Politik

Rechte Politiker hetzen gegen die 17-jährige Sihaam

"Ich weiß, dass ich als Schwarze Frau, die ein Kopftuch trägt, mehr leisten muss als durchschnittliche 17-Jährige."
09 September 2020, 12:19pm
Sihaam Abdillahi
Foto: Alexandra Stanic

Der Wahlkampf zu den Wiener Gemeinderatswahlen im Oktober hat begonnen und mit ihm zeigen sich auch schon die ersten grafischen und politischen Tiefpunkte. Wer denkt, Heinz-Christian Strache hätte mit seinem Wahlslogan "Daham statt Islam" aus dem Jahr 2006 den braunen Vogel abgeschossen, der kennt das Plakat des aktuellen Wiener FPÖ-Kandidaten Dominik Nepp noch nicht. Eine Collage, die jeder durchschnittliche Grafikdesign-Student im ersten Semester besser hinbekommen hätte: auf der einen Seite vollverschleierte Frauen mit dem Spruch “SPÖ, ÖVP, Grüne: Radikaler Islam", auf der anderen Seite Nepp, wie er auf den Stephansdom zeigt. Der nächste Rechte, der sich als Retter des Abendlandes inszeniert.

Aber auch sein Parteikollege Leo Kohlbauer, Mitglied des Gemeinderats, ist sich nicht zu schade dafür, Wahlkampf auf Kosten marginalisierter Gruppen zu führen. Am 7. September twittert Kohlbauer einen Screenshot einer Demonstration vor dem österreichischen Bildungsministerium, zu sehen ist die Landesschülerinnenvertreterin Sihaam Abdillahi. Kohlbauer fragt sich, ob "Ministerinnen bald mit streng islamischen Kopftüchern" auftreten würden und schwadroniert von der Muslimbruderschaft.

Twitter-Screenshot Leo Kohlbauer

Twitter-Screenshot von Leo Kohlbauer

Was das alles mit Sihaam Abdillahis Arbeit zu tun hat? Das haben wir uns auch gefragt, also haben wir Abdillahi getroffen. Die 17-Jährige ist nicht nur Landesschülerinnenvertreterin, sondern auch Antirassismus-Beauftragte bei der AKS Wien, einer SPÖ-nahen Jugendorganisation. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sie es als Schwarze Frau schafft, im FPÖ-Niveaulimbo gelassen zu bleiben und ihren Kampfgeist nicht zu verlieren – und warum sie sich das alles antut.

VICE: Wie hast du vom Tweet von FPÖ-Politiker Leo Kohlbauer erfahren?Sihaam Abdillahi: Eine Freundin hat mir den Tweet am Montag zugeschickt und ich habe gar nicht so wirklich darauf reagiert. Abends haben mir dann richtig viele Leute geschrieben und mich unter Anderem gefragt, was ich dagegen machen will. Ich habe mir dann erstmal in Ruhe durchgelesen, was Kohlbauer über mich verbreitet hat.

Wie war deine Reaktion?
Die vielen Nachrichten haben mich im ersten Moment überfordert und ich war ziemlich fertig. Ich bin nicht auf Twitter unterwegs, weil es mir zu toxisch und krass ist. Aber ich habe Kommentare gelesen und da ging es zum Beispiel plötzlich um den politischen Islam und ich war richtig geschockt.

Was sagt dein soziales Umfeld?
Als ich ihr gesagt habe, dass ich noch nicht sicher bin, ob ich Kohlbauer anzeigen soll, meinte meine Mutter: "Es ist deine Entscheidung. Pass nur wirklich auf dich auf." Sie hat mich gestern Abend gebeten, nicht zu spät nach Hause zu kommen. Ich wohne in einem blauen Bezirk und ich gehe in einem blauen Bezirk in die Schule. Die FPÖ und ihre Wählerschaft sind sehr präsent.

Möchtest du ihn denn anzeigen?
Ja. Ich will niemandem die Macht darüber geben, mich zu definieren. Ich sage immer, dass sich BPoC wehren müssen, dass wir uns nichts gefallen lassen sollen. Aber natürlich frage ich mich schon, wie das ausgehen wird. Was, wenn ich ihn anzeige und es gibt keine Konsequenzen für ihn?

Ich habe in der Unterstufe rassistische Erfahrungen gemacht und das hat mich so geprägt, dass ich mich lange von Weißen Menschen isoliert habe. Ich habe kein großartiges Vertrauen in das österreichische Rechtssystem. Man sieht ja auch, was mit der Politikerin Sigi Maurer passiert ist. Die wurde in erster Instanz verurteilt (Anmerkung der Redaktion: Maurer wurde wegen übler Nachrede verurteilt, weil sie obszöne Facebook-Nachrichten vom Account eines Bierwirts veröffentlicht hatte, das Oberlandesgericht hob das Urteil auf), obwohl sie die ist, die übel beleidigt wurde.

Der Screenshot zeigt dich auf einer Demonstration. Wogegen hast du protestierst?
Das war vor dem Bildungsministerium. Wir haben gegen das Schulkonzept von Bildungsminister Fassmann für die Zeit der Corona-Pandemie demonstriert. Diese Idee von Distance-Learning setzt voraus, das alle die gleichen Privilegien haben. Wenn du dir ein Zimmer mit vier Geschwistern teilst und ihr alle nur einen Laptop habt, führt das zu Schwierigkeiten beim Lernen. Und wenn du einen Zoom-Call verpasst, beeinflusst das deine Note. Die Idee, komplett zu Hause zu lernen, ist eben nur für privilegierte Schüler gut.

Ich spreche bei der Demonstration jedenfalls von Verfehlungen der Bildungspolitik. Kohlbauer hat mich nur gesehen und twitterte sofort völlig kontextlos über Ministerinnen mit "streng islamischen" Kopftüchern und die Muslimbruderschaft.

Ich habe im Juli 2019 eine Kolumne geschrieben, warum ich Österreich hasse und einen Shitstorm dafür bekommen. Wie fällt die Reaktion aus, wenn du österreichische Politik kritisiert?
Ich werde gefragt: Wer bist du, dass du Österreich kritisiert? Österreicher tun so, als wäre ich gestern Mittag hier angekommen. Dabei bin ich hier aufgewachsen, ich gehe hier zur Schule. Hier ist meine Familie, hier sind meine Freunde. Max Mustermann kann Kritik äußern, aber mich beschimpft man als "Ausländerin" oder als "Asylantin".

Sihaam Abdillahi

Die 17-Jährige ist Landesschülerinnenvertreterin und Antirassismus-Beauftragte bei einer Jugendorganisation

Was hat dich politisiert?
Viele Eltern meiner Mitschülerinnen waren FPÖ-Anhänger und das habe ich sehr zu spüren bekommen. Diese Diskriminierungen hatten zur Folge, dass ich gar kein Selbstbewusstsein mehr hatte. Ich musste hart an meinem Selbst arbeiten, um mein Selbstbewusstsein zu ändern, um mir meine eigene Meinung zu bilden und diese auch auszudrücken.

Bei der AKS Wien, einer Jugendorganisation mit Nähe zur SPÖ, habe ich eine Community gefunden, bei der ich mich wohlfühle. Es ging mir zuerst auch gar nicht direkt um Bildungspolitik, ich dachte mir nur: Es braucht eine Hidschabi und eine Schwarze Person in der Landesschülerinnenvertretung. Ich bin mir meiner Verantwortung als Sprecherin bewusst und ich weiß eigentlich gar nicht, ob ich jemanden repräsentieren möchte. Wenn ich etwas verkacke, ist es nicht nur Sihaam, die etwas verkackt, sondern es ist auch "Die Hidschabi" oder "Die Schwarze".

Machst du dir Sorgen wegen der anstehenden Wienwahl im Oktober?
Ja, man muss sich ja nur das Wahlplakat von FPÖ-Kandidat Dominik Nepp ansehen, auf dem vom radikalen Islam die Rede ist. Die Plakate sind überall. Es impliziert, dass Kopftuchträgerinnen Terroristinnen sind und dass wir Österreich schaden. Wähler springen darauf an: Sie denken, sie müssten Österreich vor Menschen schützen, die nicht ihrer Norm entsprechen.

Die Plakate haben auch einen riesigen Einfluss auf Schülerinnen. Wenn die im Umfeld deiner Schule hängen, fühlst du dich einfach nicht willkommen. Dabei lebe ich hier mein Leben lang, wo soll ich denn hingehen?

Was würdest du dir wünschen?
Wahlplakate wie diese spalten die Gesellschaft. Ich wünsche mir, dass jemand genau gegen so etwas kämpft. Es muss doch eine gesetzliche Grundlage möglich sein, um solche rassistischen Wahlplakate zu verhindern?

Ich bin 17 Jahre alt und habe mein gesamtes Leben vor mir. Aber ich bin mir bewusst, dass die Mehrheitsgesellschaft sehr genau hinschaut, was Menschen wie ich machen. Ich weiß, dass ich als Schwarze Frau, die ein Kopftuch trägt, mehr leisten muss als durchschnittliche 17-Jährige. Das ist schon hart.