Reproduktive Gesundheit

Wenn dir Krebs mit 25 die Chance nimmt, jemals Kinder zu bekommen

Jahrelang dachte Lydia, sie hätte einfach nur eine besonders starke Periode. Dann bekam sie eine Diagnose, die ihr Leben veränderte.

von Sarah Graham
18 September 2017, 9:37am

Foto: Eleanor Doughty

Lydia Brain hat seit ihrer Teenager-Zeit starke Monatsblutungen. Anfang 20 wurde es so schlimm, dass das Blut durch Binden und Tampons sickerte und Flecken auf ihrer Kleidung hinterließ. Darauf, dass sie Gebärmutterkrebs haben könnte, wäre sie deswegen aber nie gekommen.

"Ich kann mich an keine Zeit erinnern, wo ich nicht gleichzeitig Tampons und Binden benutzt habe. Die Periode wurde aber immer stärker", sagt Lydia. "Manchmal saß ich stundenlang auf der Toilette fest. Wenn ich meine Tage hatte, konnte ich nicht wegfahren oder einen Tagesausflug machen, weil ich immer eine Toilette in der Nähe haben musste."

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Auch auf ihr Liebesleben hatte das Auswirkungen: "Mit jedem neuen Freund musste ich schnell Intimität aufbauen, denn meine Blutungen waren so stark und schmerzhaft, dass es sowieso unmöglich gewesen wäre, sie vor ihm zu verbergen." Oft dauerte ihre Periode länger als eine Woche, und in dieser Zeit war Sex für sie keine Option. Wenn er sich das Bett mit ihr teilen wollte, musste ihr Freund außerdem damit leben, dass ihr Wecker mehrmals pro Nacht klingelte, damit Lydia ihre Hygieneprodukte wechseln und Blutflecken auf den Laken verhindern konnte.

"Mein damaliger Freund hat sich glücklicherweise nicht davor geekelt und hatte allgemein kein Problem mit Blut. Ideal war das natürlich trotzdem nicht. Manchmal musste er mir dabei helfen, unentdeckt nach Hause zu kommen, weil ich meine Klamotten vollgeblutet hatte."

Vor zwei Jahren ging die damals 23-Jährige dann das erste Mal wegen ihrer starken Blutungen zum Arzt. Weil sie so jung war, dachten die Mediziner nicht gleich an Gebärmutterkrebs, denn der betrifft vor allem Frauen nach den Wechseljahren. "Ich hatte Akne, also schauten sie zuerst nach Anzeichen für ein polyzystisches Ovar-Syndrom", erklärt Lydia. Einen kleinen Knoten in ihrem Uterus identifizierten die Ärzte als Fibrom. Der Rat an die junge Frau: kein Grund zur Sorge, das sei alles ganz normal. Also machte sich Lydia keine Sorgen. Vorerst.


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Erst als sie bereits mehrmals zum Arzt gegangen war, weil sie schwere Zwischenblutungen hatte und manchmal auch beim Sex blutete, erklärte sich ihr Arzt bereit, das Fibrom zu entfernen. "Manchmal war es fast wie Einnässen. Nach wenigen Sekunden war das Blut schon bis zu den Knien runtergelaufen", erinnert sich Lydia. "Weil ich von dem ganzen Blutverlust schon Anämie hatte, haben sie sich das Ganze endlich genauer angeguckt."

Ungewöhnliche vaginale Blutungen können ein Zeichen für viele verschiedene Gesundheitsprobleme sein, vom polyzystischen Ovar-Syndrom über Endometriose bis hin zu Fibromen. Doch sie sind auch ein Schlüsselsymptom für die fünf gynäkologischen Krebsarten: Gebärmutter-, Eierstock-, Gebärmutterhals-, Vagina-und Vulvakrebs.

"Gebärmutterkrebs ist die am häufigsten vorkommende gynäkologische Krebsform," sagt John Butler, Chirurg für gynäkologische Onkologie am Royal Marsden Hospital in London. Bei Frauen in ihren Zwanzigern ist er allerdings so selten, dass viele Ärzte erst recht spät die korrekte Diagnose stellen. "Nur zwischen zwei und 14 Prozent der Gebärmutterkrebsfälle treten bei Frauen unter 40 auf", erklärt Butler.

"Ich wollte schon immer viele Kinder haben, deswegen hatte ich damals mehr Angst davor, unfruchtbar zu werden, als mein Leben zu verlieren."

Die genauen Ursachen für die sogenannten Endometriumkarzinome sind noch unbekannt. Die meisten erwiesenen Risikofaktoren hängen allerdings damit zusammen, dass das Endometrium – die Gebärmutterschleimhaut – dem weiblichen Geschlechtshormon Östrogen ausgesetzt ist. Das Hormon kann die Zellteilung (also die Bildung neuer Zellen) in der Schleimhaut außer Kontrolle geraten lassen und diese "Hyperplasie" erhöht das Krebsrisiko. Am häufigsten betroffen sind Frauen über 50, die die Wechseljahre bereits hinter sich haben.

Manche Frauen haben genetisch bedingt ein höheres Gebärmutterkrebsrisiko. Dazu gehören solche, die an einer Form des Lynch-Syndroms leiden – eigentlich erblicher Darmkrebs, der bei Trägerinnen des Genfehlers allerdings auch das Risiko für Gebärmutterkrebs stark erhöht.

"Frauen, die nach den Wechseljahren eine Hormonersatztherapie machen, können überschüssiges Östrogen haben. Übergewicht ist ein weiterer Risikofaktor, denn das Fettgewebe speichert Östrogen", erklärt Dr. Tracie Mills. Sie ist Fachkrankenpflegerin bei The Eve Appeal, einer Nonprofit-Organisation für gynäkologische Krebsarten. Meist treten schon in einem frühen Stadium Symptome auf, die häufigste Behandlungsmethode ist die Entfernung der Gebärmutter, auch Hysterektomie genannt. "Diese Form von Krebs hat eine der einfachsten Behandlungsarten und die Prognose ist meist sehr gut", sagt Butler.

Nicht Lydia | Foto: imago | Westend61

Für Lydia war die Entscheidung dennoch nicht so einfach. "Die meisten Frauen mit Gebärmutterkrebs sind älter, ihnen fällt die Entscheidung für eine Hysterektomie nicht so schwer", sagt sie. Da die Familienplanung für die Betroffenen meist schon abgeschlossen ist, gibt es kaum alternative Therapieformen. Die Erkrankung ist unter jungen Frauen einfach zu selten.

"Ich wollte schon immer viele Kinder haben, deswegen hatte ich damals mehr Angst davor, unfruchtbar zu werden, als mein Leben zu verlieren", erinnert sich Lydia. "Weil mir Kinder kriegen so wichtig war, haben wir lange versucht, meine Gebärmutter irgendwie zu retten."

Weil Lydia eine sehr seltene Art von Tumor hatte, die nicht operativ entfernt werden konnte, versuchten die Ärzte es mit einer Hormonbehandlung. Sie gaben ihr Zoladex, ein Medikament, das meist eher gegen Brusttumore mit Östrogenrezeptoren eingesetzt wird. Der Wirkstoff des Medikaments heißt Goserelin. Es wird injiziert, um zu verhindern, dass die Eierstöcke Östrogen produzieren – sozusagen vorübergehende chemische Wechseljahre.

"Ich bekam meine Tage nicht mehr, was natürlich schön war", sagt Lydia. "Aber vier Monate lang ohne Östrogen zu leben, hieß auch, dass ich Hitzewallungen bekam, mich nicht mehr wie ich selbst fühlte und mein Gedächtnis nachließ."

"Ich habe das Gefühl, dass ich noch nicht richtig um meine Fruchtbarkeit getrauert habe."

Damals habe sie das allerdings als einen kleinen Preis gesehen, um ihre Fruchtbarkeit zu bewahren. "Die Hormone hätten mich zwar nicht heilen können, aber so hätte ich vielleicht noch ein paar Jahre Zeit gehabt, bis sie die Gebärmutter entfernen mussten", erzählt sie. "Ich hätte noch bis 27 ein Kind kriegen können – auch wenn ich es dann ganz allein mit einem Samenspender gemacht hätte, denn zu dem Zeitpunkt war ich wieder single."

Statt ihr einen kleinen Aufschub zu gewähren, bewirkte die Behandlung allerdings das genaue Gegenteil: Lydias Tumor fing sogar an, noch schneller zu wachsen. Den Ärzten blieb keine Wahl, sie mussten Lydias Gebärmutter herausnehmen. "Dann ging alles ganz schnell. Ich hatte vier Wochen, um mich auf die Operation vorzubereiten. Also kochte ich ganz viele Mahlzeiten vor, packte sie in die Gefriertruhe, und machte mit Freundinnen aus, dass sie mir helfen würden", sagt Lydia.

"Die ersten Tage danach hatte ich furchtbare Schmerzen. Ich glaube, so schlecht ging es mir noch nie", erinnert sie sich. "Du kannst nicht richtig laufen, jeder Toilettengang ist eine Qual, und auch wenn du husten oder niesen musst, tut es schrecklich weh."

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Weil Lydias Eierstöcke bei der Operation intakt blieben, hat sie trotzdem noch einen monatlichen Hormonzyklus. Allerdings bekommt sie natürlich keine Monatsblutungen mehr, was Lydia als Erleichterung beschreibt. Inzwischen liegt der Eingriff drei Monate zurück und in ihr Leben kehrt langsam wieder Normalität ein.

"Ich habe das Gefühl, dass ich noch nicht richtig um meine Fruchtbarkeit getrauert habe. Wenn ich älter bin und mehr meiner Freundinnen Babys kriegen, wird das ganz schön schwer für mich", sagt Lydia trotz aller Erleichterung über den erfolgreich verlaufenen Eingriff.

"Ich mache mir auch riesige Sorgen, wie sich das auf meine zukünftigen Beziehungen auswirken wird", fügt sie hinzu. "Du willst natürlich keinen Mann vergraulen, indem du gleich von Babys und Adoptivkindern redest, aber andererseits willst du ja auch nicht abwarten und nach einer längeren Beziehung herausfinden, dass er sich leibliche Kinder wünscht."

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