Sauber eingerollt

Fotos von Branden Eastwood und Anthony Sandoval




Nach Angaben der Polizei von Juárez sind diese Gangmitglieder beim Autodiebstahl erwischt worden (die Wagen werden häufig für Driveby-Shootings benutzt). Nachdem ihnen Handschellen angelegt wurden, fesselte man ihre Arme und Füße und legte sie mit dem Gesicht nach unten auf die Ladefläche eines Pick-ups.

Bevor Zurdo jemanden kidnappt, dröhnt er sich zu: ein bisschen Grass, vielleicht ein paar Lines, ein, zwei Schnäpse, Pillen, was auch immer. Danach zieht er sich schwarze Klamotten an, sammelt seine Waffen zusammen—eine AK 47 und eine 9 Millimeter—und steigt zusammen mit vier anderen Jungs in einen Chevy Taho. Sie schleichen durch die Straßen einer Stadt, die nur wenige Stunden südwestlich von Ciudad Juárez liegt, und deren Namen ich nicht nennen darf. Bei Sonnenaufgang haben sie irgendeinen armen Schlucker erwischt und liefern ihn an El Patron aus, Zurdos Boss.

Tagsüber arbeitet Zurdo (was übersetzt so etwas wie „der Linke“ heißt) in einem mexikanischen Restaurant, das gegenüber eines halb zerfallenen Gebäudes und in der Nähe einer Bar liegt, vor der lederhäutige Besoffene den ganzen Tag auf dem Bürgersteig herumlungern. Entführungen für das Juárez-Kartel ist Zurdos Nebenjob. Meistens entführt er kleine Drogendealer oder ihre Verwandten. Alle wissen, wie es läuft: Wenn du Betäubungsmittel ohne El Patrons Genehmigung verkaufst oder seine Regeln brichst, dann chauffieren dich Zurdo und seine Crew (oder eine andere Gruppe maskierter Männer) zu einem der zahlreichen Häuser oder Ranches, die dem Boss gehören. Dort wirst du entweder gefoltert und gegen Geld freigelassen, oder gefoltert und getötet und deine Leiche wird auf die Straße geworfen wie ein Zigarette aus dem Fenster. „Die meisten Jobs sind unkompliziert”, erzählt mir Zurdo. Er sagt ihnen: „Sie verlangen nach dir. Steig ins Auto”, und für gewöhnlich wehrt sich keiner. Bislang wurde Zurdo nur ein paar Mal beauftragt, Leichen wegzuschaffen. Die hat er dann am äußersten Ende der Stadt abgeworfen, damit die Cops sie nicht gleich finden. Er schätzt, dass ungefähr die Hälfte der von ihm Entführten umgebracht wurde. Das aber ist nicht sein Geschäft—er ist vor allem ein zuverlässiger Kurier. Außerdem wird er bei seinem anderen Job gebraucht, wo unzählige Tische gewischt und Burritos gerollt werden müssen.

Zurdo lebt in einer Wohnung, die auf der Rückseite des Restaurants liegt, wo er von 5:30 bis 23 Uhr arbeitet und das fast jeden Tag, außer wenn er die ganze Nacht Lines gezogen hat. Er ist ungefähr 1,70 groß und 38 Jahre alt. Unser Treffen hat ein Freund von mir arrangiert, der beste und älteste Amigo von Zurdo, der ihn irgendwie davon überzeugen konnte, mir ein Interview zu geben.

Von den unzähligen, tagtäglichen Straftaten deckt die Polizei in Mexiko nur etwa 15 Prozent auf. Solange du dich also nicht wie dieser Typ auf frischer Tat ertappen lässt, hast du ziemlich gute Chancen davonzukommen.

Bevor er sich hinsetzt, um mit mir zu sprechen, läuft Zurdo hinter die Ladentheke, schnappt sich einen Lappen und wischt einen Tisch ab, an dem zwei Gäste gerade zu Ende gegessen haben. Er trägt ein schwarzes, enges Tony-Montana-Shirt, das über seinem Bauch spannt und in der ausgeblichenen schwarzen Hose steckt. Seine Fußballschuhe—eine kleiner Hinweis auf sein anderes, lukrativeres Leben—sind so weiß und makellos, dass sie fast leuchten. Er trommelt auf dem Tisch, seine Augen wandern hin und her, verfolgen den Verkehr draußen auf der Straße. Ich frage ihn, ob wir einen Spaziergang machen sollen, sodass er ungezwungen reden kann. Aber er könne hier nicht vor 23 Uhr raus, sagt er, sie bräuchten ihn im Laden; er musste in den letzten Tagen sogar einige Kidnapping-Jobs absagen, weil so viel los war. Es spiele keine Rolle, wir könnten hier reden. Jeder im Restaurant weiß, was er macht, auch wenn keiner die Details kennt.

Das letzte Mal, dass Zurdo jemanden geschnappt hat, war drei Tage vor unserem Treffen, erzählt er mir. Er arbeitete gerade im Restaurant, als sein Handy klingelte. El Patron nannte ihm Namen und Adresse der Zielperson—wie fast immer handelte es sich um einen jungen Mann. Zurdo und sein Team fanden ihre Beute um 9 Uhr abends gemeinsam mit seiner Ehefrau beim Einkaufen in einem Supermarkt. Ein gutes Timing: Es ist am besten, diese Arbeit vor Mitternacht zu erledigen, wenn viele Leute auf der Straße sind und es deshalb unwahrscheinlich ist, dass das Opfer Alarm schlägt, versucht zu fliehen oder eine Waffe zieht. Dieser letzte Job war kein Ausnahmefall. Als das Paar mit seinen Einkäufen auf dem Weg zum Auto war, stieg Zurdo aus seinem Wagen, stellte sich vor sie und sagte: „Sie wollen dich sehen.” Dann zog er seine Waffe. Das Ehepaar begriff, was los war. Der Mann schickte seine Frau weg und folgte Zurdo ohne Widerrede. Sie setzten ihren Fahrgast vor einem der Häuser des Patrons ab und Zurdo fuhr zurück zum Burrito-Shop, wo man ihn nach wie vor brauchte.

In Juárez sind Gewalt und Tod so normal geworden, dass sie zum Alltag gehören.

Jedes Mal, wenn Zurdo jemanden abholt, wird er ein bisschen nervös und ängstlich, aber die Drogen helfen ihm darüber hinweg. Eine Sache, über die er sich überhaupt keine Sorgen macht, ist die Polizei. Die mexikanischen Behörden klären nur ungefähr vier Prozent der Straftaten auf. Noch beunruhigender ist, dass nur etwa 15 Prozent der begangenen Straftaten überhaupt untersucht werden.

Zurdo sagt, dass die Polizei häufig selbst in illegale Aktionen verstrickt ist. Im März kam eine Gruppe von Männern in die El-Castillo-Bar in Ciudad Juárez und metzelte zehn Leute nieder. Ein Überlebender berichtete der Lokalzeitung El Diaro, dass die Bundespolizei kurz vor der Schießerei den Laden gestürmt und eine Razzia durchgeführt hätte, bei der alle Handys konfisziert wurden. Es wirkte so, als hätten sie den Weg für die Killer freimachen wollen. Die Polizei war natürlich auch als erste am Tatort und später beschuldigt man sie, die Taschen der Toten geplündert und einen Plasma-Fernseher gestohlen zu haben.

Für seinen Aufwand bekommt Zurdo pro Kidnapping 1.000 bis 2.000 Dollar, die Summe ist abhängig von der Zielperson und anderen, oft unberechenbaren Umständen. (Er berichtet El Patron anschließend, ob die Fahrt besonders heikel war, oder ob die Person versucht hat zu fliehen. El Patron vertraut seinen Aussagen.)


Zurdo akzeptiert nur US-Dollar. „Ich werde in Dollars bezahlt. Pesos? Verarsch mich nicht! Mit Burritos verdiene ich Pesos.“ Das Geld ist schnell ausgegeben, entweder für seine heiß geliebte Schuhsammlung oder für flüchtigere Vergnügungen. „Das ist alles ziemlich teuer: Frauen, Alkohol, Koks. Die Frauen wollen schließlich auch was trinken und ich muss das Hotel bezahlen …“ Ein sicherer Job ist heutzutage selten, das ist in Zurdos Geschäft nicht anders. Die Kartelle heuern seit einiger Zeit kaum noch teure „professionelle“ Killer und Kidnapper an, Gelegenheitsarbeiter wie Zurdo, Ex-Militäroffiziere und andere, die sich auf diese Branche spezialisiert haben. Sie nutzen stattdessen die mörderischen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gangs wie den Partido Revolucionario Mexicano (PRM) und den Aztecas. Entführungen und Ermordungen werden outgesourct wie die Jobs in den Fabriken von Ciudad Juárez, die einst viele Mexikaner aus dem ganzen Land anzogen und dann allmählich nach China oder an andere billigere Orte verlegt worden sind. Wie in jedem Business ist „billig und schlecht“ immer eine Möglichkeit. Da ist zum Beispiel der 25-jährige Monico Aguirre Carillon. Sieht man von der Möglichkeit einer vorzeitigen Haftentlassung, Tod oder Flucht ab, wird Monico 130 Jahre alt sein, wenn er das CERESO-Gefängnis in Juárez verlässt. Trotzdem, erzählt er mir, läuft es hier ganz gut für ihn. Denn seine Gang, die PRM, hat diese Seite des Gefängnisses in ihrer Hand. Monico genießt unter seinen Mithäftlingen einen Ruf als gefährlicher Typ. Der rührt teilweise von seiner Zugehörigkeit zur PRM, aber vor allem daher, dass er einmal ein rivalisierendes Gangmitglied auf einem Stuhl festband und ihm die Kehle aufzuschlitzen versuchte. „Mit einem scheiß Kabel, das ich da hatte. Er ist ein Schwein. Ich binde sie fest wie Schweine.“

Die Taktik des Kartells ist, die Gangs gegeneinander auszuspielen und sie anzuheuern, Drogen zu verticken. Als Resultat bringen sich die brutalen Typen für rund 200 Dollar in der Woche gegenseitig um. Ökonomisch gesehen ist das ein gutes Geschäft.


Bevor es üblich wurde, Gangmitglieder zu engagieren, gehörte es zur Berufsehre der „Professionellen”, die im Wagen wartende Ehefrau oder den Sohn zu verschonen. Aber Gangs treffen ihre Opfer in der Regel mit der Behutsamkeit eines Feuerwehrschlauchs, sodass es oft auch andere trifft—unschuldige Straßenverkäufer, fernsehschauende Nachbarn auf ihren Sofas und Kinder, die von der Schule nach Hause kommen.

Josué Reyes Castro, 26, ist die 560ste Person, die dieses Jahr in Juárez umgebracht wurde—und das war im März. Nach dem Mord zählte die Polizei mehr als 130 AK-47 Einschüsse an seinem Haus. Drinnen drückten sich seine Mutter, sein Vater, sein Großvater und seine Cousins schutzsuchend auf den Boden. Castro war über der Mittelkonsole des Familienwagens zusammengesackt und verblutete. Sein Bruder fuhr ihn ins Krankenhaus, denn die meisten Rettungswagen kommen nach Schießereien nicht mehr. Die Killer blieben lange genug, um drei mal nachzuladen, erzählt mir Castros Bruder, und die Polizei wartete tatenlos am Ende der Straße, bis der letzte Schuss gefallen war. Mitte Juli liegt die Zahl der Morde in Juárez bei 1.250, das sind durchschnittlich acht Morde pro Tag in der ersten Jahreshälfte. „Das ist übel. Das ist genau der Grund, warum das so übel ist. Genau darum holen wir unsere Zielpersonen vorher ab”, erklärt mir Zurdo, als ich ihn nach der neuen Generation der Auftragskiller frage. „Warum sollte man die Ehefrau oder das Kind umbringen, wenn sie mit der Sache gar nichts zu tun haben?” Er versteht dennoch, warum einige Leute für ein bisschen Cash verzweifelte Dinge tun: „Sie kommen auf dich zu und bieten dir Geld an, und du hast keinen Job … also wirst du es tun. Aber ich mache es, weil ich es machen will. Ich habe alles: ein Zuhause, Arbeit und was zu Essen.” Zurdo sagt, dass er nicht ewig für die Kartelle arbeiten will; seine Zukunftsträume haben mehr mit Burritos als mit Waffen zu tun. Eines Tages will er sein eigenes Restaurant eröffnen. „Oder mindestens der Manager sein, wenn ich schon nicht der Besitzer sein kann.” „Zurdo’s“ würde er es nennen, und ich frage ihn, wie er es einrichten will. Das sei zu weit in die Zukunft gedacht, antwortet er, aber wenn es passieren sollte, dann würde er seine Burritos sicher nicht in dieser Stadt verkaufen. Hier habe er zu viel Vergangenheit. Nur eines beteuert er: Er würde den Laden sehr sauber halten, so wie er es mit seinen leuchtend weißen Schuhen tut.

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