Jedes Jahr legt Michail Paweliwitsch Karabelnikow (77) die etwa 3.200 km vom russischen Nowokusnezk nach Sotschi zurück, um hier den Sommer zu verbringen. Während der Sowjetära wurden jährlich Millionen Arbeiter hierher geschickt, wo sie in den berühmten Sanatorien der Stadt Erholung für Körper und Geist finden sollten. Russische Senioren und Behinderte sorgen dafür, dass diese Häuser auch heute noch ganzjährig ausgebucht sind. Bis 2014 werden jedoch fast alle dieser historischen Gebäude in Luxushotels verwandelt, die olympische Athleten, Funktionäre und Zuschauer beherbergen sollen.
Das direkt am Schwarzen Meer gelegene Sotschi ist Russlands größter Ferienort und so schön, dass Josef Stalin persönlich dort während der goldenen Jahre eine Datscha hatte. 2014 gibt es für das internationale Publikum der Olympischen Winterspiele kein Entrinnen vor dem Charme dieser Region.
Die so sonnig und entspannt wirkende Atmosphäre täuscht über Sotschis konfliktreiche Vergangenheit hinweg. Über 200 Jahre lang hat Russland mehr oder weniger erfolgreich versucht, die Kontrolle über dieses Gebiet zu erlangen. Heutzutage ist die Stadt ein Schmelztiegel verschiedener Volksgruppen, von denen jede mit dem Verweis auf ihre Vergangenheit ihre Unabhängigkeit einfordert. Als 2008 die Bewerbung Sotschis als Austragungsort Erfolg hatte, gab es hier noch keinerlei Sportstätten, die den Anforderungen genügt hätten (was die Wahl des Olympischen Komitees nur noch sonderbarer macht). Die russische Regierung versprach, 12 Milliarden Dollar für die Sanierung der Stadt auszugeben—nach manchen Schätzungen ist das der höchste Betrag, der je in eine Stadt investiert wurde, um sie olympiatauglich zu machen.
Für ihr multimediales „Sochi Project“ dokumentieren der Fotograf Rob Hornstra und der Autor und Filmemacher Arnold van Bruggen ohne Schönfärberei den ungewöhnlichen Wandlungsprozess der Region bis zur Schlussfeier der Spiele. Rob war so nett, uns ein paar Bilder zukommen zu lassen, die einen für die Region einzigartigen sozioökonomischen Umbruch sichtbar machen.
Der kleine Dima taucht sein verletztes Bein in ein Becken im Kurort Matsesta. Angeblich verleiht ein Überschuss an Schwefelwasserstoff dem Wasser eine einzigartige heilende Wirkung.
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Mascha, ein 20-jähriger Goth, hängt im Aquarium von Sotschi ab. Zum Zeitpunkt dieses Fotos war sie gerade mit den Proben für die Wahl zur Miss Sotschi beschäftigt. Ein paar Tage später war sie mit ihrem Freund Wladimir verlobt. Offensichtlich hatte sie in keiner dieser Angelegenheiten ein Wörtchen mitzureden.
Disconacht im Club (so heißt der Laden tatsächlich) im obersten Stockwerk des Metallurg-Sanatoriums. Hier stehen Tanzabende und Karaoke, aber auch exotischere Angebote wie Parfümvorführungen und Talentshows auf dem Programm.
Aliona, eine Stripperin, kurz vor ihrem Auftritt in einem Nachtrestaurant im obersten Stockwerk des Hotels Schemtschuschina.
Verheißungsvolles Glitzern: das russische Sotschi 2011. Die postkommunistische Architektur der Stadt, die einst als „Perle“ der Sowjetunion galt, ist ein absurdes Sammelsurium aus Prachtbauten und nichtssagenden Touristenapartments. Die Vorbereitungen auf die Olympiade werden das Stadtbild in den kommenden Jahren noch drastisch verändern.