Haben Polizisten eine Schlägerei provoziert?

Verweigerte Klogänge, Tritte und Schläge: Eine Ultragruppe aus Ingolstadt erhebt schwere Vorwürfe gegen die bayerische Polizei.

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Aug. 28 2017, 2:32pm

Das bayerische USK bei einem Fanmarsch in Nürnberg. (Foto: imago | Zink)

Sonntag, 20. August, zweite Fußball-Bundesliga. Der SSV Jahn Regensburg gastiert knapp 100 Kilometer die Donau hoch beim FC Ingolstadt. Ein Derby, auf das aktive Fußballfans warten wie andere auf Weihnachten. Die Polizei hingegen fürchtet bei solchen Spielen gewaltsame Auseinandersetzungen. Etwa 300 Regensburger Fans laufen gegen 11 Uhr unter Aufsicht der Polizei vom Hauptbahnhof Ingolstadt in einem Fanmarsch Richtung Stadion. Währenddessen treffen sich Teile der aktiven Fanszene des FCI in einem Ingolstädter Park. Was dann geschieht, darüber gehen die Geschichten aller Beteiligten weit auseinander.

Die Ingolstädter Ultragruppe "Supporters Ingolstadt" erhebt in einer Stellungnahme schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Auf dem Weg zu einer Bushaltestelle, von der die Fans zum Stadion fahren wollten, sollen zwei zivile Polizisten die Gruppe erst angestachelt haben, um sie dann festzunehmen. "So kamen plötzlich zwei unbekannte Personen mit Teleskopschlagstock bewaffnet auf uns zugerannt und versuchten, uns mit ganz deutlichen Gewaltaufforderungen zu provozieren", schreibt die Ultragruppe. "Dabei fielen Aussagen wie 'Traut euch doch!', 'Stellt euch, ihr Wichser!' oder 'Auf geht's, Jungs! Heut gibt's richtig aufs Maul."

Es kam zu einem "Durcheinander" – bei dem es laut Ingolstädter Fans aber "zu keinerlei körperlicher Gewalt" gekommen sein soll. Gewalt ging laut ihnen aber vom angerückten Unterstützungskommando (USK) der bayerischen Polizei aus. "Tritte und Schläge gegen sich widerstandslos festnehmen lassende Personen gab es genug, wobei es bei unseren Mitgliedern zu einigen Verletzungen kam, die im Nachgang auch ärztlich bestätigt und dokumentiert wurden", so die Fans.

Laut Aussagen der "Supporters Ingolstadt" sollen die beim Verein angestellten Fanbetreuer ebenfalls provoziert und sogar tätlich angegangen worden sein – ebenfalls von den zwei mutmaßlichen zivilen USK-Beamten. "Der Fanbetreuung wurde nach erfolgloser Provokation der Dienstausweis gezeigt", erklärte ein Mitglied der "Supporters Ingolstadt" auf Nachfrage von VICE. Weitere Informationen wolle die Gruppe nicht geben. "Wir wollen uns momentan nicht weiter dazu äußern, weil wir das juristisch prüfen", erklärte ein anders Mitglied der Gruppe. Auch der FC Ingolstadt wollte sich nicht zu den Vorkommnissen äußern.

Toilettengänge verweigert und Handys beschlagnahmt

Die Liste der Vorwürfe der "Supporters Ingolstadt" gegen die Polizei ist lang: Die Beamten hätten alle Mobiltelefone beschlagnahmt, einige Fans mussten "gut 90 Minuten auf dem Bauch und gefesselt in der prallen Sonne liegen" und ihnen sollen "über mehrere Stunden" sowohl Wasser als auch Toilettengänge verweigert worden sein. Die 90 Minuten Fußball verpassten die Fans natürlich auch. Was aber alles überstrahlt, ist der Vorwurf, dass zwei Zivilbeamte des USKs als Provokateure erst alles losgetreten haben sollen.

Im Polizeibericht heißt es, dass "mehrere Polizeibeamte von den Ingolstädter Fans unter anderem durch Flaschenwürfe körperlich angegriffen" wurden und ein Beamter verletzt worden sein soll. 46 Personen aus der Ingolstädter Fanszene wurden festgenommen, um Auseinandersetzungen zu verhindern, so die Polizei. Die Ingolstädter Fans entgegnen, dass sie schon festgesetzt waren, als der Regensburger Zug am Hauptbahnhof ankam. Bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei, der das USK unterstellt ist, wollte man sich nicht äußern. "Die Polizeidirektion Oberbayern Nord in Ingolstadt übernimmt die Pressearbeit", erklärte ein Sprecher der Bayerischen Bereitschaftspolizei auf Nachfrage. "Aber so viel sei schonmal gesagt: Unsere Polizeitaktik werden wir sowieso nicht preisgeben."


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Die Polizei Ingolstadt erklärte, dass sie über die Vorwürfe erst über das öffentliche Schreiben der Gruppe in Kenntnis gesetzt worden und bisher keine Anzeige eingegangen sei. Es könne sein, dass Handy beschlagnahmt wurden, "doch zu einem laufenden Ermittlungsverfahren wollen wir nichts sagen", so ein Sprecher der Polizei Ingolstadt auf Nachfrage. Auch er wollte das taktische Vorgehen am Derby-Sonntag nicht kommentieren. "Zur Einsatztaktik geben wir grundsätzlich keine Details, aber eine gezielte Provokation gehört sicherlich nicht dazu", so der Sprecher. "Ich gehe davon aus, dass die Kollegen korrekt vorgegangen sind, aber wenn sich etwas anderes herausstellen sollte, gibt es auch Konsequenzen." Der Beamte bestätigte auch, dass das USK mit Zivilbeamten vor Ort war.

Was am Donau-Derby-Sonntag zwischen dem USK und den Ingolstädter Fans vorgefallen ist, ist von außen schwer nachzuvollziehen. Die Puzzleteile zwei verschiedener Bilder liegen auf einem Haufen und mögen einfach nicht zueinander passen. Die Fans sehen sich als Opfer der Polizei, sie hätten "am gesamten Tag keine einzige Straftat begangen". Die Taktik der Polizei sei "Schikane", es sei ein Grund für eine Festnahme gesucht worden. "Wir können uns dies nur so erklären, dass wir an diesem Tag als Versuchsexperiment des USK Dachau dienen sollten", so die Supporters Ingolstadt.

Provokation durch Zivilbeamte ist rechtswidrig

Aber – falls an den Vorwürfen etwas dran sein sollte – darf die Polizei überhaupt zivile Beamte zur Provokation von Straftaten einsetzen? "Eine rechtswidrige Tatprovokation ist als Verfahrenshindernis anzusehen", sagt dazu Andreas Hüttl, Strafverteidiger aus Hannover und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte. "Das heißt, etwaig daraufhin begangene Taten können nicht bestraft werden." Erst im Jahr 2015 entschied der Bundesgerichtshof, dass verdeckte Ermittler keine Straftaten provozieren dürfen, weil das gegen die deutsche Verfassung verstößt. "Davon ausgehend, dass das auch dem USK bekannt sein sollte, stellt sich die Frage, was mit diesem Handeln erreicht werden sollte", fragt sich Hüttl.

Was fest steht: Gegen die insgesamt 46 festgenommenen Personen aus der Ingolstädter Fanszene wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, unter anderem wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs. "Es bleibt abzuwarten, wie die Staatsanwaltschaft den Vorwurf des Landfriedensbruchs rechtfertigen will", heißt es von den Supporters Ingolstadt.

Die Fans wollen nun vor Gericht ziehen und sich gegen das Vorgehen der Polizei wehren. "Es bleibt uns wohl nichts Anderes übrig, als rechtliche Schritte gegen das absolut inakzeptable und geisteskranke Vorgehen der beiden USK-Zivilbeamten einzuleiten", heißt es in ihrem Statement. Das Bildnis des Puzzles könnte so bestenfalls etwas erkennbarer werden.

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