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In dem Vorraum saß dazu noch eine Familie mit einem Kleinkind von vielleicht zwei Jahren, das quengelte und weinte. Keiner traute sich zu sprechen. Aus dem gleichen Flugzeug, mit dem ich gekommen war, wurde auch eine dürre etwa 70-jährige britische Frau herausgezogen. Ich hatte mich mit ihr im Flugzeug kurz unterhalten. Sie wollte ihre Tochter besuchen. „WHY ARE YOU VISITING YOUR DAUGHTER?", ging sie James B., der Grenzbeamte, der später auch mich befragen sollte, harsch an.Meinen Anschlussflug zu verpassen, war während der ersten halben Stunde, in der ich warten musste, noch meine größte Sorge. Ich wollte meine Freundin in L.A. auf keinen Fall unnötig warten lassen. Zumal es ihr erster Besuch in den USA war und unser Hotel weit weg vom Flughafen lag.Der Grenzbeamte James, der auf seinem Unterarm ein hässliches Totenkopftattoo hatte, rief mich an den Schalter. Er fragte, warum ich in die Vereinigten Staaten komme. Ich antwortete ihm ähnlich wie zuvor schon seinem Kollegen, dass ich erst mit meiner Freundin durch Kalifornien reisen will und später alleine durch die Südstaaten. Wofür ich die Gitarre dabei habe, möchte er wissen. Darauf antwortete ich ihm, dass ich primär aufnehmen will, dafür auch Equipment dabei habe, und eben ein paar kleine Shows spielen möchte.
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Als ich ihn darauf hinwies, dass meine Freundin sich Sorgen macht, wenn sie stundenlang auf mich warten müsste, fragte James: „IS YOUR GIRLFRIEND AMERICAN?" Worauf ich ihm antwortete, dass ich ihm bereits erklärt habe, dass sie Deutsche ist.Dann kam das offizielle Verhör. James stellte mir alle möglichen Fragen und tippte ungeschickt und sichtlich zu wenig mit. Wie dumm er eigentlich war, fiel mir auf, als er mich ernsthaft fragte, ob ich „Full-Time"- oder „Part-Time"-Musiker sei. Ich hatte davor bereits mehrfach ausgesagt, dass ich Hobbymusiker bin und kein Geld mit meiner Musik verdiene.Das Beste am offiziellen Verhör aber war—und noch immer wusste ich nicht, was mit mir passieren wird—, dass nach etwa zehn Minuten eine seiner Kolleginnen in den Raum kam und James dazu aufforderte, sich zu beeilen. Er habe nur noch etwa fünf Minuten Zeit, das Verhör zu beenden. James fragte daraufhin immer schneller und tippte immer ungenauer mit. Am Schluss gab er mir das Protokoll, das ich ungelesen unterschreiben musste. Ebenso musste ich eine Erklärung unterschreiben, auf der stand, dass ich das Protokoll gelesen hatte und damit einverstanden war. „Go quick, go quick!"
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Ich rief meine Freundin schnell via Skype an. Sie war mittlerweile in unserem Hotel in L.A. Dort war es circa 4 Uhr früh. Sie brach sofort in Tränen aus und hatte panische Angst. Sie wusste nicht, was jetzt passieren würde. Ich versuchte, sie zu beruhigen, und buchte noch am Flughafen Amsterdam einen Rückflug für sie. Nach fast 40 Stunden ohne Schlaf kam ich in London an. Von dort aus buchte ich erst mal einen Flug nach Deutschland, um meine Familie zu sehen.Für mich bedeutet der Vorfall, dass ich erstmal nicht mehr in die USA einreisen darf und auch meine Tante dort nicht besuchen kann. Nur wenn ich ein sogenanntes B-Visum bekomme, darf ich wieder rein. Diese sind aber äußerst schwierig zu bekommen.Auch mein Vorhaben, in den USA einen PhD zu machen, kann ich vergessen. Ich werde auch als junger Akademiker nicht mehr an Konferenzen dort teilnehmen können, wie ich das 2011 in Boston getan hatte.Mir wird jedes mal übel, wenn ich Menschen in Uniform sehe. Als ich vor zwei Wochen von München zurück nach London flog, brach mir im Flughafen der kalte Angstschweiß aus. Ich glaubte, Polizisten oder Airlineangestellte könnten mich jederzeit grundlos in ein Hinterzimmer ziehen und mich irgendeiner Sache beschuldigen. Doch die deutschen Grenz- und Sicherheitsbeamten grüßten mich zum Glück nur freundlich auf Bayerisch und wünschten mir einen guten Flug.Es gibt kaum ein Land, das mich von Kindheit an so fasziniert hat wie die USA und nach dem ich solch eine Sehnsucht hatte. Was mir bleibt, sind meine Erinnerungen und die Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten von Amerika irgendwann wieder weniger ängstlich mit seinen Gästen umgehen. Und ich bin anscheinend nicht der Einzige.
