M.I.A. über ihr „Borders“-Video und darüber, warum sie wegen eines Fußballtrikots Ärger hat

„Es gibt Leute in höheren Positionen, die mich hassen."

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14 Januar 2016, 3:16pm

M.I.A.s Video zu „Borders" ist ein einziges visuelles Spektakel. Das Video, bei dem sie selbst Regie geführt hat und das letzten November veröffentlicht wurde, bedient sich den Bildern der derzeitigen humanitären Krise—bei der Leute aus Entwicklungsländern auf der Suche nach Sicherheit und Zuflucht vor den Gefahren aus ihren Heimatländern fliehen, oft nur ausgestattet mit der Kleidung, die sie am Leib tragen, einem Handy und der Hoffnung, dass ihr Boot das Ziel auch tatsächlich erreicht.

In ihrem Video werden wir mit den vielen Formen der Migration konfrontiert—der Durchquerung der Wüste, dem Übersteigen von Stacheldraht, dem Durchwaten von Wasser. Der Track selbst ist nicht nur ein innovatives politisches Statement über die Not im Angesicht einer anhaltenden und drängenden Krise, das Video zeigt auch M.I.A.s Solidarität mit den Bürgern der Welt—sie selbst ist im Alter von neun Jahren als Flüchtling aus Sri Lanka nach London gekommen.

Gestern hat sie bekannt gegeben, dass der französische Fußballclub Paris Saint-Germain ihr in einem Brief vom 21. Dezember 2015 mit rechtlichen Schritten gedroht hat, da sie im Video ein Trikot des Clubs trägt, auf dem der Name des Sponsors von „Fly Emirates“ in „Fly Pirates“ abgeändert wurde. Unter anderem steht in dem Brief an ihre Plattenfirma: „Sie haben auf unangemessene Weise unsere Bekanntheit und unseren Ruf genutzt, um die Attraktivität ihrer Künstlerin zu steigern und damit auch die Profite ihrer Firma.“ Den vollständigen Brief an M.I.A. kannst du hier lesen.

Diese Meldung hat die meisten Leute überrascht. Warum kommt der Club auf die Idee, M.I.A. zu bitten, ein Video zu entfernen, in dem sie die Migrationskrise thematisiert und humanisiert, nur weil dort eine abgeänderte Version ihres Trikots zu sehen ist? Haben sie keine besseren Ziele für ihre Klagen? Wir haben uns mit M.I.A. in Verbindung gesetzt (der Gerichtsverfahren nicht fremd sind, da sie einen vierjährigen Gerichtsstreit mit der NFL hinter sich hat, weil sie beim Super Bowl einen Mittelfinger gezeigt hat), um mit ihr über ihr derzeitiges Dilemma, ihr neues Album sowie die Bedeutung und Ideen hinter dem „Borders“-Video zu sprechen.

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Noisey: Die ganze Aufregung also wegen eines T-Shirts. Gehe ich recht in der Annahme, dass du das PSG-Trikot in einem Markt in Katar gekauft hast?
M.I.A.:
Ja, aber den Fly Pirates-Schriftzug habe ich selbst gemacht—ich habe das „P“ drauf gemacht. Ich habe das offizielle Trikot genommen, auf dem Fly Emirates stand, es hätte aber auch genauso gut eines von Arsenal oder Real Madrid oder so sein können. Wo auch immer sie als Sponsor drauf sind. Aber ich habe das von Paris genommen, weil ich Freunde in Paris habe und dachte, es wäre eine nette Art, sich darauf zu beziehen. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, in Schwierigkeiten zu geraten, nur weil ich „Fly Pirates“ daraus mache.

Hat dich jemand davor gewarnt, dass es Reaktionen wie diese geben könnte?
Ich habe das Video sehr bewusst gemacht, da es sehr schwierig war, dorthin zu gehen, an dieses Projekt zu glauben und dieses Video zu machen, mit dem Wissen, dass es grenzwertig ist. Die Leute haben wahrscheinlich erwartet, dass ich ein Video über somalische Piraten mache, die mit Waffen herumlaufen. Viele Leute haben mich angerufen [als ich in Indien gedreht habe]: kreative Leute, Regisseure, Magazine und so, aber ich habe mich wirklich abgeschottet, um es zu machen. Ich habe niemanden in die Vorgehensweise eingeweiht. Viele Leute haben Stress gemacht und gesagt: „Oh, was machst du, ein Video mit verhungernden Afrikanern, diese Art von ‚Ich-bin-ein-Flüchtling-bitte-rette-mich-UN’-Video?“

Also habe ich bewusst die Entscheidung getroffen, eine Trennung zu dem zu schaffen, was cool ist: diese Leute mit Waffen auszustatten, die dann zu Piraten werden; und dies von den friedlichen, unbewaffneten Menschen wie Migranten und Flüchtlingen zu trennen. Das ganze Projekt und das Video sollte den Unterschied zwischen diesen beiden Dingen zeigen. Als ich dieses T-Shirt angezogen habe, hatte ich wirklich das Gefühl, dass es eine Anspielung war auf—ja, ich hätte ein „cooles“ Video über Piraten machen können und es wäre cool gewesen und jeder wäre mit dieser Art von „Coolness“ zufrieden gewesen. Aber ich habe entschieden, etwas zu machen, das gesagt werden musste, nämlich dass diese Leute nicht so sind. Sie sind keine gewalttätigen, bewaffneten Menschen, die wütend sind. Es war wirklich wichtig, das sehr klar zu machen und deshalb wurde dieses Video gedreht.

Diese Trennung wird im Video deutlich. Es hat ein Thema vermenschlicht, das besonders in der britischen Presse beinahe täglich verteufelt wird.
Ich wollte nicht diese Person sein, die die Leute dazu drängt, den Spalt zwischen ihnen und bedrohlichen Leuten in der Gesellschaft zu schließen. Das war das Problem. Wir müssen uns andauernd mit Leuten auseinandersetzen, die diese beiden Dinge zusammenwerfen—Frauen, Kinder und Leute in echter Not, die mit dem bewaffneten Konflikt und militaristischen Gruppen und Piraten zusammengeworfen werden. Das Trikot war eine Anspielung an all meine Freunde, die gesagt haben: „Warum machst du kein cooles Video mit somalischen Piraten?“ Das ist nicht das, was wir gerade brauchen. Aber es ist merkwürdig, dass wir jetzt Ärger wegen eines Shirts haben. Soweit ich weiß, ist das etwas sehr Realistisches—Migranten, die Sportkleidung tragen. Was werden sie machen? Das umschreiben? Wenn das der Fall ist, dann müssen sie aufhören, ihre Spiele auszutragen und aufhören, sie in diesen Ländern zu zeigen.

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Einige Berichte über den Brief, den du erhalten hast, haben angedeutet, dass du Paris Saint-Germain absichtlich gewählt hast, da sie von Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten gesponsert werden.
Nein, überhaupt nicht. Ich habe an das große Ganze gedacht; dass noch viel mehr Leute im Meer sterben werden, wenn wir nichts dagegen tun. Wir sind mitten im Winter. Ja, 1.200 Leute, die in einem Stadion [in Katar] sterben, sind eine Sache, aber ich bin sicher, dass auch bereits 1.200 Leute im Meer ertrunken sind und wir können etwas dagegen tun. Es ist den Tamilen passiert, die 2009 und 2010 Sri Lanka verlassen haben. Sie sind immer noch unter Arrest und viele von ihnen sind in der Nähe der Weihnachtsinseln gestorben, als sie versucht haben, nach Australien zu gelangen. Für mich ist es größer als das.

Eine Sache, auf die du dich bei Instagram bezogen hast—und ich tendiere dazu, dem zuzustimmen—ist die, dass Paris Saint-Germain so erpicht darauf ist, jegliche Verbindung zur Flüchtlingskrise zu beseitigen, obwohl viele ihrer Spieler selbst Migranten der zweiten Generation sind.
Genau! Sie haben Spieler aus Angola und Haiti und so. Wie distanzieren sie sich von der Tatsache, dass sie Spieler von dort haben?

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Was wird jetzt passieren?
Ich weiß es nicht. Ich finde es einfach extrem arrogant, dass sie versuchen, so etwas zu kontrollieren. Du kannst nicht kontrollieren, wer was trägt, wie sie es tragen und wann sie es tragen. Wenn du eine bestimmte Art von Leuten zeigen willst und einen Film über japanische Samuraikämpfer machen willst, dann musst du sie in ein Samurai-Outfit stecken. Ich denke, wenn du über Migranten oder Flüchtlinge sprichst oder generell über Leute, die in Kriegsgebieten leben, dann sind Sportkleidung und Fußballtrikots leider Teil ihrer Uniform. Wie willst du das kontrollieren? Ich kann es mir natürlich nicht leisten, vor Gericht zu gehen. Ich war jetzt vier Jahre am Stück vor Gericht. Wenn ich noch ein weiteres Jahr ins Gericht muss, dann weiß ich nicht, was ich tun werde.

Das muss ziemlich anstrengend sein.
Es ist extrem anstrengend, wenn du eine alleinerziehende Mutter mit Kind bist und versuchst, Musik oder etwas Kreatives zu machen. Es ist einfach wirklich schwierig, die Zeit dafür aufzubringen, besonders wenn es irrelevant ist. Ich würde meine Zeit viel lieber damit verbringen, nach Calais zu fahren und eine Fußballmannschaft mit den Immigranten zu gründen und PSG dazu zu bringen, dafür zu bezahlen, wenn es ihnen wirklich so wichtig ist, anstatt vor Gericht wegen eines T-Shirts zu streiten.

Siehst du eine mögliche Lösung?
Ich denke, beide müssen sagen: Euch ist es wichtig und mir ist es wichtig, weißt du? Denn was wir machen, ist, das fertige Produkt zu zensieren, also die Kunst. Ich denke auch, dass es ein bisschen spät ist, es ist schon alles geschehen. Ich habe nicht das Gefühl, dass [das Video] irgendwelche negative [Presse] bekommen hat—abgesehen von dem Artikel, den sie erwähnt haben und weiß Gott, ob sie dafür nicht bezahlt haben—denn über das Trikot habe ich nie irgendwas Negatives gehört.

Ich habe gesehen, wie Leute getwittert haben, dass sie ihre eigene Version des T-Shirts haben wollen.
Ja und von allen Bildern, die ich im Internet gesehen habe—bei Instagram und als Screenshots vom Video—ist dies das Einzige, auf das sich die Franzosen beziehen. Wenn sie ein Bild aus dem Video nehmen, um über das Video zu berichten, egal ob als Tageszeitung, als Blog oder Instagram-Account—das ist das, was alle genommen haben. So viele Leute haben mich wegen des Trikots und so gefragt, aber ich habe es nicht ausgeschlachtet, ich habe es nicht verkauft, ich habe kein Geld damit verdient, weißt du. Mein Video ist bei Apple, es ist also nicht so, als würde ich Geld verdienen oder so. Sie haben dafür bezahlt und ich habe ihnen das Video gegeben und das war es. Wenn es etwas Gutes bewirkt und sich positiv auf die Leute, die in Not sind, auswirkt, dann ist das alles, was ich mir wünschen kann. Dieses Shirt zu verteidigen ist also ein wenig schwierig. Ich muss die positiven Sachen herausstellen. Ich muss mir meine persönliche Situation ansehen. Und die ist, dass ich mit … Leuten vor Gericht war. Ein weiteres großes Sportteam. Es sind die Sportteams, die hinter mir her sind! Ich weiß nicht, was ich machen werde. Vielleicht sollte ich einen Fußballer heiraten!

Du hast vorhin angemerkt, dass „die Leute dachten, M.I.A. würde ein cooles Video über Piraten oder so machen“, du dann aber die Möglichkeit genutzt hast, eine ernste Angelegenheit hervorzuheben, keine stylische. Ich würde gerne wissen, ob du denkst, dass andere Künstler Angst davor haben, ernste Themen wie Immigration zu behandeln, aus Sorge, sie könnten den Eindruck erwecken, dass sie sich etwas sehr Ernsthaftes zu eigen machen?
Ich denke, es gibt viel Angst davor, langweilig zu sein. Viele Leute wollen nicht über Probleme reden, weil es nicht sexy ist. Wenn ich ein Video machen würde, in dem ich nackt bin oder knapp bekleidet und dann ein PSG-Trikot tragen würde, dann bin ich sicher, dass es anders wäre. Aber es werden Themen behandelt, die nicht sehr sexy und stattdessen beängstigend sind, denke ich. [In einem spöttischen Tonfall]: Unsexy und beängstigend, das ist einfach nicht cool—hol mich hier raus!

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Du hast letztes Jahr getwittert, dass du ein Video in Afrika gemacht hast, das du dann aufgrund von kultureller Aneignung nicht veröffentlichen durftest. Hattest du das im Hinterkopf, als du „Borders“ gemacht hast?
Es hat geholfen. Das, was ich gemacht hatte und was dann geblockt wurde—es wurde auf allen Plattformen geblockt—war zu einem Song namens „Platforms“. Es sollte tatsächlich dazu dienen, diese Plattformen zu testen. Wir haben ein Video gemacht und es wurde überall geblockt: Apple, YouTube, Vevo, überall. Weil es zu real war. Bei „Borders“ mussten wir den schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion meistern.

Wie meinst du das?
Im Süden Indiens gibt es 132 Lager mit tamilischen Flüchtlingen und sie sind dort schon ewig. Die Leute, die in meinem Video zu sehen sind, die im Kindesalter, repräsentieren Leute der zweiten Generation, sie sind dort geboren und wachsen dort auf—sie sind nicht in Booten dorthin gekommen, das waren ihre Eltern. So lange sind sie schon dort. Aber sie sind immer noch eingeschränkt: Sie haben eine Sperrstunde, sie brauchen eine Bescheinigung, um rausgehen und einen Job bekommen zu können, sie sind keine richtigen Bürger. Es gab also eine Menge Probleme, als ich versucht habe, sie ins Video zu nehmen. Ich wollte anfangs dort drehen, damit die tamilischen Flüchtlingskinder etwas mehr sein und dazu beitragen könnten, die Nachricht über den gesamten Planeten und was dort so abgeht zu kommunizieren—alles durch sie. Ich dachte, dass das eine wirklich schöne Sache wäre. Aber ich hatte so viele rechtliche Probleme und ich konnte aufgrund der vielen Auflagen keinen Zugang zu ihnen bekommen. Es war auch am indischen Unabhängigkeitstag und die sri-lankischen Tamilen haben immer noch Angst. Als ich gedreht habe, mussten wir den Staat Tamil Nadu verlassen und in Pondicherry drehen, weil sie die Sicherheitsvorkehrungen gegen Terrorismus erhöht haben.

Letztendlich haben wir Kids von der Straße gecastet. Es war immer noch wirklich schön, zu sagen: „Ich habe diese Kids.“ Diese Kids sind aus den Slums, sie sind aus dem Ghetto oder sie sind Kids aus der Arbeiterklasse und sie dann Leute repräsentieren zu lassen, die noch schlimmer dran sind als sie. Es war großartig von ihnen und ich bin total dankbar, denn was sie gemacht haben, war großartig.

Es erscheint mir offensichtlich, dass einige Leute dich zum Schweigen bringen wollen, wenn du Dinge sagst, die gesagt werden müssen, aber warum denkst du sind diese großen Firmen—die NFL, PSG oder wer auch immer—besonders hinter dir her?
Ich weiß es nicht. Es gibt Leute in höheren Positionen, die mich hassen. Gelegentlich spüre ich die Macht. Aber ich denke, dass es das interessant macht, denn ich kümmere mich nicht wirklich um diese Dinge. Ich wünschte, sie würden ihr Geld besser einsetzen. Wie viel schlechte Presse bekommen Fußballer? All das Zeug, in das sie verwickelt sind. Es ist verrückt, dass sie Ärger mit mir wollen. Dieser Brief ist so [wieder in spöttischer Stimme]: „Warum tut sie uns das an? Warum bringt sie uns in diese Situation?“ Aber es ist doch so: „Hallo seht euch euer Team an!“ Sie machen verrücktes Zeug.

Es ist nicht nur das. Du hast den Brief veröffentlicht und, zumindest für mich, sehen sie dabei nicht gut aus. Es macht sie nicht … —im Prinzip lässt es sie nicht cool aussehen.
Es ist nicht cool. Besonders, da ich das schon mit einem anderen Sportteam hatte, das ungefähr 20 Mal größer ist. Weißt du, was ich meine? Die gesamte NFL. Nicht bloß ein Team, nicht bloß die Giants. Die gesamte NFL war hinter mir her. Und ich habe gewonnen. Wenn sie also wegen eines T-Shirts hinter mir her sind, dann ist das verrückt für mich.