Helen Thomas

Wir haben dieses Interview mit Helen Thomas im März geführt und wollten es eigentlich für eine der kommenden Ausgaben von Vice aufheben. Angesichts der aktuellen Umstände haben wir uns aber entschlossen, es heute auf viceland.de zu bringen.

Du fragst dich, war gerade los ist? Ah, du lebst also hinter dem Mond. OK, also Helen Thomas hat ein paar Kommentare über Israel gemacht, die den Israelis, Präsident Obama und einer Menge anderer Leute überhaupt nicht gefallen haben. Nicht gerade gewählt ausgedrückt, hat sie in etwa so etwas gesagt wie, „die Juden sollen sich aus Palästina verpissen“ und nach Hause nach „Polen, Deutschland und in die USA“ gehen. Ein wenig grob, vielleicht. Aber nicht gerade überraschend, wenn man ihren eigensinnigen Ruf, als eine die kein Blatt vor den Mund nimmt, bedenkt. Hat Helen Thomas jemals einen Hehl aus ihrem Standpunkt Israel und dessen Handlungen gegenüber gemacht? Nope. Und außerdem, wenn wir 89 wären und die letzten fünf Jahrzehnte damit verbracht hätten, einen konstanten Schwall aus verdrehten Tatsachen und Euphemismen zu ertragen, der aus den Mündern unzähliger Männer (und einiger, weniger Frauen) quillt, die hinter einem Podium mit dem Wappen des Weißen Hauses stehen, dann wären wir an dieser Stelle vielleicht auch ein wenig grummelig. „Aber warte mal,” sagst du, „Wer ist Helen Thomas noch mal?” Ist das dein Ernst? Libanesisch-amerikanisches Mitglied des White House Press Corps seit 1960. Vorreiterin der weiblichen Journalisten. Die kleine, alte Dame, die bei Pressekonferenzen des Präsidenten in der erste Reihe sitzt und die Fragen stellt, die sich niemand sonst traut zu fragen. Eine Journalistin, die Politiker wirklich auf die Probe stellt, die verlangt, dass sie ihre Entscheidungen erklären und rechtfertigen und deren wichtigste Fragestellung „Warum“ ist. Jetzt wurde sie in die Enge gescheucht und gezwungen, den Job aufzugeben, der ihr Leben ist. Ihr Agent, der ihre öffentlichen Auftritte managt, hat sie fallen lassen. Die einen verschmähen sie, die anderen preisen sie, aber unabhängig davon, denken wir, dass sie eine Menge Respekt und Dankbarkeit für ihre Errungenschaften im Namen der wahren Demokratie verdient. Mit dem Verlust von Helen Thomas, fürchten wir auch, dass das White House Press Corps jetzt sein Gewissen verloren hat. Ob irgendjemand anderes die Eier haben wird, das weiterzuführen, was sie angefangen hat, wird sich zeigen. PS: Ja, sie geht in diesem Interview auf Israel ein, falls ihr euch fragt, ob dieses Interview euch den Moneyshot bringt, dem ihr hinterher geifert. Aber es geht hier noch um viel mehr. Du solltest deine Meinung über Helen Thomas nicht ausschließlich von ihren Ansichten zum Thema Israel bestimmen lassen.

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Vice: Als ich Sie bei Pressekonferenzen während der George W. Bush-Jahre gesehen habe, hatte ich immer den Eindruck, dass sie ziemlich angewidert von ihren Journalisten-Kollegen sind.

Helen Thomas: Als der Irak-Krieg vorbereitet wurde, hat nicht einer nach Beweisen für Massenvernichtungswaffen gefragt. Es war überaus deutlich, dass Präsident Bush unbedingt in den Krieg ziehen wollte, koste es, was es wolle. Und er wollte der UN keine drei Monate Zeit geben, damit sie sich davon zu überzeugen konnten, ob es wirklich stimmte. Wir zogen aufgrund von Lügen in den Krieg. Ich denke, dass der 11. September als Mittel diente, die Leute einzuschüchtern und davon abzuhalten, einen kritischen Standpunkt der Regierung gegenüber einzunehmen, weil es sich nach einer wirklichen Krise anfühlte und ich glaube, dass sie—zumindest teilweise—der Regierung Glauben schenkten. Terroristen sind eine sehr effektive Propaganda-Waffe.

Kommt das nur mir so vor, oder ist die Mainstream-Presse seit dem 11. September ziemlich schwammig geworden?

Sie hatten Angst, nicht mehr als echte Patrioten zu gelten und ich bin mir sicher, dass die großen Medienkonzerne Anweisungen von oben bekommen haben. Also haben sie gekuscht.

Haben Sie in ihren Jahrzehnten im Weißen Haus schon irgendwann anders ein solches Ausmaß an Selbstgefälligtkeit miterlebt?

Na ja, der Watergate-Skandal war der Wendepunkt im modernen Weißen Haus. Wir haben alle Dementi der Nixon-Regierung aufgenommen und als sie sich dann als falsch und gezielte Täuschung herausstellten, hat das uns Journalisten für den kurzen Zeitraum, der darauf folgte, noch misstrauischer gemacht. Aber der 11. September hat aus allen wieder Musterbürger gemacht, die Angst hatten, die Dinge zu hinterfragen. Das Pentagon war ebenfalls sehr effektiv, wenn es um Propaganda ging, genauso wie das Auswärtige Amt und das Weiße Haus. Also, um es noch mal zu sagen, ich denke, dass Journalisten auf einmal Angst bekamen, als unpatriotisch zu gelten, wenn sie einen Krieg nicht unterstützen, auch wenn dieser offensichtlich nicht gerechtfertigt war.

Hat Sie das überrascht?

Ich dachte sicherlich nach dem Watergate-Skandal und den ganzen Lügen, dass die Journalisten wachsamer geworden seien. Das waren sie auch für eine Weile, aber das währte nur kurz. Die Regierung setzt sich immer durch, weil immer dieses Gefühl vorherrscht, wir sollten glauben, was die Regierung sagt. Auch wenn sie keinerlei Glaubwürdigkeit besaßen, folgten die Leute ihnen. Die Reporter waren alle übereifrig, wenn es darum ging, in den Krieg zu ziehen. Es sollten nur zwei Wochen werden. Alle sollten kurz dort hin, zurück nach Hause kommen und glücklich und zufrieden weiterleben. Jetzt sind es schon sieben Jahre.

Mir fällt immer wieder auf, dass Sie die einzige Journalistin im Weißen Haus sind, die fragt, warum etwas passiert. Sie haben wiederholt nach den Hintergründen des 11. September gefragt.

Das ist der Grund, warum wir uns so leicht aufs Glatteis führen lassen—keiner fragt, „warum“? Die Frage des „Warum“ sollte immer gestellt werden. Was ist Grund, warum diese Regierung oder diese Menschen etwas tun? Aber ich hatte das Gefühl, dass die Wahrheit Urlaub machte—im ganzen Land. Es wurde wenig nach der Wahrheit gesucht, abgesehen von einigen wenigen Leuten, die offen ihre Meinung äußerten.

Konnten Sie sehen, dass Bush log, wenn sie nur wenige Meter von ihm entfert in den Pressekonferenzen saßen?

Nicht wirklich. Aber anhand der Antworten konnte man sehen, dass er keine wirklichen Antworten geben wollte. Warum sind wir in den Krieg gezogen? Na ja, es waren keine Iraker involviert und so weiter. Bis zum heutigen haben wir noch nicht gehört, warum wir in diesen Krieg gezogen sind. Es gab alle möglichen Spekulationen—Daddy, Öl, Israel, was auch immer—aber es hat immer noch niemand die Wahrheit gesagt von Regierungsseite aus.

Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass ihre Kollegen für den Irak-Krieg mit verantwortlich sind?

Ich denke, dass ist sehr wahr. Alle haben sich tot gestellt, in einem Moment, wo sie wirklich bohrende Fragen hätten stellen sollen. Bei Watergate waren sie da. Aber in diesem Fall sind sie der ganzen Propaganda auf dem Leim gegangen. Ob sie es geglaubt haben oder nicht, sie haben es jedenfalls angenommen und verbreitet.

Warum denken Sie, dass so etwas gerade jetzt viel stärker passiert, als jemals zuvor?

Ich denke, es liegt am Mediengeschäft, am Würgegriff der Ultrarechten auf die Propaganda. Das macht den Leuten Angst. Jeden Nachmittag im Radio haben drei oder vier Stunden lang ultrarechte Leute das Wort, von denen ich denke, dass sie die Regierung und das amerikanische Volk ausnutzen, sie betrügen und unser Ehr-Empfinden zerstören.

Ein weit verbreitetes Argument ist, dass die Federal Communications Commission (FCC) unter Bush den Medien erlaubt hat, sich zu Megakonzernen zusammen zu schließen und diese prinzipiell im Besitz von Konservativen, oder sagen wir gleich den Rechten sind.

Sie haben ohne Zweifel die Grenzen überschritten. Ich glaube einfach nicht an Zensur. Aber ich glaube, dass es jetzt in diese Richtung geht. Es ist eine gefährliche Zeit.

Was wäre die Lösung?

Ich denke, der Präsident muss sich präsent machen und den Rassismus anprangern. Uns steht ein großes Vokabular zur Verfügung. Die Menschen können sich dessen bedienen, um miteinander zu kommunizieren. Er muss den Glauben an die wahre Demokratie und die Suche nach der Wahrheit wieder herstellen.

Es sollte also von oben kommen?

Ja, er kann Humor, Esprit und alles mögliche einsetzen. Aber eine gute Waffe ist es, sie zu beschämen.

Sonst?

Laufen die Leute nur weiter herum und fragen sich, was wirklich passiert. Und die Stimmung wird wieder, wie in den 30ern. Ich kann nicht glauben, was für eine Gewalt hier angestachelt wird. Die Wirtschaftskrise ist zum großen Teil mit daran schuld. Alle sind unglücklich und suchen nach einem Sündenbock. Das alles trägt zu Bigotterie, Rassismus und Gewalt bei.

Sprechen Sie von der Tea Party-Bewegung?

Nicht nur von denen, aber von der Stimmung im Land, die von den ultrarechten geprägt wird.

Worauf ich hinaus will, ist, ob Sie so etwas schon einmal miterlebt haben.

In den 30ern hatten wir die gleiche Art von Repression und Rebellion. Es gab eine Menge schlimmer Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg. Wir hatten Father Coughlin. Wir hatten Gerald. L.K. Smith. Also ja, es gab damals eine Menge davon. Das Land war damals stark zerrissen. Sollten wir in den Krieg ziehen, oder nicht? Aber in der aktuellen Lage—auch wenn ich sie natürlich nicht mit dem ganzen Zeitraum bis George Washington zurück vergleichen kann—ist dieses Ausmaß von Hass und Wut nicht nachvollziehbar. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob die Blogosphäre das alles anstachelt oder eher abwiegelt. Jeder mit einem Handy hält sich für einen Fotografen. Jeder mit einem Laptop denkt, er sei Journalist. Aber sie haben keinerlei Ausbildung und haben keine Ahnung, an welche Standards es sich zu halten gilt, was zu weit hergeholt und war real ist. Und sie fühlen sich nicht der Wahrheit verpflichtet.

Fühlen Sie sich als professionelle Skandalmacherin manchmal nicht ganz sicher in ihrer Haut?

Ich kann nicht von mir sagen, dass ich ein Vorbild an Courage bin. Aber ich denke, dass man weitermachen muss. Wenn du Angst hast, deine Meinung zu sagen, dann verrätst du die Demokratie.

Aber als Teil der liberalen Presse?

Wo ist die liberale Presse? Sie existiert gar nicht. Lies mal die Washington Post oder New York Times. Ich meine, OK, es gibt ein paar Kolumnisten. Aber das redaktionelle Gewicht liegt auf der konservativen Seite. Sagt zum Beispiel jemals jemand etwas gegen Aggression? Nein.

Ja, mir ist aufgefallen, dass Obama und die Demokraten die Kriege nicht mal mehr erwähnen.

Na ja, ich würde in allen Bereichen gerne mehr Courage sehen. Freie Meinungsäußerung. Was haben die Demokraten zu verlieren? Sie sollten das richtige für das amerikanische Volk und die ganze Welt tun, auch wenn sie dadurch die nächsten Wahlen verlieren. Was soll’s?

Während seiner Kampagne hat Obama zu bestimmten Probleme eine wirklich progressive Meinung geäußert. Was ist mit diesem Typen passiert?

Am Anfang war er sehr politisch. Seine Berater sagten ihm, „du darfst dieses nicht, du darfst jenes nicht tun“. Zum Beispiel hat er keinen Raum für diejenigen gelassen, die an ein nationales Gesundheitssystem mit Medicare für jeden glaubten, was der einzige Weg ist, um eine flächendeckende Versorgung zu erreichen. Er handelte so subtil. Aber ich glaube er realisierte immer mehr, dass seine Versuche, mit der Opposition im Einklang zu arbeiten Schwachsinn waren. Es geht einfach nicht. Alles, was du tun musst, ist, einen Standpunkt einezunehmen. Große Präsidenten nehmen Standpunkte ein und sie kämpfen gegen all die, die extrem weit rechts stehen. Ich will ihnen keine Ausdrücke an den Kopf werfen, auch wenn sie bestimmt nicht zögern würden, das mit mir zu tun.

Gab es jemals eine Regierung in der beide Parteien im Einklang regieren?

Natürlich. Wenn es das nicht gegeben hätte, dann hätten wir keine der Legislaturen gehabt, die wir hatten. Aber in diesem Fall, wenn jeder Republikaner gegen dieses Gesundheitssystem stimmt? Es gab sicher etwas an dem Plan, das ihnen gefiel. Aber sie haben das ganze Haus eingerissen, wie Samson.

Haben Sie so einen einstimmigen Zusammenhalt vorher schon mal bei den Republikanern beobachten können?

Nicht in so einem kompakten Zusammenhalt. Es ist totalitär, sie alle befolgen Regeln, laufen im Gleichschritt. Und als McCain sagte, er würde allem widersprechen, was Obama vorschlägt? Wie kann er so etwas überhaupt sagen? „Ich werde gegen alles sein.“ Wenn sie den Dritten Weltkrieg anfangen würden, wäre er dann „dagegen“? Die Republikaner haben die Macht genossen, die sie im Weißen Haus hatten. Sie konnten alles tun. Jetzt können sie ihre Wut nicht unterdrücken und wollen alles zerstören, was Obama repräsentiert. Sie gönnen ihm keine zweite Amtszeit.

Gibt es Weißen Haus von Obama mehr Ehrlichkeit als unter Bush? Nein. Erleben Sie das gleiche Maß an Heuchelei von Robert Gibbs, wie Sie es vorher von Tony Snow erlebt haben?

[lacht] Dafür kann Gibbs nichts. Er führt Befehle aus. Ich habe letztes Jahr den Präsidenten gefragt, „Kennen Sie ein Land im Nahen Osten, das über nukleare Waffen verfügt?“ Er sagte, „Ich will nicht spekulieren.“ Und ich habe neulich Hillary Clinton gefragt, „Im Zuge des Drucks, der auf dem Iran wegen nuklearer Waffen lastet, kennen Sie ein Land im Nahen Osten, das über nukleare Waffen verfügt?“ Sie sagte, „Wir sinde für die Nichtverbreitung von Kernwaffen.“ Sie sprach weiter, aber natürlich beantwortete Sie meine Frage nicht. Also sehe ich keinen großen Unterschied, was die Glaubwürdigkeit oder das Verdrehen der Entscheidung, um bestimmte Wahrheiten zu vertuschen, betrifft.

Ich frage mich, ob Ihnen jemals vorgeworfen wurde, pro-arabisch zu sein, weil Sie libanesisch-amerikanischer Abstammung sind?

Ein Mann hat mich gestern gefragt, „Denken Sie, dass ihre Herkunft ihre Ansichten beeinflusst?“ Ich sagte, „Natürlich tut sie das.“ Ich glaube, ich weiß mehr darüber im menschlich-gesellschaftlichen Sinne. Aber wie sieht es mit den Zionisten aus? Haben die eine Herkunft, die ihre Meinung beeinflusst?

Na ja, denken Sie, dass es mit Obama jemals einen echten Wechsel gab in den amerikanischen Beziehungen zu Israel?

Nein, das glaube ich nicht. Das ist alles Fassade. Die Regierung wollte es als persönliche Beleidigung hinstellen, als Biden im Nahen Osten war und Israel all diese neuen Wohnsiedlungen in besetzten Gebieten ausrief, was eindeutig gegen internationales Recht verstößt. Du kannst kein bewohntes Land annektieren, zumindest nicht nach den Genfer Konventionen. Haaretz sagte, es handele sich um 50.000 Wohneinheiten. Na ja, zumindest musste Washington irgendwie reagieren. Aber ich denke nicht, dass das von Dauer sein wird.

Sie denken nicht, dass Obama auf Netanjahu Druck ausüben wird?

Ich glaube, das kann er nicht. Ich habe solche Momente schon erlebt, wo es einen echten Konflikt mit Israel gab. Wie unter Bush 41, als James Baker sagte, „Sie haben meine Nummer, Sie können mich anrufen.“ Sie sagen das, aber dann rudert das Auswärtige Amt und die amerikanischen Beamten immer wieder zurück. Ich meine, sie haben jetzt einen Typen wie Dennis Ross im Weißen Haus, der schon immer ein Teil der israelischen Lobby war. Sie überlassen ihm die Kontrolle über die ganze muslimische Welt.

Gibt es eine Chance dafür, dass dieses Wischi-Waschi-Getue von Obama und den Demokraten sich jemals ändern wird?

Eigentlich muss ich sagen, dass ich glaube, sie fangen endlich an, sich etwas zu trauen. Das tue ich wirklich. Ich glaube, langsam wird hier Mut gezeigt. Sie realisieren, dass es Spaß machen kann, ab und an das Richtige zu tun.

War die Gesundheitsreform das richtige?

Ich glaube, alles ist das Richtige, wenn es Menschen hilft. Ich mochte diese Legislatur nicht besonders, aber ich wollte, dass er etwas bekommt. Ich wollte einen Plan von der Regierung. Medicare für alle. Ich nehme Medicare in Anspruch und ich bin in der Sozialversicherung. Sie funktionieren.

Sie waren dabei, als die beiden ins Leben gerufen wurden.

Ja. 1935 die Sozialversicherung. 1965 Medicare. Ich war in Independence, Missouri als Johnson das Medicare-Gesetzesvorlage unterschrieb und Truman daneben stand. Truman hatte als erster Medicare vorgeschlagen, aber kam nicht damit durch.

Aber Obamas Gesetzesentwurf enthält nicht die Sachen, die Sie aufgelistet haben. Die politische Realität ist nun mal, dass es nicht einfach sein wird, sie nachträglich zu ergänzen.

Das ist Schwachsinn. So lange wir akzeptieren müssen, was sie verabschiedet haben, ist es ein Gerüst. Sie werden Sachen ergänzen aus der Notwendigkeit heraus. Die Sozialversicherung ist ein gutes Beispiel. Am Anfang war sie für die Älteren gedacht, die während der Depression nirgendwo hin konnten. Dann nahmen sie die Waisenkinder mit auf, die Unterstützung brauchten. Dann nahmen sie Behinderte mit auf, die nicht arbeiten konnten. Alles wurde nach und nach erweitert. Und ich denke mit dieser Gesundheitsreform wird es das gleiche sein.

Als Sie in den 30ern von Detroit nach Washington kamen war Roosevelt Präsident. Auch wenn er sehr progressiv war, war Washington immer noch geteilt.

Es war wirklich streng getrennt. Natürlich gab es auch in Detroit Diskriminierung, aber nicht in diesem Ausmaß. Es passierte in Schulen, Restaurants, Kinos oder Hotels. Schwarze konnten nicht mal in eine Snackbar gehen und sich hinsetzen. Sie durften sich eine Tasse Kaffee holen und mussten gehen. Snack Bars!

Auch weibliche Journalisten fielen der Diskriminierung zum Opfer. Konnte Eleanor Roosevelt nichts dagegen tun?

Ich ging nicht zu ihr. Ich war ganz unten auf dem Totempfahl. Aber Eleanor Roosevelt reagierte, indem sie Pressekonferenzen veranstaltete, die sich ausschließlich an weibliche Reporter richteten.

Wow. Das Weiße Haus verteilt sich jetzt viel gleichmäßiger. Es sind, was, so an die 40% Frauen?

Das stimmt. Natürlich haben wir an Macht und Anzahl zugenommen. Der Zweite Weltkrieg war ein Wendepunkt, als sie jeden Mann, der einen Pulsschlag hatte, einzogen. Wenn er atmete, musste er in den Krieg. Und so gelang Frauen der Durchbruch in Berufen, in denen es vorher wenig von ihnen gab. Medizin, Jura, Journalismus und so weiter. Nach dem Krieg hatten die Verleger von Zeitungen kein Gefühl für die wachsenden Leiden unseres Landes. Ich arbeitete für UPI und wir hatten acht Journalistinnen in unserem Büro, die das Auswärtige Amt abdeckten, sowie das Pentagon und Ähnliches, die gefeuert wurden aufgrund der Annahme, dass die jungen Männer, die in den Krieg gezogen waren und meistens über ein Studium verfügten, ihren 24 Dollar-pro-Woche-Job zurückhaben wollen würden. Na ja, das stellte sich jedenfalls als nicht wahr heraus. Sie kamen als Captains, Majors, oder Colonels zurück. Sie wollten einfach nicht in einen Job zurückgehen, bei dem sie so wenig verdienten. Also landeten sie in der Rand Corporation und so weiter. Aufgrund all der High-Tech-Innovationen, die der Krieg mit sich gebracht hatte, wussten sie, dass sie USA wieder obenauf und erfolgreich sein würden.

Also haben sie diese Frauen wieder eingestellt?

Ja. Nicht die Gleichen, ein paar von ihnen. Ich schrieb damals Nachrichten fürs Radio. Ich musste morgens um 5.30 Uhr aufstehen, also wollte kein anderer diesen Job.

Sie wurden Mitglied des White House Press Pool als Kennedy 1960 sein Amt antrat. Worüber hatten Sie in den Jahren davor berichtet?

Manchmal über das Justizministerium. Manchmal den Haushalt, das Gesundheitswesen, Bildung oder die Wohlfahrt. Ich kam ins Weiße Haus von Kennedy, weil ich damals Vorsitzende des Women’s National Press Club war und sich mich damit beauftragt hatten, die frühen Tage der Kennedy-Kampagne zu dokumentieren. Vor allem Jackie. Alle interessierten sich für die Familie. Weißt du, wenn du dem Weißen Haus zugeteilt bist, dann berichtest du über Männer, Frauen, Kinder und Tiere. Vor allem wenn du für eine Nachrichten-Agentur arbeitest.

Das ist alles, was du tust.

Ja. Es wird Body Watch genannt. Als ich erst Mal dort anfing, konnte ich Mitglied der White House Correspondents’ Association werden, deren Gebühren gerade Mal zwei Dollar im Jahr betrugen. Aber als Frau durfte ich nicht an der jährlichen Versammlung teilnehmen, die gleichzeitig ein Dinner in Ehren des Präsident war. Die wenigen Frauen, die aus dem Weißen Hauis berichteten, durften nicht hin, also protestierten wir dagegen. Wir gingen direkt zu Kennedy via Pierre Salinger, seinem Pressesekretär. Wir sagten, „Wir glauben nicht, dass der Präsident zu diesem Dinner gehen sollte, wenn wir nicht hindürfen.“ Er stimmte zu und zum ersten Mal durften wir zu diesem Empfang hingehen.

Grossartig.

Wir hatten das schon mal während der Eisenhower-Regierung versucht, als Chruschtschow in der Stadt war und ein Mittagessen geplant war. Wir sagten, „Wir sollten auch dorthin dürfen. Wir dokumentieren hier Geschichte. Wir denken nicht, dass Sie es im National Press Club abhalten sollten.” Das war der Moment, als Chruschtschow eine Rede vor der Presse halten sollte. Sie stimmten letztendlich zu, zum ersten Mal in der Geschichte 30 Frauen zu erlauben, eine Person von großer Bedeutung im National Press Club zu dokumentieren und mit ihm Mittag zu essen. Ich saß am wichtigsten Tisch, weil ich Vorsitzende des Women’s Press Club war. Das war 1959. Aber es dauerte bis 1971, bis wir voll anerkannte Mitglieder wurden.

1959, war das als Chruschtschow seine Rede hielt …

„Wir werden euch begraben.“ In seiner Rede lobte er alle großartigen Dinge am Kommunismus und er sagte, „Wir werden euch begraben.“ Wir haben sie begraben.

Kennedy war früh dran damit, das Fernsehen zu seinen Gunsten zu nutzen.

Er war der erste, der eine Live-Newskonferenz im Fernsehen abhielt.

Waren Sie dabei?

Ja. Wissen sie, es war lustig. Du kannst 50 Jahre lang für eine Zeitung schreiben und keiner weiß, wer du bist, außer deiner Familie und deinen Freunden. Aber eine Aufnahme im Fernsehen und du bist berühmt. Du läufst die Straße runter und alle erkennen dich.

Ich hoffe, das war OK für Sie.

(lacht) Ja, ich liebe es.

Kennedys Regierung soll auch die erste gewesen sein, die aktiv News Management betrieb.

Oh, nein. Ich meine, das geht zurück bis zu George Washington. Jede Regierung hat versucht, die Nachrichten zu manipulieren. Kennedy war der erste, der dem Ganzen einen Namen gab, aber es lief zu Hochform auf mit Reagan.

Lyndon B. Johnson ist im letzten Jahrzehnt durch verschiedene Biografien immer mehr ins öffentliche Interesse gerückt. Sie haben über seine Vorliebe geschrieben, über jeden in Washington alle möglichen Details zu wissen. Hat er nicht irgendwann mal einen Background Check bei ihnen veranlasst?

Er hatte eine regelrechte Hass-Liebe, was die Presse betraf. Er kannte mich schon ewig—aus den Zeiten, als er Kongressabgeordneter war, auch wenn ich zu dieser Zeit nicht oft über ihn berichtet habe. Vielleicht hat er so einen Background-Check gemacht, keine Ahnung. Das einzige, das ich weiß, ist, dass er sehr gut über alle Bescheid wusste und alles wissen wollte. Er arbeitete 14 Stunden am Tag, mit einer Siesta mittendrin. Alle seine Mitarbeiter waren komplett ausgebrannt.

Sie sind mit Nixon nach China gereist. Es wird erzählt, das habe ihn verändert.

Ich glaube, er wusste, dass er Geschichte schrieb und einen großen Schritt machte. Aber er war die ganze Zeit während seiner Amtspause zwischen 1960 und 1968 gereist, bevor er als Präsident kandidierte. In dieser Zeit hatte er gelernt, dass der Kommunismus nicht monolithisch ist. Er zog von Land zu Land, genoss wie gastfreundlichen Empfänge, aber seine Philosophie blieb weiterhin „teilen und besiegen“. Das änderte sich nie. Die Chinesen und Sowjets hatten tausende von Truppen an der Grenze und sie alle hassten einander. Also spielte er sie gegeneinander aus.

Gibt es eine universelle Wahrheit, die auf alle Präsidenten zutrifft, die sie aus dieser direkten Nähe miterlebt haben?

Es gibt so etwas wie einen „Fertigpräsidenten“ einfach nicht. Die besten von ihnen lernen in der Praxis und zwar schnell. Kennedy tat das, von der Schweinebucht bis zur Cuban Missile Crisis. Sowohl er, als auch Chruschtschow hatten Nuklear-Arsenale, die die Menschheit hätten ausrotten können. Aber sie waren beide im Krieg und hatten ein gutes Verständnis der Menschheit und deshalb scheuten sie vor dem Einsatz von Nuklearwaffen zurück. Sie waren Männer des Friedens. Chruschtschow verlor kurz darauf seinen Posten. Aber sie waren beide mutig genug gewesen, um Feiglinge zu sein.

Welcher Präsident hat am besten seine Überzeugungen mit seinen Handlungen vereint?

Kennedy und Johnson. Und Carter. Johnson hat Roosevelt beobachtet. Er hatte große Ideale. The Great Society war großartig im Sinne davon, dass wir aus der Depression lernten und das Leid der Menschen verstanden. Kennedy lernte aus dem Krieg und war jemand, der Europa kannte. Ich denke, sie waren beide auf ihre Art und Weise großartig. Johnson machte einen schrecklichen Fehler mit Vietnam und das kostete ihn seinen Job. Aber er war wunderbar auf nationaler Ebene. Ich weiß, dass er viel von seiner Glaubwürdigkeit eingebüßt hat, aber er kam immer noch ehrlich rüber. Er führte uns durch die Gegend im Süden das Weißen Hauses—die Gegend, die wir Bataan Death Marches nannten—und er legte seinen Schutz ab und erzählte uns von Vietnam. Er fühlte sich eingekesselt. Ich glaube, wir haben von ihn eine Menge gelernt. Wir haben den Schmerz der Präsidentschaft kennen gelernt.

INTERVIEW VON STEVE LAFRENIERE

FOTOS VON RICHARD KERN

INTERVIEW REDIGIERT VON JESSE PEARSON

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