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Interviews

I Salute möchte unbedingt verkopft klingen

Lohnt es sich, drei Monate an einem Rapsong zu schreiben? Wenn Musik deine (zwanghafte) Leidenschaft ist, dann schon.

von Toni Lukic
20 Januar 2015, 10:30am


© Christoph Eisenmenger

Wer vom Kuchen Rap mehr als nur die Krümel abhaben will, der braucht eigentlich gar nicht so viel: Nur einen klaren Sound mit einem schlüssigen Gesamtpaket. Logisch, wer sich entscheidet Musiker zu werden, der muss auch zusehen, das seine Patte reinkommt. Da wird auch ganz gerne mal der ein oder andere künstlerische Kompromiss mehr eingegangen.

I Salute ist jemand, der genau diese Kompromisse nicht eingeht. Und zwar nicht, weil das der Pressetext sagt, sondern weil Sören, so sein richtiger Name, einen richtigen Job hat und Musik „nur“ als fast krankhafte Leidenschaft betrachtet. Die mündete für den ehemaligen Indieband-Frontmann in der Rap-EP To Nothing But You. Soundästhetisch gehören die vier Songs zum verschrobensten aber gleichzeitig auch spannendsten, was ich im letzten Jahr in Deutschrap gehört habe. Träge Beats mit schrulligen Samples, die fast jeden Moment bewusst die Richtung wechseln. Jeder Song ist in sich ein Erlebnis, in dem man auch beim zehnten Hören was Neues entdeckt. Wer hätte gedacht, dass Deutschrap das drauf hat.

Noisey: Warum der Künstlername I Salute?
I Salute: Ich wollte keinen Rapper-Namen haben, bei dem man mich ansprechen konnte, wie mit meinem Vornamen. Ist ein subjektives Empfinden. Ich bin Sören und ich mag den Namen auch. Ich habe mir überlegt, welcher Name zu mir passt, aber nicht sofort beschreibt, was ich für eine Musik mache. Das finde ich viel spannender. Vielleicht rührt das auch daher, dass ich mich jahrelang in der Gitarrenmusik bewegt habe und die Namen dort deutlich kreativer sind als im Rapgeschäft.

Aber wofür steht jetzt I Salute?
Das steht dafür, etwas gut zu finden. „I Salute“. Gleich der erste Song „You“, also quasi „I Salute You“ ist ein Gruß und ein Respekt-zollen an meine ehemaligen Bandkollegen. Generell bin ich ein Freund davon, Sachen anzusprechen, die ich gut finde, anstatt darüber zu reden, was mir nicht gefällt. Weil man zu viel Zeit vergeudet, sich über Dinge aufzuregen.

Dein Künstlername, der Name deiner EP und deine Songtitel sind englisch, du rappst aber auf Deutsch.
Ich bewege mich im Alltag zweisprachig und außerdem wollte ich die Hörer ein wenig hinter’s Licht führen. Ich mag es sehr, mit Mysterien zu spielen. Das alles englisch werden würde, war nicht geplant. Das hat sich erst ergeben, als ich die Songs geschrieben habe.

Du hast jahrelang in einer Indieband gespielt. Wie bist du zum Rappen gekommen?
Ich habe auch schon mit 15 gerappt und Rap-Songs geschrieben. Irgendwann habe ich dann Jungs kennengelernt, die eine große Affinität zu HipHop hatten, aber in einer Indie-Band gespielt haben. Zusammen haben wir meine geschriebenen Texte nochmal neu interpretiert. Es hat sich dann ganz natürlich vom Rap weiter weg entwickelt. Irgendwann habe ich auch versucht zu singen, weil das der logische nächste Schritt für mich war.

Wie bist du dann wieder zurück zum Rap gekommen?
So 2010/2011 herum wurde Rap für mich wieder so spannend und vom Sound her so interessant, dass ich wieder Bock auf HipHop hatte. Es kam noch dazu, dass wir die Band aufgelöst hatten und ich plötzlich die völlige Freiheit hatte. Dann war die Frage, was machst du jetzt? Natürlich machst du weiter Musik, weil das dazu gehört. Die Musik ist wie meine Hüpfburg. Ich kann von einer Ecke in die nächste springen, ohne mir weh zu tun.

Wie hat es sich konkret zur EP entwickelt?
Ich habe einen guten Freund für das Projekt begeistern können. Magnus aus Leipzig, der seines Zeichens Schlagzeuger in einer Screamoband ist. Wir haben dann so ein paar gemeinsame Nenner in der Rapmusik gefunden.

Auf welchem Album hat sich das herauskristallisiert?
Ganz klar Yeezus von Kanye West. Noch bevor ich dazu kam, ihm irgendwelche Songs zu schicken, rief er mich an und fragte, ob ich das neue Kanye West-Album gehört hätte. Ich meinte: „Jau, das ist der Über-Shit!“ und er so „Auf Jeden!“ Völlig krass, völlig weird. Experimentell, konfus, surreal, eigen, mutig! Es ist total mutig. Das war unser gemeinsamer Nenner.

Danach habt ihr nur gebastelt?
Wir haben uns bei ihm verschanzt und einfach produziert und experimentiert. Wir haben von der ersten Bassdrum bis zum letzten Takt jeden Song gemeinsam produziert und arrangiert. Magnus ist vom Kopf her genauso verworren und ein Spinner wie ich, nur das er aus einer völlig anderen Ecke kommt. Wir haben das dann aufeinander prallen lassen.

Man kann den Sound auf jeden Fall nicht so leicht verorten.
Du kannst dir vorstellen, dass im Screamo oder im Indie ein Song ganz anders arrangiert wird als im HipHop. Da wird an einem C-Teil teilweise mehr gearbeitet als an einer Strophe. Und genau mit dem Anspruch sind wir auch an HipHop gegangen. Ganz bewusst versuchen, HipHop neu zu interpretieren ihn aber trotzdem so bei den Basics zu lassen, dass man es noch als HipHop wahrnimmt.

Du hast ja noch einen Vollzeit-Job. Ist für dich dann Musik ein Hobby.
Es ist auf gar keinen Fall ein Hobby. Es bestimmt meinen Alltag und ist schon fast Zwang.

Was zwingt dich denn?
Ich weiß nicht, ich kann das nicht beschreiben. Ich will das und muss das machen. Musik ist für mich die Möglichkeit mich selbst zu verwirklichen.

Damit einhergehend auch keine Kompromisse?
Nein, keine Kompromisse. Weder im Sound, noch textlich. Ich habe teilweise an den Texten drei Monate geschrieben. Ich habe zwar Respekt vor Rappern wie Sido, die Texte an einem Tag schreiben, aber ich könnte mir das gar nicht erlauben.

Wie kann man drei Monate an einem Text sitzen?
Ich lege einfach unfassbar viel Wert auf Wörter. Jedes Füllwort ist mir genauso wichtig wie ein viersilbiger Reim. Jedes „und“, jeder Artikel, jedes Adverb, jedes Adjektiv hat Gewicht. Es ist nichts einfach so dahin gesagt. Das bremst mich natürlich oft. Dadurch haben wir in einem Jahr nur vier Songs produziert, was nicht daran lag, dass wir nicht mehr hätten machen wollen.

Ich habe einfach ewig gebraucht, weil ich blätterweise Reime verworfen habe, einfach weil ich sie nicht für gut genug empfunden habe. Ich bin so verkopft beim reimen. Das hört man hoffentlich. Ich finde, was gerade im HipHop kommuniziert wird, extrem nichtssagend. Ich habe häufig das Gefühl, das der erstbeste Reim genommen wird. Viele machen sich das zu einfach. Aber ich denke, Qualität muss über Quantität stehen und wenn ich etwas veröffentliche, dann muss ich zu 100 Prozent dahinter stehen.

Ich finde es interessant, dass du es absichtlich verkopft machst. Viele werden dir sagen: „Mach es nicht zu verkopft, sonst versteht es der Hörer nicht“.
Muss er auch nicht. Deswegen ist es Kunst und keine Dienstleistung. Wir machen das nicht, damit eine größtmögliche Menge von Leuten das hört, versteht und kauft. Es ist einfach nur eine Art und Weise, mich auszudrücken und zu verwirklichen. Deswegen ist es überhaupt nicht wichtig, wer das versteht und ob das falsch verstanden werden kann. Ganz im Gegenteil, wahrscheinlich ist es deswegen so interessant.

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