Anonymus startete diese Woche mit #OpBlitzkrieg und nazi-leaks.net den gezielten Angriff auf die Rechten im Netz. Wir wollten also erfahren, wie viel Feuer sie den Faschos im WWW in Zukunft machen wollen und haben uns mit Anonymous in Verbindung gesetzt.
Als im letzten Jahr der Anonymous-Hype seinen Zenit erreichte, haben wir schon einmal versucht herauszufinden, was sich tatsächlich hinter dieser amorphen Masse an Usern verbirgt, die das Internet irgendwann 2003 geboren hat. Auf der Suche nach einem Ansprechpartner wurden wir zuerst bei der Berliner Zelle vorstellig, die hatte nämlich eine E-Mail-Adresse auf ihrer Website hinterlegt. Allerdings hatten die Berliner keine Lust mit uns zu sprechen und verwiesen uns an die Kollegen aus Hamburg. Seitdem läuft es eigentlich ganz gut zwischen uns, so dass wir nun immer mal wieder ein paar E-Mails austauschen, so auch zu Operation Blitzkrieg.
VICE: Was hat es mit OpBlitzkrieg auf sich?
Anonymous Hamburg: Es ist eine Aktion linksgerichteter Internetnutzer, die das Label Anonymous gewählt haben, um als Urherber anonym zu bleiben.
Videos by VICE
Inwieweit ist Anonymus daran beteiligt?
Nur ein kleiner Teil von Anonymous beteiligt sich daran.
Wer steckt also dann dahinter?
Gelangweilte, nationale, nicht internationale, Anonymous-Anhänger, die eher dem linken äußeren Spektrum zuzuordnen sind und schnellen Erfolg wollen. Auf Nachhaltigkeit oder Richtigkeit der Daten, die veröffentlicht wurden, wurde verzichtet. Gerne waren diese Splittergruppe bereit, Kollektivideale über Bord zu werfen, um der eigenen politischen Agenda zu dienen. Man musste wohl den Hype um die Döner-Bande reiten.
Warum sind die auf Nazi-Leaks veröffentlichten Daten so alt? Es steht ja nichts Neues darin und die Sachen schwirrten so ja bereits durch das Netz …
Vermutlich fand man nichts Neues und nahm dafür den alten Mist, hat aber vorher die Leaks von lästigen Credits, die die Herkunft belegen können, entfernt.
Ist euch bekannt, wie die Zukunft von Nazi-Leaks und OpBlitzkrieg aussehen wird? Wird da noch etwas kommen oder ist es nur ein mediales Strohfeuer?
Es handelt sich um ein Strohfeuer; die Daten sind alt und können in jedem One-Click-Hoster gefunden werden. Eine Aufbereitung oder Prüfung der Daten wurde nicht durchgeführt, weil dieses mit Arbeit verbunden ist.
Wie steht Anonymus nun zu der zusätzlichen medialen Aufmerksamkeit?
Eher neutral. Schaden kann es der Planung anderer wichtiger und komplexer Aktionen, die von den Medien vernachlässigt werden, nicht. Im schlimmsten Fall werden schlichtweg sinnfreie Operationen, die niemals ernsthaft diskutiert wurden, riesig aufgepumpt. Wie OpFacebook. Das ist aber kein Fehler der Medien, sondern mehr ein „exploit” in der Planung und Entscheidungsfindung von Anonymous-Operationen, der hier ausgiebig genutzt wird. Von der eigentlichen Community werden solche Vorschläge oft wenig beachtet, und was wenig beachtet wird, wird auch nicht durchgeführt.
Anonymus wird langsam zu einer festen Größe, inwieweit kann die Gruppierung noch unabhängig agieren?
Durch die mediale Aufmerksamkeit auf eine Auswahl von Operationen entsteht ein Ungleichgewicht zwischen öffentlicher Erwartung/Image und der tatsächlich anders (oder gar nicht) handelnden Community. Aktionen von Splittergruppen wie Nazi-Leaks oder LulzXmas erhalten einen höheren Stellenwert als große Community Efforts. Damit sind die Medien eine neue Kraft innerhalb dieser Prozesse, mit der, zu dem Zeitpunkt als sie entstanden, niemand gerechnet hat. Das muss jetzt eingerechnet werden.
Wurde der Name Anonymus für diese Aktion missbraucht?
Ja und nein. Ja, denn: Anonymous steht für Meinungsfreiheit. Das heißt auch, dass man die Meinungen von anderen nicht unterdrückt. Egal wie dumm diese sind. Das heißt aber nicht, dass man diese Aussagen so stehen lassen und akzeptieren muss/soll. Plumpe faschistische Aussagen offenbaren einen klaren Bildungsbedarf und entblößen den Aussprechenden. Und nein, denn Anonymous sieht sich andererseits als die Schmuddelkinder des Internets und toleriert auch gerne unpopuläre und widersprüchliche Aktionen auf dem Konto. Aus unserer Sicht überwiegt jedoch das ja.
Was bedeutet für euch Internetfreiheit?
Internetfreiheit bedeutet das Recht auf freie Meinungsäußerung und Zensurfreiheit sowie Netzneutralität. Inhalte müssen frei, unabhängig von Protokoll und Technik austauschbar sein. Das Internet erinnert in vielem an Brainstorming. Da gibt es auch einiges, das dumm ist. Diese dummen und unbrauchbaren Ideen halten sich meist nur in Nischen dauerhaft und werden von der Masse verworfen. Funktionierende Ideen und Modelle werden aufgenommen und verbessert. Darwin hätte seine Freude daran, denn hier bestätigt sich Survival of the Fittest. Evolution geschieht hier in rasender Geschwindigkeit. Oder extrem langsam, wie man es betrachten mag.
Selbst für Faschisten?
Jeder sollte das Recht haben, seine Meinung frei zu äußern. Aber er muss dann auch mit Kritik, bis hin zu Ekel und Abscheu, rechnen und diese—meist vernichtende—Kritik muss dann auch von Faschisten ertragen werden. Sie entlarven sich nur selbst. Was sich da meist offenbart, ist, wie bei den Verschwörungstheoretikern auch, ein immenser Bildungsbedarf.
More
From VICE
-

Illustration by Reesa -

(Photo by Gregory Bojorquez/Getty Images) -

(Photo by Christopher Polk/Billboard via Getty Images) -

(Photo by David Becker/Getty Images)