Foto: Thomas von Wittich
Obwohl er erst 22 ist, kann man Jonwayne bereits als ziemlich legendär bezeichnen. Denn um ihn kreisen einige künstlerische Institutionen. Buchstäblich angefangen bei seinem Namen Jonwayne, der tatsächlich eine Verbindung zur Schauspiellegende JOHN WAYNE hat, aber das erklärt er euch gleich selbst. Dann ist der Rapper/Produzent beim legendären Stones Throw-Label unter Vertrag, was an für sich eines genaueren Hinhörens bedarf. Vor fünf Jahren, also als Teenager, legte er als Produzent bei der legendären Low End Theory im Airliner in L.A. mit Leuten wie Flying Lotus und Nosaj Thing auf. Das LET gilt heute als Geburtsstätte des neuen Instrumental HipHops. Um die Legendenbildung komplett zu machen, muss man nur Jons Stimme lauschen, und man denkt, der große Notorious B.I.G. höchstpersönlich würde uns aus den Lautsprechern anbellen.
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Legenden dies, das. Am Ende zählt aber immer noch die Musik. Kurz vor Jahresschluss hat uns Jonwayne mit seinem Debüt Rap Album One das vielleicht beste Rapper/Produzenten-Album 2013 geschenkt und uns auf eine hypnotische Reise von Soundspielereien mitgenommen und uns in einen herrlich gelangweilten Von-Oben-Herab-Flow eingedeckt. Ob dieses vielversprechende Debüt zum eigenen L…-Status führt, wird die Zeit zeigen. Wir haben ihn schon mal vorsorglich interviewt, um später damit angeben zu können.
Noisey: Also, John Wayne hat seinen Namen von deiner Familie geklaut, habe ich das richtig verstanden?
Jonwayne: Nein, ganz so war es auch nicht. Der Schauspieler hieß ursprünglich Marion Morrison, was nicht gerade ein schmeichelhafter Name ist. Als er einen seiner ersten Filme drehte, meinte der Regisseur , dass niemand diesen Film sehen wollte, wenn der Hauptdarsteller Marion Morrison heißt. Also suchte der Regisseur nach einem neuen Namen und kam auf einen amerikanischen General im Britisch-Amerikanischen Krieg, Anthony Wayne. Sie wollten den Namen für den Schauspieler benutzen und änderten ihn zu John, weil Anthony ihnen zu italienisch klang. Zufälliger war Anthony mein Groß-Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel und mein Name ist Jonathan Wayne. Damit bin ich also mehr John Wayne als der Schauspieler.
Hast du schon mal drüber nachgedacht, dir einen anderen Rapper-Namen anzulegen?
Niemals! Weil—scheiß auf ihn! Ich wurde schon als Kind Jonwayne genannt. Ich würde mich selbst und meine Philosophie nicht respektieren, wenn ich mich für irgendwen anderes ändern würde.
Auf deiner Facebook-Seite steht: „I’m a rapper and producer, and I refuse to give up on either“. Wurdest du mal damit konfrontiert, eine der beiden Disziplinen aufzugeben?
Nicht mehr. Als ich anfing, haben die Leute nicht verstanden, wo ich reinpasse. Und ich auch nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich ein Zuhause hatte. In der Zeit erzählte man mir die ganze Zeit, dass ich nur Rappen oder nur Beats machen sollte. Ich wollte einfach einen Weg finden, wie ich beides zur selben Zeit machen konnte, und als ich das schrieb, hatte ich Probleme mit anderen, die mich immer nur von einer Sache überzeugen wollten.
Was ist die größte Schwierigkeit eines Rapper/Produzenten, der beides macht?
Die größte Schwierigkeit ist es, anderen zu erklären, dass, nur weil du beides machst, es nicht heißt, dass du in einem davon scheiße bist. Ich glaube sogar es hilft, wenn man beides macht. Du kennst beide Seiten der Medaille und verstehst die ganze Geschichte hinter Rap. Ein Produzent, der rappt, hat auch ein Ohr dafür, worauf ein Rapper rappen will.
Ich glaube, vor allem große Produzenten vergessen manchmal, dass sie für andere produzieren und versuchen ihren Trademark-Sound in jedem Song durchzudrücken.
Stimmt, denn nicht jeder Beat, der gut ist, muss auch ein guter Rapbeat sein. Es gibt großartige Beats, die versaut werden, wenn du einen schlechten Rapper oder überhaupt einen Rapper drauf tust. Andersherum kann ein Rapper, der auch produziert, einen Beat hören und weiß, wie er rappen muss, damit sich der Song gut anhört. Ich finde, jeder MC sollte auch Beats machen und jeder Produzent mal rappen, auch wenn sie es nicht rausbringen, nur um Musik besser zu verstehen. Ich arbeite auch nicht mit Rappern, die nicht selbst produzieren.

Jonwayne braucht keine Schuhe, um Interviews zu führen, von aufrechtem Sitzen gar nicht erst zu reden. Foto: Thomas von Wittich
Weil sie es nicht verstehen?
Genau. Ich habe immer das Gefühl, dass ein Rapper, der keine Beats macht, dich nicht respektiert. Er versteht einfach nicht, was man alles reinstecken muss, um einen guten Beat zu machen. Er will dir im Produktionsprozess eine Richtung geben, aber weiß nicht, wovon er wirklich spricht. „Mach es einfach besser“, kommt dann. Fuck that! Du musst auch mit der Logistik vertraut sein.
Mich nimmt Rap Album One mit auf einen hypnotischen Trip. Das funktioniert aber nur, weil die Produktion, der Flow und die Lyrics ein rundes Gesamtkonzept bilden.
Danke dafür. Als Rapper/Produzent habe ich ja das Glück, dass ich nicht auf andere angewiesen bin, um ein bestimmtes Gefühl für mich zu erzeugen.
In deinem Song „You Can Love Me When I’m Dead“ rappst du „My style has no father“. Ist das eine Anspielung auf Ol’ Dirty Bastard? Sonst wäre die Line ziemlich mutig.
(lacht) Ehrlich gesagt, wollte ich einfach nur davor Maury Pauvich (amerikanischer Talkmaster, ihr wisst schon, der mit den prügelnden Dicken auf der Bühne; Anm. d. Red.) in einem Song rappen. Natürlich habe ich auch Einflüsse und leihe mir viel von anderen. Selbst ODB hat sich von Leuten in seinem Umfeld oder von vom geschriebenem und gesprochenen Wort inspirieren lassen. Jeder macht das. Es gibt keine Bewegung, die komplett losgelöst von ihrem Umfeld ist.
Vor allem heutzutage habe ich das Gefühl, dass es hauptsächlich darum geht, verschiedene Genres zu kombinieren. Ich glaube, nicht dass etwas komplett neu erfunden werden kann.
Das muss ja nicht heißen, dass es nicht fresh klingen kann. Wenn man die Vergangenheit nimmt und es in ein neues Umfeld begibt, kann man ein völlig neues Licht drauf scheinen lassen. Als ich zum ersten Mal James Blake gehört habe, hat mich das umgehauen, weil ich die Kombination aus Klassik und Jazz-Elementen in einem elektronischen Gewand auf diese Art noch nicht gehört habe.
Du bist bei Stones Throw gesignt. Wie ist es für dich als Künstler, bei einem Label zu sein, dass seine Musiker nicht in den Mainstream zwingt?
Seit ich Musik mache, wollte ich immer ein Teil von Stones Throw sein. Jaylib und Madvillian hatten einen riesigen Einfluss auf mich. Jetzt Jahre später auf diesem Label mit einem solchen Vermächtnis unter Vertrag zu sein ist ziemlich verrückt für mich. Ich glaube aber nicht, dass das Label sich dem Mainstream entziehen will. Schau dir Aloe Blacc an, schau dir Mayer Hawthorne an. Nur weil sie Sachen alleine auf ihre Weise machen, heißt es nicht, dass sie die Opposition zum Mainstream sind. Sie sind einfach aufgeschlossen und wollen gute Musik rausbringen.
Ist es für dich als Künstler schwierig bei einem solch legendären Label unter Vertrag zu sein, weil man immer dem Hype gerecht werden muss?
Ja, es ist schon eine Herausforderung, aber ich nehme die an. Es bringt die Leute dazu, zuzuhören. Auch wenn manche sagen, dass ich kein MF Doom oder Madlib bin und nichts von mir wissen wollen. Ich mag es, wenn die Leute mich haten. Liebe und Hass sind Ableitungen aus dem gleichen Teil des Gehirn. Das bedeutet, wenn du mich hasst, bist du ziemlich nah dran mich zu lieben. Egal, was es ist, ich will dir nur nicht egal sein.
Nach zwanzig Minuten Interview kann ich bestätigen: Du klingst echt wie Biggie.
(lacht) Ich habe von vielen Leuten gehört, dass ich wie Action Bronson klingen soll. Ich denke mir dann: Wascht eure Ohren! Aber Biggie ist für mich ein großes Vorbild. Die Botschaft und die Stimme ist wohl das, was uns verbindet. Doch er war immer ein großer Storyteller und hat viel über marterielle Dinge gerappt, was beides bei mir nicht so der Fall war. Aber den Vergleich mit Biggie höre ich so oft, dass ich denke, dass wahrscheinlich was dran sein muss.
Es gibt wohl schlimmeres, als mit den Größten im Game verglichen zu werden.
Ein Vergleich mit Biggie? Scheiße, das nehme ich!
Jonwayne’s Rap Album One ist bei Stones Throw erschienen, kauft es bei Amazon oder iTunes.
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