Die Chronik einer Heroinsucht

Von einer zielstrebigen und erfolgreichen Künstlerin hin zur depressiven Abhängigen: Die Autorin Hannah Brooks über ihre Sucht, ihren Entzug und Rückfälle.

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25 Juli 2018, 4:00am

Die Autorin rollt sich Mitte der 2000er einen Joint | Bild: privat

In Drogenentzugskreisen gilt man als wahnsinnig, wenn man immer wieder die gleichen Fehler macht und trotzdem andere Resultate erwartet. Dieser Wahnsinn bringt mich gegen meinen Willen immer wieder dazu, Drogen zu nehmen. Ich will aufhören, kann aber nicht. Es ist wie ein Wahn, in dem ich von einem bösen Geist besessen bin – ein Geist, der nur eins will: Heroin. So viel wie möglich.

Jeder Tag läuft gleich ab. Nachts schwöre ich, nie wieder Drogen zu nehmen. Ich breche sogar die Nadeln meiner Spritzen ab, damit ich sie nicht mehr benutzen kann. Am nächsten Morgen fahre ich dann noch im Schlafanzug zu meinem Dealer und kaufe neue Spritzen.

Mein stetes Verlangen nach Drogen hat mich viele Grenzen überschreiten lassen und in Situationen gebracht, die die Vorstellung eines jeden Nicht-Abhängigen sprengen. Ein Mann hat mich mal so brutal gewürgt, dass ich mich schon mit meinem Tod abgefunden habe. Ich habe häufig mit Dealern geschlafen, um an Stoff zu kommen. Meine letzten drei Autos waren alle weiß und schrottreif. Das erste rauchte auf dem Weg zum Drogenkauf ab, weil ich nie daran gedacht hatte, Öl oder Kühlwasser nachzufüllen. Das zweite setze ich gegen eine Mauer, weil ich auf einer kurvigen Straße eingenickt war. Im dritten fahre ich heute noch herum – inklusive geladener Spritze im Fußraum, die ich jederzeit leerdrücken kann, falls mich die Polizei anhalten sollte.

Die Autorin in der "Hope Rehab"-Entzugsklinik in Thailand | Foto: Nikky G.

Ich habe gelogen, geklaut und all meinen wertvollen Besitz verkauft. Ich wurde verhaftet und direkt an einer vielbefahrenen Straße von einer Polizistin einer vollen Leibesvisitation unterzogen, während ihre sechs männlichen Kollegen danebenstanden und zuschauten. Ich habe stundenlang in einer Ausnüchterungszelle gesessen und durfte niemanden anrufen. Ich wurde festgenommen, weil ich einen Löffel dabeihatte. Ich habe mir beim Setzen der Nadel mal eine Blutvergiftung geholt und bin fast gestorben. Ich kann mich genau an den Gesichtsausdruck meines kleinen Bruders erinnern, als er mir dabei zusah, wie ich mich wegen der qualvollen Schmerzen auf dem Krankenhausbett wand. Ich weiß noch, wie vier Ärzte am Bett standen und mir sagten, dass ich sterben würde, wenn ich noch mal Heroin nehme. Nach fünf Tagen im Krankenhaus besorgte ich mir als Erstes neue Drogen.

Ich hasse mich wegen der Dinge, die ich getan habe. Trotzdem tue ich sie immer wieder.

Freunde sind gestorben. Freunde sind clean geworden und bis heute geblieben. Ein paar Jahre lang war auch ich clean, nachdem ich mit 29 einen siebenmonatigen Entzug hinter mich gebracht hatte. Meine Freunde, die den Drogen nicht abschwören konnten, nannten mich die "große Hoffnung". Ich habe mein Leben wieder auf die Reihe bekommen, es war wundervoll. Aber dann wurde ich selbstgefällig. Mein Suchthirn machte mir weis, dass harte Drogen der Vergangenheit angehörten, ich nicht mehr komplett abstinent leben müsste und Alkohol in geselliger Runde schon in Ordnung wäre. Innerhalb von sechs Monaten hatte ich nach fast drei Jahren Pause wieder eine Spritze in meinem Arm. Nach weiteren sechs Monaten war alles verloren, was ich mir während meiner cleanen Zeit aufgebaut hatte. Mein Verlobter – der ganz naiv annahm, dass Liebe stärker sei als Sucht – verließ mich. Das Album, das meine Band gerade erst aufgenommen hatte, wurde zurückgestellt. Mir wurde alles egal und ich konzentrierte mich nur noch darauf, mich mit Drogen selbst zu töten.

Ich hasse mich wegen der Dinge, die ich getan habe. Trotzdem tue ich sie immer wieder. Ich habe des Öfteren Weihnachten sowohl für meine Familie als auch für andere Familien kaputt gemacht. Ich kann meine Post nicht ohne die Hilfe meines Psychiaters öffnen. Ich habe 16.858 ungelesene E-Mails. Ich meide die sozialen Medien. Mein letzter Instagram-Post ist vom 25. August 2017. Es ist mir unangenehm, wenn ich die ganzen Babys in meinem Feed sehe. Zwar freue ich mich für meine Freunde, aber das Ganze erinnert mich einfach schonungslos daran, dass ich anders bin.


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Dennoch gebe ich mir weiter Mühe. Ich bin von Melbourne zurück in meine kleine Heimatstadt Byron Bay an der australischen Ostküste gezogen. In drei Jahren habe ich 19 Entzüge, Detox-Programme und Drogenkliniken hinter mich gebracht. Manche habe ich durchgezogen, aus vielen wurde ich rausgeschmissen, während der meisten habe ich Drogen genommen. Ich weiß inzwischen genau, wie ich Urintests umgehe. Ich habe während der Entzüge Affären gehabt und genau darunter gelitten. Ich habe Kratom ausprobiert, bin bei Hunderten Sitzungen der gemeinnützigen Organisation Narcotics Anonymous gewesen und habe das Zwölf-Schritte-Programm durchlaufen. Ich gehe offen damit um, dass ich drogensüchtig bin und nichts gegen meine Sucht machen kann. Ich verstehe das Problem und kenne die Lösung. Aber noch bin ich nicht in der Lage, abstinent zu leben.

Ich war nicht immer so. Ich habe ein Studium angefangen und erfolgreich abgeschlossen. Ich habe jahrelang als Autorin gearbeitet. Ich habe Dokumentationen gedreht und bei Autorenfestivals Vorträge gehalten. Ich habe in Bands gespielt, bin getourt und habe Alben aufgenommen. Ich habe mich verliebt und wieder entliebt. Ich habe viele Freundschaften gepflegt und bin im Gegensatz zu heute noch ans Telefon gegangen, wenn diese Freunde anriefen. Zwischen meinem 17. und meinem 27. Lebensjahr – da begann ich, Heroin zu nehmen – war ich ein zielstrebiger, produktiver und erfolgreicher Mensch. Ich glaubte an mich und meine Fähigkeiten. Mein Leben hatte einen Sinn. Ich konsumierte viele "spaßige" Drogen. Jeden Abend trank ich Wein. Aber das machte ja jeder. Auch meine Freunde schmissen sich Pillen, zogen Koks von Hochglanzpianos, spülten alles mit Sake herunter und sangen dann Karaoke.

Mir wurde klar, dass ich heroinsüchtig bin, als ich für die Arbeit im australischen Skigebiet im Bundesstaat Victoria unterwegs war. Ich hatte gerade mit einem Mann Schluss gemacht, den ich sehr liebte. Ich fing mit Heroin an, weil mir alles egal wurde und die anderen Drogen es nicht mehr brachten. Obwohl ich mir schon seit einigen Monaten fast täglich eine Nadel gesetzt hatte, ging ich immer noch davon aus, jederzeit wieder aufhören zu können. Als wir dann aber drei Tage lang im Schnee unterwegs waren, litt ich unter Entzugssymptomen. Während eines Snowboard-Kurses wurde mir richtig speiübel. Als ich dann das erste Mal hinfiel, ging ich sofort in die nächstgelegene Bar und trank noch vormittags Whiskey. Ich verhielt mich wie ein richtiges Arschloch und verstand nicht, was da mit mir passierte.

Foto: NIkky G

Warum gerade ich? Diese Frage stellte ich mir immer wieder. Meine Freunde ließen sich doch genauso gehen wie ich. Oder zumindest war das mein Eindruck. Man hatte bei mir klinische Depressionen und eine Angststörung diagnostiziert. Aber auch das war bei vielen meiner Freunde Anfang 20 ähnlich. Warum bin ich jetzt abhängig? Warum habe ich diese unsichtbare Grenze überschritten und nicht sie?

Jetzt versuche ich gerade etwas Neues: Ich will in einem anderen Land clean werden. Genauer gesagt in Thailand. Ich bin auf dem Weg zur "Hope Rehab"-Entzugsklinik, wo auch schon die Autorin Cat Marnell und der Musiker Pete Doherty von den Drogen loskommen wollten. Die Einrichtung befindet sich in einer kleinen Küstenstadt gut eine Stunde außerhalb von Bangkok. Ich habe keine Lust mehr, mich wegen meiner Sucht zu schämen. Ich habe keine Lust mehr, ständig hören zu müssen, dass ich doch "einfach aufhören" solle. Ich habe keine Lust mehr auf das Stigma, das Versteckspiel. Ich bin jetzt endlich bereit, über alles zu schreiben. Ich habe nichts mehr zu verlieren.

"Ich werde nicht ins Flugzeug steigen! Stattdessen rufe ich meinen Dealer an und hole mir genügend Heroin, um mich umzubringen."

In der Nähe des Flughafens werfe ich mir acht Valium-Tabletten ein und setze mir die letzte Spritze. Mein Kopf wird sofort schwer wie Blei und ich kann ihn kaum mehr aufrecht halten. Genau so soll es aber sein. Ich werde richtig wütend und lasse es an meinem Freund aus: "Ich werde nicht ins Flugzeug steigen! Stattdessen rufe ich meinen Dealer an und hole mir genügend Heroin, um mich umzubringen." Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was ein weiterer Entzug bringen soll. Warum sollte jetzt plötzlich alles anders sein?

Nach sechs Zigaretten und einer Runde Ladendiebstahl – meine Lieblingsbeschäftigung im Rausch – sitze ich dann doch im Flieger und murmle mich in eine Decke ein. Ich bestelle mir ein Glas Rotwein, das ich sofort verschütte. Ich nicke ein und komme neun Stunden später in Bangkok an. Ein Fahrer mit grüner Hope-Mütze holt mich ab.

Schon ironisch, dass die Entzugsklinik Hope heißt, das war damals ja auch mein Spitzname. Die Einrichtung selbst ist wunderschön, überall sind kleine Statuen und Schreine. Katzen streifen umher. Weil meine letzte Spritze schon Stunden her ist, geht es mir nicht gut, und Doug, der medizinische Angestellte, gibt mir etwas Methadon. Ein anderer Mitarbeiter reicht mir ein hellblaues T-Shirt, auf dem der Spruch "Hope is Everything" aufgedruckt ist. Überall sehe ich andere Patienten. Ein paar von ihnen stellen sich vor und ich vergesse ihre Namen sofort wieder. Eine Britin gibt mir eine Flasche Insektenspray, eine Deutsche schenkt mir Oreo-Kekse und eine Stange Mentos.

Ich bekomme ein Zimmer im Haupthaus zugewiesen. Obwohl die Angestellten meine Koffer tragen, komme ich kaum die Treppen hoch. Das Zimmer ist lichtdurchflutet und frisch, von meinem Balkon aus kann ich aufs Meer blicken. Mein Spiegelbild verrät mir, dass ich richtig fertig aussehe. Weil ich mein ganzes Geld für Stoff ausgegeben habe, musste ich mir meine Haare stümperhaft selbst schneiden.

Ich soll erstmal ankommen und mich ausruhen. Ich kann aber kaum stillsitzen. Ich pule die "Hope Changes Everything"-Sticker von den Wasserflaschen ab und klebe sie auf den Couchtisch. Ich ordne meine Hygieneartikel neu an. Ich skype mit meinem Freund, der sichtlich erleichtert ist. Ich schreibe Pläne auf, wie ich mein Leben wieder entwirre. Schließlich bekomme ich noch mehr Methadon und Diazepam und lege mich in mein weiches Bett. Ich habe Angst. Immerhin habe ich den schwierigsten Teil schon hinter mich gebracht. Ich bin hier.

Als die Autorin diesen Artikel geschrieben hat, war sie Patientin in der "Hope Rehab"-Entzugsklinik in Thailand.

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