Wenn du nicht gerade die letzten zehn Jahre in einer Höhle verbracht hast, weißt du, dass China die Welt regiert. Sicher, die USA denken gerne, sie wären die wichtigste Weltwirtschaftsmacht, aber wir alle wissen, wo all die iPhones und Playstations produziert werden. In den letzten Jahrzehnten hat sich China als Weltmacht etabliert und damit einher gehen ein wachsender Bedarf an Energie und Rohstoffen—eine Abhängigkeit, die nicht nur hohe Auslandsinvestitionen sowohl in ferne Länder wie Brasilien und Angola verlangt, als auch in geografisch nahe gelegene Regionen wie Myanmar.
Myanmar ist das kleine, unterentwickelte, ethnisch zersplitterte und durch Krieg zerrissene süd-östliche Nachbarland von China, das seine Unabhängigkeit von Großbritannien 1948 erlangte. Für die Länder, die sich weigern, die Militärregierung des Landes anzuerkennen ist es auch als Burma bekannt. Myanmar ist nun im Windschatten Chinas auch im Zeitalter des wirtschaftlichen Aufschwungs angekommen. Doch wie dem auch sei, das alles könnte sich nach einer Ankündigungen der neuen, eher demokratisch erscheinenden Regierung Myanmars nun ändern. Thein Sein, der Präsident Myanmars, unternahm vor wenigen Tagen eine beispiellose Maßnahme, um den Bau des 3,6 Milliarden teuren Myitsone-Damms zu stoppen, der an der Nordostgrenze Chinas verläuft.
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Das ist nicht nur eine riesige Überraschung für China, da Myanmar eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt ist (die Weltgesundheitsorganisation setzte das Gesundheitssystem an die 190. Stelle, aka. den letzten Platz) und von chinesischen Investitionen abhängt. Aber es ist zugleich auch eine große Überraschung für Myanmar selbst und den Rest der Welt, dass President Sein überhaupt an der Macht ist, obwohl die Wahl von 2010 angeblich manipuliert wurde und nachdem Myanmar seit seiner Unabhängigkeit jahrelang von einer der „grausamsten Diktaturen“ der Welt regiert wurde.
Seins Schritt ist nun aus vielen Gründen bemerkenswert. Zum einen, weil China Myanmars größter Investor ist und der Damm tausende Arbeitsplätze schaffen würde, zum anderen da China der Hauptabnehmer der im Kraftwerk produzierten Elektrizität wäre. 2010 investierte China über 8 Milliarden Dollar in das Land. Man kann sich die Situation nun ungefähr so vorstellen: Wenn du eine ältere Schwester oder einen Bruder hast, der größer und cholerischer ist als du und dazu noch fragwürdige Moralvorstellungen hat (tut mir leid, kleine Schwester), weißt du, wie schwer es ist, gegen so was anzukommen. Besonders nicht, wenn der andere fast 14 Mal so groß und fast 163 Mal reicher ist, und wütend neben dir steht.
Wie auch immer, der bemerkenswerteste Aspekt dieser Entscheidung sind die Auswirkungen auf das Volk Myanmars. President Seins Begründung für den Baustopp ist einfach, dass es „gegen den Willen der Menschen geschieht.“ Ich weiß, komisch, oder? Myanmar ist ein Land, in dem konstant die Menschenrechte verletzt wurden. Von Kinderarbeit, über Menschenhandel und Einschränkung der Redefreiheit, bis zur „schlimmsten Diktatur der Welt“, ist alles dabei. Außerdem ist es der Schauplatz des ältesten, andauernden Krieges weltweit. HURRA! Fortschritt!
Ihr könntet euch nun fragen, warum genau der Bau des Myitsone Damms „gegen den Willen der Menschen“ ist. Nun, abgesehen von den unzähligen negativen Auswirkungen auf die Natur, würde der Damm beinahe eine Fläche in der Größe von Singapur überfluten und über 10.000 Menschen zwingen, ihr Land zu verlassen. Um das ganze noch zu toppen: Das ist nur einer von sieben Dämmen, den China am Fluss Irrawaddy, entlang der Grenze bauen will. Diese Tatsache allein führte zu Kämpfen zwischen den chinesischen Regierungstruppen und der Kachin Independence Organization (einer militärischen Gruppierung von Menschen, die von ihrem Land vertrieben wurden) eigentlich nur ein unnötiger, zusätzlicher Konflikt in einem Land, das sich seit 1948 im Krieg mit sich selbst befindet. Neben der Angst vor Umweltzerstörung, drohendem Eigentumsverlust, und einer zusätzlichen Befeuerung des Bürgerkriegs, kommt nun die Angst dazu, de facto zu einer chinesischen Provinz zu werden, wenn man bedenkt, dass rund zwei Millionen Chinesen in das Land eingewandert sind (wobei man anmerken muss, dass Myanmar selbst 53 Millionen Einwohner hat).
Zur Zeit sieht es so aus, als versuchten Präsident Sein und Myanmar Unterstützung aus dem Westen zu bekommen. Und vielleicht sollten wir Myanmar helfen. Die Regierung scheint dem Volk zuzuhören und das Beste für sie zu wollen. Eine Einstellung, von der China und die USA lernen sollten.
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