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Der wahre Unterschied zwischen einem Mixtape und einem Album

Stilistisch unterscheidet sich ein Mixtape kaum noch von einem klassischen Album. Doch sie verfolgen ein völlig anderes Ziel.

von Skinny Friedman
08 Juni 2016, 9:06am

Chance the Rappers Acid Rap-Mixtape war eine der großen Erfolgsgeschichten des Jahres 2013. Das Tape wurde im April eigenhändig veröffentlicht und zum kostenlosen Download angeboten, inklusive Features von Twista, Action Bronson und seinem guten Kumpel Childish Gambino. Chances bittersüße Porträts seines verdrogten Teenagerlebens in den beschisseneren Gegenden von Chicago wurden über Nacht zum Hit. Er machte sich bei Rapfans dadurch einen Namen und brachte ihn sogar ins Studio mit Justin Bieber. Eine Sache schaffte Acid Rap allerdings nicht: einen Haufen Platten zu verkaufen. Es gab keine Single und bei iTunes ist das Projekt auch nicht zu finden. (Übrigens verkauften sich Bootlegs davon sogar so gut, dass es auf Platz 63 in den Billboard Charts kletterte, aber das waren auch nur etwa 1.000 Einheiten.)

Acid Rap ist ein Mixtape, kein Album. Die genaue Definition eines Mixtapes hat sich im Laufe mehrerer Jahrzehnte HipHop-Geschichte allerdings stark gewandelt. Anfangs waren Mixtapes von DJs zusammengestellte Compilations angesagter Songs, die das Abspielen im Radio oder in den Clubs ergänzten. Über die Jahre mutierte das Konzept zu All-Star-MC-Line-Ups, die fette Bars über bekannte Beats raushauten, dann zu einer einzelnen Crew, die Bars zu bekannten Beats raushaute und schließlich zu einer einzigen Crew (oder einem Künstler), die Bars über unbekannte Beats raushaute. An diesem Punkt wurden sie zu „Straßenalben“, also quasi Projekten in Albumlänge, die nicht über die üblichen Labelumwege erschienen.

Mittlerweile ist der ästhetische Unterschied zwischen einem Mixtape und einem Album nur noch marginal. In den letzten paar Jahren—seit es kostenlos und einfach geworden ist, sie im Internet zu verbreiten—sind Mixtapes zu stundenfüllenden, komplett neuen Projekten von Einzelkünstlern geworden, die oft mit hochkarätigen Features und teuren Beats daherkommen. Aber auch wenn sie sich qualitätstechnisch kaum noch unterscheiden, gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen modernen Rap-Mixtapes und einem Rap-Album: das Ziel.

Alben sollen sich möglichst gut verkaufen und Singles hervorbringen. Sie gehören in die gutgeölte, jahrzehntealte Maschinerie der Musikindustrie. Auch wenn Mixtapes Singles hervorbringen (was sie oft genug auch tun) und ein paar Kopien absetzen können, ist ihre Zielsetzung flexibler. Mixtapes sind ein gutes Mittel, um neue Fans zu gewinnen; etwas, über das alte Fans auf ihren Social-Media-Kanälen reden können; ein Grund zum Touren und eine Möglichkeit, mit fetten Kollaborationen anzugeben. Mixtapes befeuern die Karrieren von Rappern und sie tun das, ohne eine einzige Kopie zu verkaufen.

In einer Post-Internet-Musikindustrie, in der Verkäufe immer weniger fassbar sind, sind Alben ein riskantes Unterfangen. Nur wenige Rap-Megastars haben heute noch die Möglichkeit, Platinstatus zu erreichen—Magna Carta Holy Grail setzte nur deshalb eine Millionen Einheiten ab, weil Jay-Z die RIAA dazu gebracht hatte, auch die Millionen Einheiten mitzuzählen, die Samsung für seine Handybesitzer gekauft hatte. Selbst außerhalb des Rap sehen die Zahlen düster aus. Trotz des erfolgreichen „Roar“ verkauften sich von Katy Perrys langersehntem Prism gerade einmal 287.000 Kopien in der ersten Woche nach seiner Veröffentlichung. Lady Gagas Artpop verkaufte sogar noch weniger. Und auch wenn Miley Cyrus im Vorfeld zu Bangerz mindestens eine Million Artikel in den Musikpublikationen und Feuilletons dieser Welt provoziert hat, das Album selbst hat nur etwa 270.000 Menschen dazu motiviert, es auch zu kaufen. Wenn Miley Cyrus sich schon schlecht verkauft, was für Chancen hat dann Chance the Rapper?

Chance hat Acid Rap umsonst rausgegeben, weil er ganz genau wusste, dass bei seinem Bekanntheitsgrad Öffentlichkeit mehr wert ist als mögliche Verkaufszahlen. Als aufstrebender aber immer noch recht unbekannter Künstler wusste er, dass er wahrscheinlich nicht wirklich viele Einheiten absetzen würde. Der Vertrieb im Internet ist billig, kinderleicht und dementsprechend ein wesentlich bessere Option für jeden Rapper, der versucht seine Karriere voranzutreiben. Die Kohle, die Chance durch den Erfolg von Acid Rap für Auftritte, Lizenzgebühren und Features erhalten wird, ist wahrscheinlich vielfach so hoch wie das, was auch immer er mit Albumverkäufen allein verdient hätte. (Der Vollständigkeit halber: Die Bootleg-Kopieren tauchten erst im Juli in den Charts auf, also drei Monate nach der Veröffentlichung des Tapes, und es ist unwahrscheinlich, dass sich diese 1.000 Einheiten verkauft hätten, hätte er das Tape nicht vorher umsonst veröffentlicht.)

Und Acid Rap war 2013 bei Weitem nicht die einzige Mixtape-Erfolgsgeschichte. Migos’ YRN katapultierte das Trio aus Atlanta zu landesweitem Ruhm und brachte gleich mehrere Clubhits hervor (inklusive dem allgegenwärtigen „Versace“ Remix mit Drake). Young Thugs 1017 Thug brachte dem talentierten Sonderling unzählige neue Fans ein. Kevin Gates’ Luca Brasi Story und Stranger Than Fiction verschafften dem souligen Rapper aus Baton Rouge trotz seiner fast schon endlosen Rechtsstreitereien und Labeldramen seinen Platz. Die Liste ist lang.

Das soll nicht heißen, dass Chance, Migos oder Gates nie ein Album machen sollten. Im Gegenteil, Chance befindet sich in einer besonders guten Position, in die Multiplatin-Fußstapfen von Kendrick Lamar und good kid, m.A.A.d. city zu treten. Beide sind außergewöhnliche Rapper, die sich dadurch hervorheben, dass sie großstädtische Gewalt aus einer Außenseiterperspektive beschreiben und gekonnte Hooks singen können. Es wäre nicht überraschend, Chance in einem Jahr im Popradio zu hören.

Doch Kendrick ist erst nach acht Jahren Mixtape-Plackerei im Süden Kaliforniens explodiert, in denen er nach lokalem Ruhm strebte. Er hat sich jahrelang ins Zeug gelegt, Fans gewonnen und ihre Aufmerksamkeit behalten, während seine Bewegung mit einem anhaltenden Strom (hauptsächlich kostenloser) Musik wuchs. Und Chance wäre nicht dort, wo er jetzt ist—ein paar kluge Schritte entfernt vom Dasein als Star—wenn er versucht hätte, sein erstes Projekt direkt zu verkaufen.

Als Antwort auf die derzeitige Dürre in Bezug auf Verkaufszahlen im Pop, hat das stets direkte Industrie-Sprachrohr Bob Lefsetz in der Variety einen Kommentar verfasst, in dem er den Tod des Albums verkündete. In seinen Augen ist die Single die Zukunft. Vor dem Hintergrund kurzer Aufmerksamkeitsspannen und endlosen musikalischen Optionen sind tiefgehende Veröffentlichungen, die nicht als Singles verkauft und promotet werden können, eine Last.

Doch das entspricht einem altmodischen Blick einer Industrie, die Verkäufe über alles stellt. Mit einem kostenlosen oder günstigen Vertrieb und einer Fülle an anderen Wegen, mit einem Projekt Geld zu verdienen, sind Mixtapes ein Format, das sich wirklich der modernen Musikindustrie angepasst hat.

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