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Interviews

„Dem würde ich am liebsten Batteriesäure ins Gesicht schütten, diesem Arschloch“

Wir haben mit Hammerhead über gehasste Kollegen, die gesellschaftliche Mittelschicht und ihren eigenen Kultstatus geredet.

von Philipp Meinert
10 Mai 2016, 12:37pm

Hammerhead, eine Band aus verschiedenen Käffern im Großraum Rheinland, verbrachte Anfang der Neunziger das Wunder, sich musikalisch am New York Hardcore der damaligen Zeit zu orientieren und gleichzeitig eine kompromisslose Deutschpunk-Attitüde an den Tag zu legen, ohne dabei den Stumpfsinn der seinerzeit angesagten Schlachtrufe BRD-Sampler zu reproduzieren. Dem setzten sie ihren groben wie auch intelligenten Humor entgegen. Damit setzten Hammerhead sich so konsequent zwischen die Stühle, dass der Gag nur von einer überschaubaren Anhängerschaft verstanden und gefeiert wurde.

Wie es so häufig ist, erkannte man erst nach dem Ableben 2004 und dem Erscheinen der bandeigenen Doku Sterbt alle im Jahr 2006, dass man die Band um den charismatischen Sänger Tobias Scheiße („Ich bin Punkrocker und schmeiß Mülltonnen“) zu Unrecht ignoriert hatte. Das machte aber nichts, denn Hammerhead folgten dem Punkrocktrend der Nullerjahre No. 1 und machten eine Reunion.

Inzwischen steht sogar ihre erste Veröffentlichung seit dem Jahr 2000 ins Haus. Erwartet wird eine EP. Anlässlich dessen traf ich mich mit 4/5 der Band und unterhielt mich mit Sänger Tobias, Gitarrist Norbert und Basser Ron. Gitarrist Daniel sagte während des einstündigen Interviews genau einen Satz, der es aber nicht bis hierhin schaffte. Schlagzeuger Osche weilte derweil in Berlin und eröffnet dort vielleicht gerade den 3728. Burgerladen in seinem Kiez oder macht irgendein Online-Start-up.

Am 10. Juni erscheint nach 16 Jahren mal wieder eine Hammerhead-EP. Wie war es überhaupt, nach so langer Zeit mal wieder etwas aufzunehmen? Schwieriger oder leichter als früher?
Tobias:
Ich habe mich schwerer getan.
Norbert: Ich habe eigentlich gar nichts auf die Reihe bekommen. Der Studiotyp hat mir zum Glück geholfen, meine Gitarre an den Verstärker anzuschließen. Wir als Kosmopoliten kommen nicht so richtig zum Proben und erst recht nicht dazu, neue Stücke zu machen. Wir proben ja eigentlich immer nur vor den Auftritten. Deshalb haben wir für sieben Stücke acht Jahre gebraucht. Die sind trotzdem total genial geworden.
Tobias: Davon ab ist es ja auch irgendwann albern, immer nur 100 Jahre alte Lieder zu spielen. Wenn man vorhat, weiter live aufzutreten, sollte man auch mal gelegentlich ein neues Lied einstreuen. Sonst könnten wir den Leuten sagen: „Erinnert euch an ein gutes Konzert von uns und bleibt zuhause.“
Norbert: Obwohl ja bei uns wahrscheinlich eh niemand neue Lieder hören will.

Ja, gibt es da nicht die Gefahr, dass die Leute eh am Ende nur „Ich sauf allein“ hören wollen? Punker sind ja sehr konservativ, was das angeht.
Tobias: Wenn die Leute immer nur „Ich sauf allein“ und „Kulttypen“ hören wollen, dann ist das so und dann geben wir der Meute, was sie braucht! Nee, das Schicksal haben wohl alle Bands, die nicht Bad Religion oder so heißen. Und bei denen ist es eh egal.

Damit habt ihr euch ja auch wieder an neue Texte gemacht. Ein großes Thema von Hammerhead war ja immer eine gewisse Verachtung von Mittelstandsphänomenen. Seid ihr nicht auch schon Mittelstand und spielt gegen euch selber?
Norbert:
Wir waren, sind und bleiben selber ewiger Mittelstand. Das ist ja die Scheiße.
Tobias: Ich kann keine Texte aus der Sicht eines Hartz IV-Heinis oder eines Vorstandsvorsitzenden von Rheinmetal schreiben. Ich kann nur aus meiner Sicht schreiben und ich bin nun mal Mittelklasseheini. Jetzt mit Mitte 40 ist es da natürlich schwierig, Texte zu finden. Worüber soll ich schreiben? Dass die Steuer mir auf den Sack geht oder es sehr schwer ist, Mitarbeiter für meine Firma zu finden?
Norbert: Über die Schwierigkeit in deinem Studium oder den richtigen Beruf zu finden, hast du ja leider auch nie Texte geschrieben. Haha.

Du hast studiert?
Tobias:
Ich war eingeschrieben. Jura, Psychologie und Soziologie. In Jura habe ich einen Schein gemacht. Also wenn du juristische Fragen hast, kannst du dich an mich wenden. Ich habe auch so einen Aktenkoffer mit einem Apfel drin und sonst nichts.

Euer textliches Spektrum ist recht breit gefächert. Über was würdet ihr denn niemals Texte schreiben?
Tobias:
Ich finde es grässlich, wenn Typen mit über 40 so Punk-Punktexte schreiben. Das ist ultrapeinlich. So wie die Casualties es machen zum Beispiel. Aber was bleibt denen denn auch anderes übrig? Das ist ja ihr Beruf. Aber was soll das?
Ron: Zur Klarstellung: Punk-Punktexte gab es eh noch nie von uns.
Norbert: Ich finde es fast noch schlimmer, wenn neue, vermeintlich „intelligente“, Deutschpunkbands so Texte schreiben, die jeglichen Bezug zu irgendwas entbehren. Wenn abstrakte Schlagworte aneinandergereiht werden und dahinter steckt dann eigentlich gar nichts, außer: „Mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein, so doof kann ich doch nicht sein.“ Das wissen die Leute im Grunde oft auch selber und versuchen dann aber in Interviews so zu tun, als würden sie von der persönlichen Auseinandersetzung mit Gentrifizierung oder Pegida singen, weil man mit diesen Themen ja punkten kann.
Tobias: …und sich dann eine Brille aufsetzen und das Hemd bis oben zuknöpfen. Das ist doch zum Kotzen.
Ron: Sie entsprechen natürlich auch einem Klischee. Wie es z.B. für Slime ein Klischee ist, Polittexte zu machen, ist es ihr Klischee, verklausulierte Scheiße zu verzapfen, hinter der wahrscheinlich Null steckt und die selbst für den Verfasser bedeutungslos ist.
Tobias: Jens Rachut, um mal den Gottvater von all dem zu nennen, sind ja auch ein paar Sachen gelungen. Manches aber auch nicht. Es ist immer noch so, dass die alles von dem kopieren. Außer vielleicht seine Sauferei. Das denen das nicht zu doof ist! Klar, wenn man jung ist, macht man jemanden nach. Aber eigentlich emanzipiert man sich dann und geht seinen eigenen Weg.

Kennst du da ein besonders negatives Beispiel?
Tobias
: Adam Angst! Die haben mal so ein ekelhaftes Scheißvideo gemacht, in dem der Sänger sich lustig macht, über Leute, die in der Pommesbude Wurst essen. Dem würde ich am liebsten Batteriesäure ins Gesicht schütten, diesem Arschloch. Das ist Besser-Scheißdreck. Aber kennst du Marathonmann, diesen grässlichen scheiß Revolverheld-Dreck? Der Sänger hatte mal in einem Video ein Hammerhead-Shirt an. Das hilft da auch nicht mehr. Aber wenn sie fragen, kriegen sie eins umsonst.

Tobias, ich kenne Leute, die sagen, du solltest mehr aus deinen Texten machen. Literat werden zum Beispiel. Und du stehst diesem Gedanken ja auch nicht völlig ablehnend gegenüber. Warum kam es bisher nicht dazu?
Tobias: Erstens Zeitnot und zweitens weiß ich nicht, was ich schreiben soll. Grauenvoll wäre es, irgendwas mit Punk zu schreiben. Das wäre ganz grässlich. Außerdem kommt es mir vor, dass alles, was länger als drei Seiten lang ist, so schwer ist, wie ein Haus zu bauen. Ich scheitere an beidem, nur dass ich bisher kein Haus bauen wollte. Kurz: Faulheit, keine Zeit und Angst.

Was für eine Angst? Angst vom Literatur-Establishment verlacht zu werden?
Tobias:
Nein. Angst, dass es scheiße wird. Man kann sich ja einbilden, dass man es könnte, aber vielleicht kann man es ja gar nicht.

Aber du hast doch gute Gene. Dein Vater war immerhin Redenschreiber für Helmut Kohl.
Tobias:
[stöhnt] Ja, das war er. Mag sein, dass es vererbt wurde.

Ihr habt jetzt ordentlich über andere Bands vom Leder gerissen. Man kann sich denken, warum ihr bei Einigen nicht so beliebt seid. Der Name Hammerhead ist teilweise immer noch ein rotes Tuch. Wann hat sich zuletzt jemand über euch aufgeregt?
Tobias:
Ich habe das Gefühl, wir werden damit freundlicherweise inzwischen in Ruhe gelassen. Wahrscheinlich denken sich die Leute, dass bei uns eh Hopfen und Malz verloren ist. Wir bewegen uns auch nicht in so AZ-Umfeldern, wo wir anstoßen. Bei unserem letzten Auftritt in der Köpi in Berlin durfte allerdings nicht fotografiert werden, weil der Staat ja alles mitliest, die da oben ja so Gesichtserkennungssoftware haben und dann wird man direkt als linksradikaler Krawalltäter enttarnt. Das fand ich albern.
Ron: Es gibt aber auf den Plenen einiger Läden nach wie vor Diskussionen, ob wir spielen dürfen oder nicht. Wir haben noch keine Narrenfreiheit. Wir kriegen das andererseits aber vielleicht auch gar nicht mehr so mit. Offenbar können sich die, die uns auch machen wollen, dann am Ende durchsetzen. Diejenigen, die Konzerte mit uns machen, verstehen uns ja schon.
Norbert: Als wir in Braunschweig gespielt haben, wurde ich tatsächlich vom Veranstalter gefragt, ob wir Sexisten seien. Der war dann aber dadurch beruhigt, dass ich als Sozialpädagoge arbeite. Naja, man weiß ja auch nicht, wie alt die Leute sind. Wenn die unter 23 sind, ist es ja auch nicht meine Aufgabe, denen die Welt zu erklären, obwohl ich Sozialpädagoge bin.

Vielleicht liegt das auch an eurem inzwischen erreichten Status als „Kultband.“ Wie habt ihr das hinbekommen?
Tobias:
Ich glaube, es liegt einfach nur daran, dass man lang genug dabei sein muss und dann ist man irgendwann Kult. So banal ist es einfach leider. Ich weiß nicht, ob es jetzt bei einer anderen 90er-Scheißband der Fall gewesen wäre. Aber meistens muss man einfach nur stehen bleiben, der Zeitgeist kommt einfach wieder an einem vorbei. Dann kann man wieder die alte Uniform anziehen. Außerdem werden da immer diese Geschichten kolportiert, die ihr Übriges dazu beitragen. Mittlerweile haben wir ja keine Mülltonne mehr durch die Schaufensterscheibe geschmissen, sondern sind mit dem Schützenpanzer durch die Neuwieder Innenstadt gefahren. Das hat sich komplett verselbstständigt. Wenn all das, was wir angeblich gemacht haben, passiert wäre, würden wir alle in Sicherheitsverwahrung sitzen.
Ron: Das hängt ja auch nicht zuletzt mit der DVD zusammen, die Norbert gemacht hat. Das hat diesen Legendenbildungsprozess befördert. Meine Lieblingsgeschichte, die allerdings tatsächlich stattgefunden hat, ist die Jonglage mit der Kettensäge: Wir haben irgendwo in Süddeutschland bei einem DIY-Festival mit selbst gezimmerter Bühne gespielt. Und irgendwie lag da auch noch so eine funktionierende Kettensäge rum. Tobias war natürlich wieder mega besoffen und hat mit diesem Ding rumgefummelt—während die angeschaltet war. Wir standen daneben und haben versucht, zu musizieren. Im Nachhinein können wir glücklich sein, dass wir keine Gliedmaßen verloren haben. Irgendwann ist Tobias aber auch dahinter gekommen, dass es eine Scheiß-Idee war.

Das führte ja auch dazu, dass ihr bei einigen Popstars einen gewissen Status habt. So wird eben diese DVD im Tourbus von Casper abgespielt, wie mal in einem Clip zu sehen war. Wie kommt ein Rapper an solches Material?
Norbert:
Ich glaube, der Kasper ist ein Freund von Thees Uhlmann, der ein Freund von uns ist und der hat dem mal die DVD gegeben.
Ron: Wahrscheinlich ging die auch einfach nicht mehr aus dem DVD-Player raus und immer wenn die Zündung anging, ging auch die DVD an.
Norbert: Aber ich glaube tatsächlich, dass es Musiker gibt, die damit ihre Szene-Credibility etwas nach Außen zeigen wollen, in dem sie zur Schau stellen, solche Sachen gut zu finden. So wie Tocotronic, als sie Cotzbrocken abgekultet haben …
Tobias: … Oh danke, Norbert, dass du uns in diese Reihe stellst!
Norbert: …gibt es jetzt irgendwelche Leute, die meinen, dass sie noch Punk sind und es damit zeigen, weil Hammerhead ja auch Punk ist.

Warum ihr und nicht irgendeine andere beliebige Schrammelband?
Norbert:
Weil wir diese Grenze zwischen Schmutz und nicht total doof darstellen für die.

Apropos: Thees Uhlmann hat ja auch mal euren Hit „Hochhaus“ gecovert.
Tobias:
Ja. Auf der Akkustikgitarre hört man dann auch, dass es eigentlich nur ein Ton ist. Wenn man es mit Verve und Verzerrung vorträgt, ist das ja OK. Aber so ist es eigentlich nur ein Ton.

Sogar in der Electro-Szene werdet ihr rezipiert. Egotronic haben euer erstes LP-Cover gerippt.
Tobias:
Torsun ist ja ein alter Hardcore-Heini, der früher bei Brightside gespielt hat. Insofern war das ja nur folgerichtig.
Norbert: Da wir antideutsch bis ins Mark sind, passt das ja auch.

Warum ruht ihr euch nicht einfach auf eurem Status als Kultband aus? Wenn ihr weiterhin veröffentlicht, habt ihr ja noch Ambitionen? Vielleicht sogar Erfolgsambitionen?
Norbert:
Unsere Ambition ist es, dass es uns weiterhin Spaß macht. Und da gehört es dazu, hin und wieder mal was aufzunehmen. Das ist wie in so einer alten Beziehung, in der man dann hin und wieder noch mal Gummispielzeug vom Orion-Versand auspackt und so tut, als hätte man sich gerade kennengelernt.
Tobias: Wenn ich Erfolg haben wollte, würde ich so Halunkenrock machen. So deutschen Lehrlings-Survivalrock. Frei.Wild, nur nicht ganz rechts. Da könnte ich fünf Texte in fünf Minuten schreiben und die würden sich alle reimen! Und ich glaube, ich würde sogar ein Lied hinkriegen. Auch so ein bisschen Kölsch. [Singt] „Mer losse uns dat Fiere nit verbiete. Auch nit von Muselmann oos Nordafrikaaa.“ Sowas zum Beispiel.
Norbert: Aber ernsthafte Ambitionen zu hegen, war nie eine Option. Deswegen machen wir da weiter, wo wir waren und es geht für uns nicht nach oben und nicht nach unten. Wir sind eine ziemlich horizontale Band.

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