Normalerweise nutze ich diese Kolumne, um mir meine Wut über den neuesten Internet-Trend vom Leib zu schreiben—denn die meisten Internet-Trends sind tatsächlich von gemeingefährlicher Dummheit. Aber um zu beweisen, dass ich auch anders kann, stelle ich euch heute ein Thema aus dem Internet vor, das zur Abwechslung mal ziemlich interessant ist: der Live-Ticker der Berliner Polizei auf Twitter.
Dieser 24h-Live-Einsatzticker war nicht nur ein enormer PR-Erfolg, der der Berliner Polizei zahllose Lob-Artikel, Nachahmer-Accounts und hoffnungsvolle Bewerber eingebracht hat—er hat uns auch einen faszinierenden Einblick in das tägliche Leben der deutschen Hauptstadt gegeben. Weil die Beamten wirklich versucht haben, so viele der Notrufe wie möglich zu twittern, die ihnen zwischen Freitag- und Samstagabend ins Haus geflattert sind, haben wir jetzt ein ziemlich umfassendes Bild von dem, was in diesen (zugegebenermaßen überdurchschnittlich heißen) Stunden in Berlin passiert ist—und passiert ist eine ganze Menge.
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Natürlich reichen zwei Tage nicht aus, um ein statistisch perfektes Bild unseres Lieblingsmolochs zu zeichnen. Interessant war es trotzdem, also habe ich im Folgenden versucht, mittels einer Mischung aus hochprofessioneller Datenanalyse und hochsubjektiver Auswahl die wichtigsten Erkenntnisse aus diesen 24 Stunden zusammenzutragen:
1. Berlin hat vielleicht ein Alkohol-, aber kein Drogenproblem
Was jeder denkende Mensch schon weiß, wird durch die Tweet-Sammlung der Polizei eindrucksvoll bestätigt: ein beeindruckender Anteil der Polizeieinsätze wird durch Leute ausgelöst, die nicht mit Alkohol umgehen können. In mindestens 35 Tweets tauchen die Wörter „Alkoholisiert“, „betrunken“ oder „Betrunkener“ auf. Betrunkene randalieren durch die Gegend und machen Passanten dumm an, Betrunkene liegen auf Straßen, vor Kneipen und vor Wohnungstüren herum, und Betrunkene fahren mit Autos durch die Gegend—manchmal auch auf dem Bürgersteig.
Und die Drogen? Schließlich gilt Berlin ja durchaus zu Recht als einer der Orte, an denen Leute gerne und viele Drogen nehmen. Müsste dieser ganze Konsum, zusammen mit der damit verbundenen Kriminalität, nicht zu ähnlich vielen Problemen führen? Tja, nein. Insgesamt gibt es nur 12 Meldungen aus den ganzen 24 Stunden, die das Wort Drogen enthalten. Davon melden 7 nichts weiter, als dass irgendwo Drogenhändler „beobachtet“ wurden—ohne dass zu irgendwelchen Problemen gekommen sei. Nur zwei Meldungen berichten von Schlägereien unter Drogenhändlern, ein Mann benötigt ärztliche Hilfe, einer will sich selbst verletzen, und ein einziger Autofahrer wurde auf Drogen getestet (das Ergebnis wurde nicht mitgeteilt). Was Gefahr für die Gesellschaft angeht, hat Alkohol klar gewonnen.
2. In Berlin gibt es sehr viele alte, einsame und verwirrte Menschen
Obwohl Berlin gemeinhin als die Stadt der jungen Tunichtgute gilt, hatte die Polizei am Wochenende überraschend oft mit älteren Menschen zu tun, die in ihrer Verzweiflung über irgendeine unlösbare Alltagsaufgabe niemanden hatten, den sie sonst anrufen konnten. So muss die Polizei aushelfen, als jemand einer Dame in Zehlendorf den Rollator zuparkt (zwei weitere Rollatoren wurden geklaut) oder im Seniorenheim Streit ausbricht, aber auch wenn ein 90-Jähriger seine zehn Jahre jüngere Ehefrau so verprügelt, dass sie aus der Wohnung flieht.
In Marzahn läuft währenddessen jemand ohne Hose im Einkaufszentrum herum, in Kaulsdorf springt „eine verwirrte Person“ auf geparkten Autos herum, und eine 80-Jährige beschimpft in Spandau Passanten, bevor sie sie angreift. Anderswo klettern geistig nicht völlig präsente Berliner auf Hausdächer, wandern auf Autobahnen herum, gehen in Pantoffeln vor der East Side Gallery spazieren oder weigern sich, ihre Ehemänner wieder in die Wohnung zu lassen. Insgesamt hatte die Polizei in 24 Stunden 32 Fälle von „verwirrten“, „orientierungslosen“ oder „hilflosen“ Menschen. Die Dame aus dem Tweet oben konnte übrigens beruhigt werden: „Ihr schlugen die neuen Tabletten aufs Gemüt.“
3. Das meiste passiert in Kreuzberg, Mitte und Neukölln, aber im Wedding haben die Bewohner den kürzesten Geduldsfaden
Vielleicht nicht wirklich überraschend, aber doch interessant: der Ortsteil Kreuzberg hat mit 71 Anrufen die meisten Polizeieinsätze verursacht, dicht gefolgt von Mitte mit 64, dann Neukölln mit 57. An vierter Stelle kommt Charlottenburg, mit 48 Einsätzen. Der Wedding bringt es zwar nur auf 30, dafür scheint den Leuten hier schon wegen der kleinsten Dinge der Kragen zu platzen: dort musste die Polizei unter anderem eingreifen, um einen eskalierten Streit um einen Burger zu schlichten, vor einem anderen Fast-Food-Laden gerieten ganze 7 Menschen aneinander, zwei Leute prügeln sich nach einem Verkehrsunfall, und vor allem haben wir dem Wedding die folgende legendäre Meldung zu verdanken:
4. Die soziale Kontrolle funktioniert
Auffällig ist auch, wie oft die Polizei Anrufe von besorgten Bürgern bekommt. Das bedeutet zwar, dass die Polizei wirklich wegen jedem Scheiß gerufen wird (großartiger Tweet: „In #Neukölln fällt Putz von einer Hauswand“). Es bedeutet aber auch, dass die Bürger selbst immer noch die beste Polizei sind. Wenn jemand in Sichtweite seiner Mitbürger Mist baut oder aus der Reihe tanzt, dann dauert es in der Regel nicht lange, bis jemand die 110 wählt und die Ordnungshüter auf den Plan ruft. Ob es um häusliche Gewalt, unerlaubt abgestellten Sperrmüll oder Dealer im Görlitzer Park geht: in der Hauptstadt der Deutschen gehört es immer noch zum Grundreflex, sich einzumischen. Ohne die Bürger hätte die Polizei zwar deutlich weniger Stress, sie würde aber auch deutlich weniger Verbrechen verhindern.
5. Tiere können jederzeit auf die Berliner zählen
Die Polizei hat diese Initiative unter anderem gestartet, um potenziellen Bewerbern einen Einblick in den Alltag der Beamten zu geben. Würde ich jemals darüber nachdenken, wären die beschissenen „Tier-in-Not“-Notrufe einer meiner Hauptgünde, nicht bei dem Verein mitzumachen. Es ist geradezu unglaublich, wie viele Menschen bei der Polizei anrufen, um zu berichten, dass irgendwo ein herrenloser Hund oder eine Perserkatze herumlaufen, dass sich ein Hund in einer Wohnung „alleine“ fühlt oder irgendwo in Marzahn einer angebunden ist. Und die Polizei tweetet das fröhlich weiter, denn das gibt natürlich Sympathiepunkte. Es gibt drei Tweets alleine über ein und denselben Graupapagei! Die Leute haben das honoriert: auf Twitter haben mehr Leute Anteil am „Todeskampf“ eines Raben genommen (der eigentlich nur rollig war) als an den zahlreichen Meldungen über tot in ihren Wohnungen aufgefundene Rentner.
6. Frauen haben es hier ein bisschen schwerer
Wer sich (wie ich) naiverweise von dem Polizeiticker spannende Einblicke in die Welt der organisierten Kriminalität in Berlin erhofft hat, wurde enttäuscht—an Gangstergeschichten und Bandengewalt hatten die 24 Stunden nicht besonders viel zu bieten. Stattdessen bekam man nach einer Weile das unangenehme Gefühl, dass sich ein ziemlich großer Teil der Gewalt in Berlin gegen Frauen richtet. Das ist wegen der variierenden Formulierungen schwer nachzuprüfen, aber erschreckend oft stößt man auf Meldungen wie Freund schlägt Freundin, Frau wurde in den Bauch getreten, Frau wird vom Ehemann ins Krankenhaus geprügelt, Frau erstattet Anzeige wegen schwerer Körperverletzung gegen ihren Mann, und so immer weiter. Zwar gibt es auch genug Schlägereien zwischen Männern—aber ich bin noch auf keine gestoßen, in der eine Frau ihren Partner verprügelt.
Was haben wir noch gelernt? Die Berliner Polizei hat ziemlich viel zu tun. Im Vergleich zur durchschnittlichen amerikanischen Großstadt ist die Betriebstemperatur in Berlin aber noch ziemlich niedrig: in den gesamten 24 Stunden ist nur einmal von jemandem mit einer Schusswaffe die Rede (in Neukölln).
Trotzdem war der Twitterfeed alles andere als langweilig. Man konnte für 24 Stunden live mitverfolgen, welche Konflikte, Albernheiten und Verrücktheiten die Stadt wirklich prägen. Gäbe es die Möglichkeit, ein solches Archiv ein Jahr lang zu befüllen, hätte man ein vollkommen einzigartiges Dokument der Realität in einer deutschen Großstadt. Das würde eine ganze Mengen Debatten—von „Ausländerkriminalität“ über Drogenpolitik bis zu korrekter Hundehaltung—plötzlich mit einem enormen Datenwust aus dem echten Leben konfrontieren. Und was ist spannender als das echte Leben?
Hier gibt es die Liste aller Tweets seit Beginn des Accounts (bekommt man auf Twitter nicht), und hier hat jemand die Tweets den Ortsteilen zugeordnet.
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