Alle Fotos von Hakki Topcu

Ein Tag auf einem Bio-Bauernhof für Drogenabhängige

Auf Hof Fleckenbühl machen 93 Süchtige ihren Entzug, während sie Käse herstellen und Kühe melken. Ärzte oder Therapeutinnen gibt es nicht.

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04 Oktober 2018, 4:01am

Alle Fotos von Hakki Topcu

Bio-Milch, Bio-Honig, Bio-Brot: Im hessischen Örtchen Cölbe produziert der drittgrößte Demeter-Betrieb Deutschlands – geführt wird Hof Fleckenbühl von Drogensüchtigen. 11 Frauen und 82 Männer düngen die Felder, ernten Chilis, formen Käse und melken die Kühe. Das Leben und Arbeiten auf dem Hof ergeben zusammen eine radikale Form der Selbsthilfe. Es gibt keine Therapeuten, Ärztinnen oder Sozialarbeiter. Anders als bei anderen Einrichtungen geht es auf dem Hof nicht darum, sich intensiv um sich selbst zu kümmern. Die Menschen, die hier leben und arbeiten, versuchen wieder Teil einer Gemeinschaft zu werden – ohne Drogen.

Johannes Heckmann ist 40 Jahre alt und organisiert die PR des Hofes. Wie alle Bewohner auf dem Hof war er drogenabhängig, als er ihn zum ersten Mal betrat. Bevor er 2014 mit einem Rucksack voller Klamotten die Klingel am rund um die Uhr besetzten Aufnahmehaus drückte, hatte er sich vier Jahre lang in der Bar 25, im Berghain und am Ende auch zuhause täglich ein bis zwei Gramm Kokain durch seine markante Nase gezogen und sich anschließend besoffen, um schlafen zu können. Auf Hof Fleckenbühl darf er jetzt nicht mal mehr rauchen.

Die Regeln sind streng: keine Zigaretten, kein Alkohol, keine Drogen, keine bewusstseinsverändernden Medikamente, keine Gewalt oder auch nur Androhung von Gewalt. Die Menschen, die hierher kommen, müssen ihren Entzug ernst meinen. Sie müssen ihr Leben in den Griff kriegen wollen, suchtfrei in jeder Hinsicht.

Bevor Johannes Heckmann auf den Hof zog, konsumierte er ein bis zwei Gramm Koks täglich

In der Erstaufnahme steht eine alte, massive Holzbank. Jeder, der einen Entzug auf Hof Fleckenbühl antreten will, muss sich erst einmal dort hinsetzen und sich die Regeln anhören. Ein Drittel haut gleich danach wieder ab. "Die sind überrascht, dass sie hier nicht rauchen dürfen und arbeiten müssen", erklärt Johannes Heckmann.

Wer bleibt, verbringt die erste Nacht unter Aufsicht in einem Sechserzimmer. Die cleanen Bewohner sollen nicht mit Leuten in Kontakt kommen, die noch drauf oder betrunken sind. Wer die erste Nacht überstanden hat, hat das Schlimmste allerdings noch längst nicht hinter sich. Die ersten sechs Monate seien die härtesten, erst danach werde es einfacher, sagt Johannes Heckmann. Für die ersten drei Monate muss jeder Neu-Fleckenbühler seine Kleidung sogar gegen eine blaue Latzhose tauschen.


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Die derzeit 25 jungen Männer in den blauen Latzhosen befinden sich im "Bootcamp", so nennen sie die dreimonatige Eingewöhnungsphase. Das klingt mehr nach Militär als nach Bauernhofidylle. Laut Heckmann ist es aber nur ein missverständlich gewählter Begriff. Die Aufgaben im Bootcamp lauten: Tisch decken und abräumen, Toiletten putzen, Müll rausbringen und Flur fegen. Außerdem muss jeder in dieser Zeit zwei Praktika auf dem Hof machen, um herauszufinden, wo er später arbeiten oder eine Ausbildung machen möchte.

Einer der Latzhosenträger ist Christoph. Er wiegt 80 Kilo. Bei seiner Ankunft vor drei Monaten waren es noch zehn Kilo weniger. Er sitzt auf einem von fünf Sofas in dem Raum, in dem in einer Stunde die Teestunde für die "Bootcamper" stattfinden wird. Heute soll ein älterer Bewohner den Neuankömmlingen am runden Holztisch in der Mitte des Aufenthaltsraums, mehr über die Geschichte des Hofs erzählen.

Der Demeter-Betrieb verkauft seine Waren auch direkt vor Ort

Christoph sagt, er sei seit fünf Monaten clean. Trotzdem wirkt er immer noch etwas verpeilt. Laut Heckmann kann das eine Folge des langjährigen Drogenkonsums sein. Gerade bei Abhängigen, die sehr früh schon Drogen genommen haben, sei die Entwicklung oft verlangsamt, sagt er. Es sei aber auch möglich, dass sich Christophs Zustand mit der Zeit weiter normalisiert.

Christoph ist 19 Jahre alt, mit 12 nahm er zum ersten Mal Crystal Meth. Während seine Altersgenossen ihr Abi machten, konsumierte er bereits seit sieben Jahren immer mal wieder die Droge, an der in den letzten zwei Jahren in Deutschland mindestens 50 Menschen gestorben sind.

Auf Christophs rechtem Unterarm prangt ein schlecht gestochenes Tattoo: zwei Würfel, einer zeigt fünf Punkte, der andere sechs. Dazwischen der Name "Bastian" und ein schwer lesbares Datum, der 01.10.2009. Als zwei Freundinnen ihm das Tattoo stachen, war er so weggetreten, dass es ihm erst am nächsten Tag, beim Versuch sich mit Spenden von Blutplasma 20 Euro zu verdienen, wieder auffiel. "Ich wollte zwar immer genau so ein Tattoo", sagt Christoph, "aber halt schöner."

Bastian ist sein kleiner Bruder. Die hohe Punktzahl auf den Würfeln ist ein Symbol dafür, dass er ihm mehr Glück im Leben wünscht, als er es bisher hatte.

Das Tattoo auf Christophs Unterarm steht für seinen Bruder – er soll im Leben mal mehr Glück haben als Christoph

Christoph meint, er habe Crystal überhaupt nur genommen, um zuhause, in Dessau-Roßlau, einer Stadt in Sachsen-Anhalt, in seiner Clique dazuzugehören. Danach habe er es vorerst gelassen, weil er irgendwann kapiert habe, wie beschissen das Zeug sei. Als sich seine Eltern trennten, wurde er rückfällig. Er versuchte seine Trauer zu betäuben. Diesmal mit Polytox.

Bis auf Heroin habe er seitdem fast alles probiert, sagt er. Mit der Zeit bemerkten seine Eltern, was mit ihm los war. Als sie anfingen, aus Verzweiflung zu weinen, entschied sich Christoph mit 14 Jahren erneut, mit dem Zeug aufzuhören. Statt Drogen zu nehmen, ritzte er sich nun. Für ein Jahr ging er in die Psychiatrie.

Danach hätte alles gut werden können. Hätte er nicht seine Ausbildung vergeigt und sich mit seiner Mutter zerstritten. Wäre er nicht zu seinem Vater gezogen und hätte sich mit dessen Frau angelegt. Vielleicht wäre er dann nicht mit 18 Jahren in einer Drogen-Unterkunft gelandet, dann hätte ihn kein alter Freund abgeholt, mit dem die ganze Scheiße wieder von vorne anfing.

Die Wand über Christophs Bett

Während Christoph erzählt, streicht er sich immer wieder übers Gesicht, als müsse er sich stark konzentrieren, um seine Geschichte chronologisch zu erzählen. "Die Drogen haben mich zu einer Art Psychopathen gemacht", sagt er. "Als ich hier ankam, war ich nur noch Haut und Knochen". Sein Vater hätte ihn hergebracht. Er war es auch, dem Christoph nach zwei Wochen eine Postkarte schickte. So lange dauert die Probezeit auf Hof Fleckenbühl.

Wer danach bleiben will, muss seine Wohnung kündigen, sein Konto auflösen und das Geld an die Fleckenbühler abtreten. "Die meisten Leute, die hier ankommen, haben sowieso nichts und leben auf der Straße", erklärt Hof-PR-Mann, Johannes Heckmann. "Wer Geld hat, überschreibt es vorher seiner Frau."

Durch das Arbeitslosengeld II der Bewohner nahm der Hof bisher jährlich knapp 600.000 Euro ein. Zusätzlich arbeiten die Bewohner im Umzugsunternehmen, das zum Hof gehört, oder auf den Feldern, die sich ringsum erstrecken, 260 Hektar weit. Fast alle Arbeiten auf dem Hof werden von den 93 ehemals Drogenabhängigen selbst erledigt – von der Erstaufnahme der Neuankömmlinge bis zum Verkauf der Lebensmittel im hauseigenen Hofladen. Wer körperlich in der Lage ist zu arbeiten, tut es auch, fünf Tage die Woche. Ausnahmen gibt es nur für alte Bewohner, die bereits im Ruhestand sind. Die Arbeit ist Teil der Therapie. "Wer beschäftigt ist, hat weniger Zeit, über Drogen nachzudenken", erklärt Heckmann.

Von Hof Fleckenbühl aus werden 260 Hektar Land bestellt

Gehalt bekommen die Bewohner im ersten halben Jahr keines, danach gibt es 20 Euro im Monat. Wer länger bleibt, kriegt mehr Geld und mehr Privilegien. Trotzdem: Wer sich irgendwann entschließt, den Hof zu verlassen, geht in der Regel nur mit 400 Euro Startkapital, die erhält jeder Bewohner zum Abschied. "Das ist natürlich nicht viel", sagt Johannes Heckmann. Man müsse sich entscheiden: "Will ich diese Sicherheit und dieses Gemeinschaftsding, oder will ich meine eigene Kreditkarte?".

Christoph konnte sich nach seiner Ankunft nur schwer in die Hofgemeinschaft eingliedern. "Ich war völlig verschlossen, hab mich immer wieder auf eine Steinplatte gesetzt und nachgedacht", sagt er. Irgendwann hätte er dann aber gecheckt, dass er es alleine nicht schaffen würde. Er entschied sich, seinen Mitmenschen zu öffnen. Seitdem komme er zurecht, sagt er.

Ein leerer Gemeinschaftsraum – alle arbeiten

Momentan mache ihm aber die Kontaktsperre zu schaffen. In den ersten sechs Monaten dürfen die Neuankömmlinge, bis auf einen einmaligen Besuch, keinen Kontakt nach außen haben. Auch Beziehungen auf dem Hof sind in dieser Zeit verboten. "Wir wollen nicht, dass es zu einem Bonnie-und-Clyde-Effekt kommt", erklärt Johannes Heckmann die Regel. Das Risiko, dass ein frisch verliebtes Paar gemeinsam abhaut, sei zu groß. Nach drei Monaten dann ist ein Besuch unter Aufsicht eines älteren Bewohners erlaubt. Der soll dafür sorgen, dass keine Drogen übergeben werden und, falls nötig, auch emotionale Hilfestellung leisten.

Christoph hofft, dass sein Vater kommen wird, wenn es soweit ist. Er wäre aber auch nicht enttäuscht, wenn er es nicht täte. "Vielleicht denkt er, dass drei Monate noch zu früh sind und ich versuchen würde, ihn zu überreden, mich wieder mitzunehmen", sagt er. Dabei wolle er nicht abhauen, sagt Christoph, sondern seinen Führerschein und eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Hofladen machen. Dafür müsste er auf jeden Fall die nächsten beiden Jahre bleiben. In seine Heimat wolle er ohnehin nicht zurück, sagt er. Er sei schließlich hier in der Gemeinschaft erst wieder zu dem Menschen geworden, der er vor seiner Drogensucht gewesen sei: offen, höflich und hilfsbereit.

Ein Bewohner bringt die Melkmaschine an den Euter einer Kuh an

Für Christoph war ein Entzug die einzige Chance, von der Straße wegzukommen, sagt er. Das Amt wollte ihm ohne Therapie keine Wohnung geben. Sein Vater erfuhr von einer Freundin vom Hof Fleckenbühl. Er lud Christoph sofort ins Auto und brachte ihn nach Cölbe. Dort nehmen sie jeden auf – ob mit Krankenversicherung oder ohne, 24 Stunden täglich.

Als klassische Therapieeinrichtung sehen sie sich aber nicht, sondern als eine offene, nüchtern lebende Gemeinschaft. Deswegen wohnen auch neun Kinder gemeinsam mit ihren Eltern auf dem Hof. Laut Heckmann sind auf dem Hof die Betroffenen selbst die Experten. Die Bewohner, die bereits länger clean leben, könnten den Neuankömmlingen am besten helfen – sie waren selbst ja mal in genau derselben Situation. Sie sind es auch, die Regeln durchsetzen und Gruppengespräche leiten.

Käse, Milch, Honig: Die Bewohner produzieren und verkaufen gemeinsam eine Reihe von Bio-Produkten

Der Hof ist mittlerweile offiziell als Therapieeinrichtung anerkannt. Straftäter etwa können hier eine Therapie beginnen – statt Haftantritt. Trotzdem gibt es Kritik am Konzept der Selbsthilfe. Auf dem Hof arbeiten weder ausgebildete Therapeuten noch Ärztinnen. Das kann gerade bei körperlichen Entzügen zu einem Problem werden. "Wir raten den Leuten, ihren Entzug im Krankenhaus zu machen", sagt Johannes Heckmann. Dort müssten sie ein bis zwei Wochen unter ärztlicher Aufsicht entgiften, bevor sie ihr neues Leben auf dem Hof beginnen.

Wer auf dem Hof entziehen will, der kann das trotzdem tun – auch wenn es riskant ist. Besonders schwere Alkoholiker etwa können laut der Jugend- und Drogenberatung Wolfsburg ein Delirium erleiden, einen Verwirrtheitszustand, der tödlich ausgehen kann. Auf Hof Fleckenbühl ist niemand medizinisch ausgebildet. Wenn es während des Entzugs zu Komplikationen kommt, kann die eingeteilte Aufsichtsperson nur den Notarzt rufen.

"Gestorben ist hier noch niemand während des Entzugs", sagt Heckmann. Aber auch hier gelte: Der Mensch ist auf Hof Fleckenbühl eigenverantwortlich – er muss sich selbst helfen.

Ärzte oder Therapeutinnen leben nicht auf dem Hof

Nicht alle Bewohner wagen nach ihrem Entzug den Schritt in ein selbstbestimmtes Leben. Einige von ihnen leben seit der Gründung 1984 auf dem Hof, die ältesten sind mittlerweile über 80 Jahre alt. Zu groß sitzt bei manchen die Angst, abseits der Bauernhofidylle nicht mehr klarzukommen.

Christoph aber möchte den Hof irgendwann verlassen und ein neues Leben beginnen – clean.

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