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Eine Analyse der Friendzone

Wer hätte gedacht, dass sich ein beiläufiger Witz von Joey aus ‚Friends' mal zu einer Möglichkeit der ungerechtfertigten Schuldzuweisung entwickeln sollte?

Eines von unzähligen Friendzone-Memes

Ich muss etwas gestehen: Es gab früher öfters Situationen, in denen ich dachte, in der Friendzone gelandet zu sein. Da waren junge Frauen, die ich für etwas Besonderes hielt und mir mehr erhoffte, weil ich tagelang SMS mit ihnen geschrieben, Filme in der Löffelchenposition geschaut oder einfach viel Zeit mit ihnen verbracht hatte. Als ich dann jedoch allen meinen Mut zusammennahm und sie nach einem richtigen Date fragte, wurde mir immer gesagt, dass das nicht funktionieren würde. Sie schätzten zwar meine Freundschaft, wollten aber nie etwas sagen, weil sie befürchteten, dass ich dann nicht mehr mit ihnen abhängen wollen würde. Damals machte mich das richtig wütend. Wie kann eine Frau es nur wagen, sich einen Kumpel zu wünschen?

Inzwischen ist es mir fast peinlich, mich an diese Reaktionen zurückzuerinnern. Bevor ich so einige Erleuchtungen hatte, glaubte ich tatsächlich an die Existenz einer „Friendzone", also eines platonischen Fegefeuers, in das man von einer Frau verstoßen wird, die zwar weiß, dass man auf sie steht, aber nicht die Höflichkeit besitzt, ebenfalls Gefühle für einen zu haben.

Wie es dazu kam, dass ich eine solche Einstellung vertreten habe? Früher hatte ich lange, schwarz gefärbte Haare und hörte viel Slipknot—Abweisung war für mich also definitiv kein Fremdwort. Und trotzdem tat es immer wieder weh und ich schob dem jeweiligen Mädchen die Schuld in die Schuhe. Eine offizielle Bezeichnung hatte ich für das Ganze damals jedoch nicht. Dem Internet zufolge lassen sich die Anfänge des Ausdrucks der Friendzone bis zu einer Friends-Episode aus dem Jahr 1994 zurückverfolgen (Staffel 1, Episode 7, um genau zu sein):

Wer hätte gedacht, dass Joeys Witz mal ein ganzes gedankliches Konzept in den Köpfen vieler Millenials hervorbringen sollte. Inzwischen hat der Ausdruck sogar eine eigene Wikipedia-Seite und ist zur Grundlage unzähliger Memes geworden. MTV hat außerdem sogar eine ganze Fernsehserie auf diesem Konzept aufgebaut: Die Teilnehmer gestehen einem guten Freund oder einer guten Freundin vor einer ganzen Kameracrew ihre Liebe und hoffen dabei darauf, aus der Friendzone „ausbrechen" zu können.

Wie definiert man das Konzept der Friendzone jedoch genau? Wikipedia zufolge handelt es sich dabei um „eine rein platonische Beziehung zwischen zwei Personen, in der sich eine Person eine romantische oder sexuelle Beziehung wünscht, die andere aber nicht." Im Grunde also unerwiderte Liebe bzw. unerwidertes Verlangen. In Wahrheit ist das Ganze jedoch viel differenzierter und geschlechtsspezifischer zu betrachten, als diese Definition vermuten lässt.

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Der 26-jährige Geoffrey beschreibt die Friendzone als eine „akkurate Möglichkeit, die unbequeme Wahrheit zu benennen, die einem ins Gesicht schlägt, wenn man fälschlicherweise davon ausgeht, bei jemandem landen zu können." Der ebenfalls 26 Jahre alte Musiker Wesley bezeichnet das Ganze als „Namen, den die meisten Männer einer Situation geben würden, in der sie eine Frau rumkriegen wollten, dabei aber nicht erfolgreich waren. Für mich gibt man mit dem Gebrauch des Begriffs ‚Friendzone' sein eigenes Versagen zu—Kumpels ziehen dann über einen her und machen Witze darüber, dass man in der Friendzone gelandet ist."

Und wie denken Frauen über die ganze Sache? Für die 24-jährige Emily ist die Friendzone „ein beschissenes Mittel für Männer, ihren vermeintlichen Anspruch auf Frauen zu rechtfertigen. Sie nehmen einfach an, dass ihre Nettigkeiten gegenüber Frauen automatisch zur Folge haben, dass sich diese Frauen irgendwie revanchieren müssen." Die 28 Jahre alte Sängerin Vanessa schlägt in eine ähnliche Kerbe: „Ich finde, dass dieser Begriff definitiv eine aggressive und verbitterte Konnotation besitzt. Oftmals sollen damit eigentlich Dinge wie ‚Sie hat mir Unrecht getan' oder ‚Sie hat mich einfach so abgewiesen' gesagt werden. Das Ganze impliziert auf jeden Fall eine augenscheinliche Opferrolle sowie gefühlte Ungerechtigkeit."

In den Videos vieler Pick-up-Artists geht es um das Thema Friendzone. Tripp weiß zum Beispiel ganz genau, warum du in der Friendzone gelandet bist | Screenshot von YouTube aus dem Video „How To Avoid The Friend Zone: 3 Reasons Why You're In The Friend Zone (Part 1 of 4)"

Es ist also ein klarer Kontrast zu erkennen: Durch die Gespräche mit meinen Bekannten konnte ich herausfinden, dass Männer den Begriff der Friendzone mit einer Niederlage und Ernüchterung assoziieren—so als ob es sich bei dem Ganzen um einen Wettbewerb oder ein Spiel handeln würde, bei dem sie reingelegt wurden. Frauen hingegen verbinden das Konzept eher mit Dingen wie Anspruch oder Feindseligkeit. Das ist insofern kaum überraschend, weil sie ja den „Preis" des vermeintlichen Wettbewerbs darstellen.

Als ich nach bestimmten Erfahrungen fragte, erzählten die Jungs oft ähnliche Geschichten, wie ich sie damals selbst erlebt habe. Im Grunde läuft es doch immer gleich ab: Unterschwellige Gefühle für eine gute Freundin stauen sich so lange auf, bis man(n) das Ganze irgendwann gesteht und alles plötzlich richtig komisch und unangenehm wird.

So berichtete mir Kevin zum Beispiel davon, wie er damals immer mit einer guten Freundin abhing, obwohl sie in einer Beziehung war. Sie sah halt richtig gut aus und Kevin hatte kein Selbstwertgefühl. Eines Abends entschied er sich dann dazu, die Karten auf den Tisch zu legen und ihr alles zu gestehen. Zwar fühlte sie sich von Kevins Worten geschmeichelt, seine Gefühle beruhten allerdings nicht auf Gegenseitigkeit. Trotzdem lud sie ihn noch mit zu sich nach Hause ein, wo die beiden dann sogar im gleichen Bett schliefen, dabei aber nichts passierte. Immer wenn Kevin an diese Geschichte zurückdenkt, will er seinem jüngeren Selbst ins Gesicht schreien, einfach nach Hause zu gehen und etwas mehr Respekt vor sich selbst zu haben.

Die Frauen, mit denen ich mich unterhielt, hatten keine solcher meist recht friedlich anmutenden Geschichten auf Lager, sondern erzählten mir stattdessen eher davon, wie sie mit Männern gute Freundschaften pflegten und ihnen diese Männer dann eines Tages wie aus dem Nichts ihre Gefühle gestanden. Wenn diese Gefühle dann nicht erwidert wurden, entwickelte sich das Ganze in eine unschöne Richtung: Die Männer wurden wütend, weil ihnen die Frauen angeblich etwas vorgemacht hätten. Auf jeden Fall hieß es immer, dass man sich nicht mehr sehen könnte. Die Männer verhielten sich wie Babys und die guten Freundschaften endeten abrupt.

Damit will ich jetzt natürlich nicht sagen, dass jeder Typ, dessen romantische Avancen ins Leere laufen, einen Wutanfall bekommt. Viele Männer können auch Einfühlungsvermögen zeigen und grundlegende emotionale sowie körperliche Hinweise erkennen. Diese Männer verstehen auch, dass Gefühle für eine Person nicht zwangsläufig bedeuten, dass diese Person ebenfalls Gefühle für einen hat. Allerdings gibt es natürlich auch Männer, die diese Sachen nicht so gut drauf haben oder denen erst im Nachhinein klar wird, dass das Verlangen nach mehr nicht immer auf beiden Seiten da ist. Es sagt schon einiges über heterosexuelle Männer aus, wenn so viele von uns (und wenn auch nur unterbewusst) anscheinend davon ausgehen, dass Nettigkeiten und Freundschaft automatisch zu Sex führen werden.

Ich schreibe hier explizit von heterosexuellen Männern, weil ich durch meine Gespräche den Eindruck bekommen habe, dass die Friendzone nur in der Männer-Frauen-Dynamik Bestand hat. So erzählte mir meine bisexuelle Bekannte Emily zum Beispiel davon, dass ihr das Phänomen der Friendzone nur bei Typen und nie bei ihren lesbischen Freundinnen aufgefallen wäre. Ähnlich beschrieb es der 25-jährige Todd: „Ich glaube, dass ich noch nie in die Friendzone gesteckt wurde. Viele meiner schwulen Kumpels sind Typen, die ich vorher gedatet habe. Bei mir lief das Ganze also irgendwie genau andersrum ab."

Alle meine Gesprächspartner waren sich jedoch einig, dass auch zwischen heterosexuellen Männern und Frauen eine rein platonische Freundschaft bestehen kann. „Eine solche Beziehung ist natürlich möglich. Ich glaube jedoch, dass die meisten Freundschaften auf einem grundlegendem Level der Affinität basieren—irgendwann wird der Wunsch nach Intimitäten dann einfach ausgeblendet und es entsteht eine platonische Beziehung", meinte Kevin.

Dem stimmte die 26-jährige Laura zu: „Ein Großteil der Männer-Frauen-Freundschaften beginnt doch damit, dass man sich auf irgendeine Art und Weise gut findet. Irgendwie ist das ja auch normal, wenn ein Mann auf eine Frau trifft und die beiden gerne Zeit miteinander verbringen. Dafür muss man sich ja auf irgendeine Art und Weise gut finden, oder?"

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Was genau verrät uns das alles jetzt über Liebe, Sex und die Beziehung zwischen Frauen und Männern? Je nach Alter, Reife und Einstellung in Bezug auf Männerrechts-Aktivismus fühlen sich manche Männer direkt auf den Schlips getreten, wenn eine Frau nicht mitziehen will, nachdem man ihr seine Gefühle gestanden hat.

Das Konzept der Friendzone hat sich zu einer akzeptierten Möglichkeit entwickelt, Schuldzuweisungen zu machen—und das ist garantiert keine positive Entwicklung. 2016 ist es nämlich definitiv nicht mehr angebracht, dass Frauen dafür verachtet werden, wenn Männer nicht das bekommen, was sie erwarten.

Wenn ich einem Typen in der Friendzone einen Tipp mit auf den Weg geben müsste, dann wäre das folgender: Wenn deine Gefühle nicht erwidert werden, dann raste nicht gleich aus und rede auch nicht davon, dass du die andere Person jetzt nie wieder sehen kannst—so hast du nämlich gleich die nächste Sache an der Backe, die du bereuen wirst.