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Popkultur

Bam Margeras Leben macht mir furchtbare Angst vor dem Tod

Bam Margera ist nicht mehr er selbst, seit sein bester Freund Ryan Dunn gestorben ist. Jetzt versucht er, im Reality-TV Heilung zu finden.

von Joe Bish
05 April 2016, 4:00am

Screenshot via VH1

Die meisten von uns erreichen einen Punkt im Leben, an dem sie anfangen, darüber nachzudenken, dass ihre geliebten Menschen eines Tages sterben werden. Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Freund und Freundin—alle werden irgendwann den Weg alles Irdischen gehen. Du fängst an, darüber nachzudenken, was du tun wirst, wenn das passiert, wie du mit der Trauer umgehen wirst und wie dein Leben ohne diese Menschen aussehen wird.

Bam Margera, ein Mann, der damit zum Millionär wurde, dass er sich selbst und die Menschen, die ihm am nächsten standen, vor Publikum erniedrigte, hatte anscheinend nicht darüber nachgedacht. Letzte Woche ist ein Clip aus Bams Auftritt in einer TV-Sendung namens Family Therapy with Dr. Jenn aufgetaucht (der Clip ist mittlerweile offline, unten seht ihr eine sehr kurze Version davon). Soweit ich das beurteilen kann, geht es in dieser Sendung um Promis, deren Freunde und/oder Familie mit ihnen in ein Haus gehen und dort versuchen, ihnen die nötige Hilfe zukommen zu lassen. Zu diesen „Promis" gehören zum Beispiel Tiffany „New York" Pollard (bekannt aus Flavor of Love), Lindsays Eltern Dina und Michael Lohan, natürlich jemand aus Teen Mom, und Bam mit seiner Mutter April Margera.

Als Jackass 2000 losging, war Bam ein vielversprechender junger Profi-Skater und die zentrale Figur in einer Crew von Freunden in seiner Heimatstadt West Chester, Pennsylvania. Nach Johnny Knoxville und vielleicht noch Steve-O war Bam das beliebteste Mitglied der Jackass-Crew—also liebten ihn auch die Kameras. Ständig wurde Bams Leben gefilmt, unter Titeln wie Viva La Bam, Bam's Unholy Union, Bam's World Domination, Bam's Badass Game Show ... Er war eine extrem beliebte menschliche „Bad Boy"-Marke und lieferte einen niemals endenden Strom von Aufnahmen, in denen er mit seinen Kumpels Sachen ausfraß. Genau wie im Frühstadium von Jackass wollte man dabei sein, die Witze teilen und mit ihnen zusammen Chaos verbreiten. Obwohl die ununterbrochenen Streiche, Gags, Stunts, und weiß der Geier, was noch, auch regelmäßig halbwegs ernste Folgen hatten, blieb der Ton der Serien leichtherzig. Das Ganze kam rüber wie die Spaßvorstellung exzentrischer Skater-Bros und nicht wie die Lieblingssendung von Jigsaw aus Saw. Bam Margera war dazu geboren, im Fernsehen aufzutreten, aber vielleicht nicht ganz in dem Ausmaß, in dem es inzwischen der Fall ist.

Bams jungenhafter Charakter starb zusammen mit seinem besten Freund. 2011 kollidierte das Auto des allseits beliebten, bärtigen Blödlers Ryan Dunn bei hoher Geschwindigkeit mit einem Baum; Dunn hatte viel getrunken. Bei dem Unfall kamen Dunn und Zachary Hartwell, ein Produktionsassistent bei Jackass: Nummer Zwei, um. Dunn war 34 Jahre alt. Am Straßenrand, an dem geschockte und trauernde Freunde und Angehörige Blumen niederlegten, wurde Bam Margera in einem völlig aufgelösten Zustand vor laufender Kamera interviewt. Er stand da, in tiefster Verwirrung und Seelenqual, als sei er in einem Film gefangen, und die ganze Welt konnte diesen intimen Moment des unbeschreiblichen Verlusts auf dem Bildschirm konsumieren. Ein Mann, der sein Leben im Reality-TV lebte und dich dazu brachte, ihm und seinen Freunden zuzusehen und sie zu lieben, steckte im selben Medium fest, als sein bester Freund starb.

Bam war seitdem nie wieder der alte. Und wie hätte er das auch sein können? In dem kurzen Clip, der von seiner neuesten Fernseh-Unternehmung erschienen ist, sagt er, es sei ihm nie in den Sinn gekommen, dass jemand, der ihm nahestand, sterben könnte. Der Schock habe einen Teufelskreis des Trinkens ausgelöst. All das erzählt er mit wildem Blick, lallend, die Hand noch blutig, nachdem er am Vorabend ein Fenster seines Porsche zerschlagen hat („weil ich nicht finde, dass ich ihn verdient habe"). Seine jugendliche Selbstsicherheit wurde von ängstlicher Verwirrung verdrängt. Das Leben in Saus und Braus, das er sich aufgebaut hatte, indem er filmte, wie er seinem schlafenden Vater Schläge verpasste, wirkte auf einmal kaputt, fremd und sinnlos. Er nahm zu. Der muntere junge Skater verwandelte sich in ein aufgedunsenes, weinendes Trauerspiel.


Und jetzt findet er sich erneut, zusammen mit seiner sicherlich reichlich geplagten Mutter, im Reality-TV wieder, wo er diesmal hofft, Hilfe bei seinen Süchten und Problemen zu bekommen. Viele sagen an dieser Stelle, dass man so keinem Menschen helfen kann: ständig vor der Kamera, durchgehend Druck und Verurteilung durch fiese Zuschauer. Doch das ist sein Zuhause. Es gibt ihm ein Gefühl der Stabilität und Vertrautheit. Nach Viva La Bam verloren seine Serien nach und nach an Beliebtheit. Sein letzter Versuch, Bam's Badass Game Show von 2014, hatte kaum noch etwas mit den extremen Stunts aus seiner Jackass-Zeit zu tun. Niemand sprang kopfüber in Mülltonnen oder ließ sich die Unterhose über den Kopf ziehen, indem er von einem Baum hüpfte. Das aufregende Format, das die Leute so sehr geliebt hatten, war zu einer billigen Gameshow verkommen, mit ausgelutschten Gags, schlecht geeigneter Besetzung und nervigen Teilnehmern.

In Family Therapy darf Bam aber vermutlich das sein, was er wirklich ist, nämlich ein emotional verstörter und sehr empfindlicher Mann—und diese Seite von ihm wurde selbst bei Jackass schon sichtbar. Seine extreme Angst vor Schlangen, die andere Jackass-Darsteller immer wieder zur allgemeinen Belustigung ausnutzten, zeugte von Verletzlichkeit. Als Bam einmal zusammen mit einer Kobra in einem Wohnwagen eingesperrt war, war es wohl das einzige Mal, dass bei Jackass jemand weinte, ohne dass es eine Folge intensiven Erbrechens war.

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Es ist furchtbar und herzzerreißend zu sehen, wie der Tod eines jungen Mannes das Leben eines zweiten zerstören kann. Aber das Leben hat offensichtlich seine zerstörerischen Seiten. Bam Margera hatte alles, doch was war es ohne Ryan Dunn schon wert? Bams seelisches Leid wurde sicherlich dadurch verschlimmert, dass sein Onkel Vincent „Don Vito" Margera des sexuellen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde und 2015 an den Folgen seiner eigenen Alkoholsucht starb. Bam hatte fürs Reality-Fernsehen eine Marke um sich und die Menschen in seinem Leben erschaffen, doch als die wirkliche Realität erschien und ihn überrollte, kam er damit nicht klar.

Bams Abstieg in alkoholisiertes Leiden ist furchterregend. Er zeigt uns, dass unser Leben völlig auseinanderfallen könnte, wenn den Menschen, die uns am wichtigsten sind, etwas passieren sollte. Wie wir mit einer katastrophalen Tragödie umgehen, hängt von der Einzelperson ab. Manche von uns zerbrechen vielleicht an der gefühlten Sinnlosigkeit des Lebens; andere sind vielleicht stärker. Bam Margera scheint diese Stärke jedoch nicht zu besitzen. Aber dafür kannst du jetzt auf VH1 zusehen, wie ein gebrochener Mann in den Armen seiner Mutter weint.

UPDATE 5. April 2016: Der Clip, um den es in diesem Artikel geht, wurde bei YouTube gelöscht.

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