Werden wir in Zukunft mit staatlich geförderten Pornos aufgeklärt?

Die Jusos der Berliner SPD haben einen der ungewöhnlichsten Anträge des Jahres gestellt. Landesvorsitzende Annika Klose erklärt, warum Pornos schon längst nicht mehr nur "ab 18" sind.

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Nov. 11 2017, 9:13am

Foto: Valeria Boltneva | Pexels | CC0

"Dirty Diaries auch in Deutschland!" lautet ein Antrag der Berliner Jusos, der für einiges Medienecho sorgte. Was im ersten Moment nach der Pressemitteilung für ein neues RTL2-Format klingt, ist eine Forderung, die es in sich hat: Der Staat soll feministische Pornos fördern und insbesondere für junge Menschen zugänglich machen. Vorbild dafür ist das Projekt Dirty Diaries aus Schweden, für das 2009 13 feministische Pornos produziert wurden. Die Produktion der Kurzfilme wurde durch das Schwedische Filminstitut aus Steuergeldern finanziert. Das Ziel: Ein realistischeres Bild davon vermitteln, wie echte Sexualität aussieht.

Das möchte auch Juso-Landesvorsitzende Annika Klose. Die 25-jährige Politik- und Soziologie-Studentin und ihre Mitstreiter beobachten mit Sorge, wie Hardcore-Pornografie für viele junge Menschen den Aufklärungsunterricht ersetzt hat. Deswegen soll das Thema nun auch beim Parteitag diskutiert werden. Wir haben uns von ihr erklären lassen, wieso Pornografie ein Thema ist, das auch den Staat etwas angeht – und wieso das Label "ab 18" schon lange keinen Wert mehr hat.


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VICE: Warum soll der Staat feministische Pornos unterstützen?
Annika Klose: Früher hat vielleicht die Bravo Kinder und Jugendliche aufgeklärt, heute ist es so, dass viele schon mit elf, zwölf Jahren ihr erstes sexuelles Wissen aus pornografischem Material im Internet beziehen. In Mainstream-Pornos geht es allerdings vor allem um die Befriedigung männlicher Lust. Sowohl jungen Männern und Frauen wird dabei ein absolut unrealistisches Bild von Sexualität vermittelt. Unsere Forderung hat deswegen viel mit Aufklärung zu tun.

Andererseits sollen Pornos ja auch einfach eine anregende Fantasie sein, die nicht zwingend etwas mit der Realität zu tun haben muss. Wie findet man da die richtige Balance?
Feministischer Porno heißt ja nicht, dass das alles Softpornos sind. Da gibt es durchaus auch härtere Varianten. Das Angebot ist genau so breit, es werden nur bestimmte Standards eingehalten. Uns geht es zum einen darum zu zeigen, wie vielfältig Sex ist und zum anderen eben auch ganz klar, dass Konsens wichtig ist. Denn die Körperformen und Praktiken in Pornos schaffen eine Realität. Es ist allerdings nur möglich, an viele Leute ranzukommen, wenn man es tatsächlich schafft, das genau so einfach verfügbar zu machen wie andere Pornos auch. Wir fordern nicht, dass solches Material im Schulunterricht gezeigt wird. Aber Lehrerinnen und Lehrer sollten beispielsweise wissen, worauf sie verweisen können, wenn das Thema im Unterricht aufkommt. Das muss thematisiert werden, weil ganz offensichtlich schon fast alle Sechstklässler online Kontakt mit pornografischem Material haben.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Annika Klose

Deshalb fordert ihr auch, die Altersfreigabe von Pornografie zu überprüfen.
Genau. Wir sind nicht der Meinung, dass Jugendliche zu allem Zugang haben sollen. Durch das Internet ist das aber de facto eigentlich nicht mehr zu kontrollieren. Wir setzen lieber auf Aufklärung als auf Verbote. Deshalb muss es möglich sein, auch Material zu konsumieren, was emanzipatorisch ist und auf Augenhöhe stattfindet. Einfach, damit die jungen Leute da ein positives Vorbild haben. Wenn man das Problem ehrlich anerkennt und diesen Zugang schaffen will, dann muss der konsequente Schritt sein, die Altersgrenze herabzusetzen. Es hilft uns überhaupt nicht, wenn die Filme offiziell erst ab 18 verfügbar sind, dann aber trotzdem schon von weitaus Jüngeren konsumiert werden.

In Deutschland ist die Politik gerade nach den letzten Bundestagswahlen sehr konservativ. Erschwert das euer Vorhaben?
Ich persönlich halte es für fast ausgeschlossen, dass die CDU sich dazu durchringen wird, solche Maßnahmen zu ergreifen. Die sind ja eher sex-negativ eingestellt und verbieten lieber, als aufzuklären. Wir hoffen da auf Bundesebene zum einen auf die Grünen, aber auch auf die FDP, die liberaler an solche Themen herangehen will. Auf Berliner Landesebene stehen durch die rot-rot-grüne Regierung unsere Chancen aber sicherlich besser, mit unserem Anliegen durchzukommen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Förderung für Pornos tatsächlich entschieden wird?
In der SPD wurde der Antrag bisher eher geteilt aufgenommen. Es gibt einige, die Interesse daran haben. Viele können damit aber auf den ersten Blick nichts anfangen. Da liegt noch einiges an Arbeit vor uns. Grundsätzlich ist es aber so: Die Beträge, über die wir da sprechen, klingen vielleicht im ersten Moment nach viel Geld, im Bereich der Filmförderung sind die 50.000 Euro, die Schweden für die Dirty Diaries in die Hand genommen hatte, keine Riesensumme. Für ein Pilotprojekt halte ich das für absolut realistisch.

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