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6 Dinge, die im Deutschrap 2019 dringend aufhören müssen

2018 war das Jahr, in dem viele Rapper, die einst unbedingt Bushido sein wollten, plötzlich sprachen wie Ricky Martin. Oder Enrique Iglesias. Oder eine Mischung aus beiden, plus Pitbull.
13 Dezember 2018, 3:49pm
rap2019
Foto Kollegah: Imago | APress || Foto Gzuz: Screenshot von YouTube aus dem Video "4 BLOCKS | Staffel 2 | Berlin gehört jetzt uns | TNT Serie" || Foto Rin: imago | DeFodi

Das Jahr ist beinah um. Ein Jahr, in dem sich der Deutschrap-Zirkus mal wieder die Taschen vollgestopft hat. Vielleicht sogar mehr als jemals zuvor. Und wenn man ehrlich ist, hat sich nicht viel verändert. Innovationen waren 2018 leider Fehlanzeige. Ein paar überflüssige Erscheinungen sind allerdings mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden, immerhin. Endlose, nervige YouTube-Blogs etwa. Oder 17-Minuten-Disstracks. Interessiert einfach niemanden mehr so richtig. Sorry, PA Sports.

Und weil wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch weitere Schandflecke der Rap-Industrie einfach so im Treibsand der Spotify-Playlisten versacken, haben wir im Folgenden sechs weitere Vorschläge, was 2019 im Deutschrap ebenfalls gerne verschwinden darf. Denn was für Kool Savas gilt, gilt auch für Rap allgemein: Wir kritisieren ja nur, weil wir euch eigentlich lieben.

Pseudo-Latinos und -Latinas

Wir geben zu, das ist ein eher männliches Phänomen. Ähnlich wie die ganze Szene natürlich, aber trotzdem. 2018 war das Jahr, in dem viele Rapper, die einst unbedingt Bushido sein wollten, plötzlich sprachen wie Ricky Martin. Oder Enrique Iglesias. Oder eine Mischung aus beiden, plus Pitbull.

Alle tanzen jetzt unter der Sonne, haben ein Motorboot gemietet und erzählen den geneigten Hörern und Hörerinnen etwas von Acapulco, den Bahamas und Kolumbien. Die Fans wiederum sitzen währenddessen in Shisha-Bars oder im heimischen Kinderzimmer und träumen sich an den Strand. Vorbei die Zeiten, als man zum Videodreh in irgendwelchen vollgepissten Tiefgaragen in Berlin-Neukölln abhing und für die Atmosphäre den alten VW von seinem Manager abfackeln musste.

Das kann man natürlich positiv sehen, aber die Ergebnisse sprechen leider gegen diesen Trend. Heutzutage wird ein 17-Euro-Flugticket nach Mallorca gebucht, eine AirBnB-Hütte mit Meerblick reserviert und via Instagram die ein oder andere Dorfschönheit für die Animationstänze angefragt. Den halbwegs talentierten "Video-Regisseur" packt man ins Handgepäck und dann wird den Kids was von "Olé Olé" und Koksdeals in Rio de Janeiro erzählt. Das Ganze macht man dann 30 Mal. Bis man endlich ein One Hit-Wonder ist. Oder eben weiterhin nur der Star auf dem eigenen Schulhof. Kann man so machen. Aber dann ist man halt einfallslos und scheiße.

Rapper in Serien

Schon 2018 baten wir darum und wir sind uns nicht zu schade, es noch mal zu tun: Hört auf damit! Ja, Veysel und Massiv waren eine super Besetzung für die erste Staffel von 4 Blocks, mittlerweile die Blaupause der deutschen Gangster-Serien. Wir haben alle applaudiert. Das ist aber kein Grund, jetzt jeden Rapper dieses Landes in irgendein Netflix-Format oder Kinofilm zu packen.

So gut Capital Bra oder SSIO in ihrem Metier auch sind – in Detlev Bucks Asphaltgorillas wirken sie wie die leicht lernbehinderten kleinen Brüder mit dem Pflaster auf dem linken Brillenglas, die man zur Party mitnehmen muss, weil die Mama es befohlen hat.

Die "Mama" sind in dem Fall irgendwelche Produzenten, die der Meinung sind, dass sie sich mit solchen Künstlern etwas Realität in ihre schlechten Drehbücher holen. Die Regisseure spielen derweil brav mit. Spoiler: Funktioniert nicht! Eure Drehbücher bleiben trotzdem miserabel. Und aus einem Tatort-Regisseur wird nicht Martin Scorsese, nur weil sein Hauptdarsteller schon mal mit Gras gedealt hat.

Egal ob Yonii (übrigens der tantrische Begriff für die weiblichen Genitalien), Sinan G in Dogs of Berlin (der trotz seines Knast-Backgrounds auf der Leinwand so gefährlich wirkt wie eine in der Wäscheleine verhedderte Katze), oder auch GZUZ in der zweiten Staffel von 4 Blocks (der hoffentlich genug Kohle dafür bekommen hat, viermal böse zu gucken): Keiner der drei schafft es, auch nur annähernd schauspielerisches Potential zu entfalten. Und somit hat niemand was davon.

Ein sinnlos herumbrüllender Sinan G bleibt ein sinnlos herumbrüllender Sinan G. Und wird nie der Pate von Berlin, egal wie viele Maschinengewehre man ihm in die Hand drückt.


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Interviews ohne Manuellsen

Glätten wir erst mal die Wogen. Ja, Fler, auch deine Interviews sind immer noch ein Genuss. Und MC Bogy hat natürlich sowieso einen ganz besonderen Platz in unserem Herzen. Aber es ist unbestreitbar, dass 2018 das Interview-Jahr des Mannes aus NRW war.

Ob seine grandiose und durchaus nachvollziehbare Nachbarschafts-Story oder die Geschichte, wie er im eigenen Backstage einen Möchtegern-Gangster vor der totalen Blamage bewahrte: Der "König im Schatten" ist endgültig zum besten Geschichtenerzähler des Landes gereift.

Und deshalb soll es jetzt ausnahmsweise mal darum gehen, was wir uns für 2019 wünschen. Einen Podcast! Und zwar einen Podcast, in dem Manuellsen redet. Worüber ist uns vollkommen egal. Mit wem eigentlich auch. Eventuell nicht mit Rooz, der hat nämlich beim letzten Manuellsen-Interview vor allem auf sein Handy gestarrt, geseufzt, oder sich gleich komplett abgewendet. Aber von mir aus kann sich der gute Mann auch mit seinem Postboten oder Veronica Ferres unterhalten. Hauptsache ihr lasst ihn ausreden.

Also, ihr Firmen: Statt den zwanzigsten langweiligen Sex-Podcast zu signen oder verzweifelt eine Nachfolge-Visa-Vie nach der anderen zu verbrennen: Holt euch Manuellsen! Der Dude weiß wie man redet. Und dass er noch besser rappen als reden kann, ist auch längst kein Geheimnis mehr. Spotify, ich guck dich an! (Wir sprechen uns gleich eh noch).

Mode-Events mit Szene-Rappern

"Hey, Rin spielt heute, lass mal Karten besorgen!" Things Berliners never say. Aber der Reihe nach.

Ja, wir wissen, dass alle Berliner in einer krassen Blase leben. Und ja, in dieser Blase gibt es noch eine Blase, die aus Journalisten, Hipstern, Trendsettern, Bloggern, Industrie-Menschen und ein paar Schnorrern besteht, die einfach nur den kostenlosen Alkohol auf diesen ganzen schrecklichen Berlin-Events abgreifen wollen. Fast all diese Events werden von Modemarken oder der Musikindustrie gesponsort.

Das ist an sich ja schlimm genug. Wir fühlen uns auch total schlecht, während wir umsonst Sneaker einsacken und Freedrinks schlürfen. Viel schlimmer ist aber noch, dass man nicht nur die immer gleichen Menschen im Publikum trifft, sondern auch auf der Bühne. Yung Hurn, Haiyti, Rin, Bausa, Hayiti, Yung Hurn, Bausa, Yung Hurn, Rin, Hayiti. So lesen sich die Einladungen der meisten Veranstaltungen. Manchmal tauchen dann noch Kelvyn Colt oder Mavi Phoenix auf. Hilft aber alles nichts.

Die Partys sind immer die gleichen und die Gesichter der Künstler wirken bei jedem Event lustloser. Also bitte, liebe Firmen und Eventmanager, erlöst uns alle von dieser Qual. Vor allem die Künstler. Denn die haben ja offenbar auch keine Lust auf diese Club-Gigs vor Instagram-Sternchen und ehemaligen SPEX-Redakteuren.

Bucht doch stattdessen einfach Acts, die wir alle sehen wollen und die auch Bock haben, zu performen. Wie wäre es denn beispielsweise mit einem Kakerlakenrennen auf dem nächsten Blogger-Event? Oder Fips Asmussen? Das sind die Acts, die Menschen wirklich sehen wollen, wenn sie sich gerade 26 Gin Tonic auf eure Kosten in den Rachen geschüttet haben. Dankt uns später!

Kollegah

Der Autor dieses Artikels hat leider öffentlich auf Twitter geschworen, keinen Text mehr über Kollegah zu schreiben. Deshalb nur ganz kurz und in unter 280 Zeichen: Kollegah muss 2019 aufhören. Bitte! Danke.

Spotify-Playlists

Wir alle wissen, dass das sehr praktisch ist mit diesen Streaming-Diensten. Ein Klick und los geht's. Und früher oder später werden uns diese Plattformen hoffentlich auch die unsäglichen DeLuxe-Boxen mit ihren schwachsinnigen Gimmicks ersparen. Aber wenn die Playlist die Schlange ist, die die nervigen Mäuse gefressen hat, dann warten wir jetzt alle sehnsüchtig auf den Adler, der sich die Schlange schnappt.

Denn das Problem der Listen ist folgendes: Aus Vielfalt ist Einfalt geworden. Wo man anfangs dachte, hier wäre nun ein Medium, in dem Gerechtigkeit herrscht, hat nun die Eintönigkeit und das Diktat des Mainstreams Einzug erhalten. Die Rap-Playlists entscheiden, wer gehört wird. Ja sogar, wer ein Star wird. Und die meisten Künstler passen sich dem geforderten Sound an.

Heraus kommt ein Einheitsbrei aus Tausenden gleich klingenden Rappern und Sängern, die in die angesagten Listen kommen wollen. Das frühere Diktat des Radios wurde also einfach ins Internet verlegt. Aber alles hat irgendwann ein Ende. Und so warten und hoffen wir darauf, dass die Playlist-Blase platzt. So wie alles irgendwann platzt. Der Massive Töne-Hype, die Dipset-Ära, bekloppte VBT-Battles für Internet-Kids oder der Bizeps von Massiv.

Bis dahin spekulieren wir darauf, dass es auch Künstler in euren Gehörgang schaffen, die sich nicht zum Ziel gesetzt haben, der Spotify-King zu werden. Denn versteckt zwischen den übermächtigen Playlists, finden sich natürlich immer noch ganz wunderbare Schätze.

2019 kann vieles besser werden. Garantiert ist das aber nicht. Denn wir warten erstens schon viel zu lange auf ein Haftbefehl-Album und zweitens ist Veränderung keine Garantie für Verbesserung. Oder anders gesagt: Wir wissen nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird.

Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll. Mic Drop!

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