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Wikileaks manövriert sich gerade vor unseren Augen ins Abseits

Verschwörungs-Tweets, Demokraten-Sabotage, unerklärliche Moves zur Verteidigung von rechten Trollen und Leaks, die Millionen türkischer Frauen ohne erkennbaren Mehrwert doxen, werfen die Frage auf, was zur Hölle eigentlich bei Wikileaks los ist.

von Theresa Locker
29 Juli 2016, 11:31am

Bild: imago

Es ist nicht ganz klar, wer den Twitter-Account von Wikileaks verwaltet oder dessen Inhalte verfasst. Doch mit antisemitischen und sexistischen Untertönen sowie der Weigerung, mit Kritikern überhaupt in einen Dialog zu treten, vergrätzt die einst so hochgeschätzte Whistleblower-Plattform selbst langjährige, flammende Unterstützer wie Edward Snowden.

In den vergangenen Wochen hat sich der Hort digitaler Geheimnisse zu einer Art Parkplatz für Seltsamkeiten mit eindeutig rechtsgelagerten Tendenzen entwickelt. Julian Assanges Flaggschiff der vierten Gewalt in digitalen Zeiten, das sowohl Politikern als auch etablierten Medien durch aufsehenerregende Politik- und Militär-Leaks seit 2011 Angst einjagt, entwickelt sich nicht zuletzt durch katastrophal verantwortungslose Leaks in eine Richtung, die auch von der Netz-Community mit Unverständnis aufgenommen wird.

Wikileaks verteidigt rechte Trolle und droht, ein eigenes soziales Netzwerk aufzubauen

Wenig Freunde machte sich Wikileaks zunächst mit der energischen Verteidigung des Hardcore-Trump-Fans Milo Yiannopoulus. Der rechte US-Autor gilt als eine Art konservativer Troll und Ikone der sogenannten „alt-right", der zuletzt durch seine anhaltende Hetze gegen die Ghostbusters-Schauspielerin Leslie Jones zu unrühmlicher Bekanntheit kam und wegen seiner wiederholten sexistischen Bemerkungen letztlich auf Twitter geblockt wurde—eine Entscheidung, die selbst unter Yiannopoulus' Gegnern umstritten ist.

Wikileaks nahm die Suspendierung jedoch zum Anlass, sich eine kleine Auszeit von dem Veröffentlichen sensibler Dokumente zu nehmen, um dem Troll zur Seite zu springen und Twitter heftig für die „Feudaljustiz" zu verurteilen. Nach einem kleinen Tweef mit dem Twitter-CEO Jack Dorsey persönlich (der durchaus einlenkend argumentierte) drohte Wikilieaks schmollend, einen „eigenen Dienst" einzurichten. Wer braucht schon Twitter, wenn man Teil des Wikileaks-Social Network ist?

Demokraten schaden und seltsame Nähe zu Russland pflegen

Am vergangenen Freitag—kurz vor dem Parteitag—veröffentlichte Julian Assanges Organisation ungefähr 20.000 gestohlene interne E-Mails des Democratic National Committee. Die Mails sind brisant und kommen im Timing denkbar schlecht für den Wahlkampf der Demokraten: Sie deuten darauf hin, dass sich die Partei intern gegen eine Nominierung Bernie Sanders verschworen hatte, um Hillary Clinton die Kandidatur zu sichern. Die Parteivorsitzende Debbie Wasserman Schultz musste daraufhin zurücktreten. Wenig später legte Wikileaks mit der Veröffentlichung gehackter Voicemails nach, die diesen Vorwurf noch erhärten.

Das FBI vermutet hinter dem Hack russische Gruppen; und tatsächlich deuten auch von technischer Seite viele Indizien darauf hin, dass zwei russische Angreifer mit Verbindungen zum russischen Geheimdienst für den Hack verantwortlich sind und die Daten an Wikileaks weitergereicht haben.

Viele Beobachter sehen in der Veröffentlichung zumindest die Gefahr, dass politisch motivierte Hacker mit ausländischen Geheimdienstverbindungen die US-Präsidentschaftswahl gezielt manipulieren wollen. Nicholas Weaver, der an der Uni Berkeley in Kalifornien in Sachen Wikileaks forscht, geht sogar soweit, Wikileaks gegenüber Wired als „eine Art Pastebin für Spione" zu bezeichnen: „Und Wikileaks lässt sich gern als solches benutzen", fügt er hinzu. (Pastebin ist eine Plattform, auf der jeder anonym Code und Informationsschnipsel veröffentlichen kann.)

Er glaubt, ein legitimer Leaker ohne staatliche Agenda würde sich nicht an Wikileaks, sondern an Presseorgane wenden, wie die verantwortungsvolle Abwicklung der Panama Papers demonstriert habe. Gegen Vorwürfe der Parteilichkeit von Wikileaks ist es ebenfalls nicht hilfreich, dass Julian Assange ganz offen gesagt hat, er hoffe sehr, der DNC-Leak würde Hillary Clintons Kampagne schaden.

Auch Julian Assange selbst tut nicht viel, um Vorwürfe einer möglichen Russlandnähe auszuräumen: Wieso der Wikileaks-Gründer eine Sendung auf dem kreml-finanzierten russischen Sender RT hat, wird wohl bis auf Weiteres sein Geheimnis bleiben.

Das Türkei-Desaster

Im Falle des AKP-Leaks, dessen Brisanz Wikileaks groß angekündigt hatte, sieht die Sache ebenfalls nicht sehr schmeichelhaft aus. „Es ist eigentlich so ziemlich alles schiefgegangen", resümierte der Informationsfreiheits-Aktivist Michael Best gegenüber Motherboard US die jüngsten Türkei-Veröffentlichungen von Wikileaks.

Best, der die Daten auf das Internet Archive hochgeladen hatte, entschloss sich bereits kurz nach der Veröffentlichung wieder zur sofortigen Löschung aller Daten des Türkei-Dumps: Neben den knapp 300.000 E-Mails enthielt das von Wikileaks angekündigte Paket nämlich auch eine Torrent-Datenbank von so gut wie allen erwachsenen türkischen Frauen im Land, was nach Ansicht vieler Beobachter besonders in der angespannten Lage so kurz nach der blutigen Niederschlagung eines Putschversuchs eine grobe Fahrlässigkeit ohne erkennbaren Mehrwert für die Öffentlichkeit darstellt, wie auch mehrere bekannte Anti-Zensur-Anwälte aus der Türkei bemängeln.

Das Saftigste, was der AKP-Leak bisher ans Licht gebracht hat, ist diese türkische Grießspeise

Die Tech-Soziologin und Autorin Zeynep Tufecki kritisierte in einem Artikel für die Huffington Post, auf Facebook und auf Twitter die Veröffentlichungspraxis der #akpleaks scharf als Verantwortungslosigkeit. Nichts von öffentlichem Interesse würde sich in den Mails finden, statt den angekündigten „Erdogan-Mails" und Staatsgeheimnissen sei nur die persönliche Kommunikation vieler ganz normaler Bürger mit vollen persönlichen Daten und Informationen über ihre politischen Aktivitäten öffentlich gemacht worden. Millionen Frauen wurden durch die unbedacht geleakten Daten gedoxt und befänden sich nun in akuter Gefahr.

Wikileaks' Antwort? Tufecki solle ihre grundlosen Anschuldigungen unterlassen und aufhören, Erdogan zu beklatschen, eine Journalistin wie sie, die nicht zu ihren Fehlern stünde, würde bald nicht mehr als Journalistin arbeiten. „Ich bin aber gar keine Journalistin", antwortete Tufecki noch. Dann wurde sie von Wikileaks kurzerhand geblockt.

Auf Twitter herrscht Empörung über diese unkooperative Reaktion. Nicht wenige glauben, dass sich Wikileaks in einer selbstgerechten, arroganten Art und Weise ins eigene Fleisch schneidet. „Unterminiert es nicht die eigene Sache, als Befürworter freier Meinungsäußerung eine kritische Akademikerin abzuwürgen?", schreibt einer.

Unerklärliche OpSec-Lücken

Kurz vor der Veröffentlichung der #AKPemails zeigte sich Wikileaks—sonst in digitaler Sicherheit eigentlich extrem versiert—in Sachen OpSec alles andere als souverän und machte sich damit zum Gespött diverser Sicherheitsforscher: „What's going on??", twitterte man leicht paranoid und ergänzte aufgeregt, Hackerangriffe, vermutlich von staatlicher Seite, wollten die Veröffentlichung verhindern. Soweit, so glaubwürdig.

Als vermeintlichen Beweis dazu präsentierte Wikileaks jedoch einen mysteriösen Link, den sie kurz vor der Veröffentlichung der AKP-Mails zugeschickt bekommen hatten. Aber: Es war keine besonders ausgefeilte staatliche Hacker-Attacke, sondern der wohl offensichtlichste Phishing-Versuch der Welt: „Please verifiy your account" (sic). Kein Wunder, dass sich mehrere Tech-Journalisten über die zur Schau gestellte Hilflosigkeit lustig machten: „Wenn Julian Assange schon keinen Phishinglink mehr erkennt, können wir alle anderen dann vielleicht kurz damit in Ruhe lassen?", schreibt unser US-Kollege Joseph Cox beispielsweise.

Antisemitische Tweet-Ausfälle

Den wohl bizarrsten Auftritt gönnte sich Wikileaks am 23. Juli: Um 19 Uhr abends wurde ein wirrer Tweet abgesetzt, den nicht wenige Twitter-Nutzer als anitsemitisch deuteten—mit seltsam-raunenden Anspielungen auf das „Establishment" und die drei Klammern, die Neonazis im Internet zur Markierung jüdischer Namen benutzen (was andere zum Anlass nahmen, ihre Namen selbst mit diesen Klammern zu verzieren, um den Verdacht zu zerstreuen). „Alle unsere Gegner" seien jüdisch, deutete man an—und stieß in den rund 400 Kommentaren einhellig auf blanke Fassungslosigkeit. Der Tweet wurde später wieder gelöscht.

Wie sehr sich Wikileaks von seiner Unterstützerbasis entfremdet hat, zeigt ein prominentes Beispiel vielleicht am besten: Im Trubel der vergangenen Tage hat sich nun auch Edward Snowden eingeschaltet und Wikileaks freundlich gebeten, doch mal eine gewisse Vorauswahl ihres Inhalts in Betracht zu ziehen. „Demokratisierung von Informationen war nie wichtiger, und Wikileaks hat dabei geholfen. Aber ihre Feindseligkeit selbst gegenüber bescheidener Kuratierung ist ein Fehler.", twitterte Snowden gestern.

Die Antwort kommt gewohnt harsch zurück an den Absender: „Opportunismus bringt dir auch keine Begnadigung bei Clinton", blafft der Wikileaks-Twitteraccount von Whistleblower-Plattform zu Whistleblower.

Noch vor einigen Jahren präsentierte sich Wikileaks als neutrales Korrektiv, bilanziert der Forscher Mark Fenster gegenüber Wired. Doch er sieht den Knackpunkt, der für die unerklärlichen Entgleisungen der vergangen Wochen verantwortlich ist, auf einer ganz generellen Ebene: „Als eine Art Mittelsmann hat Wikileaks noch Sinn ergeben und gewann sofort sehr viel an Einfluss. Aber das Problem ist, dass Wikileaks eben nicht nur Technologie ist, sondern auch aus Menschen besteht".

Theresa versucht auf Twitter, nicht auf Phishing-Links hereinzufallen.

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