Heutzutage ist es schon beeindruckend, wenn man eine Frau trifft, die seit 29 Jahren verheiratet ist. Noch beeindruckender ist es, wenn sie nie im gleichen Land wie ihr Mann gewohnt hat, der noch dazu aus Zement ist und vor zwanzig Jahren abgerissen wurde. Eija-Riitta Berliner-Mauer ist objektophil und hat im Jahr 1979 die Berliner Mauer geheiratet. Mit Politik hat das nichts zu tun, obwohl sie weiß, dass seine Arbeit viele Leute beeinflusst hat. Sie liebt ihn schon fast ihr ganzes Leben und ist immer noch mit ihm zusammen, obwohl sie am 9. November 1989, nach zehn glücklichen Jahren, während ganz Europa jubelte, eine persönliche Tragödie durchleben musste. Wir sprachen mit der Schwedin am Telefon, um mehr über ihre etwas außergewöhnliche Liebesgeschichte zu erfahren.
VICE: Wann hast du ihn zum ersten Mal getroffen? Sagst du eigentlich „er” zu der Mauer?
Eija-Riitta Berliner-Mauer: Ja, ich sage „er”. Wenn ich mich richtig erinnere, war es im Fernsehen im Jahr 1961, als er gebaut wurde. Wir haben in diesem Jahr einen Fernseher bekommen und ich war 7 Jahre alt. Er war meine erste Liebe. Mein Vater hat davor immer Modelle von der Chinesischen Mauer für mich gebaut, aber als ich die Berliner Mauer sah, habe ich die chinesische vergessen. Einen Moment, bitte. Ich muss die Katze rauslassen. Ich habe so viele Katzen. [lautes Geräusch] Okay, die Katze ist draußen.
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Gut. Wie lange hat es gedauert, bis du die Mauer besucht hast?
Das hat recht lange gedauert. Ich war 23. Schon beim ersten Anblick im Fernsehen habe ich mich in ihn verliebt. Wir haben durch Telepathie kommuniziert, weswegen es auch als Fernbeziehung funktioniert hat. Aber bis ich ihn wirklich getroffen habe, war es nur so ein Jugendschwarm.
Wie lange hat es gedauert, bis ihr dann geheiratet habt?
Zwei Jahre danach haben wir beschlossen, zu heiraten, wir haben einander wirklich geliebt und Freunde in Berlin haben alles für uns arrangiert. Es lief alles in einem sehr kleinen Rahmen ab. Nur ein paar Freunde, von denen eine die Zeremonie geleitet hat. Ich war auch einfach in Jeans gekommen, nicht in einem aufwändigen Brautkleid oder so. Es waren ja auch die 70er Jahre. Meine Mutter hat die Mauer erst im Jahr 1982 getroffen. Sie wäre schon vorher gerne einmal gekommen, aber es war umständlich und teuer, von Nordschweden nach Berlin zu kommen.
Warum bist du nicht nach Berlin gezogen, um bei ihm zu sein?
Das wollte ich auch, ich habe auch nach Wohnungen gesucht, aber ich habe Katzen, viele Katzen, und ich konnte sie zwar nach Berlin bringen, aber danach nicht wieder zurück wegen der Quarantäne. Außerdem wollte ich immer noch gerne ein paar Monate im Jahr in Schweden verbringen.
Führt ihr eine monogame Ehe oder bist ist du auch mit anderen Objekten oder Menschen zusammen?
Nur mit Objekten. Ich habe auch eine sehr große Vorliebe für Zäune, aber was ich für die Berliner Mauer fühle ist mehr als eine sexuelle Zuneigung, er ist mein Mann und ich liebe ihn. Für mich bedeutet er Sicherheit. Ich glaube nicht, dass ich erklären kann, wie das gemeint ist. Es ist seine Persönlichkeit, aber auch seine Arbeit und sein Aussehen. Alles. Ich hätte nie geglaubt, dass 1989 passieren könnte. Davor konnte ich immer nach Berlin fahren, wenn ich traurig oder deprimiert war. Nach 1989 hat er sich sehr verändert. Es ist wie eine Person, die Körperteile verliert. Es tat mir sehr Leid, zu sehen, wie er auseinander gerissen wurde. Plötzlich konnte er mir auch nicht mehr so viel Sicherheit geben.
Hast du darüber nachgedacht, ihn zu verlassen?
Nein, ich bin sehr altmodisch. Wenn man heiratet, ist es für immer. Aber er tut mir jetzt Leid und ich habe schon eine andere Sicht auf ihn. Früher tat er mit vielleicht Leid, weil so viele Leute ihn nicht mochten, aber er war stark und mächtig und all das. Jetzt ist er… ja, jetzt ist er körperlich behindert, er ist nicht bei guter Gesundheit. Jetzt muss ich mich irgendwie um ihn kümmern, wo er doch vorher so männlich und stark war.
Normalerweise wird man ja neben seinem Ehemann begraben, willst du gerne in Berlin begraben werden?
Ich weiß nicht, wenn er so wäre wie früher, würde ich es ganz bestimmt tun. Jetzt würde ich eigentlich gerne in Schweden, aber dann auch wieder gerne in Berlin, bei seinen Überresten, begraben werden.
„Ich war so aufgeregt, als ich ihn zum ersten Mal vom Zug aus sehen konnte. Wir sind mit dem Zug aus Schweden durch Ostdeutschland gefahren und bei einem Checkpoint bin ich ihm dann begegnet.”
Jedes Mal, wenn ich ihn besucht habe, habe ich etwas von ihm mit nach Hause genommen. Der Zement war nicht so gut und deswegen konnte man ziemlich einfach an die Stücke herankommen.”
Die Einladung zu der Hochzeit.
Hochzeitsfoto: „Meine Familie war nicht da, aber sie fanden es toll. Sie wussten, dass ich ihn heiraten wollte und dass ich in ihn liebte.”
„Das Äußere ist schon sehr wichtig, obwohl ich das jetzt nicht so oberflächlich meine, wie es ich anhört. Ich liebe ihn auch wegen seiner Persönlichkeit.”
Eija-Riitta und die Mauer im letzten Winter vor dem Fall.
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