Der polnische Soldat, der sich nach Auschwitz schmuggelte

Witold Pilecki | Alle Fotos Eigentum des Rotamaster Pilecki Museum

Freiwillig nach Auschwitz – Die geheimen Aufzeichnungen des Häftlings Witold Pilecki

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VICE: Das Buch wurde 2012 auf Englisch verlegt und von der New York Times als „historisches Dokument mit größter Wichtigkeit” bezeichnet. Wieso wurde es bislang nicht in viel mehr Sprachen übersetzt? Urszula Hyzy und Patrick Godfard: The Auschwitz Volunteer Fighting Auschwitz: The Resistance Movement in the Concentration Camp

Witold Pilecki in Auschwitz.

Was machte Pilecki, bevor er in Auschwitz ankam?
Pilecki war 40 Jahre alt, als er sich freiwillig unter dem Alias Tomasz Serafinski nach Auschwitz deportieren ließ. Er war ein junger, gut ausgebildeter Soldat, der von 1919 bis 1920 im Russisch-Polnischen Krieg gekämpft hatte. Im September 1939, bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, kämpfte er gegen die Deutschen unter dem Kommando von Major Jan Włodarkiewicz. Zusammen mit Włodarkiewicz bauten sie die Widerstandsbewegung auf, die sich rasch in ganz Polen ausbreitete.

1940 begannen die Deportationen aus Warschau. Die Deutschen deportierten wahllos Menschen nach Auschwitz, das kurz zuvor in Betrieb genommen worden war. Diese Vorgänge sollten Terror verbreiten und eine ausbeutbare Arbeiterschaft erschaffen. Major Włodarkiewicz und Pilecki entschlossen, mehr über dieses Lager in Erfahrung zu bringen, in dem zwei Mitglieder ihrer Organisation bereits inhaftiert waren. Sie wollten den Aufstand von innerhalb des Lagers organisieren, und Pilecki meldete sich freiwillig.

Als er schließlich Insasse war, was tat er genau?
Er begann sofort damit, eine Verschwörung zu organisieren. Im Herbst 1940 schuf er ein Netzwerk aus fünf Gefangenen. Um Verluste zu minimieren, falls sie durch die Gestapo hochgenommen wurden, kannten sie sich gegenseitig nicht. Als Erstes verbesserte er die Lebensumstände seiner Mitverschwörer. Alle Mitglieder sollten einen Beruf „unter einem Dach” finden, damit sie den widrigen Witterungsumständen entgehen konnten und unter dem Kommando eines nicht so brutalen Kapos standen. Außerdem erfuhren sie dadurch im Krankenhaus bessere Behandlung und hatten die Chance, von Zivilisten Medikamente und Impfstoffe zu beziehen. Pilecki und sein Netzwerk infiltrierten dann die Leitung des Lagers (wo die SS einige Gefangene für Verwaltungsaufgaben heranzog).

Witold Pilecki und seine Frau Maria

Was machte er, um mit der Außenwelt zu kommunizieren?
Die ersten Berichte wurden von freigelassenen Gefangenen übermittelt. Später hing alles von erfolgreichen Fluchtversuchen ab. Einige dieser Fluchten waren wirklich spektakulär. Zum Beispiel schafften es bei einer Flucht am 20. Juni 1942 einige Insassen, am hellichten Tag in SS-Uniformen durch das Haupttor zu gehen und mit dem Auto des Kommandanten zu entkommen. Zivilisten spielten außerdem eine Rolle. Sie überbrachten die Nachrichten an das Hauptquartier des polnischen Widerstands in Warschau, wo sie dann an die polnische Exilregierung und London transferiert wurden.

Ihr eindrucksvollstes Kunststück war es wohl, ein Funkgerät aus Teilen zu bauen, die sie im Lager fanden. Es funktionierte im Jahr 1942 für ein paar Monate. Sie versteckten es im Krankenhaus, einem Ort, den die SS selten aufsuchte. Aber ein Mitglied der Organisation verplapperte sich und das Funkgerät musste entfernt werden. Sie übermittelten hauptsächlich Nachrichten über die miserablen Bedingungen, unter denen die Juden zu leiden hatten.

Pilecki war der Erste, der die Gaskammern in Auschwitz II erwähnte. Er übermittelte auch ein paar Details über die Krematorien. Er bezog diese Informationen über Gruppen, die in Birkenau arbeiten mussten, und sein Netzwerk reichte bis ins Todeslager. Pilecki erwähnte auch den Mord an Sinti und Roma in Auschwitz durch Zyklon B. Er erwähnte auch den ersten Test dieses Gases im September 1941 an Hunderten sowjetischen Kriegsgefangenen.

Wie hat die restliche Welt auf diese schockierenden Enthüllungen reagiert?
Leider glaubte ihm niemand. Die britischen Offiziere, die seine Berichte lasen, glaubten nicht daran, dass Gaskammern wirklich existieren. Wieso sollten die Deutschen, die Juden jeden Tag verhungern ließen oder erschossen, solch einen Aufwand betreiben? Sie glaubten, dass alles eine Übertreibung der polnischen Exilregierung sei, um mehr Unterstützung von den Alliierten zu erhalten.

Witold Pilecki und seine Familie, 1933.

Was hat er noch getan, während er im Camp war?

Das Konzentrationslager Auschwitz

Wie ist er entkommen? Pilecki schrieb: „Wenn wir sagen, was wir fühlen, werden Menschen verstehen, was wirklich geschehen ist.” War es wegen dieses Proto-Gonzo-Ansatzes, dass Pilecki so lange nicht geglaubt wurde? Können wir die Echtheit seiner Aufzeichnungen anzweifeln?
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