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Warum es falsch ist, sich über Rechtschreibfehler lustig zu machen

Auch Rechtspopulisten profitieren davon, wenn du im Internet den Klugscheißer gibst.

Sebastian Sele

Sebastian Sele

Wieder einmal muss ich einen Text mit Worten zum Internet beginnen. Wir alle kennen die Vorteile der magischen drei Ws: Wir müssen nicht mehr in eine Bibliothek rennen oder uns mit viel zu großen Zeitungen quälen, um informiert zu sein. Wir brauchen keine Mitgliedschaft in einer Videothek mehr, um unserem Pornokonsum zu frönen.

Doch wie so ziemlich alles auf dieser Welt haben auch diese technischen Errungenschaften in der Praxis ihre Kehrseiten: Der Überfluss an Informationen verführt immer mehr Menschen dazu, sich krude Meinungen zusammenzuschustern. Manche haben all ihre Freunde nur noch auf PornHub. Und die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme bietet eben auch die Möglichkeit, alle anderen Menschen zu trollen, stalken oder sie zu verunglimpfen. Dass in allen Ecken des Internets mit Meinungen um sich geworfen wird, verstärkt den Drang zu Letzterem.

Was in der Praxis passiert, sehen wir etwa auf Facebook, wo sich wohl am meisten Menschen anonym begegnen. Dort werden Argumente ausgetauscht, es wird—etwas zu oft viel zu emotional—diskutiert. In gefühlt jeder Diskussion auf Facebook gibt es mindestens einen Menschen, der andere argumentativ auf die Matte knallen will, indem er ihnen ihre Rechtschreibfehler unter die Nase reibt. Das ist allerdings selbst ein Zeichen von Beschränktheit.

Schulbildung macht dich nicht zu einem besseren Menschen

Als ich noch zur Schule ging, war für alle—außer die Gymnasiasten—klar, dass die Gymnasiasten die größten Loser sind. Das Klischee vom besserwisserischen Streber hielt sich hartnäckig. Natürlich ist dieses Klischee—wie alle anderen Klischees auch—viel zu verallgemeinernd, aber wie eben auch bei allen anderen Klischees ist doch etwas Wahrheit dabei.

Bildung ist heute wohl das wichtigste Mittel, um einen besseren Job, dadurch einen höheren Lohn und dadurch wiederum ein höheres Ansehen zu bekommen. Egal, was du davon hältst, ist das momentan die Realität. Zu dieser Bildung gehört auch, dass man die Regeln der deutschen Sprache lernt.

Deine Schulbildung ist aber zu einem großen Teil davon abhängig, in welchem Umfeld du aufgewachsen bist. Haben sich schon deine Eltern durch Unis gequält, wirst du höchstwahrscheinlich dasselbe tun. Mussten deine Eltern möglichst rasch arbeiten gehen, um Geld zu verdienen, wirst auch du höchstwahrscheinlich nicht der nächste Nobelpreisträger. So bitter das auch scheinen mag, in der Realität ist es mindestens so schwierig wie selten, von einer Generation zur nächsten gesellschaftlich aufzusteigen.

Jemandem vorzuhalten, dass er kein korrektes Schriftdeutsch schreibt, ist also wie jemandem vorzuwerfen, dass er wenig Geld hat—überheblich und elitär.

Foto von Mr.TinDC | Flickr | CC BY-ND 2.0

Grammar-Nazis helfen den Rechtspopulisten

Dieser Punkt klingt im ersten Moment etwas weit hergeholt—dennoch ist etwas dran. Wenn du die Rechtschreibung anderer nimmst, um ihre Argumente abzuwerten, greifst du sie nicht inhaltlich an, sondern sagst ihnen: Du sollst erst deine Meinung sagen, wenn du gebildet genug bist, um korrektes Deutsch zu schreiben. Mittlerweile gibt es Facebook-Seiten, die trotz guter Absichten, rechte Hetz-Kommentare sammeln und sich auch über die Rechtschreibung der Kommentierenden lustig machen. Beides ist sehr überheblich.

Wenn du oder diese Facebook-Seiten das tun, bedient ihr genau jene Schiene der Argumentation, die von Rechtspopulisten genutzt wird, um die unteren Ränder der Gesellschaft für sich zu gewinnen. Ein wesentlicher Bestandteil ziemlich aller rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien ist es, sich als die Partei des kleinen Mannes zu inszenieren, die der Elite endlich mal sagt, wo es lang geht. Machst du dich von oben herab über die da unten lustig, verfestigst du dieses Denken.

Das Internet ist kein Diktat

Die gesprochene Sprache hat sich lange Zeit von der geschriebenen Sprache unterschieden. Wenn dir deine Eltern eine Whatsapp-Nachricht—oder einen Brieftauben-Brief—schreiben, werden sie mehr Wert auf Rechtschreibung legen als deine „s'geht?"-Freunde.

Mittlerweile kommunizieren wir wahrscheinlich viel öfter über geschriebene Sprache als unsere Eltern. Wir nutzen Whatsapp und den Facebook-Chat, um mit anderen auszumachen, wann und wo wir uns für den Ausgang treffen—oder auch einfach nur, um uns witzige Memes zu zeigen. Was früher oftmals über das Telefon oder persönliche Gespräche geschah, passiert nun über Text-Nachrichten. Das wirkt sich natürlich auch darauf aus, wie wir die Sprache nutzen. Wir orientieren uns beim Schreiben nicht mehr so stark am Duden wie die Generation unserer Eltern, weil das geschriebene Wort in unserem Alltag eine andere Bedeutung und Funktion hat.

Dass sich die geschriebene Sprache weiterentwickelt, ist natürlich aber auch nichts Neues. Der Duden nimmt regelmäßig neue Worte auf—weshalb wir wissen, dass wir gelikt mit „t" schreiben—und schmeißt ältere Worte raus.

Stehst du also das nächste Mal kurz davor, die seid-seit-Webseite als Kommentar zu posten, denk noch einmal darüber nach, was du damit bewirken könntest und lass es sein.



Titelbild von Taro Taylor | Flickr | CC BY 2.0