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Wir kennen noch immer nicht das ganze Ausmaß des größten Medizinskandals der DDR

Inzwischen ist bekannt, dass durch eine einzige gepanschte Prophylaxe-Spritze in der DDR mindestens 4600 Frauen lebenslang schwerstkrank wurden. Alles nur wegen der Nichterfüllung des Plansolls.
25.2.15
Bild: Wikimedia Commons, Wormwood | CC BY-SA 2.0

Der Skandal um Anti-D mag sich vor über einem Vierteljahrhundert zugetragen haben, aber die Überlebenden leiden bis zu ihrem Tod unter den Folgen. Eine einzige Spritze machte sie ihr Leben lang krank.

1978 und 1979 wurden in der ehemaligen DDR Tausende von jungen Schwangeren mit Hepatitis C infiziert, nachdem sie eine gesetzlich vorgeschriebene Impfung gegen Rhesusunverträglichkeit erhielten. Diese wurde aus gepanschtem und infiziertem Blutplasma hergestellt.

Wie viele Frauen von dem größten medizinischen Skandal der DDR betroffen sind, lässt sich bis heute noch nicht exakt beziffern; doch inzwischen ist bekannt, dass das Ausmaß viel drastischer ist als bislang angenommen. Während man bisher von 3000 Fällen ausging, stellt sich in der vergangenen Woche heraus, dass viel mehr Frauen betroffen sind— mindestens 4600.

Zunächst wurde versucht, die Fälle zu vertuschen.

Noch immer klagen viele Betroffene über eine unzureichende Kompensation, schleppende oder gar nicht stattfindende Zahlungen und eine restriktive Handhabung in der Begutachtung und der Entscheidung über einen Anspruch.

Die Linksfraktion im Bundestag stellte deshalb eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung, doch die sieht keinen Bedarf zur Nachregelung. Die Entschädigung wird im sogenannten Anti-D-Hilfegesetz vom Jahr 2000 geregelt.

Das Gesetz sei ausreichend und nur an der Umsetzung in den Länderregierungen der neuen Bundesländern hapere es hier und da, so heißt es in der Antwort der Bundesregierung. Vier Millionen Euro pro Jahr werden in laufenden Geldleistungen ausbezahlt. Bereits neun Millionen Euro wurden an Einmalzahlungen geleistet und eine alte Bundesdrucksache von 1995 evaluierte damals eine Größenordnung von „maximal 6773 möglichen Fällen."

Anti-D war eine staatlich verordnete Immunisierung gegen die mögliche Bildung von Antikörpern gegen das Blut des eigenen ungeborenen Kindes einer Folgeschwangerschaft.

Als das Labor das Soll nicht erfüllen konnte, verdünnte es die Substanz mit verseuchtem Plasma.

Mit der Herstellung war das Blutspende-Institut in Halle an der Saale beauftragt. Als das Labor unter der Leitung von Dr. Wolfgang Schubert aus dem Plansoll rutschte, weil es nicht genügend des wertvollen Grundstoffs Blutplasma gab, verdünnte Schubert die Substanz für die Herstellung des Impfstoffs kurzerhand mit zuvor gesperrtem Plasma, das mit Hepatitis-Viren verseucht war. Was nicht sein durfte, konnte eben nicht sein—und die Erfüllung der Planwirtschaft stand im sozialistischen Staat an allererster Stelle.

Spätestens als in den folgenden Tagen täglich fiebrige Frauen mit starken Schmerzen in die Krankenhäuser eingeliefert wurden, wurde klar, dass ein Muster hinter den Vorfällen steckte. Es dauerte eine Weile, bis sich die Regierung in bester repressiver Manier überhaupt dazu durchringen konnte, den Skandal nicht mehr zu vertuschen und die Betroffenen ohne weitere Information von ihrer Familie isolierten. Insgesamt wurde das repressive Anti-D noch monatelang nach den ersten Fällen verabreicht.

Der Arzt verlor im November desselben Jahres seine Approbation. Wer sich fragt, wie es dazu kommen konnte, kann aber nicht ihn allein als Sündenbock verantwortlich machen: Es war das Plansoll, der Druck der Gesundheitsbehörden zur Erfüllung des Produktion und der Unwillen, das dringend benötigte Plasma mit Devisen aus dem Ausland anzukaufen.

Hepatitis C ist eine chronische Krankheit. Sie schädigt die Leber und führt zu einer benötigten Lebertransplantation. Auch andere Organsysteme erkranken in Folge der gestörten Filterfunktion der Leber; zudem sind Depressionen, chronische Müdigkeit und sogenannte „kognitive Einschränkungen" die Folgen. Anders ausgedrückt: Frauen mit Hepatitis C leben durchschnittlich 18 Jahre kürzer.

Erst in den vergangenen Jahren gelangen einige Durchbrüche bei der Hepatitis C-Behandlung. So gibt es mittlerweile eine effektive Therapie in Form einer Pille namens Sovaldi—diese ist jedoch aufgrund ihrer pervers hohen Gewinnmargen als „1000-Dollar-Pille" bekannt. Der Spiegel rechnete im August vor, dass das dringend benötigte Medikament, das gefährliche Leberentzündungen therapieren soll, zwanzigmal wertvoller als Gold sei. Das Medikament wirkt jedoch besonders gut und hat eine Heilungsrate von 98 oder 99 Prozent. Experten kritisieren den Hersteller für die astronomischen Gewinnmargen aufs Schärfste, den Pharmahersteller dagegen ist das herzlich Wurscht und sie rechtfertigen sich lapidar-traditionell mit „hohen Forschungskosten, die abgedeckt werden müssten".

So bleibt manchen Betroffenen als letzter Ausweg wohl nur noch, ihr Zahngold in Solvadi anzulegen​.