ELECTRIC INDEPENDENCE


Diesen Monat ist Electric Independence all jenen sturköpfigen Romantikern gewidmet, die Stunde um Stunde in winzigen Zimmern verbringen und unermüdlich an obskurer Hardware schrauben, um jene Musik zu realisieren, die ihnen in ihren wildesten Träumen erscheint. Denjenigen unter euch, die Glück dabei empfinden, sich in psychedelischer Elektrodisco zu verlieren, sollte ich mal einen neuen Lieblingskünstler vorstellen: Sein Name ist Nicolas Courtin.

Er ist 31, lebt in Lille, Nordfrankreich, und arbeitet dort als Arzt. Wenn ihr in diesem Jahr das CBS-Online-Radio gehört habt, kennt ihr Courtins exquisite Tracks. Meist entfalten sie sich auf eine Weise, dass man glaubt, Burt Bacharrach re-inszeniere Kraftwerks Mensch-Maschine als kosmisches Ballett, unter Regie von Black Devil Bernhard Fevre, während Richard James von der Loge aus zuschaut. Vernebelt, melodisch, betörend—Courtins Musik ist von einer zeitlosen Qualität und transportiert Gefühle von Unschuld bis Verwunderung. So offensichtlich war das noch nicht auf seiner ersten EP, „Asteroids”, erschienen 2003, bei den mächtigen Münchnern von Erkrankung durch Musique.
Vier Jahre später haut er jetzt die Mini-LP „Les Yeux Fermés” mit sechs Songs raus, zu erwerben bei cielsonore.com. Ciel Sonore wurde von Courtin und seinen Freunden gegründet, um ihre Lieblingsmusik wachsen und gedeihen zu lassen. „Les Yeux Fermés” ist ihre erste Veröffentlichung, aber eine, die schon jetzt schwer zu toppen sein dürfte. Wie die meisten Franzosen nahmen sich Ciel Sonore den August frei und so hatten wir Glück, Courtin für ein Interview zu erwischen. Er musste in der Nähe von Lille als ärztliche Vertretung einspringen und checkte hin und wieder seine Mails.

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Vice: Die musikalische Entwicklung von “Asteroides” zu “Les Yeux Fermés” ist bemerkenswert. Wie kam es zu diesem krassen Wandel?
Courtin: Nach “Asteroides” habe ich noch eine Weile weiter Musik gemacht und es gibt eine Menge unveröffentlichter Tracks aus dieser Zeit. Dann habe ich ganz aufgehört. Ich hatte eine ziemlich schwierige Liebesgeschichte, die in einer Katastrophe endete. Als ich mich davon erholt hatte, tauschte ich meine Synthies aus und machte „Les Yeux Fermés”.

Was war die Idee hinter dieser Platte?

Ursprünglich wollte ich den Progressive Rock und Krautrock aus meiner Jugend mit dem Elektro-Style von heute verbinden. Auf den ersten Blick sah ich keinen Zusammenhang zwischen beidem, also versuchte ich einen herzustellen. Was meine Einflüsse betrifft, würde ich sagen es gab ein goldenes Dreieck zwischen Kraftwerk, Ennio Morricone und François de Roubaix. Aber das Konzept zu „Les Yeux Fermés” kommt eigentlich von einem Buch, „The Art of Dreaming” von Carlos Castaneda. Ich suchte nach einem wenig berücksichtigten Thema in der aktuellen elektronischen Musik und die Ideen aus diesem Buch passten perfekt.

Das Buch erklärt Anwendungsmöglichkeiten für Wachträume. Wie hast du das in Sound übersetzt?
Ich habe versucht, die magische Atmosphäre dieses Buches so genau wie möglich nachzubilden. Als ich mit diesen Tracks anfing, wollte ich eigentlich so was wie eine Style-Übung machen. Wie das genau geht? Tja, das ist ein Geheimnis! Aber ein paar lustige Sachen kann ich verraten: Die Bass Drum auf dem ersten Track “Les Yeux Fermés” besteht aus dem Klopfen auf einer Armlehne und die Hi-Hat kommt von zwei Kaffeelöffeln.

Welche Parallelen gibt es für dich zwischen Musik und Medizin?
Oh, nein. Für mich sind das zwei verschiedene Leben.

Wenn kürzlich irgendwas noch aufregender war als die neueste Smith N Hack-Single „Falling Stars/Space Warrior”, dann waren es wohl Begegnungen in Kellerlöchern in Soho, bei denen uns einige ältere Herren ziemlich abgefahrenen Scheiß versprachen. Nein, nicht von der Sorte. Das ist krank. Was war passiert? In einem Plattenladen trafen wir einen Typen namens Andy Blake. Ihm gehört das kleine Label Dissident Distribution (dissident.distribution@gmail.com) und er war gerade dabei, seine neusten Singles an die herumstreunenden DJs zu verticken. Zuhause angekommen stellten wir fest, dass es sich hier nicht um irgendwelche Singles handelte. Dies waren unfassbare Avant-Disco-Jams von drei Acts, deren Namen sich nicht leicht zu merken sind. Als erstes wäre da “False Energy” von Binary Chaffinch. Schreiben wir das nochmal: Binary Chaffinch. Dabei handelt es sich um eine umwerfende elfminütige Synth-Funk-Kuriosität von Milo Smee, dem Drummer von Chrome Hoof. „Was an diesem Album so beeindruckt, ist wie unangestrengt es sich anhört”, erzählt Blake, den wir ein paar Tage später in South London anriefen. „Klar, Milo hat sich den Arsch abgearbeitet, damit es gut klingt und trotz all dieser unvereinbaren Elemente, funktioniert es, wenn man es Stück hört, in dieser Reihenfolge. Es sind ein paar große Sprünge drin, aber die meistert er mit echter Klasse.”
Dann wäre da noch Gatto Fritto mit “Clems Bounce”. „Gatto Fritto ist mein Kumpel Ben, der hier ziemlich regelmäßig veröffentlichen wird”, sagt Blake. „Das bedeutet ‚gebratene Katze’ auf Italienisch. Wenn man es im Internet eingibt, findet man etwas, das aussieht wie ein Rezept für eine Katze, aber eigentlich ist es für einen Fisch, den Katzenwels. Es ist auch der Name eines Nachtclubs aus einem Buch, dessen Namen ich vergessen habe.” Er meinte wohl Aleister Crowleys „Diary of a Drug Fiend”. Die dritte der Singles ist „Giorgio Carpenter” von Cage And Aviary. Wie der Titel andeutet, handelt es sich hier um eine düstere Entdeckungsreise à la Moroder.
Blake, sehr gesprächig und enthusiastisch, ist ein Vinyljäger vor dem Herrn und sagt Sachen wie “ich bin momentan auf einer schwierigen Digging-Mission” und „man braucht nur ein paar Musikbesessene in einer Szene, damit sie gesund bleibt.” Weitere unglaubliche Veröffentlichungen sind nach Weihnachten geplant. Blakes kosmisches Kartell wird vielleicht auch noch mit einem anderen Londoner Produzenten arbeiten, mit Ali Renault, dessen Musik wir seit geraumer Zeit verehren. Als Cestrian (myspace.com/cestrianmusic) hat er kürzlich eiszeitlichen Elektro auf Bunker (die neue “Artists Anonymous #3”) und MNX (“The Walled City EP”) veröffentlicht, aber meisten mögen wir ihn im Team mit Sebastian Muravchik, als das fantastische, Italo-inspirierte Duo Heartbreak. Heartbreak sind kein einfaches Pastiche, sie schreiben kybernetische Schnulzen und mitreißende Powerdisco-Hits, gesungen mit viel Emotion vom fesselnden Frontmann Muravchik. Nicht nur haben Heartbreak zwei makellose 12-Inches auf ihrem Label Lycra rausgebracht, inklusive einer Split-Single mit den Belgiern von Revolving Eyes, sie sind auch noch ein Killer-Liveact. Muravchik tanzt, als wäre er von den Geistern Den Harrows und Ian Curtis’ besessen. Renault trägt eine mexikanische Wrestling-Maske. Eine seltsame Dynamik, die aber ungeheure Energien freisetzt.
PIERS MARTIN

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