Für all die jungen Menschen, die dafür kämpfen, Mittelerde von der Macht der tyrannischen Diktatoren zu befreien – es gibt da ein Äquivalent von ähnlich vielen Mitte-Zwanzigjährigen, die dem ganzen Krawall lieber ein Ende setzen würden. Ich war seit September für Recherchen in Bahrain, einem entspannten Ort mit relativ wenig Kriminalität. Eigentlich ist die einzige Gefahr, die einem Sorgen machen könnte, von einem Auto überfahren zu werden.
Ich komme aus New York und das Leben für Auswanderer ist in Bahrain eigentlich ziemlich genau das gleiche Leben wie zu Hause. Das ganze Land steht total auf Selbstdarstellung und die ganzen Hipster sind alle wahnsinnig schick und machen dasselbe wie Hipster im Rest der Welt: Sie gehen in Clubs, sie trinken, nehmen Drogen und tanzen (aber anstatt auf FaltyDL tanzen sie auf Yolanda Be Cool). Die Leute hier verbringen auch viel Zeit im Fitnessstudio.
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Als die Proteste in Kairo begannen, haben die Leute angefangen, mir Mails zu schicken um zu fragen, ob alles OK ist – aber ich hab mir keine Sorgen gemacht. „So was wie da wird hier niemals passieren“, dachte ich. Ich war so überzeugt davon, dass es mich völlig schockierte, als ich von der Gewalt gehört habe. Als die Proteste losgingen, saß ich gerade in einer Bar und trank Whiskey, als hätte sich nichts verändert. Als die Nachrichten im Fernsehen kamen, haben wir einander zugejubelt und Shots bestellt. Hey, es passiert nicht jeden Tag, dass „ein Pickel auf der östlichen Seite Saudi Arabiens“ in die Nachrichten kommt. Aber Proteste sind nicht jedermanns Sache.
In den Straßen draußen in meiner Nachbarschaft war es unheimlich still. Da waren weniger Prostituierte als sonst und ihre betrunkene Saudi-Klientel hat auch unentschuldigt gefehlt, aber andererseits war der Beginn der „Revolution“ doch weniger stimmungsvoll. Ich wusste aber, dass es ein historisches Match werden würde, und schickte eine SMS an all meine Freunde. „Ich will protestieren gehen!“ Mohammed sagt, er sei noch in Dubai bei einem Job und ob ich die Aufstände noch bis zum Wochenende hinauszögern könnte. Er wollte einen neuen Fernseher. Samar fand, dass ich definitiv am Freitag zu den Protesten gehen sollte und danach direkt zu dem Laden, in dem es zum Brunch All-you-can-drink-Cocktails gibt. Negma schrieb mir aus ihrem Wohnheim in London, dass die Protest-Polizei unvorstellbare Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht. Es war wohl das Beste einfach hier zu bleiben und abzuwarten.
Ich hörte auf, in mein Blackberry zu hämmern und ging runter zur Toilette, um jemanden zu finden, der sich dafür interessiert. Da fand ich Fatima, eine bahrainische Prominente, die die Revolution heute in Lederhose unterstützen wollte. Anscheinend waren die ersten Demonstranten schon in einem Krankenhaus in der Nähe gestorben und das hatte Fatima und ihre Lederhose wütend gemacht. Sie ist echt ausgerastet und hat ihre Lippen in Lipgloss ertränkt, während sie von den Verletzten hörte. Wer hätte schon wissen können, dass man stirbt, wenn genug Gummigeschosse auf einen abgefeuert werden?
„Naja, egal“, seufzte sie eine paar Minuten später. „Wir können unsere Flasche Jack Daniels nicht verkommen lassen.“ Es gibt immer noch genug nüchterne Kids in Saudi.
Am Dienstag hatte sich die Situation verschlechtert. Die amerikanische Botschaft veröffentlichte eine Bekanntmachung: gewalttätige Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, Schüsse fallen, bleibt in euren Wohnungen und wartet auf weitere Anweisungen. Chris hat das in seinen Facebook Status gepostet mit dem Zusatz: „Wahninn!“ Er wollte bei Pearl Roundabout auf Streife gehen, wo der Polizeiangriff auf schlafende Demonstranten um 3:45 stattgefunden hatte, und einen Kanister Tränengas abstauben um damit seinen Kaffeetisch zu dekorieren.
Fabriken und Highways wurden im ganzen Land stillgelegt und das Schwirren der Helikopter wurde zum ständigen Hintergrundgeräusch. Scheinbar rollten Panzer die Straße runter und wurden von den Leuten im Saks Fifth Avenue Store gesehen, die sich die neuen Phillip Lim Taschen kaufen wollten.
Ich war aber nicht einkaufen und verbrachte deshalb den Tag am Pool auf meiner Dachterrasse über den staubigen Straßen und mixte Rihanna Songs unter die klagenden Gebetsrufe der Stadt.
Vielleicht bin ich naiv, aber ich hab gedacht, eine Revolution auf den Straßen könnte die Vorliebe einer Nation für Late Night Euro-Trash Disco-Bars in ihren Grundfesten erschüttern, aber Ground Zero war immer noch geöffnet. Drinnen habe ich Turk getroffen, einen Typ, der in der Bahrainischen Nationalgarde dient und mit dieser unmenschlichen Protest-Polizei zusammenarbeiten musste.
Ich fragte ihn, ob er schon irgendwelche Demonstranten getötet hätte. „Nein, aber die haben es verdient“, antwortete er, während er eine neue Salsa-Drehung um mich herum wirbelte. „Welche Armut?, welche Ungerechtigkeit? Die sind verwöhnt.“
Ich schrie, dass er am Mord seiner Landsleute schuld sei, aber der Usher Remix war zu laut und er ging zurück zur Bar – offensichtlich völlig unbeeindruckt von den Straßen voller junger Männer, die sich verzweifelt mit dem Rücken an die Wand stellen.
Wütend und den Tränen nah, bin ich abgehauen um meine anderen Freunde zu finden. Ich konnte die Vorstellung von Demonstranten, die „friedlich, friedlich“ singen bevor sie mit Gummigeschossen und Tränengas vollgepumpt werden, nicht ertragen. Leila streichelte meine Hand und sagte: „Wenn das die Apokalypse ist – sollten wir dann nicht tanzen?”



