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"Ich schreibe nur Sachen, die mich anmachen": Deutschlands erfolgreichste Porno-Autorin im Interview

Sophie Andresky verkauft Hunderttausende Bücher mit Sätzen wie "Der lila Schwanz surrt an meiner Brust".

Philipp Sommer

Foto: imago | Westend61 [bearbeitet]

Sophie Andresky ist nicht ihr echter Name. Es gibt keine Bilder von ihr, die Treffer bei Google zeigen nicht ihr Gesicht. Ich darf nicht darüber schreiben, wie sie aussieht, und auch nicht, wo wir uns getroffen haben. Sie ist promovierte Kunsthistorikerin, lebt in Berlin in einer langjährigen Beziehung. Außerdem ist sie eine sehr angenehme Interviewpartnerin, das darf ich auch noch sagen. Ihr Bestseller Vögelfrei hat sich über 250.000 mal verkauft. Zum Vergleich: Ein Album muss sich in Deutschland 100.000 mal verkaufen, damit es Gold bekommt, für Platin braucht es 200.000 Verkäufe.

Wir haben sie gefragt, warum Menschen für Sex-Literatur Geld ausgeben, wenn doch das ganze Internet voller Pornos ist?

VICE: Was ist die "Fickprobe"?
Sophie Andresky: Wenn ich ein erotisches Buch kaufen möchte, dann schlage ich es an fünf Stellen auf. Wenn es dort keine Sexszene gibt, die mich anmacht, dann lege ich es wieder weg. Ich kaufe das Buch schließlich in einer bestimmten Absicht. Da will ich kein verklemmtes Gefummel haben. Ich kann jede Art von Literatur ertragen, nur keine langweilige.

Der erste Satz deines letzten Buchs Hotel d'Amour lautet: "Frau Koslowski ist schon ziemlich feucht. Ich sehe, wie ihre Möse vorfreudig glänzt." Wie lange überlegst du für so einen Einstiegssatz?
Den ersten Satz hab ich immer ziemlich schnell. Frau Koslowski aus dem Masturbationsworkshop ist mir dann auch gleich ans Herz gewachsen. Möge sie in Frieden kommen.

Warum trittst du nicht öffentlich auf?
Das hat drei Gründe. Ich will morgens zum Bäcker gehen und Schrippen kaufen, ohne dass er mich nach meinen Sex-Abenteuern fragt. Ich will auch das Privatleben meiner Freunde schützen, die mir ihre Geschichten erzählt haben. Außerdem wäre mein Aussehen eine Beschränkung der Fantasie der Leser. Ich will so aussehen können, wie sie es gut finden.

Schämst du dich etwa dafür, was du schreibst?
Nein, aber ich schreibe immer an meiner eigenen Scham entlang, das sind meine Grenzen. Ich brauche diese kleinen Überwindungen, denn sonst wäre es irgendwann, wie in die Sauna zu gehen. Alles ist nackt, aber nichts ist sonderlich erotisch.

Wie viel Geld hast du mit deinen Büchern verdient?
Das ist eine lustige Frage. Was verdienst du in deinem Beruf denn?

Wenn du Sätze schreibst wie "Der lila Schwanz surrt an meiner Brust", musst du dann lachen?
Wenn ich etwas, das ich schreibe, selbst lustig finde, lache ich tatsächlich manchmal. Bierernst sollte man so einen Job auch nicht machen, ich bin ja keine Bestatterin.

Wie schreibt man eine gute Sexszene?
Erstmal sollte klar sein, dass die Geschichte ein Instrument ist – sie ist in erster Linie zum Masturbieren. Darin ist alles freier, alles ist denkbar, es gibt keine Schranken. Geschriebene Pornografie lässt sich im Gegensatz zu Filmen umdeuten, ich kann Perspektiven, Personen und Positionen wechseln. Es darf auch nicht zu emotional werden – das kann auch hinderlich sein. Was mich an Marquis de Sade interessiert, ist nicht das Brutale, das blende ich komplett aus. Es ist das Mechanische.

Worauf kommt es bei einem Sex-Roman noch an?
Der Sex muss rein, aber die Probleme sollen draußen bleiben. Die Paare kommen immer beide auf ihre Kosten, ich schreibe sozusagen "Märchen für Erwachsene". Die Sexszenen sollen auch lang genug sein. Beim Masturbieren will ich vorwärts lesen und nicht blättern.

Aber es ist nicht besonders einfach, mit Buch in der Hand zu masturbieren. Handy ist deutlich unkomplizierter.
Dafür kann man ein Buch mit in die Wanne nehmen. Und wenn man mit Gleitgel masturbiert, ist das Scrollen auch nicht so einfach.

Wie ging die erste Sexszene, die du geschrieben hast?
Meine erste Geschichte schrieb ich mit 15. Da war ich mit meinen Eltern im Urlaub, in einer kleinen Pension in Bayern. Ich war wuschig und wollte meine Erregung wegschreiben. Das hat nicht funktioniert. Mit 22 habe ich dann meine Geschichten zum Verlag Bastei Lübbe geschickt und die haben mir gleich einen Vertrag geschickt. Es gab damals nichts an pornografischer Literatur, was mir gefiel. Nichts, was gleichzeitig klug und sinnlich war, außer die großen, alten, toten Henry Miller und Anaïs Nin. Alles andere war dumm oder harmlos.

Was ist für dich schöner Sex?
Sex ist schon eine eine merkwürdige Sache. Man zieht sich aus, um dann merkwürdige Laute von sich zu geben. Einmal erwischte ich mich versehentlich im Spiegel und ich sah gar nicht so aus wie Jenna Jameson, sondern eher wie ein glückliches Gürteltier. Da musste ich sehr lachen. Humor finde ich beim Sex wichtig.

Du beschäftigst dich jeden Tag mit Sex, bist in einer langen Beziehung. Langweilst du dich nicht?
Nein, je mehr ich mich mit Sex beschäftige, desto spannender wird es. Ich habe auch ein unbelastetes Sexleben, ich bin in einer innigen Beziehung. Wir machen, was wir wollen, wir folgen keinen Moden, es wird auch nichts durchgeturnt. Die Beziehung und das Sexleben bedingen sich: Wenn man sich den ganzen Tag kalt und pampig gegenüber verhält, kann man nicht erwarten, dass abends ein Feuerwerk abbrennt.

Du nennst deine Werke "feministische Pornografie". Was ist an Szenen wie dieser feministisch: "Die im Bananenröckchen schüttelt ihren Hintern so heftig, dass die Plastikbananen hochfliegen und den Blick freigeben auf ihre Muschi mit einem quietschgelb gefärbten Landing Strip"?
Es ist immer etwas zweifelhaft, über eine generelle Sache – wie Feminismus – zu sprechen, und dann auf einen winzigen Ausschnitt zu zeigen. Aber was ist an einer Frau, die sich verkleidet hat und ausgelassen tanzt, denn nicht feministisch? Die Szene stammt aus einer Sexparty, da machen sich verschiedene Leute nackig – auch Männer. Wir sind ja immerhin in einem Porno und nicht in einer soziologischen Abhandlung. Mir ist es wichtig, dass weibliche Charaktere klug und mehrdimensional sind. Das halte ich für zutiefst feministisch. Die Frauen sind in meinen Pornos keine Dienstleister, sie haben keinen Performancedruck. Die Frauen sollen frei sein, sie sollen sich kennen, ihre Wünsche und vor allem auch ihre Grenzen.

Die Frauen in deinen Büchern entschuldigen sich nicht. Warum ist dir das wichtig?
Frauen entschuldigen sich ständig, in allen Situationen. Wenn sie zu schnell kommen oder zu langsam oder für ihre Ansichten. Sie entschuldigen sich ununterbrochen. Dafür, wer sie sind oder wie sie aussehen. Wenn in meinen Büchern eine Uni-Professorin mit einem LKW-Fahrer Sex haben will, dann tut sie das auch. Ich bin für meine Sex-Szenen der Standard. Ich schreibe nur Sachen, die mich wirklich anmachen.

Bekommst du viele Dick-Pics?
Ja, schon. Meist mache ich die Mails gar nicht mehr auf, wenn ich sehe, dass ein .jpg angehängt ist. Oft ist es auch harmlos, mehr so "Hallo, guck mal". Einmal schrieb mir ein Polizist aus dem Harz, er lag auf dem Foto nackt auf einer schwarzen Kunstledercouch, daneben ein sabbernder Dobermann. Ich glaube nicht, dass ihm klar war, wie komisch das ist.

Als wir uns verabschieden, sagt sie, dass sie heute noch eine Fußfetisch-Szene schreiben muss. Das sei auch für sie neu, sagt sie, bevor sie geht.

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