SPD-Nachwuchs-Hoffnung Lilly Blaudszun
Lilly Blaudszun in ihrer Lieblingspose, der Russenhocke | Alle Fotos: Bernardo Martins | VICE
Politik

Auf einen Pfeffi mit der Nachwuchs-Hoffnung der SPD

"Worauf trinken wir?" – "Auf mich!", sagt Lilly Blaudszun, 18, aus Mecklenburg.
10 Dezember 2019, 12:01pm

Das hier wäre nicht die SPD, wenn sie ihre Talente nicht verstecken würde.

Am Stand vor Storch Heinar, direkt vor dem Eingang zur Messehalle, in der die SPD ihren Parteitag abhält, steht eine junge blonde Frau, alle Augen und eine Handykamera sind auf sie gerichtet. Sie lächelt unsicher. Dann stülpt ihr ein leicht zotteliger Typ einen großen Leinensack über den Kopf, bis runter zu den Knien. Lilly Blaudszun ist verschwunden.

Sie wollte ihr weißes Shirt gegen eines der schwarzen Storch-Heinar-Shirts tauschen. Nur gibt es hier keine Umkleidekabine. Also improvisieren, dann eben unter den Sack, hat sie direkt guten Content für Instagram. Lilly ist an diesem Tag am Drücker, sie übernimmt den Account ihrer Partei. Man muss also fairerweise sagen, dass sie doch nicht konsequent versteckt wird.

Lilly Blaudszun, 18 Jahre alt, hat über 12.000 Follower auf Twitter, die sie täglich mit der vollen Gönnung SPD versorgt. Neulich hat sie sogar Olaf Scholz ein Grinsen abgerungen. Sie kommt aus dem Osten, aus Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern. Auf ihrem rechten Arm hat sie die Initialen ihres Bundeslands tätowiert, darunter eine Welle.

Auf Instagram nennt sich Lilly @lillarot, heute managt sie aber @spd_de

Sie drückt 85 Kilo an der Beinpresse, raucht, trinkt Fanta-Korn und Pfeffi, isst Fleisch. Manchmal schreibt ihr Jan Böhmermann. Was Humor angeht, sei sie aber eher bei Caroline Kebekus, sagt Lilly.

Genossinnen hört man sagen, dass Lilly "immer gut drauf und sensationell kreativ" sei. Und dass sie es noch weit bringen könne in der Politik. Jung, energetisch, gut gelaunt – das sind nicht gerade Wörter, die einem bei der SPD derzeit einfallen.

"Ah, das neue Gesicht der SPD!"

Eigentlich wollte sie schon um 8 Uhr hier sein, im Multifunktionswürfel im Berliner Westen, zum ökumenischen Gottesdienst. Lilly ist evangelisch. Der erste Wecker war für 3:45 Uhr gestellt. Aber dann steht sie doch erst um halb 10 an der Akkreditierung. Verschlafen.

Wacht Gott jetzt trotzdem über die SPD? "Ich denke doch", sagt Lilly. Glauben und Politik trenne sie aber lieber.

Mit 12 engagiert sich Lilly im Jugendrat ihrer Heimatstadt. Jugendliche treffen sich, um gemeinsame politische Forderungen zu formulieren. Partys organisieren, der Kommune einen Skateplatz abschwatzen. Sie wird schnell Vorsitzende.

Die CDU habe die Jugendlichen oft auflaufen lassen. Die Grünen seien im flachen Osten kaum präsent. Einzig die SPD habe Lilly und die anderen ernst genommen.

Mit 15 macht sie ein Praktikum bei einem Landtagsabgeordneten, trifft dabei den damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier und lässt sich bequatschen. Lilly tritt in die Partei ein. Und auch wenn sie heute sagt, man sehe ja, wo die "alten Männer" die SPD hingeführt haben: Hier scheint einer von ihnen zumindest nicht ganz falsch gelegen zu haben.

"Ah, das neue Gesicht der SPD!", sagt eine Journalistin vorm Eingang zur Halle. Sie wolle sich nur kurz vorstellen.

Am Vortag hat der Tagesspiegel Lilly auf seine Titelseite gepackt, auf Seite 3 folgt ein langes Porträt. Die ZEIT listet sie kürzlich als eine der "100 wichtigsten jungen Ostdeutschen". Jetzt ist sie auf allen Kanälen, nicht nur den eigenen. Am Ende des Tages wird sie mit Welt gesprochen haben, mit RTL, dem rbb und dem Instagram-Account der Tagesschau.

Lilly schafft es sogar bis in die 'Tagesschau' – wenn auch vorerst nur auf Instagram

Ihr Stern steigt, während der Rest der Partei am Boden bleibt – und teilweise auch darin zu versinken scheint. Der Aufbruch, den die SPD vermitteln will, wurde in den Tagen vorher schon in zahlreichen Artikeln zerrieben. Für manche Journalistinnen bekommt die SPD gerade ihre letzte Chance, für andere hat sie die längst verspielt.

"Wir werden von fast allen niedergeschrieben", sagt Lilly. Wenn man ihr zuhört, könnte man meinen, die SPD bewege sich nicht auf die Fünf-Prozent-Hürde zu, sondern sei auf bestem Wege ins Kanzleramt. Wahrscheinlich wollen deshalb alle mit ihr reden, Auszeit vom längsten Untergangsporno der Welt.

"Ich geh mal zu Heiko", sagt Lilly.

Sie verschwindet hinter dem roten Band, das die Delegierten vom Rest des Parteitags trennt, und dann mit Heiko hinter der Bühne. Heiko ist Heiko Maas, der Außenminister. Sein Mitarbeiter hat vorgeschlagen, dass Lilly mit Heiko die Russenhocke machen könnte. Die hatte Lilly als Twitter- und Instagram-Challenge im Europawahlkampf eingeführt.

Einige Minuten später hockt in der Insta-Story von @spd_de eine lässig lächelnde Lilly neben Maas. Der Außenminister muss sich an der Betonwand anlehnen. Nicht, dass die Anzughose reißt.

Ihre politische Ziehmutter, die Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, Manuela Schwesig, hat sie vorher ebenfalls rangeholt. Schwesig hat mittlerweile wahrscheinlich mehr Fotos mit Lilly als mit ihren eigenen Kindern. "Manu, ich hab 'ne Frage an dich: Wie machen wir die SPD im Osten wieder stark?"

Stark sind in der SPD gerade vor allem Jusos wie Lilly. Das neue linke Spitzenduo hat sich auch durch ihre Unterstützung gegen seine Kontrahenten durchsetzen können. Über Kevin Kühnert, den Juso-Vorsitzenden, hat der Spiegel gerade geschrieben, in der Geschichte der Bundesrepublik gebe es keinen 30-jährigen Politiker, der je "so mächtig war". Und mit Lilly Blaudszun gibt es derzeit keine U20-Jährige, die je so nah an der Macht war. Wenn die SPD diese Macht denn behält.

So, jetzt noch schnell twittern, und dann Mittag essen.

Das kommt an diesem Tag von fancy Food-Trucks. Wir nehmen Doppel-Hot-Dog im Wrap mit Kartoffelbrei. "Lovin' it!", sagt Lilly. Sagt sie öfter.

Das neue SPD-Logo mit Rose. Lovin' it. Heiko Maas' Team hat das gemeinsame Foto gepostet. Lovin' it.

Neu-Co-Parteichef Norbert Walter-Borjans sagt: "Die Märkte haben sich der Demokratie unterzuordnen." Lovin' it, ey!


Auch auf VICE: 10 Fragen an Katarina Barley


Beim Essen erklärt sie, warum sie gegen die CO2-Steuer in ihrer jetzigen Form ist. "Ich komm' ja aus Mecklenburg. Bei mir in der Heimat wären die Leute ohne Auto am Arsch. Die haben nicht die Wahl." Lilly möchte lieber den ÖPNV ausbauen und Bahnfahren kostenlos machen.

Im Sommer ist sie aber erstmal weggezogen, hat in Frankfurt an der Oder ihr Jura-Studium begonnen. Ganz bewusst ist sie im Osten geblieben. Direkt nach Berlin wollte sie nicht, außer mittwochs, da arbeitet sie jetzt immer für den Bundestagsabgeordneten Frank Junge. Junge ist der wichtigste Ost-Parlamentarier der SPD.

Kommunalpolitik steht für Lilly hingegen noch nicht an, sie müsse sich jetzt in Frankfurt einfinden.

Online-Lilly ist auch offline eine Waffe

Wieder draußen, am Stand von Storch Heinar wird eine Runde Lütje Minze ausgeschenkt, Pfefferminzlikör. Lilly zerreißt's das Gesicht. Brennt schön nach. Muss man aushalten können.

Lilly kann gut aushalten und sie kann gut mit Leuten. Von Letzteren gibt es in der Volkspartei die unterschiedlichsten Typen. Sie schnackt auf dem Raucherbalkon mit Ministerinnen und Pressesprecherinnen. Lässt sich von Europawahl-Spitzenkandidatin Katarina Barley herzen und von Rachid, Juso aus Hessen, nebenbei in den Kreis der "Kanaken" aufnehmen. Den Ich-wollte-nur-mal-Hallo-Sagern sagt sie: "Schön, dass du da bist!" Und der 60-jährigen Dagmar Metzger zum Abschied: "Pass auf dich auf!"

Im Straßenwahlkampf, in den Bierzelten, kann jemand wie Lilly eine Waffe sein. Ja, so jemand kann weit kommen.

Lütje Minze am Storch-Heinar-Stand: "Habt ihr noch einen für meinen hessischen Bruder?", fragt Lilly. "Du hast aber viele Brüder!" – "So ist das bei uns Kanaken", sagt Rachid

Rund um Lilly Blaudszun herum wirkt die SPD anders. Hoffnungsvoller als in den ganzen Meinungsartikeln der großen Zeitungen. Unverbeult. Jünger sowieso. Und leichter als in den Reden der Spitzengenossinnen und -genossen. "Ist ein ziemlicher Totentanz hier", sagt einer, der schon zwanzig Parteitage erlebt haben will. Findet Lilly nicht. Irgendwie schafft sie es zwischen all den Gesprächen und den Insta-Stories auch noch was von den Reden aufzuschnappen. Dass die SPD der "Betriebsrat des Internets" sein soll, wie die neue Parteivorsitzende Saskia Esken vorhin sagte, das gefalle ihr.

Unzählige weitere Wortmeldungen, ein paar Insta-Stories und Interviews später. Es ist kurz nach 18 Uhr. Durchschnaufen. Erstmal runter in die Ausstellungshalle, wo Unternehmen wie Audi, Huawei und die Deutsche Post Sozialdemokraten bezirzen.

"Ah, die Versicherer haben immer Wein!", ruft Lilly und, zack, lässt sie sich schon ein Glas reichen. Wir stehen am Stand des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Kennen wir uns nicht?, fragt ein GDV-Mitarbeiter. Ah, ja, klar, vom Juso-Kongress. "Da habt ihr so viel Wein gesoffen, dass für die Junge Union ein paar Tage später nichts mehr übrig war."

In Sichtweite steht der Stand des deutschen Hanfverbandes. Cannabis legalisieren, ja oder nein, Lilly? Klares Ja. Am besten über die Apotheke verkaufen, nur so lasse sich echter Jugendschutz umsetzen.

Harte Drogen auch legalisieren? Nein. Daheim in Mecklenburg-Vorpommern hat Lilly oft als Sanitäterin auf Festivals gearbeitet. Da habe sie gesehen, wo der Stoff Leute enden lässt. "Aber wenn ich sagen würde: 'Hört auf zu koksen, das ist scheiße!', würde eh niemand auf mich hören."

Apropos Drogen: Wir wollten ja noch Pfeffi trinken. War eine VICE-Idee, haben wir so angekündigt. Lilly hatte zwar noch drauf hingewiesen, dass harter Alk auf dem Parteitag verboten ist. Durch die Taschenkontrolle haben wir die Flasche trotzdem bekommen, keine Kompromisse mehr, so wie Lilly ihre SPD haben will, und so lassen wir uns mit ein paar Genossinnen und Genossen an einem leeren Stand nieder.

"Worauf trinken wir?" – "Auf mich!", ruft Lilly.

Jeder hier, wirklich jeder, muss für die SPD begeistert werden

Schmuggelware am Netzwerker-Stand – wenige Minuten später will Lilly den Reporter zum Eintritt in die SPD überreden

In dieser Mischung aus roter Euphorie und grünem Likör entsteht die Idee, dass man mich, der sich als Jugendlicher vor 15 Jahren mal in die SPD verirrt hatte und mit dem Studium ausgetreten war, doch wieder in die Partei aufnehmen könnte. Und weil dann der Name Hubertus Heil fällt, muss mich jetzt unbedingt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil anwerben, findet Lilly.

Scheiß egal, dass der sich gerade als Vizevorsitzender der SPD bewirbt und noch auf das Abstimmungsergebnis wartet. Sie schreibt ihm eine Nachricht, die anderen am Tisch auch.

Den "Hubi" kenne sie ganz gut, sagt Lilly. "Wir bleiben beide immer lange auf Partys." Was heißt, denn "lange", bis zwei Uhr? "Nee, bis fünf."

Da muss man dann doch fragen: Wie macht jemand, der im Juni erst 18 geworden ist, das eigentlich? Die SPD kenne keinen "Muttizettel", sagt Lilly.

Hubertus Heil hat geantwortet, aber nur seiner Mitarbeiterin. Lilly dauert das zu lange. Sie sagt: Ich hol dir den jetzt. Von der Ausstellungshalle trippeln wir die Stufen der Rolltreppen zum Saal hoch.

Vorne hält Lars Klingbeil seine Bewerbungsrede, ruft, es sei die AfD, "die schlechte Laune verbreitet in diesem Land". Hinten fliegt die gute Laune der SPD durch die Reihen, steuert auf die erste Reihe zu, kommt zurück, sagt: "Der Hubi kommt gleich."

"Und Lilly, wie zufrieden bist du mit dem Parteitag?"

Keine drei Minuten später und immer noch im Unklaren über seine politische Zukunft steht Hubertus Heil, der Minister, am roten Absperrband, mitgezogen von Lilly. "Du willst also in die SPD eintreten? Wo kommst du denn her?"

Und man ertappt sich kurz bei der Frage, ob das nun irgendwie verzweifelt oder besonders herzlich und unverstellt ist, dass einer der mächtigsten Männer der Partei sich in dieser Situation Zeit für einen nimmt, und warum muss er mir ausgerechnet jetzt erzählen, wie er als Braunschweiger Juso nach der Wende die Ost-SPD in Magdeburg mitaufgebaut hat, da kommt er doch zum Punkt: "Heb die Linke und sag: Ich bin ein Sozi!"

Dann stehst du da mit deiner Beitrittserklärung. Das war so nicht geplant.

Lilly Blaudszun, die neue Hoffnung der SPD, online wie offline, und Hubertus Heil haben als Werbende unterschrieben. Erstmal in die Tasche damit, nochmal drüber nachdenken. Mal gucken, was die SPD so macht.

Ob die Partei doch noch in die Zukunft aufbricht, Hartz IV hinter sich lässt, die Fridays-for-Future-Generation mitreißt und so.

Lilly Blaudszun, 18 Jahre, 12.000 Follower auf Twitter, muss nochmal los. Selfie machen. Mit Hubi, Katarina, Manu und Saskia – und Lilly mitten drin.

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