Voodoo ist eine Religion, die bei uns Europäern mit allerlei Klischees behaftet ist. Ihre Mystifizierung verdankt sie einerseits den stark naturverbundenen Ritualen, die praktiziert werden und andererseits einem Mangel an Dokumentation, da das Wissen der Orakel und Priester nur „von Mund zu Ohr“ weitergegeben wird. In Benin, einem Staat im Süden Afrikas, ist Voodoo seit Langem eine anerkannte Religion und die Gegend im Süden des Landes gilt auch als die Geburtsstätte dieser Religion, zumindest wenn es nach dem rechtmäßigen Erben geht. In einem kleinen Büro in Berlin-Tempelhof arbeitet Prinz Bokpe, der mit vollem Namen Prinz Alain-Maurice Kodjo Dah Bokpe von Allada heißt. Mit 19 Jahren kam er nach Ostdeutschland, um hier zu studieren. Später, zurück in seinem Heimatland, folgte er dem Ruf seines Schicksals und nahm das Amt des Voodoo-Prinzen an. Er selbst ist nun offizieller Repräsentant seiner Religion und seines Lands und hat uns in seiner Wahlheimat Tempelhof empfangen.
VICE: Herr Prinz Bokpe, vielen Dank für den Empfang. Können Sie uns erklären, was Voodoo ist?
Prinz Alain-Maurice Kodjo Dah Bokpe von Allada: Die Menschen reden immer nur von ihren Rechten. Aber die Pflichten interessieren sie gar nicht. Ich glaube, Voodoo ist der Weg, unsere Verantwortung in die Hand zu nehmen, über uns selbst, über unsere Mitmenschen, die Welt und die Natur. Das ist der wahre Voodoo!
Und Sie repräsentieren diesen Glauben hier?
Ich fühle mich als der wahre Repräsentant dieser Kultur und der Tradition des Voodoos.
Sie wurden zum Prinzen Ihres Volkes gekrönt. Wie ist das abgelaufen?
Wir glauben an die Reinkarnation und die Weisen des Dorfes wussten schon im Voraus genau, wer gekommen war. Meine Stellung wusste man also schon vorher, bevor ich zur Welt kam. Solche Dinge sind bei uns gang und gäbe, wie das Orakel. Es wussten also alle von mir und meiner Aufgabe. Auch mir wurde meine Bestimmung bald klar. Nur habe ich zuerst geschwiegen, ich wollte erst meinen Weg gehen und mein Studium machen, bis ich eines Tages vor unserem regierenden König stand und er wissen wollte, ob ich meine Verantwortung nun übernehme.
Wenn ich in Benin studiert hätte, hätte ich meinen Posten vielleicht viel früher eingenommen, ich war aber weg, nicht greifbar. Als ich aber wieder ab und zu in Benin aufgetaucht bin, kamen die Gerüchte wieder hoch, was ich wohl dort mache, ob ich bleibe oder nicht. Also habe ich mein Schicksal angenommen.
Wollten Sie ihr Schicksal zuerst gar nicht annehmen?
Es ist eine sehr große Verantwortung und der Mensch ist nunmal träge … Von ’94 bis ’97 war es ein Hin und Her und es gab viele Diskussionen, aber letztendlich wurde ich gekrönt und offiziell ins Amt gehoben. Seitdem bin ich voll im Einsatz.
Darf man denn in Ihrem Fall „regieren“ sagen?
Nein, ich würde sagen „lenken“ und „leiten“, nicht „regieren“. Es geht nicht darum, der Politik in die Quere zu kommen, es interessiert mich nicht, was die jetzt macht. Wir versuchen auf einem geistlichen Weg, das Wesentliche zu tun.
Aber wie leitet man ein Volk, das so weit weg ist?
Da setze ich meine Managementtechniken ein, die ich hier gelernt habe! Die Moderne in das Alte hinein. Wir haben Handys, Internet, überhaupt sind meine Leute und Mitarbeiter überall. Ich kann direkt eine Kamera einschalten und eine Zeremonie erleben und einfach diktieren, was zu sagen ist. Ich muss aber nicht immer dabei sein, manchmal reicht auch ein Bericht, den ich dann beurteile. Wenn etwas während dem Ritual zu sagen ist, kann das auch über den Lautsprecher des Telefons passieren und jeder kann zuhören.
Sind das Ihre Hauptaufgaben?
Die Beratungsfunktion ist das Wesentliche, gerade bei Zusammenkünften der Orakel oder den Ritualen. Man muss sich von oben leiten lassen und dann weitergeben! Aber nicht von der unguten Seite.
Also ist Berlin ihre Zentrale?
Kann man so sagen, aber die eigentliche Zentrale ist nicht irgendein Ort, sondern sie ist in meinem Inneren. Egal wo ich bin, ich kann arbeiten, es ist eine Transmission. Aber ja, ich arbeite hauptsächlich von hier aus. Auch weil ich gute Mitarbeiter hier habe.
Gibt es eine besondere Zeremonie, die man nicht von der Ferne steuern kann?
Der 10. Januar ist offizieller Feiertag in Benin, also der Tag, an dem Voodoo vom Staat als Religion anerkannt wurde. Es wurde darum gekämpft, einen Feiertag zu bekommen, wie Weihnachten zum Beispiel und es gibt eine Art Tag der offenen Tür. Man kann dann in jeden Tempel gehen, in meinen Tempel übrigens auch. Dieser wichtige Feiertag wird auch mit einem Tieropfer gefeiert.
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Und wie stehen Sie selbst zu den Tieropfern oder rituellen Schlachtungen?
Bevor man ein Tier opfert, müssen Regeln eingehalten werden. Es kann nicht einfach eine Tötung vollzogen werden. Blut hat nun mal eine Bedeutung, aber ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen, denn das würde zu weit führen. Das ist in eine geheime Lehre, die ich nicht an die Öffentlichkeit bringen will.
Dann eine andere Frage. Gibt es auch verschiedene Gottheiten im Glauben des Voodoo?
Das sind eher sind spezielle „Kräfte“, die für bestimmte Wirkungen angerufen werden. Im modernen Sprachgebrauch könnte man Spezialisten sagen.
Richten Sie manchmal Rituale aus für diese Spezialisten?
Das ist meine Pflicht und das ist auch zwingend notwendig. Es gibt für alle Bereiche dieser Spezialisten spezielle Kräfte, die spezielle Dinge bewirken.
Wie läuft die Kommunikation mit einem Spezialisten ab?
Es kann sein, dass ein Mensch bei einer Zeremonie in Trance fällt, und wenn sie in diesem Moment eine gewisse Reinheit inne haben, können gewisse Kräfte Besitz von ihnen ergreifen, um dann gewisse Dinge vermitteln zu können. Der Mensch wird in diesem Moment zu einem Medium, damit sich der Spezialist uns mitteilen kann.
Hatten sie schon einmal persönlichen Kontakt zu einem Medium?
Ich werde über dieses Thema schweigen, das führt nur zu Verwirrungen.
Okay, aber kann man Voodoo auch hier bei uns ausüben?
Eingeschränkt. Aber die wichtigste Regel des Voodoo ist es, die Gesetze des Landes, in dem man lebt, zu befolgen. Benin bietet die Rahmenbedingungen für viele Dinge, zum Beispiel für eine Tieropferung, die Deutschland nicht so gerne gesehen wird. Aber auch die Natur ist hier dafür nicht so geeignet. In Benin sind die Umstände dafür gegeben.
Bei diesen Zeremonien werden auch oft Rum und Tabak geopfert.
Ja, das stimmt, ich selbst habe große Schwierigkeiten damit. Tabak wird öfter für das Schlechte verwendet, und deshalb ist es keine gerechte Opfergabe. Das Gleiche gilt für Rum: Wenn man ihn als Opfergabe darbietet und der Spezialist mag keinen Rum, kann das Böse ausgehen. Im Endeffekt ist entscheidend, was man wem opfert.
Fotos: Grey Hutton