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Ich habe eine Woche von einem Euro am Tag gelebt

In dieser Zeit habe ich eine Menge gelernt: über mich, über unsere Gesellschaft und über Erbsensuppe.

Die Deutschen sparen gerne, und vor allem sparen sie gerne am Essen. Obwohl sie im Schnitt deutlich mehr Geld zum Ausgeben haben als Franzosen, Spanier oder Italiener, geben die Bundesbürger viel weniger davon für Lebensmittel aus—nur rund 11 Prozent (Italiener liegen bei 14,4, Franzosen bei 13,8, Spanier bei 14,6).

Die Mehrheit der Deutschen sind wohl einfach keine Genießer—stattdessen lieben sie es, Schnäppchen zu machen. (Interessanterweise geben die Deutschen aber überdurchschnittlich viel Geld für Urlaubsreisen aus, was wiederum darauf hindeutet, dass sie ihr von der Sparwut beengtes Leben irgendwie doch trist finden—und sich deshalb regelmäßig Spritztouren ins Dolce Vita leisten müssen. Aber das ist eine andere Frage.) 

Ich leide eher unter dem gegenteiligen Problem—ich bin sehr, sehr schlecht im Sparen. Das meiste Geld, das ich verdiene, habe ich grundsätzlich schon zwei Wochen vorher ausgegeben. Obwohl ich es nicht genau überblicken kann (wenn ich das könnte, wäre ich wahrscheinlich nicht in der Situation), schätze ich, dass ich mindestens 40-50 Prozent meines „Haushaltes“ für Zigaretten, Essen und Alkohol (in dieser Reihenfolge, aufsteigend) ausgebe.

Es war also eine Mischung aus Neugier, Masochismus und dem akutem Notstand auf meinem Konto, die mich dazu veranlasste, mich auf das Experiment einzulassen. Fünf Tage lang würde ich nur von einem Euro am Tag leben. Um das Ganze noch etwas interessanter zu machen, durfte ich mich auch nicht von Freunden, Bahnhofsmissionen oder barmherzigen Dönerbudenbesitzern aushalten lassen. Die einzige Ausnahme: ich habe mir vorher genug Zigaretten für die Woche gekauft. Man soll es mit dem Masochismus auch nicht übertreiben.

Habe ich mir nicht angesehen: nützliche Seiten wie www.discounter-preisvergleich.de.

Einen derart ambitionierten Selbstversuch sollte man natürlich ausführlich planen. Mann muss den Kaloriengehalt der gängigen Lebensmittel vergleichen, sich auf Blogs über die besten Billig-Rezepte informieren, ausgedehnte Preisrecherchen in deutschen Discountern betreiben und sich vielleicht sogar einen beratenden Arzt suchen. Da ich das Wochenende vorher allerdings damit verbrachte, mich aus Furcht vor der bevorstehenden Tortur ausgiebig zu betrinken, fiel das leider flach. Ich hatte also so gut wie gar keine Vorstellung, wie ich die Sparerei am schlausten anstellen würde, als ich am Morgen des ersten Tags leicht verkatert aufwachte.

Montag: Brot, Tomaten, Reis

Mein erster Gang am Montagmorgen führte mich natürlich zu Lidl. Lidl-Märkte sind, zumindest in Deutschland, keine besonders inspirierenden Orte, aber es gibt wirklich sehr billige Lebensmittel. Nach einer Weile ziellosen Herumlaufens zwischen den Regalen entschied ich mich an meinem ersten Tag für eine Packung Aufback-Brötchen (35 Cent), 4 Tomaten (36 Cent) und Salz (19 Cent). Gesamtsumme: 90 Cent.

Beschwingt verließ ich den Lidl. Das war einfacher als gedacht! Von den Brötchen würde ich jeden Tag zwei essen können! Meine Freude verflog aber schnell, als mir auffiel, dass eine von den Tomaten schimmlig war. Lidl, du Bastard.

Trotzdem machte ich mir so gegen Mittag aus zwei Brötchen und einer Tomate die erste Mahlzeit meines Tages.

Applaus, bitte.

Das war eigentlich ganz gut, aber es dauerte nicht besonders lange, bis ich wieder Hunger hatte. Da ich die übrigen Brötchen aber sparen wollte, musste ich das ignorieren. Um sieben verließ ich das Büro und ging nochmal zu Lidl, um mir ein Kilo Reis für 85 Cent zu kaufen, dass mich zwar direkt über die Tagesgrenze katapultierte, von dem ich aber sicher eine Weile würde zehren könnte. Als ich zu Hause ankam, hatte ich ziemlichen Hunger, so dass ich es vielleicht etwas übertrieb und mir ungefähr 300 Gramm von dem Reis machte. Mit der schimmligen Tomate.

Dieses Bild werdet ihr noch öfter sehen.

Damit war mein erster Tag überstanden. Gesamtausgaben Montagabend: 1 Euro und 75 Cent.

Dienstag: Pulled Pork, der türkische Markt und die Erniedrigung

Der Dienstag fing schlecht an, weil ich in der Hektik die letzte Tomate, die ich mir fürs Frühstück im Büro aufgehoben hatte, zu Hause vergaß. Ich hatte also nichts, was ich auf meine Aufbackbrötchen legen konnte. Da ich aber am Abend vorher so viel Reis gegessen hatte, hielt ich erstmal ganz gut ohne Essen durch. Bis mittags aus heiterem Himmel ein Wagen in unserem Bürohof auftauchte und Pulled-Pork-Sandwiches verkaufte. Dieser Idiot hatte sich genau diese Woche ausgesucht, um auf unserem grauen Hof ein Street-Food-Festival zu veranstalten.

Alle meine Kollegen rannten los und kauften sich welche. Immerhin hatten ein paar den Anstand, verschämt auf den Boden zu schauen, wenn sie mit ihrem vor Fett triefenden Brötchen an meinem Tisch vorbeikamen.

Nachmittags fuhr ich erstmal auf den türkischen Markt am Maybachufer in Neukölln, weil ich gehört hatte, dass das sowieso schon billige Gemüse gegen nachmittag noch billiger werden würde. Vor meinem inneren Auge sah ich schon die Berge von Obst und Gemüse, mit denen ich mich für die ganze Woche versorgen würde—es kam aber leider anders.

Der Markt ist tatsächlich sehr billig, weshalb die meisten Kunden dort große Mengen einkaufen. Als ich aber zum ersten Stand ging und mir wieder Tomaten (ich weiß, sehr einfallslos, aber ich kann mir ja keine Zucchini aufs Aufbackbrötchen legen) in eine Plastiktüte packte, musste ich feststellen, dass ich gleich zuviel gekauft hatte: 75 Cent verlangte der Verkäufer! Ich musste also zwei Tomaten wieder zurücklegen und ihn bitten, das noch mal neu abzuwiegen. Der wackere Türke schaute mich an, als wäre ich nicht ganz dicht, schnaubte verächtlich „45 Cent“ und fing dann an, seinem Kollegen ausgiebig auf Türkisch vorzuschimpfen, was ich für ein geiziger Idiot sei. „Will Tomaten für 75 Kurusch, und dann ist das dem Deutschen noch zuviel! Kauft jetzt für 45 Kurusch Tomaten, der Kerl!“ Ich stammelte mein Dankeschön und schlich davon.

Schon am nächsten Stand hatte ich mich etwas gefasst und verlangte mit fester Stimme Bohnen für 50 Cent. Der Verkäufer zog eine Augenbraue hoch und warf mir wortlos eine faustvoll Bohnen in die Plastiktüte. Aber immerhin würden die für zwei Abende reichen!

Der Preis wurde später noch weiter gesenkt—aber nicht für mich.

Eigentlich war mein Budget dann schon erschöpft. Aber dann lief ich an einem Stand vorbei, wo fünf Mango für 2 Euro angepriesen wurden. Außerdem gab es Stücke zu probieren. Ich beschloss also, mir einfach davon ein paar zu nehmen und wegzugehen. Allerdings schmeckte die Mango so gut, dass ich einfach eine kaufen musste. Dafür wollte der Händler dann aber 50 Cent! Ich versuchte ihm vorzurechnen, dass eine auf keinen Fall 50 Cent kosten könne, wenn es 5 für 2 Euro gäbe, aber er starrte mich nur voller Verachtung an und schüttelte den Kopf. Völlig erniedrigt bezahlte ich also meine Mango.

Mittlerweile hatte ich echte Budget-Schwierigkeiten: Es war Dienstagnachmittag, und ich hatte bereits 3 Euro und 20 Cent ausgegeben. Aber immerhin hatte ich eine Mango. Am Abend machte ich mir Reis mit Tomate … und Bohnen.

Gesamtausgaben bis Dienstagabend: 3 Euro, 20 Cent

Mittwoch: Pulled Pork die Zweite

Am Mittwoch beschloss ich, erstmal von dem zu leben, was ich hatte. Tagsüber aß ich eines der letzten beiden Baguette-Brötchen mit Tomate und die Mango.

Die Mango war dringend nötig, denn so langsam begann die Reis-und-Brötchen-Diät an mir zu zehren. Schon am Dienstag hatte ich gegen Abend Kopfweh bekommen. Am Mittwoch wurde ich schon am frühen Nachmittag ziemlich müde. Außerdem war ich ein bisschen deprimiert: Immer, wenn ich mich auf den Feierabend freute, fiel mir ein, dass zu Hause außer Reis mit Bohnen eigentlich nichts auf mich wartete. Und so war es dann auch:

Während ich das in mich hinein schaufelte, traf sich meine Freundin mit ein paar Leuten in einem Restaurant. Wie sie mir später liebenswürdigerweise berichtete, aßen sie dort unter anderem: Reuben-Pastrami-Sandwiches mit extra Sauerkraut und Käse, Pastrami-Salat, Merguez-Würstchen, Pulled Pork Sandwiches, New York Cheesecake. Dazu tranken sie zwei Flaschen Rotwein.

Ein Reuben-Sandwich. Foto: Michaela den | WikimediaCC BY 3.0

Gesamtausgaben bis Mittwochabend: 3 Euro und 20 Cent.

Donnerstag: Erbsensuppe saved my life

Der Donnerstag war im Grunde genau wie der Mittwoch, nur ohne Mango. Den Tag über war ich relativ müde und verbrachte viel Zeit auf der MUNCHIES-Website, wo es sehr viele Videos von Essen gibt. Ich hätte sogar für den blöden veganen Burger mit Pilzen jemanden umgebracht, obwohl ich Pilze eigentlich nicht ausstehen kann (Pilze haben exakt die gleiche Farbe und Konsistenz wie zwei Wochen alte Wasserleichen). Hier ist trotzdem ein Bild von dem veganen Burger mit Pilzen:

Und das war mein Frühstück/Mittagessen:

Da ich mittlerweile Angst hatte, wegen meines akuten Vitaminmangels Skorbut zu bekommen, wollte ich dringend Obst essen—Obst ist aber leider ziemlich teuer. Eine Kolllegin hatte mir aber von dieser Website erzählt, auf der Leute öffentlich zugängliche Obstbäume eintragen.

Screenshot von mundraub.org

Was soll ich sagen, es funktioniert! Ich fand tatsächlich einen Apfelbaum mit fast reifen Äpfeln, und es hatte sogar jemand einen langen Ast deponiert, mit dem man die Äpfel aus dem Baum schlagen konnte. Obwohl mich die meisten Passanten mit mitleidigen Blicken bedachten, machte es mir ein Mann sogar nach. Da er aber keine lange Stange hatte, hatte er auch kaum Erfolg, also schenkte ich ihm schließlich einen von meinen Äpfeln. Er hat sich sehr gefreut. Den Rest meiner Äpfel nahm ich erstmal mit, um später Kompott daraus zu kochen.

Da ich aber mittlerweile budgetmäßig wieder im grünen Bereich war, ging ich dann doch noch mal zu Lidl. Was ich dort fand, rettete mir nicht nur den Abend, sondern im Grunde die ganze Woche: eine fette Dose Erbseneintopf für 65 Cent! Mit Bauchspeck!

Leider konnte niemand, dem ich danach von diesem Erbseneintopf erzählt habe, meine Begeisterung nachvollziehen. Offenbar gibt es in unserer Gesellschaft weit verbreitete Vorurteile gegen Erbseneintopf. Aber nachdem ich bis jetzt jeden Abend Reis mit Scheiß gegessen hatte, war diese Ersbsensuppe eine Offenbarung. Zuerst einmal war es kein Reis, und außerdem enthielt sie das einzige Fleisch, das ich in dieser Woche zu mir nehmen konnte. Lidl hatte mein Herz zurückgewonnen.

Gesamtausgaben bis Donnerstagabend3 Euro und 85 Cent.

Freitag: Freitag ist Falafeltag

Am Freitagmorgen ging es mir ziemlich gut: erstens wegen der Erbsensuppe, zweitens, weil mein Experiment bald zu Ende sein würde, und drittens hatte ich noch 1 Euro und 15 Cent, die ich heute verprassen konnte. Außerdem hatte mir ein Kollege von einem Laden auf der Sonnenallee erzählt, wo man für 50 Cent ein Falafel-Sandwich bekommen konnte. Gegen Mittag machte ich mich auf den Weg dahin, und das Sandwich kostete tatsächlich nur 50 Cent, und es war überraschend gut.

In Neukölln ging ich dann auch noch in einen türkischen Supermarkt, wo ich 58 Cent für zwei rote Paprika auf den Kopf haute. Auf dem Rückweg kam ich über den Herrmannplatz, wo gerade Markt war, aber leider hatte ich kein Geld mehr für die Ananas.

Freitagabend machte ich mir also ein letztes Mal Reis, diesmal mit den beiden Paprikas, und ich stellte fest, dass ich immer noch am Leben war.

Das Bild ist sehr unscharf, ich muss wohl sehr geschwächt gewesen sein.

Da ich ja soweiso nicht ausgehen konnte, war mein Plan für den Freitagabend, einfach bis Mitternacht herumzusitzen und dann zur Pizzabude an der Ecke zu rennen und mich mit Pizza vollzustopfen. Tatsächlich bin ich aber (zweifellos von den Strapazen der Woche geschwächt) einfach um halb zwölf eingeschlafen. Als ich am nächsten Morgen aufstand, war ich wieder ein freier Mann.  

Gesamtausgaben bis Donnerstagabend: 4 Euro und 93 Cent.

Fazit

Man kann sich durchaus eine Weile von einem Euro am Tag ernähren—es ist aber nicht zu empfehlen. Hätte ich das ganze im Vorfeld besser geplant, hätte ich wahrscheinlich auch etwas abwechslungsreicheres Zeug als immer nur Reis und Tomatenbrötchen essen können. Das ist auch die wichtigste Lektion aus der Woche: Wenn man sehr wenig Geld zur Verfügung hat, muss man genau planen. Außerdem muss man relativ viel Zeit investieren, weil man auf der Suche nach dem günstigsten Angebot dauernd durch die halbe Stadt tingeln muss. Das ist besonders unpraktisch, wenn man eigentlich acht Stunden am Tag in einem Büro sitzen soll.

Das Hauptproblem an der Sache ist, wie wahnsinnig langweilig das sparsame Leben ist. Zu Hause zu kochen, ist bestimmt eine tolle Angewohnheit, aber nur, wenn man mehr als zwei Zutaten benutzen darf—von denen die eine immer Reis ist. Abgesehen davon hängt die überwältigende Mehrheit aller sozialen Aktivitäten irgendwie damit zusammen, dass man sich mit anderen Menschen trifft, um sich gemeinsam irgendwas in die Körper zu schütten—Essen, Trinken, THC. Wenn man an all diesen Aktivitäten nicht teilnehmen kann, ist man schnell ausgeschlossen. Wer hat denn wirklich Bock darauf, sich einfach so zu unterhalten? Deswegen ist Soylent ja auch so eine unendlich beschissene Idee. Angesichts der Tatsache, dass sich jeder Zwölfte in Deutschland keine regelmäßige Mahlzeiten leisten kann, war ich also sehr froh, dass mein Selbstversuch nur fünf Tage dauerte. Und dass ich Zigaretten hatte.