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Ich habe eine Hellseherin meine Tinder-Matches analysieren lassen

Eigentlich kannst du nie sagen, ob du gerade mit einem netten Typen oder einem durchgeknallten Soziopathen chattest. Also habe ich mir Hilfe geholt.
16 September 2016, 10:30am

Psychic Rose | Alle Fotos von der Autorin

Bei Tinder kannst du nie sagen, ob Max, 27 (der Steuerberater, der mit deiner flüchtigen Facebook-Bekanntschaft Dani studiert hat), ein netter Typ oder ein Soziopath ist.

Also chattet ihr ein paar Tage miteinander darüber, was ihr so treibt, in welcher Ecke ihr wohnt und welchen Film ihr euch heute Abend anschaut. Wenn du Glück hast, tauscht ihr eure Snapchat-Usernamen aus. Zwei Themen, die unter allen Umständen vermieden werden, sind: warum ihr überhaupt bei Tinder seid und Vorschläge für ein gemeinsames Treffen.

Das liegt daran, weil niemand von euch weiß, ob die andere Person auch wirklich cool ist. Wünscht du dir nicht auch, du hättest eine Art spirituelle Eingebung, die dir das verraten könnte? Ich schon! Deswegen und weil Tinder diese Woche sein Dreijähriges feiert, habe ich eine Sitzung bei der spirituellen Liebesspezialistin Psychic Rose gebucht, die sich freundlicherweise bereit erklärte, mich auf den rechten Pfad zu führen.

Der klassische Mittelfinger-Swipe einer wahren Tinder-Veteranin

Ursprünglich hatte ich geplant, die Hellseherin für mich swipen zu lassen, aber am Ende wischte sie auch nur bei den heißen Typen nach rechts (passiert den Besten von uns). Also bat ich sie stattdessen nach ihrer Meinung zu meinen neuesten Match-Errungenschaften.

Bryan*, 25

Bryan hatte eine christliche Mädchenschule als Bildung angegeben, was Psychic Rose zum Schießen komisch fand. Sie beschrieb ihn als abenteuerlustig und "auf einer Reise", aber noch zu unreif für etwas Langfristiges.

Patrick*, 25

Psychic Rose fand Patrick, einen Kunst-Kurator, durchaus ansprechend. Er sei genau richtig kultiviert, um mich "zu fordern". Patrick hatte mir ein Superlike geschickt, was Psychic Rose überhaupt nicht überraschte. Allerdings sagte sie, dass er—obwohl er angab, auf Beziehungssuche zu sein—"alte Verletzungen" mit sich rumschleppen würde. Er würde sich wegen mir also sehr unsicher sein.

Während sie Patricks Profil betrachtete, entschied sich Psychic Rose dafür, dass eine ernsthafte Beziehung definitiv nicht das sei, was ich gerade brauche. Also änderten wir unsere Prioritäten und suchten nach "ein bisschen Spaß"—also nach jemandem, der kein Arschloch ist, mit dem man abhängen kann, aber nicht Gefahr läuft, sich zu verknallen.

Angus*, 24

Kennst du diese Typen, die total tiefgründig und intensiv bei allem sind; die dich dazu bringen, ihnen deine ganze Lebensgeschichte zu erzählen; bei denen du das Gefühl hast, zwischen euch würde eine besondere Verbindung bestehen, und dann sind sie plötzlich weg? Wenn es nach Psychic Rose geht, ist Angus so einer. Ich hätte das wahrscheinlich schon an seiner Bio sehen müssen: "Ich mache Filme und so—keine Pornos, versprochen." Scheiße, läuft das gut.

Psychic Rose hat ganz schön mit meinem lädierten Handy zu kämpfen

Rob*, 28

"Rob ist so ein Kerl-Kerl", begann Psychic Rose—und es sollte nicht besser werden. Er würde "Spaß" versprechen und wir würden einen tollen Abend zusammen haben, aber ich würde mich nicht in ihn verknallen. Er würde sich gegenüber mir sehr "verliebt" geben, aber er sei auch ein Aufreißertyp und habe es entsprechend nur auf die Eroberung abgesehen. Obwohl Psychic Rose klarstellte, dass Rob mich als Individuum respektieren würde, würde ich ihn am Ende mit meiner Art überfordern.

Chris*, 24

Die Fotos von Chris waren wie ein bebilderter Lebenslauf. Da war eins mit ihm beim Kajakfahren, ein süßes Selfie mit Hund, ein Partybild in Cowboyverkleidung, er im Anzug bei einer Präsentation und ein Abschlussfoto. Psychic Rose fand ihn "unauthentisch". Ich selbst fragte mich, warum ich überhaupt nach rechts gewischt hatte.

Matt*, 28

Dann wollte ich etwas über Matt wissen—ein älteres Match, mit dem ich mich gut verstanden und sogar Nummern ausgetauscht hatte, nur damit er mir daraufhin in extrem unregelmäßigen Abständen schrieb und die ganze Sache irgendwann im Sande verlief. Psychic Rose wusste sofort, was los war. "Er hat sich rar gemacht, weil es jemand anderen in seiner Nähe gibt." Will heißen: Der Typ ist ein verdammter Frauenheld. Das hätte ich vielleicht auch ohne Psychic Rose gewusst.

Egal, wie oft ich Tinder runterlade, jedes Mal gelange ich an einen Punkt, an dem ich auf eine Wand treffe. Zufälligerweise bin ich in diesem Moment auch immer unfassbar gelangweilt von der ganzen Sache. Psychic Rose teilte mir schließlich mit, dass keiner der Typen, die sie auf Tinder gesehen hatte, einen guten Partner abgeben würde. Sie mochte Patrick zwar, aber so richtig passe keiner. Ich stimmte ihr zu. Sie sprach auch von einem Mangel an Substanz. Vielleicht stimmte auch das, aber abgesehen davon half mir meine fehlende Motivation, über Fremde zu urteilen, zu swipen und Nachrichten zu schicken, bei der ganzen Sache auch nicht wirklich weiter.

Das macht Tinder jetzt nicht per se gut oder schlecht—es ist ja nicht so, als hätte die App in den letzten drei Jahren das Dating-Game revolutioniert, indem sie von allen gehasst wird. Aber vielleicht bin ich einfach nicht für den Tinder'schen Prozess gemacht. Mit dieser Erkenntnis musste ich Tinder als das behandeln, was es in meinen Augen war: ein Egobooster auf Kosten von ein paar armen Jungs, die auf der Suche nach Liebe oder zwanglosem Sex waren. Ich teilte Psychic Rose meinen Gedankengang mit.

"Ich weiß nicht. Ich fühle mich immer so schlecht, wenn ich so kritisch bin."

"Ich weiß, aber das musst du auch sein!", antwortete Psychic Rose.

Leider hatte Psychic Rose Recht. Und wie Recht sie damit hatte.