Cunnilingus statt Actimel: Warum Oralsex gut für deine Gesundheit sein könnte

Wenn die Vagina voller guter Bakterien ist, die in jeder gesundheitsbewussten Ernährung vorkommen—weshalb geht man dann nicht direkt zur Quelle? Wir haben nachgefragt.
14.4.16
Photo via Flickr user Adamknits

Was nach der Lektüre unseres Artikels über den „gesunden" Geruch des weiblichen Intimbereichs klar sein sollte: Die Vagina ist Heimat mehrerer Milliarden Bakterien. Die offizielle Bezeichnung für dieses genitale Ökosystem ist das vaginale Mikrobiom, aber ich bezeichne es gerne als meinen persönliche Pussy Posse. Das Mikrobiom verhindert, dass „schlechte" Bakterien in deinem Intimbereich vermehren und überhandnehmen. Sieben Prozent aller Vaginas werden hauptsächlich von Laktobazillen bevölkert, die Milchsäure produzieren und den pH-Wert da unten bei 4,5 halten.

Weißt du, wo Laktobazillen sonst noch vorkommen? In deinem Darm. Die Darmbakterien werden oft als probiotische Bakterien bezeichnet. Diese Flora hat Einfluss auf wirklich alles—von deiner Verdauung über Allergien bis hin zu Ekzemen und Alzheimer—und seitdem auch Forscher die Bedeutung von Darmbakterien immer wieder betonen, wird der Markt von Produkten überschwemmt, die angeblich bei der Regulation deines persönlichen inneren Regenwaldes helfen sollen. Dazu werden probiotische Bakterien zu Nahrungsmitteln wie Joghurt, aber auch Produkten wie Shampoo und Rasierschaum beigefügt.

Dabei könnte doch alles so einfach sein: Wenn die Vagina voller guter Bakterien ist und die Leute so viele gute Bakterien wie möglich zu sich nehmen wollen, warum nimmt man sich nicht einfach ein paar aus der Vagina?

„Ich denke, das wäre möglich, aber wahrscheinlich recht ungewöhnlich", sagt Dr. Helena Mendes-Soares von der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota. „Ich kenne keine Studie, die sich bisher damit befasst hat."

Wenn die Vagina voller guter Bakterien ist und die Leute so viele gute Bakterien wie möglich essen wollen, warum nimmt man sich nicht einfach ein paar aus der Vagina?

Um als nützliches Probiotikum zu dienen, müssten in der Scheidenflüssigkeit genug gute Bakterien enthalten sein, um einen deutlichen Effekt bewirken zu können. Dieser Wert wurde in Kanada und Italien bei einer Milliarde koloniebildender Einheiten (KBE) pro Portion festgelegt. Hinzu kommt, dass die Bakterien sicher bis in den unteren Verdauungstrakt (wo die guten Bakterien leben) gelangen können müssen, ohne durch die Magensäure vernichtet zu werden.

Wie viele Bakterien sind in einer Portion Vagina zu finden? Und wie definiert man eine Portion? Laut Dr. Mendes-Soares befinden sich zwischen 100.000 und 100 Millionen Laktobazillenzellen in einem Gramm Scheidenflüssigkeit. Um also während einer Runde Oralsex von den probiotischen Eigenschaften profitieren zu können, müsste der „Geber" zwischen 10 und 10.000 Gramm (10 kg) Scheidenflüssigkeit schlucken. Eins davon scheint machbar; das andere eher nicht.

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Nehmen wir mal an, dass du da unten einen ziemlich fruchtbaren mikrobiellen Regenwald hast und dein Partner einfach nur zehn Gramm daraus schlürfen muss. Wie lässt sich feststellen, dass es diese zehn Gramm bis in den unteren Verdauungstrakt schaffen? Eine Studie aus dem Jahr 2005 hat gezeigt, dass die Glukose, die in den Magensäften enthalten ist, dabei hilft, die Laktobazillen zu schützen, während sie den Verdauungstrakt hinunter wandern. Scheidenflüssigkeit ist nicht bekannt für ihren Glukosegehalt. Laktobazillen sind aber von Natur aus säureresistent und haben daher rein theoretisch die Möglichkeit, es vom Mund bis in den Darm zu schaffen—sogar ohne Glukosepuffer.

Ein anderes Problem, das sich jedoch stellt, wenn man die Probiotika eines Menschen frei lässt, ist die Ansteckungsgefahr. Wenn man jemanden oral befriedigt, dann „würden dabei auch noch andere Bakterien übertragen werden", sagt Mendes-Soares, „sowohl die Nützlichen als auch die Schädlichen." Das heißt, neben den Laktobazillen könnte man auch andere, ungesunde Bakterien zu sich nehmen. Zudem muss auch immer über die Gefahr sexuell übertragbarer Krankheiten nachgedacht werden.

Foto: DVIDSHUB | Flickr | CC BY 2.0

Andere finden an der Bezeichnung „probiotische Vagina" eher den Teil mit den Probiotika kritisch. 2009 äußerte sich Mark Cislip, Arzt für Infektionskrankheiten, in einem Blogpost höchst skeptisch zu der gesamten Industrie rund um Probiotika. Einer seiner Hauptkritikpunkte war, dass die Gattung der Laktobazillen und der Bifidobakterien, die man in probiotischen Produkten findet, nicht zwangsläufig dieselben sind, die im menschlichen Körper vorkommen. Ein schlagendes Argument für die Scheidenflüssigkeit. Wir wissen, dass es dieselben Bakterien sind, die man im menschlichen Körper findet, weil wir sie im menschlichen Körper gefunden haben. Wir gehen einfach direkt zur Quelle.

Allgemein scheiden sich die Geister immer noch bei der Frage, ob Probiotika überhaupt so nützlich sind, wie Jamie Lee Curtis es dich glauben machen will. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Beweise, die zeigen, dass Probiotika einen Effekt auf das Reizdarmsyndrom sowie durch Antibiotika verursachte Diarrhö und andere gastrointestinale Erkrankungen haben. Deutlich mehr, als Untersuchungen die zeigen, dass Probiotika auch längerfristige gesundheitliche Vorteile haben, durch die dein Leben verlängert werden kann. Die bisherigen Studien haben sich mit der Frage beschäftigt, ob Laktobazillen den Cholesterinspiegel senken können. Das wäre eine ziemlich große Sache, vor allem weil Herzkreislauferkrankungen die weltweit häufigste Todesursache ist. Die Ergebnisse sind vielversprechend, um wirkliche allgemeingültige Aussagen dazu treffen zu können, werden jedoch noch weitere Studien durchgeführt werden müssen.

Auf eines können sich jedoch sowohl Befürworter als auch Gegner einigen: Probiotika bleiben nur in deinem System, solange du regelmäßig für Nachschub sorgst. Und wie bei jeder anderen Diät ist es auch bei Vaginas so, dass du nur von ihren gesundheitlichen Vorteilen profitierst, wenn du sie regelmäßig zu dir nimmst.