The Burnout and Escapism Issue

Was Hass mit deinem Gehirn macht

Ob Rassismus eine Krankheit sein könnte, oder sogar ansteckend – das untersuchen jetzt Expertinnen und Experten.

von Allie Conti; illustrationen von Camilo Medina
03 Februar 2019, 5:00am

Illustrationen von Camilo Medina

Aus der Burnout and Escapism Issue. Du willst das VICE Magazine abonnieren? Hier entlang.

Ich reise nach Omaha, um rauszufinden, ob das Internet mein Gehirn kaputtgemacht hat. In einem Labor der University of Nebraska schließt man mich an ein Messgerät für galvanische Hautreaktion – der Finger-Clip erinnert mich an einen Lügendetektor. Eine Kamera verfolgt meine Augenbewegungen und Mimik, während ich Bilder ansehe. Die Geräte messen unbewusste Reaktionen, sogenannte Mikroemotionen, anhand von fünf Kategorien: Freude, Wut, Überraschung, Angst und Zufriedenheit. Haben Jahre auf Seiten wie Reddit und 4Chan mich abgestumpft oder empfänglich für rechtes Gedankengut gemacht? Ich fürchte mich vor der Antwort.

Eigentlich sollte jemand anderes auf diesem Stuhl sitzen, und zwar der Vater eines gewissen Dave. Ich habe Dave in einem "Ask Me Anything"-Thread auf Reddit kennengelernt. Dort fragte er ein Ex-Mitglied des Ku-Klux-Klan, wie er seinen Vater endlich vom KKK abbringen könne – daran scheitere er seit dem Alter von 14, heute ist er in seinen Zwanzigern. Laut Dave geriet sein Vater an rassistische Gebetsgruppen, weil er glaubte, Fördermaßnahmen für Minderheiten hätten ihn einen Job gekostet. Später wurde Daves Dad zu einem richtigen Klan-Recruiter, "Kleagle" genannt. Als sich seine Kumpane während Donald Trumps Wahlkampagne verstärkt antisemitisch äußerten, wandte er sich von ihnen ab, doch nun hatte Dave gehört, dass sein Vater wieder mit der alten Gruppe abhing.

Dave erzählte von einer Jugend, die von politischem Tauziehen mit seinem Vater geprägt war. Nach der Highschool ging er auf eine Jesuiten-Uni, um zu erforschen, wie Rassisten ihre Ansichten mit religiösen Schriften und Werken wie Die Protokolle der Weisen von Zion und Mein Kampf rechtfertigen. Er wollte verstehen, weshalb der Mann, der ihn zu Kreuzverbrennungen mitgenommen hatte, ihm den Hitlergruß verbot. "Der Widerspruch nagte an mir", erzählte Dave. "Ich dachte, vielleicht steckt noch Gutes in ihm." Das Studium brach er ab, doch die Fragen ließen ihm keine Ruhe: Wie konnte der "liebe" Mann, der ihm sein erstes Bier eingeschenkt hatte, ihm verbieten, mit seinem Cousin abzuhängen, nur weil der einen nicht-Weißen Elternteil hatte?

Ich hatte Dave kontaktiert, um einen Artikel über seinen antirassistischen Familienstreit zu schreiben. Er freute sich, dass eine Journalistin seine Geschichte teilen und so anderen helfen wollte. Doch irgendwann hörte er auf, mir zu antworten. Womöglich verlor er das Interesse. Vielleicht sorgte er sich auch, seine Großeltern könnten vom dunklen Geheimnis seines Vaters erfahren, denn Daves Familie lebt in einem kleinen Ort.

Auch wenn ich Daves Geschichte nun bloß in Bruchstücken erzählen kann, fasziniert mich dieser Vater, der einerseits zu seinem Rassismus steht, aber andererseits Empathie an den Tag legt. Dave hasste die Klan-Ideologie, aber nicht den Mann, der sie vertrat. Er wünschte sich nichts weiter als zu verstehen, warum sein wichtigstes Vorbild so geworden war. War Rassismus Teil seines Wesens, oder hatten die Rassisten nach und nach auf ihn abgefärbt? Machte das einen Unterschied?

"Ich frage mich ernsthaft, ob der Mann, den ich retten will, überhaupt noch existiert", sagte Dave. "Ich glaube, ich habe viel Zeit verschwendet. Jetzt hoffe ich nur noch, dass jemand anderes fertigbringt, woran ich gescheitert bin."

Für Recherchen verbringe ich jede Woche Stunden auf Seiten wie 4Chan und Reddit. Oft frage ich mich, ob diese dunkle Ecken des Internets mich vergiften oder abstumpfen lassen. Werde ich empfänglich für Propaganda, die ich eigentlich ablehne?

Im August 2017 fand auf dem Campus der University of Virginia in Charlottesville die rechtsextreme "Unite the Right"-Demo statt. Danach schrieb der Journalist Panama Jackson, der einen Schwarzen Vater hat, ein Essay darüber, wie er sich von seiner Weißen, Trump-unterstützenden Mutter distanzierte. Berichte von Aussteigern aus rechtsextremen und rassistischen Gruppen wurden unter Trump ebenfalls zu einem beliebten Genre. Diese Texte gehen jedoch selten darauf ein, was genau im Kopf einer extrem rassistischen Person vor sich geht.

Aus diesem Grund bin ich in Omaha. Wenn ich schon dem jungen Mann aus dem Reddit-Thread nicht helfen kann, Antworten zu finden, will ich wenigstens herausfinden, was Hass laut der neuesten Forschung mit dem Hirn anstellt. Für Recherchen verbringe ich jede Woche Stunden auf Seiten wie 4Chan und Reddit. Oft frage ich mich, ob diese dunkle Ecken des Internets mich vergiften oder abstumpfen lassen. Werde ich empfänglich für Propaganda, die ich eigentlich ablehne?

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"Bei Ihnen ist alles OK – noch", scherzt der Soziologe Pete Simi, als ich einen zweiten Raum betrete, um die Ergebnisse anzusehen. Bei ihm sind die Expertin für Wirtschaftspsychologie Gina Ligon von der University of Nebraska–Lincoln und eine Handvoll Studierende, die ihre Arbeit an der UNO-Forschungseinrichtung Koraleski Commerce and Applied Behavioral Laboratory vorführen. Wir sehen uns das Video von meinem Versuch an. Auf dem Monitor bin ich, wie ich ein Bild von einer Kundgebung mit roten Flaggen sehe. Dann schießt mein "Wut"-Messwert in die Höhe, als Hakenkreuze auf den Flaggen erscheinen. Ich bin ein wenig erleichtert.

Der Lynchmord an dem Schwarzen 14-Jährigen Emmett Till 1955 in Mississippi gilt als ein Katalysator der Bürgerrechtsbewegung. Der Vorstandssekretär der National Association for the Advancement of Colored People, Roy Wilkins, sagte den Fernsehteams damals etwas, das heute befremdlich klingt: Die Mörder des Jungen hätten eine angeborene Tendenz zu rassistischer Gewalt. "Sie mussten beweisen, dass sie besser sind", so Wilkins. "Indem sie einen 14-Jährigen töteten. Das liegt am Virus im Blut der Mississippianer. Sie können nichts dagegen tun."

Diese Aussagen machte Wilkins im Kontext einer Nachkriegsära, die versuchte, Rassismus als pathologisches Problem zu erklären. Das einflussreichste Werk zum Thema war The Authoritarian Personality, 1950 veröffentlicht von Theodor Adorno, Else Frenkel-Brunswick, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford, auch bekannt als die Berkeley-Gruppe. Die Gruppe entwickelte die "F-Skala" (F für Faschismus), um das Potenzial für antidemokratisches und faschistisches Gedankengut zu messen.


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Der Co-Autor Sanford war der Ansicht, autoritäre Persönlichkeiten seien in der Gesellschaft "mehr oder weniger normal verteilt" – und damit unvermeidbar. Die Triumphe der Bürgerrechtsbewegung ließen allerdings viele Menschen hoffen, Rassismus könne verringert oder gar ausgelöscht werden. Laut einem Paper der Soziologen James M. Thomas und W. Carson Byrd von 2016, "The ‚Sick‘ Racist: Racism and Psychopathology in the Colorblind Era", sind einige Psychiater der Meinung, Rassismus sei so weit von der Norm entfernt, dass es sich dabei um eine psychische Krankheit handeln könnte. Der bekannteste Vertreter dieser Theorie ist Alvin Poussaint: 1968, nach dem Mord an Martin Luther King Jr., forderte er, extremen Rassismus als Form der Wahnstörung ins Diagnostic Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) aufzunehmen.

"The ‚Sick‘ Racist" zufolge lehnte die American Psychological Association (APA) dies ab und verwies auf eine Studie, laut der autoritäre Züge in den Süd- und Nordstaaten gleich weit verbreitet seien. Somit sei Rassismus "normal" und könne keine psychische Krankheit sein.

Doch die Debatte ging weiter. Bei der APA-Jahresversammlung 1978 erklärte der Psychologe Carl Bell, Rassismus sei nichts weiter als eine narzisstische Störung. 1980 forderte der Präsident der APA, die Fachleute sollten endlich entscheiden, ob Rassismus ein psychisches oder soziales Problem ist. Es gab keinen Konsens. 1987 und 1994 kam die Debatte erneut auf, wieder ohne Ergebnis.

Sanfords Normalisierung von Vorurteilen – nicht als etwas Positives, sondern als etwas Unausweichliches – hallt in den USA nach. In einem Artikel in der Washington Post hieß es 2005, manche Psychologen seien dagegen, Rassismus als Störung im DSM aufzunehmen, weil dann Menschen mit "normalen Vorurteilen" einer "Gehirnwäsche" unterzogen würden. Alvin Poussaint ist inzwischen 84 und arbeitet als Dekan für Studierende an der Harvard Medical School. Gegenüber VICE nennt er einen anderen Grund, weshalb sich Fachleute dagegen wehren, Rassismus zur Krankheit zu erklären: "Die Menschen hinter dem DSM fürchten, dass das rassistische Mörder als psychisch krank entschuldigen würde." Hass gilt gegenwärtig in Mordfällen oft als erschwerender Faktor – nicht als mildernder Umstand.

Während Expertinnen und Experten davor zurückscheuen, Rassismus als krankhaft zu bezeichnen, erklären andere damit gern schlechtes Verhalten. Der Baseballspieler John Rocker gab 1999 Sports Illustrated ein berüchtigtes Interview voll hasserfüllter Aussagen, der Chef der Liga verordnete ihm dafür eine Therapie. Michael Richards, bekannt als Kramer aus der Serie Seinfeld, sowie die Promiköchin Paula Deen verursachten vor einigen Jahren Skandale, weil sie das "N-Wort" benutzten. Beide sagten hinterher, sie würden sich in Behandlung begeben. Im Mai 2018 verwies die Schauspielerin Roseanne Barr auf das Schlafmittel Ambien, als man ihr vorwarf, ihr Tweet gegen die ehemalige Obama-Beraterin Valerie Jarrett sei rassistisch.

Menschen, die für ihr Verhalten am Pranger stehen, weisen die Verantwortung natürlich gern von sich. Poussaint glaubt zwar nicht, dass man Rassismus als rein neurologisches Problem erklären könne, Vorurteile lassen sich laut dem Psychiater trotzdem abbauen.

"Die Medien berichten kaum über Menschen, die rassistisch waren und sich geändert haben", sagt Poussaint. "Es mag selten sein, aber manche lassen sicher von ihrem Wahn ab, wenn ihr Leben positiver verläuft und sie weniger depressiv sind." Promis, die sich für ihre Ausfälle in Therapie begeben, sind im Vergleich zu einem KKK-Rekrutierer eher Alltagsrassisten. Können sogar Mitglieder extremistischer Gruppen gemäßigter werden, wenn sie glücklicher sind?


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So erging es dem Kanadier Tony McAleer, einem ehemaligen Neonazi. Im Jahr 1991, als er Vater wurde, kamen ihm erste Zweifel, 1998 durchlebte er einen Wandel und verließ die Szene schließlich. Der Ausstieg war schwer: Im Gespräch mit VICE bezeichnet McAleer sein Leben zwischen den Welten als "die Leere". Seit 2011 betreibt er die Non-Profit-Organisation Life After Hate, die Menschen beim Ausstieg aus der Szene hilft. Als McAleer damals der Neonazi-Gruppe White Aryan Resistance den Rücken kehrte, war er nicht mehr willkommen auf den Partys, die den Dreh- und Angelpunkt seines Lebens gebildet hatten. Seine Freunde und Angehörigen, die er für die gewaltbereiten Rassisten hinter sich gelassen hatte, wollten ebenfalls nichts von ihm wissen. Einsam betrank sich McAleer regelmäßig in einer Bar, zu Hause hörte er alte Platten von Skrewdriver. Er wollte sich ändern, dachte aber oft an den Spaß, den er mit seinen Skinhead-Freunden gehabt hatte. Dass seine Gruppe ihren Spaß oft auf Kosten anderer hatte, verdrängte er.

"In meinen einsamsten Momenten rief ich bei den Leuten an, von denen ich doch loskommen wollte", sagt er. "Ich wusste, dass das falsch war, aber ich hatte sonst niemanden."

In einem Artikel namens "Bowling Alone: America’s Declining Social Capital" schrieb der Soziologe Robert Putnam von der Harvard University 1995, die US-Demokratie werde geschwächt, weil die Menschen keinen Vereinen und Clubs mehr angehörten. Wenige Jahre später veröffentlichte Putnam auch ein Buch mit dem Titel Bowling Alone. Der Name basiert auf einer Statistik: Zwischen 1980 und 1993 sanken die Mitgliederzahlen der US-Bowlingligen um 40 Prozent, die Gesamtzahl der Spieler stieg jedoch um zehn Prozent. Putnam schrieb, Eltern engagierten sich immer weniger in sozialen oder schulischen Kontexten, immer weniger Kinder gingen zu den Pfadfindern. Das liege unter anderem an der zunehmenden Berufstätigkeit von Müttern und der gestiegenen geografischen Mobilität in den Staaten. In der Gesellschaft finde immer weniger Dialog statt, weil Menschen ihre Freizeit allein vor dem Fernseher verbrächten.

Dieser Mangel an sozialem Kapital treibe viele junge Menschen in den Extremismus, schrieb der Soziologe Michael Kimmel 2018 in seinem Buch Healing from Hate. VICE gegenüber erklärt Kimmel, die Kameradschaft halte junge Rekruten oft in Gruppen, deren extremistisches Gedankengut sie längst infrage stellten. Es ist dieselbe Dynamik, die McAleer erlebte: Weil er seine übrigen Mitmenschen mit hasserfüllten Ansichten abgeschreckt hatte, fiel es ihm schwer, den Kontakt zu seinen letzten Verbündeten abzubrechen.

Auch für Daves Vater könnte das Gefühl der Zugehörigkeit ein wichtiger Faktor sein. "Irgendwie ist der Klan auch eine Selbsthilfegruppe", meinte Dave. "Genau wie die Anonymen Alkoholiker.“

Extremismus hat zwangsläufig etwas mit der Suche nach Identität zu tun. Wie lassen sich extremistische Bewegungen also aufhalten, wenn es heutzutage so wenige identitätsstiftende Gruppen in der Gesellschaft gibt? Seit den 90ern sind die Menschen zweifellos noch bildschirmfixierter und isolierter geworden. Junge Menschen gehen seltener aus, noch Jüngere verbringen den Großteil ihrer wachen Zeit in den sozialen Medien. Alle Generationen sind durch die Medien einem gewissen Schwarz-Weiß-Denken ausgesetzt. Wenn Hassgruppen Zulauf erfahren, dann auch, weil in diesem Klima der Isolation mehr Menschen Anschluss suchen.

Junge Menschen gehen seltener aus, noch Jüngere verbringen den Großteil ihrer wachen Zeit in den sozialen Medien. Alle Generationen sind durch die Medien einem gewissen Schwarz-Weiß-Denken ausgesetzt.

Simi, der Soziologe in Omaha, führt eine lange Liste von aktuellen und ehemaligen Rassisten aller Altersgruppen. Als junger Akademiker kontaktierte er Extremisten durch ihre Postfächer und bat darum, sie auf ihren abgeschotteten Geländen besuchen zu dürfen. 2012 begann er, ihre Lebensgeschichten zu sammeln, um die Hindernisse für Aussteiger zu verstehen.

Schnell erkannte Simi ein Muster: Viele der "Ehemaligen" klagten, sie würden sich in bestimmten Situationen unabsichtlich schlecht verhalten. Eine Frau namens Bonnie erzählte, sie habe sich wegen eines zu kleinen Burgers mit einer Latina am Fastfood-Schalter gestritten, dabei im Affekt eine rassistische Beleidigung gerufen, "White Power!" gesagt und den Hitlergruß gezeigt. Hinterher, so erklärte sie Simi, habe sie es nicht fassen können und sich geschämt. Insgesamt interviewte der Soziologe in fünf Jahren 89 Menschen, jeder Dritte benutzte das Wort "Sucht" im Gespräch über den Kampf gegen seine Vorurteile.

Warum ausgerechnet dieses Wort? Simi hält es für möglich, dass "Sucht" einfach ein naheliegendes Narrativ bietet. In den USA grassiert eine Opioidkrise, insgesamt erfahren Abhängige immer mehr Verständnis. Weniger wohlwollend interpretiert: Vielleicht wollen auch diese Menschen die Verantwortung von sich weisen, indem sie von Krankheit sprechen. Simi selbst hat im Laufe seiner Studie eher den Eindruck gewonnen, bei den Ex-Rassisten handle es sich wirklich um Menschen mit Störungen.

"Viele meinen, sie hätten ihrem Gehirn vielleicht langfristig geschadet, indem sie Teil dieser Gruppen wurden", sagt Simi. "Sie sprachen von ungewollten und unbeabsichtigten Handlungen, von einer Art Nachwirkung." Dieses Phänomen ist in der Soziologie bekannt; Rückstände einer abgelegten Identität kehren gelegentlich zurück. Das Potenzial dafür steige, wenn die Identität eine zentrale Rolle im Leben der Person gespielt habe, sagt Simi.

Mein Besuch in Simis Labor ist nur ein kleiner Test, doch sein Team ergründet tatsächlich, welche langfristigen Spuren Hass im Hirn hinterlässt. In einer Pilotstudie an der University of Nebraska–Lincoln im Sommer 2018 schlossen Simi und Gina Ligon selbst erklärte White Supremacists an ein Elektroenzephalogramm (EEG) und Augensensoren an. Dann führten sie ihnen Bilder vor: Szenen von Gewalt, Paare unterschiedlicher Ethnie, rassistische Symbole wie das Hakenkreuz. Zusätzlich absolvierten die Teilnehmer denselben Test in einem anderen Labor, wo die Forscher mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) ihre Hirnaktivität verfolgten.

Die Studie verglich fünf Ex-Rassisten mit fünf Kampfsportlern – diese Kontrollgruppe hatte man gewählt, weil es sich um Weiße Männer mit einer eigenen Form des aggressiven Verhaltens handelte. Die Gruppen waren sehr klein, doch die ehemaligen Rassisten wiesen Hirnaktivitäten auf, die der Kontrollgruppe fehlten, vor allem bei der Verarbeitung von Gesichtern, Sprache und Symbolen sowie bei der Unterdrückung von Emotionen. Teils waren diese Reaktionen bereits 100 Millisekunden nach Erscheinen der Bilder messbar.

Für diese Unterschiede kann es mehr als eine Erklärung geben. Bei Menschen, die sich bewusst vom Rassismus abgewandt haben, könnten komplexe Hirnregionen wie die mittlere Stirnwindung aktiv werden, um möglichen negativen Assoziationen entgegenzuwirken. Anders gesagt: Diese Menschen konzentrieren sich darauf, wie sie nicht reagieren sollen. Dennoch legen die Ergebnisse nahe, dass Menschen mit einer rassistischen Vergangenheit bestimmte Reize anders wahrnehmen als die Kontrollgruppe – diese Reaktionen zeigen sich außerdem so schnell, dass sie vermutlich unbewusst sind.

Ligon ist Expertin dafür, wie Menschen auf Marketingbotschaften reagieren. Inzwischen setzt sie ihre Kenntnisse gegen Extremisten ein – "Terroristen-Marken", wie sie sagt. Ligon entschied sich dazu, als sie auf einer Konferenz erfuhr, dass Menschen eines bestimmten Bindungstyps sich Produktplatzierung in Filmen besser merken, wenn sie Angst haben.

"Wenn eine Person dieses Typs einen Horrorfilm guckt und Angst bekommt, konzentriert sie sich beispielsweise auf eine Wasserflasche im Film", sagt Ligon zu VICE. "Wenn wir die Reaktionen auf einen Horrorfilm so gut verstehen können, dann können wir das auch bei einem IS-Video."

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Bei näherer Betrachtung ergibt es Sinn, dass Ligon Propaganda und Radikalisierung an einem wirtschaftlich orientierten Forschungsinstitut wie dem Koraleski Lab untersucht. IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi verkauft seinen Gefolgsleuten schließlich auch etwas, sei es eine Lebensaufgabe, das Versprechen vom Paradies oder lediglich Zugehörigkeit.

In ihren Experimenten an Ex-Rechtsextremen stellten Ligon und Simi fest, dass selbst Menschen, die sich öffentlich von der Ideologie distanziert haben, vermehrt "Freude" empfinden, wenn sie ein Bild von einem Nazi-Parteitag sehen. Offenbar bleibt wirklich etwas zurück, wenn jemand einmal extremistisch eingestellt war – selbst wenn er oder sie dieses Denken unbedingt ablegen möchte. Mein eigenes Experiment deutete nicht darauf hin, dass die vielen Besuche in rassistischen Foren mich geschädigt haben. Doch sie geben Einblick, wie "Terror-Marken" Menschen erreichen: Mein "Freude"- Messwert schnellte in die Höhe, als ich eine Flüchtlingsfamilie sah, eine Neonazi-Familie und Kinder auf einer Wasserrutsche – ein Clip aus einem IS-Propagandavideo. Offenbar bin ich sehr empfänglich für familienorientierte Szenen.

Bisher bietet die Forschung keine Lösung für innerfamiliäre Probleme, wie sie Dave mit seinem Vater hat. Im Laufe unserer Gespräche sagte Dave, er habe angefangen, sich von seinem Vater und der restlichen Familie zu distanzieren. "Er ist ein abscheulicher, böser Mensch geworden, auch wenn er an seiner Gruppe zweifelt. Aber ich verstehe, wie er an diesen Punkt gelangt ist. Menschen verteufeln Rassisten, ohne nachzuvollziehen, wie sie so geworden sind." Niemand werde als Rassist geboren – und Dave ist überzeugt, dass der Weg zu dieser Denkweise für alle Betroffenen ähnlich verläuft.

Auch heute ist noch nicht geklärt, ob Rassismus ein psychisches Problem ist, das bei manchen Menschen außer Kontrolle gerät. Der Soziologe Simi betont, um Behandlungsansätze zu entwickeln, sei noch mehr Einblick in die beteiligten neuropsychologischen Strukturen nötig.

"Unsere Studien haben gezeigt, wie tief diese Überzeugungen sitzen", sagt Simi. "Das lässt sich in der kognitiven Verhaltenstherapie nutzen. Und wir wissen jetzt: Nur weil man eine Gruppe verlassen hat, ist es damit noch nicht vorbei."

Anscheinend kann es unser Gehirn tatsächlich "umprogrammieren", wenn wir uns mit einer Ideologie identifizieren. Umso wichtiger ist es, Propaganda zu erkennen und zu hinterfragen, bevor es überhaupt so weit kommt.

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