Illustration einer jungen Frau im Kittel, nach der zwei furchteinflößende Männer die Hände ausstrecken
Illustration: Samy Auzet 
Menschen

Eine Psychose im Lockdown: So kämpfte Julie gegen Wahnvorstellungen

Am dritten Tag schmiss Julie ihr Handy ins Klo – aus Angst, sie würde abgehört werden.
8.12.20

Julie* ist eine erfolgreiche Möbel- und Produktdesignerin mit einem starken Charakter. Sie hatte nie zuvor Probleme mit ihrer geistigen Gesundheit, aber während des ersten Lockdowns hatte sie eine Psychose.

Es begann um Ostern herum, als Frankreich seit drei Wochen im Lockdown war. Im Haus ihrer Eltern eingepfercht, wirkte Julie zunächst ganz normal. Ihre Ängste seien aber jeden Tag größer geworden, sagt sie. Bald habe sie aufgehört, nachts zu schlafen. 

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An ihrem zweiten Tag ohne Schlaf habe sie begonnen, zusammenhangslos zu reden, ihre Familie anzuschreien und sich Dinge einzubilden. Zu der Zeit bemalte ein feministisches Kollektiv französische Städte mit Nachrichten gegen Gewalt gegen Frauen. Julie sagt, sie konnte eine dieser Nachrichten von ihrem Fenster aus sehen. Sie habe angefangen, an einen Krieg zwischen Männern und Frauen zu glauben.

Am dritten Tag schmiss sie ihr Handy in die Toilette, aus Angst, dass jemand sie abhörte: "Während eines Skype-Gesprächs mit meinem Freund im Ausland schrieb ich 'Sie hören uns' in meinen Notizblock. Ich hatte entsetzliche Angst." 


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Am vierten Tag – als sie die Straße von ihrem Balkon aus beobachtete – habe sie geglaubt, dass ein asiatischer Mann eine schwarze Frau entführte. "Ich glaubte, dass die Chinesen Frankreich übernommen hatten." Sie habe aus vollem Halse geschrien, "Lass sie los!" in eine leere Straße. 

"Ich erinnere mich kaum daran, wie ich ins Krankenhaus gebracht wurde", sagt Julie. In der Nacht habe sie all ihre Freunde kontaktiert, ihnen gesagt , dass sie sie liebte – als würde sie bald sterben. Die Rettungssanitäter fanden sie in einem problematischen Zustand. Ihre Haare hätten ausgesehen, als ob sie mit der Küchenschere geschnitten worden seien. Julie sagt, sie habe später herausgefunden, dass ihre Mutter die Ambulanz nach einem heftigen Streit gerufen hatte. "Ich habe versucht, sie zu erwürgen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern." Ihre Mutter musste ihr die Klamotten ausziehen und sie unter eine kalte Dusche stellen, um sie zu beruhigen. 

Marie-Christine Beaucousin, Leiterin des medizinischen Zentrums in Seine-Saint-Denis am Rande von Paris, sagt, dass sie in den letzten Monaten viele solcher Fälle gesehen hat. "Wir waren überrascht, wie viele junge Leute während des Lockdowns ihren ersten Zusammenbruch hatten. Es waren viel mehr als sonst." Die Medizinerin berichtet auch von kuriosen Fällen: "Einer unserer Patienten dachte, er sei das Coronavirus. Ein zweiter, ein Busfahrer, hatte Wahnvorstellungen, in denen er verfolgt wurde. Er war wie versteinert und hatte sogar die Tür seines Schlafzimmers mit dem Bett verbarrikadiert. Wir mussten die Polizei rufen, um ihn rauszukriegen." 

Es ist relativ selten, dass jemand Wahnvorstellungen aus dem Nichts heraus erlebt. Aber Beaucousin erklärt, dass die Nummer von Patienten in ihrer Psychiatrie-Abteilung ohne Vorgeschichte von 17 auf 27 Prozent angestiegen sei. "Unsere Daten werden gerade ausgewertet, damit das Krankenhauspersonal verstehen kann, was genau passiert ist", sagt sie. 

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Julie wurde von ihrem Zuhause in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht, in dem sie zwölf Tage verbrachte. Zu Beginn hatte sie andauernde Halluzinationen, schaukelte vor und zurück, flüsterte Unverständliches und schrie. Sie war dem Personal gegenüber sehr streitlustig. Sechs Krankenschwestern wurden benötigt, um ihr ihre Medikamente zu verabreichen. 

"Eine Krankenschwester namens Marie hielt immer meine Hand. Das hat mich mehr beruhigt als die Medikamente", sagte Julie. Irgendwann dachte sie sogar, der Messias zu sein: "Ich nahm Maries weiche Hand und sagte: 'Nimm die Hand Jesu.' Ich dachte, ich könnte Menschen vom Coronavirus heilen."

Nach einem gescheiterten Suizidversuch begann Julies Zustand sich zu verbessern. Sie traf andere junge Patienten, rief ihre Freunde und Familie an und versuchte, sich zu beruhigen. Als sie herausfand, dass das Krankenhaus sie nicht gegen ihren Willen dort behalten konnte, kehrte sie zu ihren Eltern zurück. Aber nichts hatte sich wirklich verändert und sie konnte erneut nicht schlafen. Sie kontaktierte ihren Psychiater, der ihre Medikamentendosis erhöhte. 

Als der Lockdown am 11. Mai beendet wurde, zog Julie zurück in ihre eigene Wohnung und sah ihren Freund wieder: "An dem Punkt fing mein Leben wieder an", sagt sie. Aber die Effekte eines solchen Zusammenbruchs sind lange spürbar. "Es ist wie ein Autounfall – die Ärzte haben mir gesagt, dass es so um ein Jahr dauern wird. Die Medikamente sind meine Krücken – und ich möchte mich immer weniger auf sie verlassen, bis ich wieder alleine laufen kann."

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Marie-Liesse De Lanversin, Ärztin aus Paris, sagt, dass ihr Personal und sie noch nie so beschäftigt gewesen seien. "Wir wurden am Ende des ersten Lockdowns von Patienten überrannt, und es hört seither nicht auf." Jetzt, wo Frankreich wieder im Lockdown ist, erwarte sie und ihr Team, dass die Krise weitergeht. 

Julie sagt, sie sei sich sicher, nicht noch einen Zusammenbruch zu erleiden. "Ich kenne mich selbst jetzt besser und ich weiß, was mich nervös macht. Diesmal bleibe ich fern von Paris. Ich fahre mit Freunden aufs Land. Ich werde nähen und Sport machen und alles wird gut."

Wenn du dich nicht so stark wie Julie fühlst, ist das auch in Ordnung. Die Weltgesundheitsorganisation hat Empfehlungen in mehreren Sprachen veröffentlicht, um Stress zu erkennen und damit klarzukommen. Experten warnen, dass zu hoher Nachrichtenkonsum Angst verursachen kann. Drogen- und Alkoholkonsum zu reduzieren ist auch wichtig für deine geistige Gesundheit, auch wenn es schwerfällt. Und denk immer daran: Du kannst jederzeit nach Hilfe fragen.

Du leidest an einer Angst- oder Panikstörung bzw. anderen psychischen Beschwerden oder sorgst dich um einen nahestehenden Menschen? Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist 0800 111 0 111. In der Schweiz erhältst du in einem akuten Moment der Angst oder Panik Hilfe unter der Nummer 0848 80 11 09. Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist 142. Den Notfallpsychologischen Dienst erreichst du hier unter 0699 18 85 54 00.

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