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Interviews

Disarstar versucht es mit Ehrlichkeit

Disarstar gehört zu der Sorte 20-Jähriger, die ihrem Alter schon weit voraus sind. Lies dir mal seine Texte durch.

von Toni Lukic
14 Oktober 2014, 1:45pm


Foto: Eric Anders

Wenn Disarstar anfängt zu reden, dann ist er nicht zu stoppen. Impulsiv und ohne viel Nachzudenken quatscht er los, als ob er beim Reden batteln würde. Das Bemerkenswerte ist, dass er in diesem Redeschwall selten bis gar nicht Stuss erzählt. Immer wieder spricht er von persönlichen Dingen oder offenbart seine Meinung, die er mit einem reichhaltigen Wortschatz immer zu untermauern weiß. Das Texten ist zweifellos Disarstars Stärke, kaum eine Silbe ist bei ihm verschwendet. Das ist mehr als bemerkenswert, schließlich ist der Hamburger erst 20 Jahre alt.

Dabei ist er alles andere als ein Grünschnabel. Disarstar rappt seit acht Jahren und ist in der Hamburger Rapszene schon seit längerem eine Nummer. Dieses Talent hat die wiederbelebte Kaderschmiede Showdown Records auch erkannt und Disarstar unter Vertrag genommen. Dort bringt er nun seine bereits sechste EP Tausend in Einem raus. Wir trafen ihn zum Gespräch in einem Kreuzberger Cafe.

Noisey: Würdest du dich eigentlich noch als Newcomer bezeichnen?
Disarstar: Ich mache ja schon seit Jahren Musik. Aber erst jetzt werde ich wirklich wahrgenommen. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gesagt habe, dass ich das professionell machen will, um über kurz oder lang meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Wenn man das zielstrebig macht, ist es natürlich was ganz anderes. Wie man in den Wald schreit, so kommt es auch heraus.

Wann kam der Punkt, als du den Schalter umgelegt hast?
Als ich gesehen habe, dass es auch funktionieren kann. Die Leute haben mir gesagt: Mach doch mal, ich würde gerne dein Zeug kaufen. Dann habe ich gedacht, dass ich’s mal versuchen kann. Wer bin ich, dass ich mir das entgehen lasse.

(dreht sich zu seinem Kumpel um) Haut das hin? Sorry, wir haben gleich eine Videopremiere und das Video ist noch nicht hochgeladen.

Bist du aufgeregt?
Ey, das ist ein super Tag bisher. Auf die Interviews hatte ich voll Bock. Und jetzt kommt noch das Video. Voll schön.

Zeigt dir das, dass sich die Arbeit gelohnt hat?
Es ist für mich schon schön, wenn ich mich hinsetze und was schreibe. Das ist der erste Euphorieschub. Der zweite kommt, wenn ich es aufgenommen habe. Der dritte ist dann, wenn ich es rausbringen und mit den Leuten teilen kann und so Momente wie jetzt erlebe. Ich merke, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Auch wenn man auf meine Seite schaut, merkt man, dass derbe was passiert. Darüber bin ich einfach glücklich.

Mal eine blöde Frage: Wie spricht man eigentlich Disarstar aus?
Ich weiß es selber nicht. Ganz ehrlich: Früh hieß ich wie das Disaster. Weil man das mit der Betonung so schwer ausdrücken kann, kannst du das kaum rappen. Bei meinen Representer-Texten hat „Dieser Star“ immer gut gepasst. Deswegen bin ich jetzt dieser Star. (lacht)

In deinem Promotext habe ich gelesen, dass du findest, dass die Welt besser wäre, wenn alle ehrlich wären. Warum bist du dir da so sicher?
Ich glaube, dass ganz viele Probleme und Konflikte aus Missverständnissen resultieren, weil Leute vorgeben etwas zu sein und sich selber zensieren. In der deutschen Rapszene kannst du völlig knicken, dass Leute dazu stehen, was sie wirklich sind. Aber das ist nicht nur ein Problem von Deutschrap.

Das ist aber ein sehr romantisches Bild. Ich glaube, dass die Welt vor die Hunde gehen würde, wenn jeder wirklich das sagte, was er denkt.
Wenn du es oberflächlich betrachtest, ist das der erste Gedanke. An dem Punkt war ich auch mal. Aber wenn ich sage „Ich finde dich scheiße!“ tue ich was Besseres, als wenn ich denke, dass ich dich scheiße finde, so handle, als wenn ich dich scheiße finde, aber dann doch so tue, als ob ich dich mögen würde. Wenn ich mich dann so gegenüber jemandem verhalte, dann haut er mir vielleicht Eine rein. Aber wenn ich der Person erkläre, warum ich sie scheiße finde, dann entsteht dieser Konflikt erst gar nicht.

Das Problem ist ja nur: Wenn du die Maxime hast, ehrlich zu sein, aber wenn die Leute es nicht sind, dann hast du ein Problem.
Klar, das ist eine Sache, die nur funktioniert, wenn alle mitmachen. Das ist das Gleiche wie mit Umweltschutz. Viele sagen auch immer, wenn du ehrlich und persönlich bist, dann machst du dich angreifbar. Aber ich habe immer das Gegenteil wahrgenommen. Niemand macht mich deswegen an, ich werde eher verständnisvoll in die Arme geschlossen. Vor allem macht das sympathisch.

Obwohl du mittlerweile dein fünftes Release rausbringst, kommst du erst jetzt in die Rapszene rein. Was glaubst du, kannst du reinbringen?
Auf jeden Fall Leidenschaft. In der ganzen deutschen Musik fehlt mir das einfach bei den meisten. Wenn man sich beim Hören die Frage stellt: Warum macht er das? Und die Antwort ist: Geld verdienen. Dann kann ich das einfach nicht feiern. Ich möchte das machen, was ich machen möchte und wenn dann etwas dabei rumkommt, dann freue ich mich. Aber das darf nicht umgekehrt sein.

Wirst du die gleiche Einstellung haben, wenn du irgendwann viel Geld hast?
Ich will gar nicht so viel Geld haben. Ich habe meine Grundbedürfnisse, die mir reichen. Alleine meine Texte schränken mich da zu sehr ein. Ich kann nicht irgendwas vom Sozialismus erzählen und mir dann einen Mercedes CL63 holen. Das passt nicht zusammen und so will ich auch nicht sein. Klar würde ich gerne viel Geld verdienen, aber dann will ich damit Gutes tun, es spenden oder andere Leute aufbauen. Das ist mir wichtig.

Auf der EP gibt es eine Hommage an St. Pauli. Was verbindest mit dem Viertel?
Ich wohne da jetzt seit drei Jahren und habe in dieser Zeit schon unglaublich viel erlebt. St. Pauli ist so facettenreich wie ich selbst. St. Pauli ist nicht so und so, St. Pauli ist ganz vieles auf ein Mal. Und so bin ich auch.

Wie lebt es sich denn dort? Ich war vor ein paar Monaten da. Samstagnacht auf der Reeperbahn und ich hätte schreien können.
Klar, du siehst es Samstagnacht, wenn es gerammelt voll ist. Deswegen knallt es da auch oft, weil alles so gerammelt voll ist und alternative Studenten genauso dahin kommen 16-Jährige aus den Randbezirken. Das ist schwer unter einen Hut zu bekommen, dafür klappt es sogar ganz gut, was für die Toleranz des Viertels spricht. Aber eine Sache regt mich richtig auf.

Was denn?
Ganz aggressiv machen mich immer diese Touristenführungen, die an meinem Balkon vorbeigehen. Wenn voyeuristisch das Elend der Menschen hart verherrlicht wird, nach dem Motto: Fangt den Charme von halb-verhungerten Menschen ein. Aber das ist das, was ich sage: In St. Pauli gibt es nichts, was es nicht gibt.

Disarstars EP Tausend in Einem erscheint am 17. Oktober über Showdown Records. Ihr könnt sie auf iTunes oder auf Amazon kaufen.

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