An der Kreuzung zwischen Guter Samariter und Amateurknipser findet ihr gut 500 Fotos von Anhaltern, die Doug Biggert von den 70ern bis heute hauptsächlich in Nordkalifornien aufgelesen hat. Nachdem er in den 60ern selbst viel als Anhalter unterwegs war, hat er gemerkt, wie einfach es ist, jemandem, der am Straßenrand gestrandet ist, zu helfen und dass hinter jeder dieser Personen eine ganz eigene Geschichte steckt.
Natürlich sind manche interessanter als andere, aber sogar wenn jemand wenig anzubieten hat—die Gespräche waren das, was ihn mit am meisten faszinierte—gibt es da immer noch die Option, ein gutes Foto von ihm zu machen. Biggert Amateur zu nennen ist nicht so ganz fair. Sein Fotografiewissen reicht von den historischen Größen eines Eugène Atget und Henri Cartier-Bresson bis hin zu Amerikanern, die schon vor ihm und zur gleichen Zeit auf der Straße gearbeitet haben, wie Robert Frank und Stephen Shore, und hat ihm stets mehr als gute Dienste geleistet.
Wenn man durch sein Buch Hitch-Hikers blättert, das 2007 bei Husson erschienen ist, dann fällt einem auf, dass man ziemlich leicht—aufgrund der ähnlichen Bildsprache und Sensibilität—die Bilder in Shores American Surfaces hätte einfügen können und keiner es gemerkt hätte. Das 70er-Gefühl, das durch die Farben und die Leute entsteht, die genau diesen Moment in der Zeit verkörpern, trägt dazu bei, dass die landläufige Fotografie dieses Jahrzehnts heute so anerkannt ist, obwohl sie damals abgelehnt wurde.
Dass Biggerts Bilder überhaupt wieder aufgetaucht sind, liegt wie bei so vieler Kunst und Musik, die außerhalb des Mainstreams entstanden ist, vor allem daran, dass die Europäer so eine Faszination für das Roadmovie und den amerikanischen Westen empfinden. Biggerts Sammlung zapft dieses Ethos immer wieder an und bringt einen scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Statisten mit, die jeder für sich der Star in ihrem eigenen Film sind. Über Jahre hinweg hat Biggert immer die Fotos in einer Box bei sich zu Hause gesammelt. Die Entdeckung durch den Pariser Kurator Xavier Carcelle hat schließlich zur Veröffentlichung des Buches und den dazu gehörigen Ausstellungen in Frankreich und Belgien geführt. Diesen Sommer werden seine Werke näher an seinem Zuhause, nämlich in Sacramento, ausgestellt.
Ein paar der Leute auf den Fotos passen genau in das verdächtige Profil dieser Anhalter, für die du normalerweise niemals anhalten würdest, weil sie mit ihrer verwahrlosten, zwielichtigen Art bei der man nicht genau weiß, wie viele Tassen sie noch im Schrank haben, schon eine Meile gegen den Wind nach Ärger stinken. Aber Biggert hielt an, auch wenn er nicht immer ein Foto machte. Er erinnert sich noch daran, wie er damals einen Typen in Sacramento aufgelesen hat, der „Manson-mäßige Psychospielchen“ mit ihm abzog. „Ich dachte einige Male darüber nach, an einer Raststelle anzuhalten, obwohl es hellichter Tag war, und ihn dort loszuwerden, aber als wir in Vallejo waren und somit zwei Drittel des Weges geschafft hatten, hatte ich gewonnen. Ich habe ihn in der Stadt abgesetzt und ihm 5$ für einen Kaffee mitgegeben, aber kein Foto von ihm gemacht.“*
Wie Autor Tim Foster ganz richtig beobachtet hat, kann es gut sein, „dass diese Fotos, abgesehen von Fahndungsaufnahmen, die einzigen sind, die von diesen Menschen existieren.“** Dann gibt es da aber auch diese unschuldigen Gesichter von Jugendlichen, die alt genug für die Junior High sein mögen, aber definitiv zu jung, um sich am Rand eines Highways herumzutreiben. Oder der Typ mit dem Benzinkanister, dem offensichtlich der Sprit ausgegangen ist, während es bei anderen gleich das Glück war, das ausgegangen ist. Und dann gibt es da noch diese schlaksige Blondine, die abgesehen von den kürzesten Cut-Offs aller Zeiten und einer Lederweste nackt ist. Ihr vielsagender Blick in Kombination mit der Pose schafft es innerhalb von Sekunden die Frage, „Wie weit würdest du gehen?“, mit einem wissendem, „Auf’s Ganze“, zu beantworten. Auch wenn 20 oder 30 Jahre vergangen sind, seit diese Bilder aufgenommen wurden, könnten Biggerts Motive mit ihren langen, zotteligen Haaren, den Pilotenbrillen, Flannelhemden und Kapuzenpullis, den Strickmützen und Basecaps ziemlich gut in jedem modernen Straßenbild untertauchen.
Nachdem Biggert eine beeindruckende Anzahl von Bildern angehäuft hatte, fing er an, sie in einem Ordner in seinem Auto aufzubewahren, den er den anderen Anhalten zeigte, die er fotografieren wollte. Das machte es einfacher „zu erklären“, sagte er. Weil sie dankbar fürs Mitnehmen waren und der Typ ziemlich nett zu ihnen war, stimmten die meisten seiner Bitte zu. So gut wie keiner hatte jemals ein Problem damit. Auch wenn es in Versuchung führt, Biggerts Auto als mobiles Porträtstudio zu bezeichnen, ist das Beeindruckendste an seiner Arbeit doch, dass die Fotos über die Jahre hinweg nicht nur den Geist der Zeit und des Landes reflektiert haben, sondern außerdem ein viel größeres Porträt des Mannes gezeichnet haben, der sie gemacht hat.
*Wenn es nicht anders angegeben ist, stammen alle Zitate aus einer Email des Autors vom 15. Mai 2009
**“On the Road: Doug Biggert’s Hitch-Hikers,” Midtown Monthly, März 2008.
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Xavier Carcelle und Chloe Colpe.
BOB NICKAS
FOTOS: DOUG BIGGERT
Videos by VICE
More
From VICE
-

Screenshot: Capcom -

Screenshot: Pearl Abyss -

Photo: francescoch / Getty Images -

Photo: Guinness World Records; Merlin the Pig / Instagram