Fotos: Max Theßeling.
James Welch aka Seams lebt gefährlich. Er ist ein chronischer Über-rote-Ampeln-Geher und hört beim Fahrradfahren Musik. Nach unserem Interview machten wir uns große Sorgen um den gebürtigen Londonder, der inzwischen in Berlin wohnt, also haben wir ihm den Auftrag gegeben, ein Mixtape für uns zu machen, damit er wenigstens für eine Weile an einem sicheren Ort ist und ihm nichts passieren kann. Nicht nur deswegen war das Ganze ein kluger Schachzug, sondern auch, weil wir euch jetzt sein tolles Mixtape schenken können, das ihr bitte nicht auf dem Fahrrad hört, sondern zuhause in der Küche oder in eurem Bett. Gut, jetzt ist alles geklärt, also könnt ihr nun das Interview lesen und euch unten noch das Mixtape runterladen.
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YNTHT: Wir haben eine Weile gebraucht, um diesen Termin auszumachen? Bist du viel herumgereist?
Seams: (überlegt) Ich habe das Gefühl, dass ich vor Kurzem unterwegs war, aber ich weiß nicht mehr wo. Wahrscheinlich nur Arbeitszeug. Ich war im UK für eine Show. Ja das war es.
Reist du schon so viel, dass du dich nicht mehr daran erinnern kannst?
Nein, ich habe einfach ein schreckliches Gedächtnis. Meistens bin ich aber hier und arbeite. Noch habe ich kein Rock’n’Roll-Lifestyle.
Du wirst aber bald mit Mount Kimbie auf Tour sein.
Ja, ich habe die zwei schon ein paar Mal getroffen. Wir haben auch ein paar gemeinsame Freunde. Sie touren durch Deutschland und haben einen Support gebraucht. Das hat alles gut gepasst. Es gab genau zwei Wochen, in denen ich mir von der Arbeit freinehmen konnte, deswegen war es das perfekte Timing.
Ich habe gehört, dass Mount Kimbie einen Rock’n’Roll-Lifestyle auf Tour haben.
Ja, wirklich? Oh, dann muss ich natürlich versuchen, da mitzuhalten. Weniger Ingwertee und mehr Alkohol. Das könnte anstrengend werden.
Das sind ja nur zwei Wochen, das kriegst du doch hin.
Ja, aber ich muss in der Zeit auch arbeiten.
Was hast du denn noch für einen Job?
Ich arbeite Vollzeit bei SoundCloud. Die Musik mache ich immer, wenn ich die Zeit finde.
Hast du schon ein paar deutsche Angewohnheiten übernommen, seit du hier bist?
Die Antwort auf die Frage wird wahrscheinlich dazu führen, dass ich einige Generalisierungen mache.
Das ist okay.
(lacht) Ehrlich gesagt, ist das einzige, das ich unbewusst übernommen habe, an Ampeln bei Rot stehenzubleiben.
In Berlin?
Überall, sogar in UK. Normalerweise, wenn keine Autos da sind, gehe ich einfach über die Straße. Aber hier bleibe ich für drei Minuten oder so stehen, wenn ein roter Mann aufleuchtet. Ich kriege ein schlechtes Gewissen, wenn ich bei Rot über die Straße gehe. Und ich esse viel weniger Bacon. Ich habe das Gefühl, ich kann hier nirgendwo Bacon kaufen. Aber ansonsten, trinke ich mehr Bier als Cider. Es sind die kleinen Sachen.

Hast du früher viele Computerspiele gespielt?
Eigentlich nur Pokemon.
Oh, welche Edition?
Alle. Ich bin leider nicht besonders gut im Computerspielen. Aber aus irgendeinem Grund ist Pokemon das einzige Spiel, das mich immer verfolgt hat, seit ich ein Kind war. Ja, Pokemon ist mein Fels in der Brandung. Und noch ein bisschen Mario und so. Aber ich war nie ein Hardcore-Spieler.
Gibt es denn Geräusche aus deiner Kindheit, die deinen Sound jetzt in einer Weise beeinflussen?
Es gab tatsächlich mal einen Punkt, an dem ich sehr viel Gameboy-Musik für meine Musik benutzt habe. Aber ich habe nie einen dieser Tracks fertig gemacht. Ich habe aber das Gefühl, das ich viel benutze, das nicht unbedingt nostalgisch ist, sondern dazu dient, eine Atmosphäre für die Musik zu schaffen, während ich sie mache. Es geht nicht wirklich um die Kindheit, sondern um das Aktuelle. Früher habe ich auch viel Field-Recording gemacht, auch in Berlin. Ich habe einfach Sounds um mich herum aufgenommen. Jetzt sample ich oft den Sound des Zimmers, in dem ich arbeite. Statt Hall zu verwenden, spiele ich die Sachen in dem Zimmer und nehme das dann wieder auf. Das benutze ich dann als Hall, damit der Track dann so klingt wie der Raum, in dem er entstanden ist.
Suchst du dir dann spezielle Räume aus, in denen du die Tracks machst, oder bist du immer am gleichen Ort?
Normalerweise ist es mein Schlafzimmer. Aber aus diversen Gründen hatte ich im letzten Jahr drei verschiedene Schlafzimmer, weil ich ständig umziehen musste. Also sollten es verschiedene Sounds auf dem Album sein. Ich habe das Album also aus Versehen an vier verschiedenen Orten aufgenommen. Es gab eigentlich nicht wirklich ein Thema auf dem Album bis auf ebendies.
Vor dem aktuellen Album hast du eine Doppel EP Tourist/Sleeper veröffentlicht. Gab es eine Verbindung zwischen den beiden EPs?
Die eine habe ich gemacht, als ich 2010 einen Sommer lang in Berlin war und mein Praktikum hier machte. Es ist eine ganz offene Platte mit vielen Field-Recordings und es geht um Sommer in Berlin, draußen sein und um die schöne Zeit. Und dann bin ich zurück nach England gegangen, um meinen Abschluss zu machen. Danach bin ich wieder bei meinen Eltern eingezogen und habe versucht, Musik zu machen. Ich war zuhause in meinem Zimmer in einer kleinen Stadt, in der nichts passierte. Es war genau das Gegenteil von der anderen Zeit. In der gleichen Zeitspanne habe ich den anderen Teil gemacht, aber anstatt dass dieser Teil fröhlich und aufregend war, hat sich alles sehr klaustrophobisch angefühlt. Sie sind fast die Gegenteile voneinander. Das Eine ist zwar ein Jahr später erst entstanden, aber es fühlt sich an, als wären das zwei Seiten.
In deinem neuen Video gibt es eine Szene, in der du eine Gabel, Stäbchen, eineTischtennisschläger, eine Schere, Papier und ein Buch siehst. Mit welchen Gegenstand verbringst du am meisten Zeit?
Okay, also es ist wahrscheinlich nicht das Buch, denn egal wie sehr ich es mir vornehme, ich bin ganz schlecht darin, Bücher zu lesen. Wahrscheinlich ist es entweder der Tischtennisschläger oder die Stäbchen. SoundCloud ist eine dieser Firmen, die einen Tischtennisplatte im Büro stehen haben. Ich bin immer noch hin- und hergerissen, was ich davon halten soll, dass es eine dieser Firmen mit Tischtennisplatte ist und ich versuche mein Bestes, dem nicht zu sehr zu verfallen—diesem Technikfirma-StartUp-Ding, das fühlt sich etwas eklig an. Aber es gibt eine Tischtennisplatte neben meinem Schreibtisch und es ist oft schwer, ihr zu widerstehen. Und Stäbchen weil ich Stäbchenessen mag. Wahrscheinlich auch nicht das Papier.
Naja, du hast ja auch keine Lyrics. Wie entscheidest du eigentlich, wie der Titel eines Tracks lautet?
Normalerweise mache ich das beliebig. Die meisten bekommen einfach den Namen, den ich schnell eingetippt habe, um den Track zu speichern. Zum Beispiel „Iceblerg“ heißt so, weil mir kalt war und ich schlechte Laune hatte. (lacht) „TXL“ habe ich am Flughafen Tegel gemacht.
Musstest du lange warten oder bist du einfach sehr schnell?
(lacht) Die Idee kam sehr schnell, also ich würde sagen, ich habe ihn dort angefangen und dann woanders beendet. „Hurry Guests“ zum Beispiel ist nur eine witzige, schlechte Übersetzung, die ich auf einem Schild bei mir um die Ecke gelesen habe. Das steht bei einem Vietnamesen in Neukölln. Ich glaube, sie wollten was für Leute, die sich beeilen müssen, schreiben. Wir fanden das sehr lustig, deswegen habe ich einen Track danach benannt. Für mich bedeuten die Tracks nicht unbedingt etwas, deswegen ist es eher beliebig. Es geht mir eher darum, einen Ort oder ein Gefühl zu kreieren und nicht etwas Bestimmtes zu sagen.
Was ist dein Lieblingsort, um Musik zu hören?
Das darf man eigentlich nicht sagen, aber beim Fahrradfahren mit Kopfhörern.
Das ist gefährlich, das kannst du nicht machen.
In einem sicheren Umfeld! Ich liebe es, Lieder zu hören, wenn ich Fahrrad fahre und mit Kopfhörern höre. Ich habe das Gefühl, dass man die Dynamik der Musik besser aufnehmen kann. Den ersten Track, den ich gemacht habe, hatte eine Verbindung dazu. Es ging darum, nachts um drei Uhr von der Arbeit nach Hause zu radeln, um diese Reise. Ich habe jede Nacht die neueste Version von dem Track gehört.
Und wie hieß der Track?
„Night Cycles“. (lacht) Ich bin wirklich nicht besonders kreativ, wenn es um die Tracknamen geht.
Naja, wenigstens gehst du nicht mehr bei Rot über die Straße.
Nein, und weißt du, ich bleibe auch auf dem Fahrradweg und ich höre auch nur mit geringer Lautstärke.
Okay.
TRACKLIST
Actress – Raven
ARP & Anthony Moore – Today’s Psalter
Factory Floor – 16-16-9-20-1-14-9-7
Prayer – Second Species
Luke Abbott – A Short Distance
Wanda Group – B Museum
SND – 03:21:25
Seams – Hurry Guests
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