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Musik

Lebenshilfe mit Brutalorap

Kulturell ist einiges passiert in letzter Zeit. Die landscape artists von BP arbeiten unter Hochdruck an der Umgestaltung des Golfs von Mexiko in elegantem Schwarz, und Stefan Raab hat nach den Ölapalöma Boys schon wieder jemand mit...

von MALTE BORGMANN
05 Juli 2010, 1:13pm

Kulturell ist einiges passiert in letzter Zeit. Die landscape artists von BP arbeiten unter Hochdruck an der Umgestaltung des Golfs von Mexiko in elegantem Schwarz, und Stefan Raab hat nach den Ölapalöma Boys schon wieder jemand mit komischem englischen Akzent zum Star gemacht. Trotzdem bin ich nachgerade empört über die Vertreter der deutschen Medienlandschaft, dass sie es nicht für nötig hielten, auch nur mit einem Sterbenswörtchen auf die Veröffentlichung des Brutos Brutaloz Untergrund Free Download Albums hinzuweisen.

Nicht nur ist Brutos Brutaloz einer meiner absoluten Lieblingsrapper, er ist eine der letzten verbliebenen Hoffnungen für den Deutschen Gangsterrap im Allgemeinen und den Berliner Gangsterrap im Speziellen. Da ich mein alltägliches Umfeld ungefähr seit Ewigkeiten mit seinen Tracks und funky Reimen belästige, fällt es mir schwer zu glauben, dass irgendjemand noch nicht von Brutos Brutaloz gehört haben sollte, aber für den Fall, dass du die letzten 2 Jahre hinter dem Mond gelebt hast, werde ich versuchen meine Begeisterung in Worte zu fassen, und das Phänomen Brutos zu beschreiben.

Brutos ist der Dopinghustler aus Lichterfelde im Süden Berlins. Er vertritt die im deutschen Hip Hop bislang unterrepräsentierte Minderheit der Deutschrussen, und er ist so fucking real, dass es unmöglich ist, dafür einen bildlichen Vergleich zu finden. Brutos erzählt Geschichten aus seinem Leben, traurige Geschichten witzig verpackt, mit einem thematischen Schwerpunkt auf dem Verkauf und Konsum anaboler Steroide. Seine Lieder handeln davon, wie er Drogen dealt, Leute mit Testo vollpumpt, im Fitnessstudio Gewichte stemmt, Ticker abzieht, Schlampen fickt, Leute zusammenschlägt und danach der Polizei entwischt. Die guten alten Geschichten eben, wie man sie kennt und liebt. Einzigartig ist der Stil in dem diese Geschichten vorgetragen werden. In der Tat ist dieser Stil so einzigartig, dass er seinen eigenen Namen hat: Brutalo-Style. Naheliegend, aber treffend. Denn der Rap des Dopingbarons ist nichts für filigrane Technikfetischisten oder metrosexuelle Reimkettenschwuchteln. Hier handelt es sich um brutale, aber augenzwinkernde Unterhaltung vom „Dealer mit Herz / Der beim Abziehn noch scherzt", die nicht dazu da ist, um von 15jährigen Forennerds analysiert, sondern um gefühlt, gefeiert und geliebt zu werden.

Brutos' Flowschemata scheinen nicht von dieser Welt zu sein, zumindest nicht aus unserem westlichen Europa. Sie schwanken voller Inbrunst wie die russische Seele nach dem zwanzigsten Wodka und entwickeln einen unfassbar melodiösen Sog auf den Hörer. Seine funky Reime sprühen vor Leben und Unbekümmertheit und lassen einen ein ums andere Mal aufhorchen. Eine meiner Lieblingszeilen von Brutos lautet: „Du bist noch schwuler als schwul / Du bist noch nuller als Null / Du bist mehr schwulio als Coolio / Ein richtiger Uncoolio / So wie Julio / Iglesias, eher Pfui als Hui." Schon wenn ich das nur tippe, habe ich ein fettes Grinsen im Gesicht.

Im Grunde ist der Brutalo-Style in seiner Unnachahmlichkeit und seinem Wiedererkennungseffekt höchstens noch mit dem Taktloss-Style vergleichbar, aber sollte ich vor die Wahl gestellt werden, bis an mein Lebensende nur noch Taktloss oder Brutos Brutaloz zu hören, würde ich mich ohne einen Moment des Zögerns für Brutos entscheiden. Von ihm kann man nämlich auch etwas fürs Leben lernen. Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung der Lektionen, die ich aus Brutalo Rap gezogen habe.

Akzeptiere deine Schwächen, kompensiere sie durch deine Stärken.

„Brutos ist skrupellos / Ich habe kein Gewissen, dafür sind die Muskeln groß." (aus „Vom Normalo zum Brutalo") Dem Alltagsmenschen von heute wird ununterbrochen suggeriert, er müsse die perfekte Fusion bilden aus allgemeinverträglichem Sozialwesen und brillantem Individualisten, kritischem politischen Beobachter und fröhlichem Patrioten, fürsorglichem Familienwesen und dauergeilem Fickmonster und so weiter. Brutos Brutaloz hat dagegen schon lange begriffen, was viele jetzt fordern: Kompensation statt Synthese lautet das Prinzip. Ich zum Beispiel habe keinerlei Muskeln, dafür aber ein Riesengewissen.

Sei flexibel, aber nicht um der Flexibilität willen.

Das Mantra der Flexibilität wird mit starrer Beharrlichkeit seit Jahren jedem Stück Humankapital eingetrichtert. Viele sind flexibel wie ein Down-Syndrom-Kind, und wissen gar nicht mehr warum. Brutos erinnert daran, dass Flexibilität nur Mittel ist, nicht Zweck sein darf: „Ob Hustlen oder Dealn / Ich spiele jedes Spiel / Hauptsache es kommt viel / Für mich dabei heraus."

Habe keine Angst vor dem Naheliegenden.

Viele Rapper heutzutage meinen, eine Idee sei nur dann wertvoll, wenn sie in sechsfache Triple-Rhyme Konstruktionen verpackt werden kann. Das ist eine Krankheit, die weit über die Grenzen der Rapszene hinausreicht. Gerade wir verkopften Deutschen haben oft Angst vor der einfachsten Lösung. Dabei bringt sie oft die interessantesten Ergebnisse. Brutos reimt in „Partymord" unbefangen: „Ich betäube dich mit einem Tee Engelstrompete / Deine Freundin spielt auf deiner eigenen Fete Trompete / Nachdem ich dich zusammentrete / Schnapp ich mir deine Knete." Billig? Stell dir dieses Szenario mal in Öl gemalt vor... Für mich sieht das mindestens so interessant aus, wie ein durchschnittlicher Neo Rauch.

Ändere dein Leben - es ist einfacher als du denkst.

Die wichtigste und leichteste Lektion zuletzt. Die Anzahl der Lebensratgeber, die unzufriedenen Menschen dabei helfen soll den Kokon ihrer frustrierenden Existenz als strahlender Schmetterling zu verlassen, geht in die Millionen. Angeblich sei das alles ganz easy und ohne jeden Aufwand zu erreichen. Die Frage dabei ist doch: Wenn das wirklich alles so einfach ist, warum muss ich dafür vorher ein ganzes Buch lesen? Ich weiß nicht wie es dir geht, aber einen 300seitigen Leitfaden zu lesen, zu exzerpieren und zu verinnerlichen kostet mich so viel Energie, dass ich danach eigentlich nicht mal mehr Bock habe, das Geschirr abzuspülen, geschweige denn mein Leben umzukrempeln. Im Opener des Untergrundalbums „Vom Normalo zum Brutalo" wird dieser grundlegende Denkfehler erkannt. Statt hier lang und breit den titelgebenden Entwicklungsprozess auszuwalzen, beschreibt Brutos' eigentlich nur, wie das Leben als Brutalo aussieht: Drogen an Kinder verticken, Schlampen ficken, Spackos schlagen, illegale Geschäfte machen, Feiern, Chillen und so weiter... Erst am Schluss heißt es lapidar: „So ises halt nun mal / Ich bin nun mal brutal / Es gab einmal ne Zeit / Da war ich ganz normal / Dann wurde mir langweilig / Die Zeit ist jetzt vorbei." So einfach geht's, Leute!

Hier noch meine zwei Lieblingstracks von Brutos Brutaloz. Keep it brutalo!