist, heißt aber nicht, dass Roßmair in Zukunft weiter Gras anbauen darf. "Obwohl die Frage im Prozess aufgeworfen wurde", sagt Kujus. "Wenn man das konsequent zu Ende denkt, müsste mein Mandant bei einem erneuten Prozess auch wieder freigesprochen werden." Dass dieses Urteil als Präzedenzfall in die Geschichte eingeht, ist dennoch unwahrscheinlich. "Das wird eine Ausnahme bleiben" sagt Kujus. Auch wenn medizinisches Gras immer selbstverständlicher wird, ändert sich wenig am rigorosen Vorgehen der Behörden, sobald jemand selbst welches anbaut.

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