Du bist Berlin egal

Alle lieben Berlin, auch der Berliner liebt Berlin, aber was er am meisten liebt, ist Selbsthass. Dafür wird Berlin von aller Welt geliebt und die Touristen spielen eine Menge Geld in die leeren Kassen ein und das multikulturelle Zusammenleben wird gefördert. Aber trotzdem muss es ja immer was geben in das man seine Wut hineinpresst.

Vor kurzem gab es eine Aktion der Grünen unter dem Namen “Hilfe die Touris kommen?!” 120 Menschen haben sich versammelt und darüber diskutiert, das das Leben in Kreuzberg durch den Massentourismus so gut wie unmöglich wird. Es ist zu laut, es wird in die Hauseingänge gekotzt und man fühle sich nicht mehr sicher. Aber das ist doch Kreuzberg, oder? Ein eigentlich sehr multikultureller Stadtteil und die normalerweise immer für Toleranz werbenden Grünen diskutieren plötzlich in Sarrazin-Manier über ihren Kiez.

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Actio ruft reactio hervor und so lud Die CDU also unter dem Slogan “Hurra die Touris kommen!” auch zu einer Diskussion ein. Problematisch war nur, dass diesem Aufruf insgesamt nur sieben Menschen gefolgt sind, abzüglich des Moderators, der zwei Redner und meiner selbst. Eben diese Personen passten genau so wenig in das Bild einer politischen Diskussion wie der ganze Rest der Veranstaltung. Eine Dame, die aussah als wäre sie grade zurück aus Woodstock und die sich wahrscheinlich dachte, dass in jeder politischen Diskussion das Thema Atomkraft angeschnitten wird. Außerdem war eine andere Dame dabei, die den Michael Jacksons Vorhaben ins Gegenteil verkehren wollte, also nicht von schwarz zu weiß, sondern von weiß zu solarium-schwarz. Das restliche Publikum bestand aus zwei Herren die sich dachten das ungepflegte graue Bärte eine Art Seriosität ausstrahlen.

Die Diskussion an sich war eher suspekt und wurde dauerhaft von schlechter Schlagermusik untermalt, die aus dem Nebenraum herüber dröhnte. Im Hauptteil ging es um die finanzielle Lage Berlins und weniger darum wie das Problem, das ja offensichtlich einige Menschen mit den Touristen haben, zu lösen ist. Es wurde ziemlich viel Bier getrunken und einer der Graubärtigen lies es sich auch nicht nehmen irgendetwas zu verspeisen, was für mich aussah wie Wachteleier und den ganzen Raum mit einem unglaublich Geruch nach Kompost erfüllte.

Berlin stellt immer wieder neue Rekorde für Übernachtungen auf, es sind rund 21 Millionen pro Jahr, der Umsatz dabei beläuft sich auf geschätzte 9 Milliarden Euro. Eine Tatsache auf der man die Diskussion wirklich gut hätte aufbauen können, dennoch war es anscheinend wichtiger zu erwähnen, dass es auf den Anti-Touri-Stickern so aussähe, als würde das Herz eine Träne weinen. Wenn man also wie von den Grünen gewünscht, bestimmte Bezirke, wie Friedrichshain und Kreuzberg einfach für Touristen schließen würde, gäbe es in eben diesen schon nach kurzer Zeit einen Riesenrückgang in den Einnahmen der Clubs, Bars, Open Air Veranstaltungen, Modeläden und sonstigen für Touristen interessanten Läden. Und wenn wir schon bei Läden sind, einer der Diskutanten – geschätze 50 – profilierte sich damit, dass er erst letzte Woche mit seiner Freundin bis drei Uhr nachts in einem dieser Läden verbracht hat und sich niemand über den Lärm beschwert hätte – eigentlich wollte er aber nur sagen wie hip er doch ist, weil er mit 50 immer noch so lange unterwegs ist.

Alles in allem bleibt nur zu sagen, dass die Debatte noch lange kein Ende hat, aber irgendwie scheinen die Grünen zu gewinnen, da sie anscheinend die besseren Diskussionpartys schmeißen und die Keuzberg/Friedrichshainer können dann wieder alleine und in aller Ruhe in ihre eigenen Hauseingänge kotzen und pissen.

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