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William Gibson

8.9.10

William Gibsons neuer Roman Zero History vervollständigt eine Trilogie, die mit Pattern Recognition von 2003 ihren Anfang und mit Spook Country 2007 ihren Lauf genommen hat. In diesen drei Werken erforscht Gibson die dunkle, dunkle Welt des Marketings, der Reklame und der Trendvorhersagen. Unüberraschenderweise ist das ziemlich furchteinflößendes Zeug.

Das Marketing hat heute einen solchen Höhepunkt an Aggression und Hinterlist erreicht, dass man sich schnell fühlt, wie das Opfer einer breitgefächerten militärischen Propaganda-Kampagne, in der schleimige Typen in modernen Glaskabinen sich sicher sind, dass sie genau wissen, wie unsere Hirne arbeiten und was wir alles wollen, die ganze Zeit. Es könnte passieren, dass sie denken, sie wären schlauer als wir. William Gibson spielt perfekt mit diesem Gefühl und zeigt uns eine allzu plausible - und oft so furchteinflößend genaue und zeitgleich echt urkomische Vision davon, wie Marketing einmal wirklich aussehen könnte.

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Mit Hubertus Bigend, dem Antagonisten dieser drei Romane, hat Gibson den ultimativen Marketingmann erschaffen. Er ist mächtig und schattenhaft, und er spürt junge "Kreative" auf (am Ende des Interviews mehr zu diesem Wort), so wie ein Wolf nach Schafen stöbert. In Zero History kommt Bigend mit einer weiteren Wachstumsindustrie des 21. Jahrhunderts in Berührung: dem privaten Militär. Und worum dreht sich alles? Um Hosen. Und wer braucht die? Gibson zeichnet das als Spiel um Leben und Tod. Es hört sich überzeugend an, dass wir auf eine Welt zusteuern, in der das Recht, Quasi-Militärhosen zu vermarkten, so umkämpft ist, wie es die Ländergrenzen einmal waren.

Vice: Ich fühle mich ein bisschen schlecht, weil ich deinen Twitter-Account gelesen habe, und da gab es letztens einige Posts darüber, wie qualvoll die Interviews über neue Bücher für dich sind.
William Gibson: Das wird später so sein, gegen Ende der Tour. Doch du bist ganz vorne in der Reihe. (lacht) Jetzt sage ich die Sachen noch mehr oder weniger zum ersten Mal und die unendliche Wiederholungen und die resultierende Langeweile zwingen mich noch nicht, meine Aussagen auf bizarre Art und Weise zu variieren.

Hoffentlich kommt dieser Artikel raus, bevor das für dich anfängt. In deinen letzten drei Büchern hast du diese Welt entwickelt, in der Marketing wie Spionage betrieben wird. Es gibt Agenten und Doppelagenten und Intrigen über Intrigen, doch alles im Dienste einer neuen Denim-Reihe. Soll dieser Ansatz Satire sein? Oder ist das deiner Meinung nach eher die Wahrheit ?
Wenn etwas wirklich Satire ist, habe ich keinen Spaß daran. Es kann nicht Satire und gut sein. Was ich mag, ist etwas, das einer nützlichen, anthropologischen Beschreibung nahe kommt und sich an einem richtig, richtig scharfen satirischen Rand bewegt. Die Satire treibt die Übertreibung in unserer Kultur traditionell über den Rand hinaus, bis es wirklich weh tut, und man vermasselt das Ganze. Doch andere Kulturen wie die britische haben es drauf. Mit Satire sollte man genau auf der Schneide der Rasierklinge balancieren, wo es richtig weh tut und man nicht sagen kann, ob man auf den Arm genommen wird oder nicht.

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Eine der einfachsten Veranschaulichungen dieser Unterschiede zwischen dieser und unserer Satire sind die zwei Versionen von The Office. Die britische Version besitzt wahrhaftige Menschlichkeit. Sie kann total bewegend sein. Die amerikanische ist dämlicher, und die enthaltenen Annäherungen an die Menschlichkeit sind zum Heulen.
Ja, absolut. Das Original-Office bricht einem das Herz, und zwar vollständig. Und es ist nicht so, dass wir das nicht tun könnten, nur steht diese Arbeit in der amerikanischen Kultur nicht so im Vordergrund wie in der britischen. Und es ist etwas, dass Amerikaner oft  verschreckt, wenn sie das erste Mal darauf stoßen.

Vielleicht wollen die meisten Leute vorher schon wissen, was ihnen geboten wird. Sie wollen nicht verwirrt werden, was Genre oder Absicht angeht.

Ich glaube, ich bin außerstande, vollkommen einem Genre oder einer Form zu entsprechen. Manchmal tut mir jemand leid, den ich auf dem Flughafen Atlanta sehe und der gerade eines meiner Bücher gekauft hat und dabei eigentlich etwas wie Ludlum oder Clancy wollte. Sie steigen ins Flugzeug, um an das andere Ende der Welt zu reisen, und alles, was sie zu lesen haben, ist diese behämmerte Scheiße über Designer-Jeans.

Doch in die Handlungen deiner drei Bücher bringst du auch ein wenig ziemlich traditionelles Action-Zeug ein. Es gibt Scharfschützen und Freefighting.
Das gibt es, ja. Es wäre falsch, nicht die richtige Menge an Spionage-Vitaminen einzubinden.

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Aber natürlich ist es noch nicht genug für Leute, die sonst eher Lee Child-Bücher lesen.
Ich mag den Punkt, wo man an dieser Grenze lebt, im Gebiet zwischen Agentenroman und etwas über Mode, Marketing etc.

Vor einer Minute hast du das Wort "anthropologisch" benutzt und damit triffst du wohl den Nagel auf den Kopf, wie du dich in diesen Büchern der Kultur annäherst.
So versuche ich, Bereiche zu erforschen, mit denen ich nicht vertraut bin.

Aber auch Dinge wie Marketing, die so einen gewaltigen Einfluss auf unser Leben haben.
Ja. Wir alle leben da drinnen. Oft scheint es das Einzige zu sein, was es an Kultur gibt. Und es steigert und dreht sich selbst immer weiter. Jetzt würde der smarteste Unternehmer wohl Marketing vom Marketing vom Marketing anbieten. (lacht)

Das ist unheimlich und erinnert mich an die Figur, die in allen Büchern vorkommt: das Marketinggenie Hubertus Bigend. Am Ende von Zero History kommt er einem vor wie ein Bösewicht aus James Bond. Er ist natürlich von einem sehr unterschiedlichen Schlag, doch auf diesem Gebiet teilt er eine gewisse DNA. Es gibt auch einen Graubereich in seiner Figur, ich kann nie ganz herauslesen, zu welchem Grad er böse ist.
Er kommt mehr und mehr mit der Attitüde eines Bond-Gangsters rüber. Doch die Sache an Bond-Gangstern ist, dass ihre Emotionen keinen Sinn ergeben. Sie sind einseitige Pappfiguren in Ian Flemings irssinigem, infantilisiertem Universum.

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Ja.
Und in William Gibsons vielleicht genau so irrsinnigem, infantilisiertem Universum hat der Bond-Bösewicht alle Hände voll zu tun. (lacht) So wie er sich behutsam um seine Mutter kümmerte, bis sie starb, und er prahlt damit alles zu wissen und alles entdecken zu können. Doch er wirft das andauernd über Bord und wird manchmal sogar von seinen Handlangern bezwungen.

Und Bigend scheint es möglich zu sein, alles mit Vernunft zu durchdenken, also für ihn ist Niederlage nur ein Teil seines Schaffensprozesses.
Weißt du, als er mir beim Schreiben von Pattern Recognition in den Sinn kam, dachte ich nicht, dass er eine so große Rolle spielen würde. Ich dachte, er würde einfach auf die Bühne kommen, der Figur Cayce eine Kreditkarte und ein paar esoterische Anweisungen geben und im weiteren Verlauf keine größere Rolle spielen. Doch, wie es oft so ist, hat er dann ganz schön viel für sich beansprucht. Es war so, als müsste ich ihn nicht erfinden. Er stieg einfach irgendwie aus seinem Anfangspunkt heraus, das habe ich aufgegriffen und seine Welt ist immer größer geworden.

Cayce Pollard aus Pattern Recognition war wortwörtlich allergisch gegen Firmenlogos. Milgrim kann in diesem Buch und in Spook Country keine Marken wahrnehmen. Und Hollis Henry, auch aus den letzten zwei Büchern, wird wechselseitig von der Sprache der Werbung und der Forschung, mit denen sie Bigend vertraut macht, abgestoßen und angezogen. Das sind die Helden und Heldinnen deiner letzten drei Bücher - Leute, die zum Marketing ein kompliziertes und fast feindliches Verhältnis haben. Ist es jetzt schon eine heroische Sache, dass einen Marketing und Branding abtörnen?
Das habe ich nicht so geplant. Es ist einfach so gekommen. Es wäre schwierig für mich, mich mit einer Figur zu identfizieren, die nicht… so sehr den Marken abgeneigt, aber auch nicht immun der meisten Werbung gegenüber ist.

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Ich verstehe.
Wir vertiefen uns in den Stoff. Doch ich denke nicht, dass viel davon eine Auswirkung auf mich hat, wenn ich dran vorbeilaufe. Die meisten meiner Freunde berührt sie auch nicht. Es ist, wie wenn ich die Straße runtergehe und da gibt es eine große Anzeige von Prada, da sag ich nicht "Ich brauch was von diesem Zeug." Aus sehr komplexen Gründen werde ich wohl nie etwas davon  kaufen. Es ist einfach nicht das, was ich kaufe. Doch es ist einfacher und es macht auch mehr Spaß, der Werbung diesen pathologoische Charakter zu geben. Bedauern ist ein zu starkes Wort dafür, aber ich denke, dass Cayces Symptomaik in Pattern Recognition nicht ganz stimmig ist. Im Text heißt es, dass sie auf Logos allergisch ist und sie eine Phobie vorm Michelin-Mann hat. Doch sie sagt auch, dass sie beim Anblick einer Anzeige von Tommy Hilfiger geneigter ist zu kotzen, als bei irgendetwas anderem. Da hab ich was durcheinander gebracht. Doch ich habe gedacht, dass ich so viel Spaß damit hatte, dass ich nichts davon streichen wollte.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich Pattern Recognition wirklich genau gelesen habe, aber ich erinnere mich ganz gut daran. Wenn Cayce komplett allergisch auf die ganze Bandbreite der Werbung gewesen wäre, der wir in der Welt ausgesetzt sind, wäre sie nicht in der Lage, ihr Haus zu verlassen. Sie wäre nicht mal in der Lage, ihre Augen zu öffnen. Es hat sich so angefühlt, als hättest du ihr bestimmte Allergien verpasst, deren Auslöser sich in einer bestimmten Form des Marketings verbergen. In Zero History lernt man das Konzept von geheimen Marken kennen. Was siehst du als den Reiz einer geheimen Marke an?
Ich denke, dass die Japaner das wohl eingeführt haben. Die verstehen das. Es geht um eine Welt, in der man quasi alles kaufen kann. Wenn man losgehen und ein richtig teures Statussymbol anschaffen will, kann man das sicher auch in Kansas City oder irgendwo in Nebraska tun. Man muss nur eine Mall finden, die über einen großen Flagship Store verfügt, da kann man reingehen und das Zeug holen. Und wenn es das dort nicht gibt, kannst du es im Internet bestellen und es wird dir frei Haus geliefert. Wir befinden uns also in der Situation, in der die fragwürdige Idee von Luxus von dessen Allgegenwärtigkeit ausgehöhlt wird. Wenn man einen Haufen Leute in einem Druckkocktopf wie Tokio ansieht, bemerkt man irgendwann, dass sie alle die gleiche Scheiße tragen. Sie mögen sich darin unterscheiden, ob sie für eine Hose so viel zahlen können wie für einen Kleinwagen, doch letztlich tragen sie alle die gleiche Hose. Aus diesem Grund ist die ursprüngliche Idee von Exklusivität vom Erdboden verschwunden. In der Idee der geheimen Marke geht es darum: "Du hast einen Haufen Geld, aber du bekommst diesen Scheiß nicht, weil du nicht über die richtigen Informationen verfügst." Dadurch wird es auf einmal wieder exklusiv. Und dabei geht es nicht zwingend um sehr teure Luxusgüter. Es funktioniert, weil es den Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit gibt.

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Man hat eine viel intimere Verbindung.
Man hat eine viel intimere Verbindung auf die Weise, dass man bei den Happy Ends im Leben und vielleicht auch in der Literatur gerne den Abspann laufen lässt. (lacht) Wenn man die Macher hinter einer geheimen Marke lange genug verfolgt, werden sie irgendwann an einen Punkt kommen, an dem sie ihre Marke entweder an ein multinationales Unternehmen verkaufen oder die Kontrolle verlieren müssen, aber das große Geld bekommen sie nie. Oder, und das passiert oft, es kann eine Verbindung von beiden eintreten, der Designer verkauft seine Marke an ein multinationales Unternehmen, aber bleibt daran beteiligt.

Als ein Berater, ein Kreativdirektor oder in sonst einer bedeutungslosen Funktion.
Ja.

Über die letzten zehn Jahre hinweg, die ich in der Medienbranche gearbeitet habe, bin ich schon öfter mit der Marketingwelt aneinander geraten, als ich es eigentlich wollte. An einer Stelle am Anfang von Zero History bewirft Bigend Hollis mit Fachbegriffen aus der Marketingwelt - Sachen wie "Markensichtübermittlung", "Trendvorhersage" und "Jugendmarktaufklärung". Und dann sagt er "Kunden kaufen eher Geschichten als Produkte." Das Zeug ist so sehr an das wirkliche Gelaber angepasst, mit dem die Leute so um sich werfen. Das hat in mir fast schon einen Koller ausgelöst. Hast du dieses Zeug recherchiert, oder ist das schon so sehr in der Kultur integriert, dass es jeder zu greifen bekommt?
Ich bin ziemlich gut mit Google. Ich weiß, wie man die Sachen findet. Aber ich habe auch genug Erfahrungen mit der wirklichen Welt, so dass ich weiß, was die Wirklichkeit ist. Die Dinge, die mir auffallen, sind oft die Dinge, die so völlig aber unabsichtlich anmaßend sind, dass ich nur noch das Copyrightzeichen entfernen muss und sie dann Bigend in den Mund legen kann.

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Glaubst du, dass diese Art von Marketing der Kultur folgt? Oder wird Kultur erst erschaffen? Sie reden sich selbst ein, dass sie Dinge erschaffen, aber das glaube ich nicht.
Damit müßte ich sehr genau werden. Wird durch die Wiedergeburt von J. Crew etwas Neues geschaffen? Wird überhaupt die Ästhetik verbessert, an der sie unaufhörlich arbeitet? (lacht)

Wie diese sonnengebleichte WASP/Nantucket/John Cheever-Sache?
Ja. Es geht nicht alles zwingend in diese Richtung, aber das decken sie ab. Sie machen auch so Denim, das aussieht, wie 40er-Jahre-Arbeitskleidung und das Militärzeug. Ich weiß lachhaft viel darüber, einfach, weil ich es mag und ich mir dessen schon mein ganzes erwachsenes Leben bewusst war. Und wenn ich teil der J. Crew werde, durchlaufe ich diesen erstaunlichen Akt von Zitierungen. Doch fast nichts von dem Zeug ist so schwer oder gut gemacht wie die echte Sache. Das sind alles Scheinbilder. Es ist so, als ob sie eine Arie über der Partitur des traditionellen amerikanischen Traums spielen würden. Es fasziniert mich, denn das, was sie tun, wurde zu einer Art traditionellen Handlung in der amerikanischen Kultur. Ralph Lauren hat das geschaffen. Er hat es wirklich erfunden.

Laut deinem Buch wird Militärkleidung als eine Art Freizeitkleidung, wie zum Beispiel Jeans getragen. Es wird mit extrem utilitaristischen Ideen von Amerika verknüpft. An einer Stelle sagt Bigent, dass das Militär Branding erfunden hat. Ein anderer Romanheld sagt, dass „die historische Militärbekleidung jetzt mit der Militär-Streetwear konkurriert.“  In deinem Buch benutzt du den Fachausdruck „gear queer“, was für Menschen steht, die sich als Soldaten verkleiden.
Als ich „gear queer“ zum ersten Mal hörte, amüsierte mich dieser Begriff sehr. Denn er ist historisch. Einige dieser Bekleidungsstücke wurden zu Klassikern. Es waren Relikte unmittelbaren, aus der Amerikanischen Nachkriegszeit. Aber nur für ein paar Jahre, als man noch im Siegestaumel war und bevor der kalte Krieg losging. Daher haben auch die Japaner dieses ikonische Zeug aus der Amerikanischen Kultur, weil Amerika damals Japan besetzte.

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Also begann damals das goldene Zeitalter des Militärfetisches?
Ja. Denn danach ging es bergab damit. Heute findet man es noch manchen Elementen der Streetwear.

Und der militärischen Präzision der Werbung.
Die moderne Bekleidungsindustrie bringt in einigen Fällen tatsächlich Militärbekleidung auf den Markt, zu dem Zeitpunkt, wenn echte Kriege losgehen. Für manche Leute geht es wirklich um Leben oder Tod dabei.

Das sind wörtliche Begriffe in Zero History.  Damit begann auch unsere Unterhaltung: Die Verbindung von Mode und Marketing, die der Tatsache trotzen, dass durch Militäraktionen Menschenleben auf dem Spiel stehen. Wenn ich daran denke, dass Militärkleidung als Streetwear genutzt wird, denke ich als erstes an die Vietnamgegner—und dann die Veteranen, die sich an den Protesten beteiligten—die alte Parkas und Tarnklamotten trugen und an Heavy Metal Kids, die in irgendeiner Ecke auf dem Schulhof geraucht haben. Heute scheint diese Art der Kleidung aber eine Domäne der privaten Militärenthusiasten zu sein, den Militia-Leuten. Ich frage mich, ob das mit der Privatisierung des Militärs zu tun hat oder mit der Tatsache, dass jeder zum Soldaten werden könnte.
Möglich wäre es. Mir ist jeder suspekt, der High-Tech Militärkleidung trägt. Ich wechsele lieber die Straßenseite, auch wenn der Typ nur einen auf Einkaufscenter-Ninja macht. Ich glaube, wenn diese Leute Militärklamotten tragen, wollen sie, dass  andere Menschen denken, dass sie eine Waffe bei sich tragen. Und das ist auf vielen verschiedenen Ebenen nicht besonders klug, finde ich. Besonders nicht, wenn diese Leute tatsächlich eine Waffe bei sich tragen. Also, ja, es ist schon eine merkwürdige Entwicklung.

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Während ich darüber nachdenke, habe ich mich an einen interessanten Fakt aus deinem Buch erinnert. Es geht um Bekleidung dieser Art, nämlich ein T-Shirt, das am Ende alles rettet. Du nennst es das hässlichste T-Shirt auf der ganzen Welt. Es wurde entworfen, um die Identität der Träger zu verschlüsseln. Menschen, die es tragen, können von den Überwachungskameras nicht erfasst werden. Es gibt den Charakter Garreth, ein militanter Typ, der sich vor diesem T-Shirt fürchtet.
Wenn das echt wäre, dann wäre es schon ziemlich schlimm. Es würde den Menschen eine virtuelle Unsichtbarkeit verleihen, also eine „Videounsichtbarkeit“. Deine Handlungen könnten nicht mehr aufgenommen werden. In diesem Kontext muss ich an London denken, das für seine Kameralandschaften berühmt ist.

Ist an der Idee von diesem speziellen T-Shirt etwas Wahres dran?
Nur insofern, dass seine Beschreibung durch meinen Kollegen Bruce Sterling ziemlich schnell und problemlos von Statten ging. (Lacht). Ich weiß nicht mehr was meine Version war, jedenfalls habe ich ihn um Hilfe gebeten. Er sagte: „Alles was du brauchst ist nur ein wirklich hässliches T-Shirt.“ Dann kam er mit diesem Ding über seinem Kopf und sagte, dass das der Heilige Gral der Überwachungsindustrie die Gesichtserkennung wäre.  Er sagte: „Sie werden dir sagen, dass sie daran arbeiten, aber in Wirklichkeit haben sie es schon längst fertig—und  sie werden dir nie verraten womit sie wirklich beschäftigt sind.“  Und er erzählte, wie alles wirklich funktioniert. Und ich sagte: “Danke. Das übernehme ich.“ Meine Erfahrung mit Bruce ist, dass wenn er sich etwas so einfach vorstellen kann, es bestimmt irgendwo auf der Welt wirklich existiert. Es ist fast so, als würde ich mit jemand arbeiten, der tatsächlich aus der Branche kommt. Hast du den Kerl im Internet gesehen, der aus seinen Fäusten verschiedene Figuren formen kann und die Videoüberwachung darin Gesichter erkennt?

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Nein. Das ist verrückt.
Ich glaube, dass ich darüber etwas getwittert habe. Es ist wirklich außergewöhnlich. Es sieht aus wie Magie. Oder das, was Menschen so machen, um Kinder zu amüsieren. Aber wenn man das gleiche vor einer Kamera macht, dann denkt sie, "Hey du bist ein Mensch" und läßt dich durch. Das ist vermutlich die Sache, die dem T-Shirt in Zero History am nächsten kommt.

Genau das mag ich an Zero History. Twitter wird dort als verborgenes Kommunikationsmittel genutzt. Wie benutzt du Twitter?
Ich folge weniger als 100 Leuten. Hauptsächlich benutze ich es, um mit ein paar Freunden im Kontakt zu bleiben. Der Rest ist für mich einfach nur ein unglaublich mächtige Sammlung von Neuigkeiten. Ich habe mich entschieden Leuten zu folgen, die selbst aufgeweckte und sehr aktive Sammler von Neuigkeiten sind. Und Twitter stellt so ungefähr das Höchstmaß an reinen, beiläufig amüsierenden Neuigkeiten zur Verfügung ,im Vergleich zu allen  anderen, mir zugänglichen Medien. Von Zeit zu Zeit  verschaffe ich mir einen Überblick über die beliebten Themen - aber öffne sie nicht - und denke mir "Oh, iih. Das ist furchtbar. Widerlich."

Es ist wie #Heidi Montag und #LadyGaga.
Das ist das Gegenteil einer Neuigkeit. Das ist der Bodensatz der Alltäglichkeit.

Es ist der zähflüssige Liquor der Kultur. Igitt.
Ja. Man kann darin schwimmen, oder im Nebel eines feinen, lichtbrechenden Sprühnebel aus dreifach gefilterten Neuigkeiten sitzen.

Auf deinem Twitter ist neulich eine Unterhaltung abgelaufen, in der du den Begriff der "Kreativen" erläutert hast.
Das kann sowohl Selbstlob sein als auch eine unglaublich ungenaue Beschreibung.

Es scheint so, als ob die Leute vom Marketing wie Bigend den Begriff öfter als irgendjemand anderes verwenden. Menschen hören sich dadurch an wie eine Ware. Es ist so, als würden sie über Brennholz reden oder sowas.
In manchen Ameisenvölkern gibt es Tiere, die nichts tun außer essen. Die anderen Ameisen füttern sie und der Bauch schwillt an wie eine Kugel. Sie sind wie eine lebendeEssensaufbewahrung. Diese Ameisen heißen Plerergate oder Repletes (etwa: Pfropfen, A.d.R.). "Kreative" erinnern mich irgendwie daran. Es ist, als ob in unserem menschlichen Ameisenvolk dieser Typ hier neue Ideen bereitstellen muss (lacht). Doch er produziert nicht neue Ideen, wie es ein Wissenschaftler tut. Es passiert etwas anderes. Es läuft eine unheimliche Form des Genotypisierens ab.

In einfachen Worten, worauf bezieht sich der Titel Zero History?
Er hat mit der Kredit-Geschichte des Charakters Milgrims nach dessen zehnjähriger Benzodiazepin-Abhängigkeit zu tun. Da er weder eine Kreditkarte, noch eine Telefonnummer besaß, wurde er eine Art mythologischer Geist. Eine Person des Nichts. "Zero history" würde dir  ein Polizist sagen, wenn du  anrufst und fragst "Ich will alles haben, was ihr über diesen Typen wisst." In dem Fall, wäre das dann "Zero history".

Ich frage mich, ob "zero history" ein beneidenswerter Seins-Zustand wäre.
Das wäre wohl ein sehr spartanischer Aufenthaltsort. Aber es ist interessant, das das der Ort der Orte ist. Es ist interessant, dass es diesen Ort gibt. In 20 Jahren wird es fremdartig anmuten zu wissen, wer die Leute sind, die man nicht auf Google finden kann. Es war einmal so, dass die Leute auf Google auf eine Weise prominent waren. Jetzt kann man zunehmend jeden googlen. Wer wird dann immer noch nicht bei Google zu finden sein? Die Amish? Wird eines Tages eine Religion sich dazu entscheiden, dass es unrein ist, auf Google auffindbar zu sein? Also dass man keine Spuren im Netz hinterlassen darf…

Wenn man spirituell unschuldig bleiben will.
Genau.

Eine letzte Sache - Ich finde es interessant, wie die Figur Garreth sagt, dass es beim Terrorismus fast ausschließlich um eine Marke geht. Kannst du das ein wenig ausführen?
Er spricht von der einen oder anderen Theorie der asymmetrischen Kriegsführung. Was wir Terrorismus nennen, ist immer asymmetrische Kriegsführung. Man ist eine kleine verrufene Gruppe, und im Verborgenen plant man, die Mitglieder einer großen Gruppe, wie einer Regierung, einer Nation oder einer ganzen Rasse in die Luft zu jagen und zu ermorden. Das kann man nicht einfach so fertig bringen und dann zum Nächsten übergehen. Man muss es tun und dann die PR machen. "Wir haben gerade eure Einkaufsstraße bombardiert. Das waren wir." Das macht ihr dann vielleicht, und ein paar andere Typen, diese Start-Up-Arschlöcher vom anderen Ende der Stadt, rufen bei der Nachrichtenagentur an und sagen "Wir waren es! Wir haben die Bombe in der Einkaufmeile gelegt!" Dann muss man seinen PR-Mann ans Telefon schicken und klarmachen "Nein, die reden Scheiße. WIR haben die Bombe gelegt." Das ist dann Branding. Die schrecklichsten Terroristen wären Leute, die weiterhin ihre furchtbare Scheiße vorantreiben, aber nie jemanden anrufen. Wie eine geheime Marke des Terrorismus. Das wäre richtig, richtig schlecht, denn man hätte keinen Ansatz sie aufzuspüren.

Genauso ist die erste Frage, die nach einem Terroranschlag gestellt wird "Warum?" Ohne diese Leute gäbe es kein warum.
Mensch, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Das ist unheimlich und interessant. Das ist gut. Das schreib ich mir auf.

Zero History ist ab 7. September bei Putnam erschienen.

Porträt von Michael O’Shea