Konfettiregen, Berserker und MAH!, die Guzzis!—Popfest, Tag 2

Alle Fotos: Mona Hermann

Nachdem sich Jonas gestern etwas unhöflich—aufgrund von, ich zitiere, „Unfähigkeit und Lahmheit”—selbst von der Popfest-Berichterstattung abgezogen hat, machte ich mich also auf, um vom Karlsplatz zu berichten. Vitaler, jünger und überhaupt nicht grumpy. Ich hatte mir eine Liste geschrieben mit einer Handvoll Acts mitsamt ihrer Spielzeiten. Ich musste es einfach schaffen, denn vom Klassiker Rumsitzen und Dosenbier trinken, dabei die meisten Konzerte verpassen, aber bestimmt total wichtige Gespräche führen—wir haben darüber gelesen—hätten wir ja alle nichts gehabt.

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Um halb 8 spaziere ich zum Red Bull-Brandwagen, sehe aus der Entfernung, wie ein DJ hinter seinem Pult herumfuchtelt. Die linke Hand in der Luft, ich muss an Avicii denken. Es ist aber nicht Avicii, sondern DJ King, der gemeinsam mit A.Geh Wirklich? und ein paar anderen wienerisch rappenden Hawis „Samma uns ehrlich“ und andere Songs spielt. Eh witzig, dieser Favoritener Schmäh. Zieht ja auch bei Nazar, nur anders.

Dann Pause. Heißt, wir setzen uns in die Wiese und trinken Dosenbier. Dabei himmeln wir die Kulisse an. Die Sonne geht langsam unter, die Karlskirche erstrahlt in weichem Gold. Voll schön. Man hält es kaum aus. Wir reden ganz schwülstig darüber, wie super Wien mit seinem Popfest ist und natürlich auch, wie praktisch es ist, dass man für ein neues Bier nicht einmal aufstehen muss, weil eh ständig jemand mit voll bepacktem Rucksack vorbeispaziert. Danke. Ich bin so verliebt, dass ich mir gerade nicht mehr sicher bin, ob das Ganze nicht vielleicht sogar vor A.Geh Wirklich? war.

Auf der Seebühne säuselt inzwischen die Singer-Songwriterin Mika Vember, die uns als Hintergrundmusik ganz gut passt. Ich blicke von Zeit zu Zeit auf, lausche, denke mir huh, nicke. Das geht das ganze Konzert so, aber eigentlich ist es mir ein bisschen zu fad. Früher hätte ich sie gefeiert, die Mika, aber meine Singer-Songwriter-Zeiten sind mittlerweile vorbei. Bei Manu Delago Handmade geht es mir ähnlich, wobei es eher so ein respektvolles Nicken ist mit hinuntergezogenen Mundwinkeln. Ihr wisst, was ich meine. So Approval-Nicken. Jedenfalls klingen Songs wie „A Long Way“ druckvoll, gleichzeitig sanft und unaufgeregt. Winzige Schauer laufen mir über den Rücken bei den leisen Trommeln (Hang heißt diese Steeldrum-ähnliche Schüssel, auf der er spielt) und der Stimme der Sängerin Isa Kurz. Sie erinnert mich an Beth Gibbons. Kann man schon machen.

Effi ist halt Effi. FM4-Superstar, herziger Kerl, happy Pop, unterlegt mit Bläsern. Die Crowd liebt ihn. Der Abend auf der Seebühne endet mit einem glitzernd weißen Konfetti-Regen. Die Moderatorin sagt irgendwas mit Schnee und Sommer. Sie hat das Konzert über an der Seite getanzt. Sie ist komisch. Eigentlich bräuchte man keine Moderation, wie ich finde, aber hey, mich fragt ja niemand.

Ich dränge meine Freunde in Richtung brut, schwärme von Bulbul, man lacht mich aus, als ich versuche, ihren Sound zu beschreiben. „Musikjournalisten-Jargon“ sagen sie. Ja, sorry. Jedenfalls trifft uns alle fast der Schlag, als wir aus dem Resselpark zum brut hinüberschauen. Die Schlange ist so lang, dass sie sich biegen muss, sonst würden die Menschen auf der Ringstraße stehen und von grimmigen, hupenden Taxifahrern überfahren werden. „Sicher nicht“, sind sich meine Freunde sicher und machen kehrt. Ich und meine Pressekarte gehen trotzdem hin.

„Too intense“ nennt jemand, den ich im brut treffe, das Konzert von Bulbul, er musste rausgehen. Ich hingegen finde es großartig, klopfe mir für meine als Musikjournalisten-Jargon abgetane Bezeichnung „Berserker“ auf die Schulter. Bulbul sind irre. Irgendwann setzt sich Sänger Manfred Engelmayr einen Regenschirm auf. Ich bin zufrieden. Auch die 50 Grad im Saal erscheinen mir angebracht zu ihrer Musik.

Später bei Elektro Guzzi steigt die Temperatur noch weiter an. Ich freue mich wie blöd, die Flatter-Shorts anstatt der Skinny Jeans angezogen zu haben. So auch der Typ, der sich neben mich stellt, mir von seiner Doktorarbeit erzählt und plötzlich seinen Arm um mich legt. Elektro Guzzi fangen erst nach halb 3 an, wir haben viel Zeit, uns kennen zu lernen—verdammt. Egal, er war dann eh irgendwann weg. Elektro Guzzi sind so gut, ich bin ganz selig und versuche zu ignorieren, dass ich vielleicht gleich kollabiere und vom Balkon falle. Das Publikum würde es wahrscheinlich nicht einmal merken, so sehr zucken sie aus. Zu recht. Gitarrist Bernhard Hammer legt in seiner Adidas-Jogginghose einen Solo-Tanz à la Ian Curtis hin, alle schreien. Er packt es wohl selbst nicht, wie gut seine Band ist. Mah, die Guzzis.

Danach stolpere ich in ein Taxi und fahre nach Hause. In Gedanken bin ich schon bei dem Text, den ich gerade schreibe. Ich denke an Jonas, den ich heute nicht grumpy vor dem brut getroffen habe. Und der meinte, ich solle ja nicht zu viel trinken, damit ich am nächsten Tag schreiben kann. Tja.

Nicole ist auch auf Twitter: @nicole_schoen

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