Kopf hoch, Wedding

Die Neubauten sind hässlicher, die Aufgänge stinken mehr nach Pisse und was Hundescheiße angeht, können wir locker mit Friedrichshain mithalten.

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Jan. 23 2015, 12:59pm

„Das Leben ist scheiße, doch ich bin leider hier geboren." Einem Mittvierziger aus Chemnitz würde man diesen Satz sofort abnehmen. Doch die Line stammt von den minderjährigen Rappern der Kombo PKB 65 aus dem Berliner Ortsteil Wedding. Und glaubt mir, jeder von hier kann das Statement unterschreiben.

Das Leben ist nicht nett zu dir im Wedding. Sein Boulevard of Broken Dreams ist die Müllerstraße. Vor dem Mauerfall Ku'damm des Nordens, heute Netto, Karstadt, Pfennigland. Wenn ich mir richtig was gönnen will, gibt's Mittag im ehemals insolventen Warenhaus, oberste Etage. Von dort wirkt der Leopoldplatz aufgeräumt, nur wenige Trinker haben sich vor der Alten Nazarethkirche versammelt. Früher war hier mehr los. Dealer mit Shit, Charme und Shore hatten den Platz in der Hand. Jetzt hat sich der Leo rausgeputzt, ein neuer Brunnen, stylische Bänke, die Dealer wurden weiter an den Stadtrand vertrieben. Doch mit der neuen Sauberkeit mussten auch andere gehen. Längst nicht mehr jeder kann sich leisten, in den frisch sanierten Altbauten zu wohnen. In die umliegenden Straßen ist der Chique eingezogen und mit ihm oberpreisige Restaurants und Galerien.

Ich bin versucht, das G-Wort in den Mund zu nehmen. Die Gentrifizierungswalze hat sich in den letzten Jahren langsam von Mitte nach Norden geschoben. Der weiße deutsche Mittelstandsstudent residiert im Wedding auf hundert Quadratmetern mit Stuck an der Decke. (So wie ich, nur ohne Stuck.) In Kreuzberg würde er für die Miete, die er hier bezahlt, nicht mal ein WG-Zimmer bekommen. Trotzdem zögern viele herzuziehen. Außerhalb des Rings wohnen? Man hat ja seinen Stolz. So ist der Wedding noch immer ein kleines Kuriositäten-Biotop zwischen Vor-Wende-Romantik und Künstlerszene. Das Grollen der Rollkoffer ist nicht so laut wie anderswo.

Und wie anderswo ist auch hier nicht alles schlecht. Wedding ist Nachbarschaftshilfe. Die fängt im Kleinen an: Nirgends sind die selbst angelegten Blumenbeete so schön wie hier. Keiner trägt Oma Paschulke den Einkauf so gerne wie Mahmud aus dem Vorderhaus. Und das geht im Großen weiter: Gruppen wie „Wedding hilft" kümmern sich um neu angekommene Flüchtlinge im Kiez. Fast jeder hier war schon mal mit bei der Ausländerbehörde am U-Bahnhof Amrumer Straße und konnte sich vom deutschen Verwaltungswahnsinn selbst überzeugen. (Du gehst mit, weil du übersetzen musst. Die Sachbearbeiter sprechen nämlich nur deutsch.)

Apropos Wahnsinn: Im Afrikanischen Viertel sind die Straßen immer noch nach Kolonialverbrechern benannt. Zwischen Ghana- und Togostraße geben sich Lüderitz und Peters die Hand. (Zum Glück gibt's viele Peters. So konnte man einfach behaupten, damit ist der NS-Gegner Hans Peters gemeint.) Erst in den Neunzigern zogen hier Kameruner, Ghanaer und Nigerianer hin. Seinen Namen trägt das Viertel aber schon länger: Vor dem Ersten Weltkrieg sollte hier eine permanente Tier- und Völkerschau ähnlich wie in Hagenbecks Tierpark gezeigt werden. Der Krieg hat es verhindert, aber die Straßen haben ihre Namen behalten.

Hier ist es grüner als in anderen Teilen der Stadt. Der Wedding, das ist nicht nur Mietskaserne mit drei Hinterhöfen, sondern auch ehemalige Vorstadt. Rehberge, Schillerpark, Humboldthain – dagegen kackt der Grünstreifen Weinbergspark nur ein paar U-Bahn-Stationen weiter südlich ganz schön ab. Und hey, wir haben einen riesigen alten Flakturm hier. Und jetzt komm mir noch mal mit der tollen Aussicht vom Fernsehturm.

Im Wedding muss nicht alles schön sein. Ist es auch meistens nicht. Die Neubauten sind hässlicher, die Aufgänge stinken mehr nach Pisse und was Hundescheiße angeht, können wir locker mit Friedrichshain mithalten. Das klingt nach mehr Klischee, als es ist. Im Wedding kennt man seinen Gerichtsvollzieher mit Namen und man weiß, wann die letzte Mahnung wirklich die letzte Mahnung ist. Wenn dir das Gas abgestellt wird, trinkst du dir den Kummer in der Trümmerlotte weg. Die letzte Eckkneipe Berlins wird im Wedding stehen, so viel ist sicher.

Mehr Fotos von Wilhelm Rinke findet ihr hier.

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