HIVtler

Hitler und Aids. Zwei Dinge, die sofort einen Haufen Meinungen und Arschlöcher generieren. Nach der Veröffentlichung der neuen Kampagne des Regenbogen e.V.s (diesem geschmackvollen Meisterwerk, in dem Aids durch den Führer personifiziert rumvögelt) und der Presseorgie von gestern fühlte sich der Regenbogen e.V. gezwungen, heute eine Pressekonferenz vor dem Preussenschloß in Charlottenburg abzuhalten. Und wie immer, wenn Hitler für Werbezwecke zombiehaft durch die Medien gejagt wird, wurde alles noch viel schlimmer.

Natürlich wollten wir mit den Machern des Hitlerpornos über ihre kruden Gedanken sprechen, doch auf Anfrage wurde wir zuerst mit billigen Pressematerialien vertröstet und bei weiterem Insistieren mit einem netten Zweizeiler direkt an den Verein Regenbogen e.V. und die Pressekonferenz weiterverwiesen. Die Prügel, die gestern ausgeteilt wurden, waren wohl noch in frischer Erinnerung.
Nach dem Medienspektakel des gestrigen Tages erwartete ich, dass sich vor dem Schloß in Charlottenburg tumultartige Szenen ereignen würden. Schlagt im Geschichtsbuch unter „Sturm auf die Tuilerien” nach und ihr habt eine vage Vorstellung, welches Bild mir vor Augen schwebte. Doch nein, nichts, gähnende Leere. Nur die Streber von Reuthers waren schon vor Ort und drückten sich wie die Zuhälter der modernen Medien im einzigen Schatten weit und breit umher.

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Nach und nach tröpfelte dann der Rest der immergleichen Mischpoke auf dem sengend heißen Platz ein. Der Reihe nach konnte ich AP, Bild und RTL identifizieren, die sich über das, was nun kommen sollte, ereifern würden.

Heiko Schüßling, der Vorsitzende des Regenbogen e.V. und Thomas, dessen Nachname unbekannt blieb und der den obligatorischen Quotenschwulen mimen durfte, trafen schließlich ein. Auf die erste Frage, wie denn die Idee zu dem HitlerAids Machwerk überhaupt entstanden sei, wurde auch sofort losgestammelt. Die ewiggleiche Litanei der Werbung: „Schockieren, Dramatisieren, Aufwecken, Polarisieren, Aufmerksamkeit erregen.” wurde abgefeiert.

Auf die Frage nach der Kritik der Deutschen Aidshilfe und der Forderung der selbigen, den Beitrag sofort einzustellen, zog Heiko sein Ass aus dem Ärmel und drückte Thomas vor die Kamera. Etwas verunsichert begann dieser nun davon zu erzählen, dass er nie Aids bekommen hätte und sicher häufiger Kondome benutzt hätte, wenn er auf ähnlich drastische Art und Weise damals daran erinnert worden wäre. Mich blendete in diesem Moment die Sonne, so dass ich meine Augen zusammenkneifen musste. Etwas, dass mir wahrscheinlich als kritischer Blick ausgelegt wurde.


Die nächste Frage bezog sich auf die vielen HIV-infizierten, die durch den Spot das Gefühl haben, mit Hitler gleichgesetzt zu werden, woraufhin Heiko, ganz der Medienprofi, der er war, diese Personen als „solche Menschen” bezeichnete, die „man nicht in diesen Zusammenhang bringen will. Man wollte die tödliche Krankheit mit Hitler vergleichen”. Mich blendete erneut die Sonne.

Auf die Frage, wer denn den Spot denn nun gut finden würde, wurden E-Mails aufgeführt, viele E-Mails, vor allem von jungen Leuten, wie gesagt wurde und die fänden den Spot gut, ja sogar sehr gut, da darin „Sex und etwas Schockierendes vorkommt”, dabei wurde auch geklärt, dass noch nicht geklärt ist, ob, wo, wann und ob der Spot überhaupt gezeigt werden wird, doch die Presseresonanz ja bereits sehr gut sei. Ich hatte in diesem Moment meine Sonnenbrille wieder aufgesetzt.

Die Reporter wurden unruhig und insistierten weiter. Die Kritik des Zentralrates der Juden und vieler Holocaustüberlebender, die sich ebenfalls durch diesen Analogie angegriffen und herabgesetzt fühlten, wurde nun zur Sprache gebracht, aber nicht zum Thema gemacht. Ein mehrfaches „kein Kommentar”, erübrigte weiteres Nachfragen. „Man wolle nicht in diesen Zusammenhang gebracht werden”. Aber um Gotteswillen, in welchen Zusammenhang den nun? „Kein Kommentar”. Ich sah betreten zu Boden.

Irgendwann war ich an der Reihe, blickte Heiko direkt an und stellte meine Frage: „warum sie denn diese drei Diktatoren auserwählt hätten und vollkommen unterschlagen, dass AIDS ein viel größeres Thema in Afrika sei, so dass man doch auch Robert Mugabe der Idi Amin hätte auswählen können, ja, hätte müssen um auf diesen Misstand hinzuweisen.” Heiko wurde wieder Profi und begann über „kreative Fragen” zu sinnieren, „deren Entscheidung bei der Werbeagentur getroffen worden waren, man hätte sich dem, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen angeschlossen.” Da ich noch immer meine Sonnenbrille trug, wurde es ihnen dann wohl doch zu heikel und Thomas fasste Heiko zärtlich am Arm, um ihn darauf hinzuweisen, dass er nun keine Fragen mehr beantworten sollte. Ich kam also leider nicht dazu, meine abschließende Frage zu stellen, ob man T-Shirts in dieser wunderbar feinfühligen, kontextfreien Farbgebung irgendwo als Merchandise beziehen kön
ne.

Felix Nicklas

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