„I like the flowers“—Das ‚Sing & Swing‘ war der Soundtrack zu deiner Schulzeit

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags | Graphik VICE Media


Es ist schon lustig, was alte Schulbücher in uns auslösen. Es ist nicht dieselbe Euphorie, die man beispielsweise fühlt, wenn man „One To Make Her Happy“ von Marque wiederentdeckt. An Schulbüchern hängen eben meistens mehr als nur Erinnerungsfetzen—vielmehr sind es ganze Lebensabschnitte, die wir mit ihnen verbinden. Kombinieren kann diese beiden Gefühle nur ein Buch, das uns auch durch vier Jahre Musikunterricht geboxt hat: Das Sing & Swing, die Song-Bibel für den pubertären Oberstufen-Schüler.

Bevor man überhaupt in die heiligen Schriften des Sing & Swing eintauchen durfte, musste man sich erst mal durch die Grundschule kämpfen, und damit auch durch das Sim Sala Sing. Das war prall gefüllt mit Liedern über die Hexe Wackelzahn, ersten Annäherungsversuchen an die englische Sprache („Head and shoulders, knees and toes, knees and toes“) und nicht zuletzt den großartigsten Kauderwelsch–Refrains seit Rihanna: „Enke denke minki, a bums dose dinki.“

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Vor allem aber fand sich im Sim Sala Sing das „Lied vom Anderssein“: Im Land der Blaukarierten sind alle blaukariert. Doch wenn ein Rotgefleckter sich mal dorthin verirrt, dann rufen Blaukarierte: „Der passt zu uns doch nicht, er soll von hier verschwinden, der rotgefleckte Wicht!“ So geht das drei Strophen lang, bis schließlich in der letzten Strophe vom „Land der Bunt gemischten“ die Rede ist, wo man auch „Gelbgetupfte“ willkommen heißt und sich die Hände reicht. Wir alle haben das mal gesungen. Aber ja, man vergisst halt schnell.

Abgesehen davon wird man im musikalischen Programm der Unterstufe aber gleich mal mit ziemlich vielen Fragen konfrontiert: Wer hat an der Uhr gedreht? Wer hat die Kekse aus der Dose geklaut? WO IST DIE KOKOSNUSS WO IST DIE KOKOSNUSS? Fragen, auf die wir bis heute keine Antworten bekommen haben. Antworten, die uns verdammt noch mal zustehen würden. Stress pur, vor allem für so ein unschuldiges Kind. Später mit der Oberstufe kam dann auch das Sing & Swing. Es war eines dieser Bücher, die man nicht nur für ein Jahr, sondern bis zum bitteren Ende haben würde. Leider war das nun mal alles andere als realistisch und in der Abschlussklasse mussten dann alle noch übriggebliebenen Exemplare so über die Klasse aufgeteilt werden, dass zumindest immer zwei und zwei zusammenschauen konnten, was natürlich lästig war, aber warum traut man einem Schüler auch ernsthaft zu, ein Buch über vier Jahre lang aufzubewahren?

Das Sing & Swing war ein hübsches Buch. Zunächst mal war der Umschlag—zumindest von der Ausgabe, die mein Jahrgang verwendete—schwarz mit pseudomoderner Pop Art drauf. Die bunten Sim Sala Sing-Kritzeleien waren verschwunden, das hier war schon eine viel reifere, viel mondänere Angelegenheit. Wir waren keine Babys mehr! Dass sich die Bücher dann aber zumindest inhaltlich überschnitten haben, hat uns insgeheim doch wieder gefreut—in Wahrheit war ohnehin noch niemand bereit für diesen ganzen Erwachsenen-Kram. Eigentlich sind wir das ja bis heute nicht.

„Die Zahnpasta ist aus, auf den Tag bin ich gespannt.“—Was für eine Hymne. „Shalala“ hat uns nicht nur die Basics von Sarkasmus gelehrt, sondern auch gleich darauf vorbereitet, dass es später auch mal Scheiß-Tage geben wird. „Heut’ ist alles Mist!“ Als Kind hat man das ja so ahnungslos nachgesungen und sich dabei noch gewundert, was schlechte Laune überhaupt sein soll. „Ein Socken ist zerrissen und ich möchte gerne wissen, wo mein Schlüssel ist.“ LOL was—Kind sein ist das Beste, da ist ein Tag nicht gleich ruiniert, wenn man seinen mal Schlüssel nicht findet. Hat man als Kind überhaupt schon Schlüssel?

Man darf auch nicht vergessen, wie hart Sing & Swing versucht hat, cool und jugendlich zu sein: Es gab Rap—oder vielmehr „Sprechstücke“. Die waren ebenso beliebt wie notwendig, weil auf diese Weise auch die hoffnungslos unmusikalischen Kinder, die für gewöhnlich hinter die Klangstäbe verbannt wurden, endlich eine Chance bekamen, ihre Stimmbänder einzusetzen. Und wenn es nur für ein paar Zeilen in „Das Rap-Huhn“ war— es war zumindest mehr, als am Ende eines Liedes diese lustige Regenmacher-Rassel umzudrehen. Wobei—eigentlich war das Rap-Huhn schon sehr peinlich.

Eine der schönsten Erinnerungen an den Musikunterricht ist wahrscheinlich der erste Kanon. Eine Horde wild gewordener 12-Jähriger, die „Singen“ bisher als „Möglichst laut brüllen“ interpretiert haben, müssen plötzlich aufeinander hören. Es sind erste Berührungen mit dem Prinzip Koexistenz, die da passieren. Bis das funktioniert, kann es oft dauern—wenn sich aber schlussendlich vier Gruppen miteinander durch „I Like the Flowers“ kämpfen, klingt sogar eine kleine Schulklasse wie ein richtig fetter Chor. Chaotisch, aber fett.

Je weiter man in seiner schulischen Laufbahn vorangeschritten war, desto mehr näherte man sich auch den hinteren Kapiteln vom Sing & Swing. Und das bedeutete vor allem eins: Gospel. Jesus. Hosianna in der Höh! Diejenigen, die sich damals wegen Freude und Freistunden für den Schulchor gemeldet hatten, können gleich mehrere Lieder davon singen. Ich habe bis heute meine Chorleiterin im Ohr, wie sie routiniert ihre Stimmgabel gegen die Tischkante drischt und anschließend die Töne angibt. Ungefähr so: „mmhh… nnnnnn Ta ta – ta TA ta ta!“ Let my light shine bright, oida. Gute Zeiten.

Die hinteren Kapitel waren es auch, in denen plötzlich „echte Songs” auftauchten. Songs, die nicht nur in Schulbüchern und Chorproben existierten. Beatles, ABBA, Elvis—die wichtigen Sachen. Und eben Hubert von Goiserns „Weit, weit weg“—ein Song, der sich über die Jahre hinweg irgendwie zum Schulchor-Klassiker mausern konnte. Das war wichtig. „Weit, weit weg“ ist bis heute eines dieser Volkspoplieder, die uns betrunken zum Heulen bringen. Ich nenne das den STS-Effekt.

Irgendwann in der Oberstufe erreichen die meisten SchülerInnen dann einen Punkt, an dem sie einfach kollektiv auszucken—die Pubertät. An dieser Stelle bleibt MusiklehrerInnen nur eine einzige Möglichkeit: Aufgeben. Ab hier übernehmen der rollende Fernseher und Die Kinder des Monsieur Mathieu. Alternativ wird auch gerne Wie im Himmel oder jede verdammte Musical-Verfilmung dieser Welt geschaut. Die Musikstunden eigneten sich daher auch ausgezeichnet, um schnell noch die Mathe- Hausübung zu fetzen.

Rückblickend betrachtet verdanken wir dem Sing & Swing weit mehr als nur das Rap-Huhn. Wir verdanken ihm die Unterrichtsstunden der Woche, auf die wir uns freuen konnten. Hauptsächlich deshalb, weil Musik eines der Fächer war, in denen man nichts tun musste—aber eben nicht nur deshalb. Und auch wenn es damals nie jemand zugegeben hätte, hat es eben doch irgendwie Spaß gemacht, mit- und gegeneinander einen Kanon zu singen. Und ich glaube, unsere Musiklehrer wussten das insgeheim.

Franz singt manchmal auf Twitter: @franzlicht

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