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Interviews of the World: Jonas Kopp

Jonas Kopp spricht über die Drogen- und Clubszene in Argentinien.
21.10.14
Foto: Presse

„Drogen sind ein riesiges Thema"—Jonas Kopp über die elektronische Musikszene in Argentinien

Wer immer nur in seiner kleinen Bubble lebt und dort auch bleiben will, kriegt logischerweise gar nichts mehr mit. Dass aber gerade der interkulturelle Austausch viele Dinge in einen größeren Kontext setzt, zeigte bereits das Interview mit DJ Nobu, der mit THUMP über das japanische Tanzverbot und die Bürde der neuen Generation in seiner Heimat sprach. Produzent, DJ und Labelbetreiber Jonas Kopp aus Argentinien berichtet davon, dass in der dortigen Kreativszene die elektronischen Newcomer einen schweren Stand haben—Stichwort: Kommerzialisierung. Aber die Rave-Communities von Japan, Europa und Kopps Heimatland unterscheiden sich in erster Linie durch politische Umstände. Das Land im Süden Südamerikas versucht seine wirtschaftliche Schwäche durch strikte Importbestimmungen zu bekämpfen. Kopp vergleicht die Verhältnisse in Argentinien etwa mit Kuba und Venezuela, denn Platten aus dem Ausland kaufen sei so gut wie unmöglich.

Das ist nur eine der vielen Gründe, warum der 1981 in Buenos Aires geborene Produzent sich dafür entschied, den größten Teil seiner Zeit zwischen den Gigs in Europa zu verbringen. Mit 15 Jahren das erste Mal im Club begann Kopp bereits vier Jahre später Musik zu produzieren. In den vergangenen Jahren veröffentlichte er Techno nicht nur auf mehreren großen Labels, sondern stellt auch auf seinem Debütalbum „Beyond The Hypnosis", das am 10. November auf Tresor Records erscheint, seine große Passion für Ambient unter Beweis. Obwohl er am Anfang des Gesprächs von einer guten Situation in Argentinien spricht, kristallisierten sich im weiteren Verlauf immer mehr Probleme heraus, die dem Familienvater nicht gefallen. Ein großes Thema in Argentinien: Kokain.

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THUMP: Ich möchte gleich zu Beginn mit der Tür ins Haus fallen. Wie steht es in deinen Augen aktuell um die Szene in Argentinien?
Ich kann eigentlich nicht klagen, die Szene ist derzeit gut aufgestellt, an jedem Wochenende gibt es zahlreiche Partys und viele Gäste aus dem Ausland kommen, um die dortige Energie zu spüren. Aber es ist schon alles professioneller geworden. Wir haben zwei, drei internationale Clubs in Buenos Aires, die jedes Wochenende große DJs im Line-up anbieten. Die sehr erfolgreichen, vielgebuchten DJs spielen hier entweder in Buenos Aires oder in Córdoba.

Und wenn du den ganzen Kontinent betrachtest?
In Argentinien passiert schon das Interessanteste, würde ich sagen. Brasilien wurde immer kommerzieller, die mögen vor allem diesen Tech-House-Stil. Das ist schon gut, also für mich geht das klar, aber Techno ist in Brasilien einfach nicht existent. Und kommerziell meint hier, dass die Promoter und Booker die DJs ins Land holen, die auch ein großes Publikum anziehen—eine Underground-Szene gibt es nicht wirklich. Während die Menschen in Chile vor allem den Sound feiern, den Luciano und Ricardo Villalobos geprägt haben, ähnelt die Szene in Uruguay schon stark der argentinischen, die sind schon cool und spielen auch noch sehr viel Vinyl. Peru ist gerade sehr ruhig, da passiert nicht so viel, aber in Kolumbien sind die Leute immer sehr leidenschaftlich, die schreien unglaublich viel und zelebrieren während des Sets, wollen sogar Fotos machen, wenn du gerade auflegst.

Ist das auch in Argentinien zu sehen oder was sind hier die markantesten Veränderungen in den letzten Jahren?
Früher war der Community-Gedanke viel stärker im Vordergrund. DJs, Künstler und Musiker, selbst Visual Artists und Maler—sie haben alle zusammengearbeitet in den Clubs, haben sich Konzepte ausgedacht. Aktuell sind viele Business-Leute involviert, es wird alles immer ökonomischer, also wer verkauft die meisten Tickets und so was, da bleibt die Kunst natürlich auf der Strecke.

Es gibt also doch ein paar Gründe, sich zu beschweren.
Wenn nur die großen Namen gebucht werden, hat das natürlich negative Auswirkungen auf die jungen Talente und das kann nicht wirklich gut sein. Auch die Newcomer müssen gepusht werden.

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Wie reagiert die junge Generation, organisiert sie ihre eigenen Partys?
Die Partys sind sehr klein und in sehr kleinen Clubs. Wenn an diesem Tag auch noch ein Superstar-DJ in der Stadt ist, dann interessiert sich niemand mehr für die unbekannten, lokalen Gesichter. Selbst Rockbands haben es da nicht einfach, es gibt halt jedes Wochenende ein Überangebot und die Leute entscheiden, wo sie hingehen und ihr Geld ausgeben. Zum Jahresende gibt es auch immer mehr Festivals—da haben die jungen Leute einfach keine Chance. Ich habe letztens mit einem argentinischen Promoter gesprochen und habe ihm erzählt, dass auch die großen Clubs in Berlin wie Tresor oder Berghain Jüngere fördern. Er hat mir zwar zugehört, aber irgendwie wusste er nicht so wirklich, was in den anderen Ländern auf der Welt passiert und das sollte er aber eigentlich.

Werden DJs in Argentinien als Künstler wahrgenommen?
Vor vielen Jahren hat diese Musik nur eine kleine Anzahl an Leuten interessiert, aber es wird immer besser, es ist jetzt sehr populär. Aber es geht zu sehr ums Geschäft, die Agenturen bestimmen, wer wichtig ist und dann wird nur auf das große Geld geguckt, man macht einen Vertrag über zwei, drei Jahre mit einem bekannten Namen und, ach ich weiß nicht, es gibt einen großen Wettbewerbskrieg.

Das hört sich nach den typischen Prozessen der Kommerzialisierung an, die scheinbar in jedem Land nach dem Aufstieg es Genres greifen.
Damals waren in den Clubs auch viel mehr Stile vertreten und die gebuchten DJs an dem jeweiligen Abend haben auch mal miteinander gespielt, es ging um eine tolle Party und nicht um Politik. Da gab es noch keine Agenturen und Vorschriften, wo man spielen darf und wo nicht.

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Die Professionalisierung bringt nicht nur mehr Gigs, sondern wohl auch Regeln mit sich. Aber selbst in Berlin gibt es das, da werden DJs Auflagen gegeben, die Ihnen vorschreiben, wann sie erst wieder in einem anderen Club spielen dürfen.
Ich will darüber gar nicht so viel nachdenken, ich will nur über mich nachdenken, über meinen Weg und was ich machen möchte. Außerdem lebe ich auch nicht mehr ständig in Buenos Aires, denn es ist traurig nach Hause zu kommen und diese Streitigkeit zu sehen, es sollte doch um die Musik gehen.

Drogen sind in Argentinien auch ein großes Thema, nicht wahr?
(überlegt lange) In Argentinien sind Drogen ein riesiges Thema, das ist nicht nur auf die Clubs bezogen, es ist ein soziales Thema der Gesellschaft. Es ist ja bekannt, dass wir Probleme mit dem Drogenhandel haben. Die Kartelle aus Kolumbien und Mexiko beginnen verstärkt in Argentinien zu arbeiten, im Land herrscht Transitverkehr—auch nach Europa.

Damit ich das richtig verstehe: sie benutzen Argentinien, um Drogen nach Europa zu bringen?
Exakt. Und sie verkaufen natürlich auch in Argentinien und stellen auch die Drogen bei uns her. Viele Menschen nehmen Drogen, gerade die jungen Leute. Wenn du in einen Club gehst, siehst du, wie die Jugendlichen Kokain nehmen. Es ist sehr beliebt, einfach zu bekommen, ziemlich billig und auch sehr stark—eine gefährliche Mischung. Das hat auch großen Einfluss auf die Stimmung im Club, es macht die Leute statischer, sie reden viel mehr und die Musik rückt in den Hintergrund. Früher war das anders, da waren eher…

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…Pillen im Umlauf, richtig? Das trifft auch auf Europa zu, würde ich behaupten.
Genau, die Club-Besucher sind halt weniger energetisch, das verändert die Atmosphäre natürlich immens.

Gibt es denn keine Regeln, werden die Besucher nicht kontrolliert? Und dürfen die Leute Fotos machen?
Alles ist sehr frei, so wirklich strikt ist es nicht. Videos und Fotos gehören irgendwie schon dazu, es ist so nervig. Wenn die Leute Videos machen mit einem Blitz, für mich killt das komplett den Vibe. Und bei einem großen Namen siehst du dann ein Meer aus Smartphones, es ist verrückt.

Was hat sich noch in den Clubs verändert?
Früher war die Schwulen- und Transsexuellen-Szene viel stärker, das war für mich auch genau das richtige Underground-Konzept, denn die Menschen machen die Party. Ein Kollege von mir postete letztens auf Facebook, dass wir wieder mehr Gays in den Clubs benötigen, das sprach mir förmlich aus dem Herzen.

Eine neue Generation von DJs, eine neue Genration von Ravern?
Natürlich, man sollte auch nicht die ganze Zeit über die Clubs oder über die jungen Leute meckern. Ich war auch sehr, sehr jung, als ich meine ersten Cluberfahrungen gemacht habe. Es ist auch nicht alles schlecht, gerade die Leidenschaft zeichnet die Argentinier wirklich aus, das ist der stärkste Unterschied zu anderen Orten. Wenn es eine gute Party ist, dann fühlst du das sofort, wenn du den Club betrittst. Dann sind Emotionen im Raum und die Liebe zur Musik. Das gibt es natürlich auch auf der restlichen Welt, aber in Argentinien kann das Feiern definitiv ein Stück expressiver sein.

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Und als Serie in der Serie, teile uns doch bitte zum Schluss noch diesen einen Track mit, den du seit Jahren in deinem Plattenkoffer dabei hast und häufig spielst?

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